Stopover im pragmatischen Westen Australiens


Es ist stockdunkel. "No je ne regrette riens!" Edith Piafs Stimme tönt durch die alte Fabrikhalle. Licht dimmt auf, der Spatz von Paris wird ausgeblendet. Scheinwerfer bestrahlen einen blütenweißen Bühnenvorhang. Ein Mensch steckt seine kahle Rübe durch den Mittelschlitz. Die großen, grauen Augen wandern langsam durch den Raum, bleiben träumend an der Decke kleben. Der Kopf verzieht seinen Mund zu einem Lächeln und beginnt zu sprechen.

Er erzählt aus fernen Tagen, aus seiner Kindheit, als er eines Nachts mit seiner Mutter am Küchenfenster wachte, um den Sputnik den ersten künstlichen Himmelskörper zu sehen. Ein kleiner Lichtpunkt jagte durch den Nachthimmel, ignorierte das Kreuz des Südens und landete auch nicht im großen Australien, sondern im fernen Sibirien. Im Leben des jungen James Berlyn hatte der "Australische Traum" schon eine kleine Schramme, bevor er überhaupt anfing. James wuchs in einer Aufbruchsgesellschaft voller Pioniergeist, Fairplay und mit Machos in kurzen Hosen auf. Der kleine Junge hatte andere Ideale: er vergnügte sich zu Hause mit der Garderobe und dem Flakon der Mutter. Die entsetzten Eltern trieben den verweichlichten Sprössling zum Sport, um seinen Körper zu stählen – damit auch aus James ein richtiger Australier, ein Aussie werden könne.

In seiner Performance "Big Girlfriends" erzählt James Berlyn die Sozialisation eines Schwulen in der australischen Fairplay-Gesellschaft. Das Publikum der "artrage 93" ist fasziniert und geschockt. Dieses Kulturfestival in Perth konfrontiert seit 10 Jahren jeden Oktober die westaustralische Freizeitgesellschaft mit Kunst, Musik, Tanz und Theater. 1992 hatte die "artrage" über 160.000 Besucher – immerhin 14% der Bevölkerung der Westküsten-Metropole.

Es ist müßig, den kleinsten Kontinent an seiner Größe zu bemessen. Perth ist, wie alles in Australien, ein einziger Superlativ. Völlig isoliert liegt die Hauptstadt Westaustraliens zwischen der Great-Sandy-Desert, einer schier endlosen Wüste im Osten und dem Indischen Ozean im Westen. 1,2 Millionen Menschen "drängen" sich hier auf einer Fläche, die fünf Mal so groß ist wie Berlin. Westaustralien hat insgesamt nur 1,6 Millionen Bewohner. Dabei ist WA – weil das Land so groß ist, lieben die Aussies ihre Wortverkürzungen – 13 Mal größer als das wiedervereinigte Deutschland.

"HAVE TAXI – WILL TRAVEL" steht auf dem Kombi. Kaum bin ich in den geräumigen Wagen eingestiegen, drückt mir der Fahrer seine Visitenkarte in die Hand und fährt los, ohne mich zu fragen, wo ich hin möchte. Der rotbärtige Mann, über dessen Hornbrille sich eine glänzende Halbglatze wölbt, mustert mich neugierig von der Seite. "You are from Europe?!" Hinter den dicken Brillengläsern zwinkern seine milchig blauen Augen; eine Mischung aus Schnee-Eule und Rotbarsch. Also ein Deutscher, vermutet er siegessicher. Was soll ich sagen? Ich nicke. Er stamme aus Irland, was man ihm ja wohl auch ansehe. Also katholisch werfe ich ein, um endlich den Anschluss zu finden. Ian schüttelt bedächtig sein schütteres Haupt und grinst: "Ich bin a Jiddele!". Im ersten Moment verstehe ich nicht, mein innerer Übersetzungscomputer streikt – umso plötzlicher kommt die Erkenntnis: Unsere deutsche Vergangenheit hat mich kalt erwischt – im entferntesten Winkel der Erde. Ian bemerkt meine Betroffenheit und lacht: "Forget these bloody fucking things! Here isn´t Europe – we are in WA!"

Schon seit einer geraumen Weile fahren wir durch die Straßenschluchten von Perth. Ian hat mich immer noch nicht gefragt, wo ich hin will. Ich möchte ihn im Augenblick nicht unterbrechen, denn er erzählt mir gerade seine Lebensgeschichte. Ian wurde als Sohn jüdischer Emigranten aus Osteuropa in Dublin geboren. Die Großeltern, alle Tanten und Onkel starben in deutschen Konzentrationslagern. Mitte der 60er Jahre folgte der junge Ian den Versprechungen der australischen Einwanderungsbehörden und entfloh der heimatlichen Enge und der beginnenden Rezession in das "Wonderland Australia". Das Wunder fiel bescheiden aus; immerhin ist Ian heute ein Unternehmer. HAVE TAXI – WILL TRAVEL.

Dabei ist Perth die australische Stadt mit den meisten Millionären. Wir fahren durch gepflegte Parkanlagen zwischen denen die verspiegelten Fassaden von Wolkenkratzern in der allgegenwärtigen Sonne blinken. Geschäftige Angestellte in dunkelblauen Anzügen warten brav an den tickernden Ampeln und mustern die Sekretärin im dezenten Kostüm gegenüber. Die City ist clean, keine Kinder, kaum ältere Menschen. Überall: Büro, Büro. Die Innenstadt könnte einer Straßenszene aus der US-Fernsehserie "Dallas" nachempfunden sein: die moderne, pflegeleichte Außenwelt als Schauplatz für die Fieslinge in Nadelstreifen. J. R. würde sich in Perth wohlfühlen. Die australische Großstadt zwischen Wüste und Ozean hat ihre eigene Dynamik. Hier in Perth konzentrieren sich die Verwaltungen der großen "Erdfresser", der Minengesellschaften. In ihren klimatisierten Towers kontrollieren sie den Abbau von Eisenerz, Diamanten, Bauxit und Nickel in der menschenleeren Einöde Westaustraliens. In Perth hat sich der moderne, australische Pioniergeist in Spiegelglas und Stahlbeton materialisiert. Perth ist das erklärte Gegenbild des darbenden Outback. Für den Wüstenplaneten WA ist diese "city of lights", wie der erste amerikanische Astronaut die Metropole am Ende der Welt beim nächtlichen Überflug getauft hat, eine lebendige Illusion.

Eine Stadt ist wie ein Buch. Man kann in ihr lesen. Straßen, Mauern, Plätze – sogar das Unsichtbare hat seine Geschichten. Perth ist ein dünnes Buch; eher ein Hochglanzprospekt mit raffiniert gestaltetem Layout – mehr Schein als Sein. Avantgardistische Bauten schmücken sich mit postmodernem Zierrat – hier ein Säulchen, da ein Giebeldreieck aus rosa Marmor. Und nachts ist in dieser City der Hund begraben ...

Ian fährt mit mir zu seiner Lieblings-Hamburger-Bude in der Newcastle-Street. Bis zum Northbridge-Viertel sind die Wolkenkratzer mit ihrem mausgrauen BusinessFlair noch nicht vorgedrungen. Hier ist das Vergnügungsviertel, hier ist Samstagnacht die Hölle los, in den Pubs, Discos, Jazz-Clubs, Restaurants – vielleicht auch an Ians Burger-Bude. An diesem frühen Vormittag sind wir die einzigen Gäste. Die Auswahl fällt mir schwer. Nach einigem Zögern entscheide ich mich für einen Vegetable-Burger Marke "Big Green". In der untersten Lage, zwischen dem pappigen Weißbrot wird tatsächlich ein Salatblatt erdrückt. In der nächsten Etage haust eine dicke Scheibe Rote Bete und darüber lümmelt sich mit Senf beschmierter Schieblettenkäse. Ganz oben thront der unvermeidliche Fleischklops. Nur – mir fehlt das Dino-Maul, um den Monster-Burger zu verschlingen. Ich passe und werfe den angebissenen "Big Green" verstohlen in den Abfalleimer. Ian ist längst fertig. In seinem roten Bart klebt noch Ketchup-Blut. Er spendiert uns noch zwei Coke und hält mir einen längeren Vortrag über das Leben in Perth.
Er kommt ins Schwärmen über das immer schöne Wetter, über den Kingspark, das Fischen im nahen Meer, das B.B.Q. (Barbecue) und den Sport. Ich verstehe nichts von Cricket, weiß nicht mal, wer die "Wildcats" sind – ich der "bloody German"! Als wir wieder Richtung Taxi gehen, überlegt Ian einen Moment: Endlich fragt er mich, wo ich hin möchte. Zurück zum Hotel? Nein, ich möchte von hier aus zu Fuß zum nahen Hauptbahnhof und von da mit dem Vorortzug nach Fremantle, dem Hafen von Perth fahren. Und danach würde ich bestimmt zur Ostküste, nach Sydney oder Europa fliegen, frotzelt Ian, während ich ihn bezahle. Diesmal liegt er völlig daneben. Danach werde ich mich einer Gruppe anschließen, die einen Buschwalk mit Aborigines unternimmt. Ian staunt: "bloody German"!

Jetzt habe ich erst recht Hunger, aber leider sind die vielversprechenden chinesischen, indonesischen und italienischen Restaurants im Northbridge-Viertel um diese frühe Stunde noch verschlossen. Ich mache einen Schlenker ins King-Street-Café. Bei einem frisch gerösteten Kaffee und selbst gebackenen Muffins erhole ich mich vom Burgerschock. An irgendeiner Highschool in der Nachbarschaft scheint die große Pause angebrochen zu sein. Ein Trupp Teenies stürmt die Einrichtung des unterkühlten Cafés mit viktorianischem Charme. Aber da muss ein Irrtum vorliegen – oder in der King-Street gibt es eine Zeitverschiebung um gute 25 Jahre. Diese jungen Menschen reden, gehen, benehmen sich, wie wir auf dem Höhepunkt der Flower-Power-Zeit. Sie tragen haargenau die gleichen Batikhemden, die gleichen Jesus-Latschen und haben sich die gleichen Zöpfchen in die Mähne geflochten. Kein Walkman, keine Swatch stört das Ensemble. Auf einer spitzenbesetzten Bluse, die garantiert aus dem Fundus einer Großmutter stammt, ist mit bunten Filzstiften ihr Slogan aufgemalt: The summer of love! Das ist zu viel für mich. Ich zahle und mache mich schleunigst aus dem Staub. Schließlich gab es damals bei uns noch einen anderen Spruch: Trau keinem über dreißig!

Fast lautlos gleitet die silberne Stadtbahn in den halb offenen Hauptbahnhof. Beinahe hätte ich ihn überhört., denn ein "Didgeridoo" hat mich in seinen Bann geschlagen. Ein Aborigine sitzt auf der Erde und presst Luft durch ein langes Holzrohr. Eigenartige Laute, wie melodiöse Fürze schweben über die Gleiskörper. Vor ihm liegt ein Hut mit einigen Münzen; um ihn herum sind einige leere Dosen "Victoria Bitter" verstreut. Das Zischen der hydraulischen Türen übertönt für einen Moment sein Spiel. In einer halben Stunde wird der moderne Zug die 25 Kilometer bis zur Hafenstadt Fremantle geschafft haben. "Transperth" nennt sich der Nahverkehrsbetrieb, der die grüngenormten Vororte, die Suburbs mit der City verbindet. In WA ist viel Platz und ihre Hauptstadt wuchert in die Fläche. Schon nach wenigen Minuten hat die S-Bahn die Stadtgrenze erreicht. In Subiaca beginnt die "terra suburbia", diese autogerechte Mischung aus Schlaf und Vorgartenstadt: Daglish, Karrakotte, Claremont, Cotteloe, Peppermint Grove, Mosman Park. Die Grundstücksgrößen sind gesetzlich festgelegt, und die Einfamilienhäuschen scheinen alle dem amerikanischen Durchschnittstraum nachempfunden zu sein. Einzig die Swimingpoolform lässt Varianten zu. Jeder Vorort hat seine minimale Infrastruktur: Supermarkt, lokaler Cricketground, Burger-King. Ist hier der Bürger König?

Es ist fast ein Stilbruch, wenn die silbrige S-Bahn in den alten Bahnhof des Hafenstädtchens Fremantle einläuft. Im Gegensatz zu Perth ist hier Geschichte allgegenwärtig, ein lesenswertes Buch mit rosaroten und himmelblauen viktorianischen Illustrationen und italienischen Fußnoten. Freo – so verkürzen die Aussies Fremantle – hat zwei Gesichter. Berühmt wurde das eine, das sportliche, als hier 1987 die Prestigesegelregatta, der "Americas Cup" ausgetragen wurde und die "Australia II" den Sieg davon segelte. Eine Welle der nationalen Sportbegeisterung überschwemmte das verschlafene Hafenstädtchen. Fremantle boomte und entwickelte sich zum maritimen Mekka, zum "Freo de Janeiro". Der neue Yachthafen, Seafood-Restaurants und ein quirliges Nachtleben zogen Gäste an und bereicherten die Freizeitqualität von Perth, der Millionenmetropole in der Nachbarschaft.

Das andere Fremantle beginnt direkt hinter dem Bahnhof – der Hafen. Es ist der bedeutendste Güterumschlagplatz der südlichen Hemisphäre und für WA das Tor zur pazifischen Welt. An diesem Morgen wirken die weitläufigen Hafenanlagen verlassen; an einer Off-Shore-Plattform wird geschweißt. Nur ein mächtiger, roter Pott liegt am Truck-To-Truck-Anleger. So ein merkwürdiges Schiff habe ich noch nie gesehen. Es erinnert mich an einen etwas zu luftigen "DDR-Plattenbau" zu Wasser.
Je näher ich der Kiste komme, entpuppt sich die Farbe als purer Rost und ein infernaler Gestank verschlägt mir den Atem. Es ist ein "Shee-Hotel". Ein zynischer Name für ein Schiff, auf dem bis zu 15.000 Schafe in engen Boxen übereinander gepfercht werden. Ziel der erbärmlichen Ladung sind die muslimischen Regionen am Persischen Golf. Ein Drittel der Tiere verendet unterwegs, auch ohne islamisches Abschlachtritual. Die Versicherungen zahlen.

An diesem sonnigen Vormittag sind die Kneipen in Freo schon gut besucht. In der "Harbourside Tavern" spielen einige Burschen Billard. Um die schwere Eichentheke haben sich ein paar Männer niedergelassen und trinken schweigend Bier aus Dosen, die in einer Styroporhülle stecken. Fast alle Gäste sind "unemployed" – arbeitslos. Die Kneipe ist eine der letzten sozialen Rückzugsgebiete. Hier trifft man Leidensgenossen und trinkt gemeinsam gegen den Perma-Frust. Aus der Jukebox tönt Phil Collins "Oh – think twice...". Mein schweigsamer Tresennachbar packt nach einer Weile ein gameboyartiges Gerät aus seiner Windjacke. "Pocket Poker" kann ich aus dem Augenwinkel buchstabieren. Das Ding beginnt zu piepsen, das Mienenspiel des Vierzigjährigen entspannt sich im Spiel. Hat er gewonnen, klimpert das Ding elektronisch. Hat er verloren, quäkt es einige Schicksalsnoten von Beethoven "DADADADAAA!". Mir reicht es. Auch der "Breath Alcohol Analyzer" an der Tür kann mich nicht mehr aufhalten – ich gehe. Nun bin ich reif für das menschenleere Hinterland Westaustraliens, reif für den Buschwalk!