Stopover in der Moderne



"Freeze – don´t move!", flüstert Sue-Lin, während das offene Elektroauto ruckelnd abbremst. Wir sitzen mucksmäuschenstill auf den harten Sitzen. Nur unsere Augen bewegen sich. Im Dämmerlicht regt sich etwas. Plötzlich steht ein Tiger vor uns – keine 20 Schritte. Seine schwarz glänzende Nase schnuppert tastend durch das Halbdunkel. Er hat uns gewittert, wendet sich angewidert ab und verschwindet lautlos im Zwielicht.
Ein fernes Gebrummel löst unsere Anspannung. Ein Lichtpunkt jagt über den Nachthimmel und erinnert mich daran, dass auch ich noch vor wenigen Stunden da oben herum gesaust bin, um am frühen Nachmittag in Singapur zu landen. Ich hatte mit allem gerechnet – aber nicht mit einem malaiischen Tiger im Großstadtdschungel. Dieses Erlebnis verdanke ich der "Night Safari", die der Zoo von Singapur jeden Abend veranstaltet. 90% der Tiere der indomalaiischen Region sind nachtaktiv und tagsüber für den Zoobesucher – wenn überhaupt, nur schlafend zu bewundern. Mit einem ausgeklügelten Lichtsystem, das die Tiere nicht stört und dem Besucher genügend Einblick verschafft, hat man im Zoo von Singapur 40 Hektar für eine nächtliche Schleichtour hergerichtet. Und es gibt erstaunlich viel zu beobachten, vom Anka, einem seltenen Zwergbüffel aus Indonesien, über nepalesische Nashörner, fischende Goldkatzen bis zu dem malaiischen Tiger. Nachts sind alle Katzen grau? Nicht in Singapur!

 

Es ist schon nach zehn, als ich den Zoo verlasse. Er liegt im Norden der Inselrepublik, eine halbe Autostunde von der Innenstadt. Ich nehme mir wieder ein Taxi. 13 Singapurdollar, etwas über 14 DM kostet eine Strecke. Ich frage den dunkelhäutigen Fahrer, wo ich um diese späte Stunde nicht all zu weit von meinem Hotel in Chinatown noch was zu essen bekommen könnte. Er nickt, sagt "Boon-Tat-Street" und braust los. Ich bitte ihn die Aircondition aus und das Radio einzuschalten. Er grinst zustimmend. Eine ungeheuere Soul und Bluesstimme erfüllt den Wagen. Wie der Sänger heißt, möchte ich wissen. Der Fahrer schüttelt den Kopf: "She! This is Marla Glen!". Tagsüber rauscht der Autoverkehr durch die Hochhausschlucht der Boon-Tat-Street. Pünktlich um 18 Uhr wird die Straße vom Telok-Ayer-Market bis zur Cecil-Street gesperrt. In Windeseile werden Bänke und Tische heran gekarrt, und an den Straßenrändern postieren sich mobile Garküchen. Wenige Minuten später hat sich die Boon-Tat-Street in einen asiatisch-urbanen Biergarten zwischen Wolkenkratzern verwandelt. Als ich die mit bunten Lichtern übersäte Fressmeile erreiche, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Angeheiterte Büromenschen schleppen Bierkaraffen zu den überladenen Tischen. Eine Musikgruppe spielt südamerikanische Rhythmen. Duftwolken betören meine Nase: süß, sauer, scharf – chinesisch, malaiisch, sundanesisch, indisch. Ich entscheide mich für Curry-Hühnchen in gelblich-grüner Soße mit Reis (höllisch scharf!), im Wok gegarten Gemüse und für einem großen Becher Limonensaft on the Rocks – alles zusammen für 6 $.



Kurz vor Mitternacht mache ich mich auf den Heimweg, bummele die Cecil-Street hinunter, durch die Wallich-Street und bin schon in der Duxton-Road vorm Hotel – keine 15 Minuten. Das "Duxton" ist ein kleines, aber feines Boulevard-Hotel, in einem der liebevoll restaurierten, einstöckigen Shophouses in Chinatown. Es hat keinen Swimmingpool, aber dafür viel familiäres Flair, und die U-Bahn ist um die Ecke.



Nach dem Continental-Breakfast bin ich bereit für die MRT – Mass-Rapid-Transport, für die U-Bahn. In der nahen Tanjong-Pagar-Station löse ich eine Dauerkarte für 12 $. Eine Rolltreppe führt mich hinunter zum Gleisbereich; alles piekfein wie in der Lobby eines Nobelhotels. Fast lautlos erscheint die Bahn hinter einer verglasten Wand. Ich steige ein und fahre zwei Stationen bis CityHall, dem zentralen Punkt in Singapur. Ein silbergraues Einkaufszentrum erhebt sich vor mir. Ich mogle mich rechts vorbei in die BeachRoad und laufe dann schnurstracks auf mein Ziel zu, auf das Raffles Hotel. Zierlich, wie eine weiße Menagerie viktorianischer Träume schwebt das detailreich gegliederte Gebäude zwischen einfältigen Hochhausriesen. Das Raffles ist das feinste Hotel vor Ort. Aber es ist mehr als eine Luxusherberge – es ist eine Legende aus den gloriosen Tagen der kolonialen Vergangenheit des Inselstaates. Ich spaziere durch seinen schattigen Palmengarten, wandle unter den Arkaden, über knarrende, dunkle Holzböden, beobachte das Lichtspiel eines vergoldeten Ventilators auf den alabasterweißen Wänden – les temps perdu. Hermann Hesse hat hier gewohnt, aber auch Marlon Brando. Für 650 $ pro Übernachtung wäre ich dabei; für eine Luxussuite müsste ich noch eine "0" mehr ausgeben: 6000 $. Die überlasse ich generös dem Sultan von Brunai oder der abgetakelten PopIkone Michael Jackson.Nach so viel Nostalgie und Luxus zieht es mich zur MRT, zur supercoolen U-Bahn. Mein Ziel: Holland Village, ein Vorort mit einem speziellen Mikrokosmos, eine gelungene Mischung aus europäischem Lebensstil und asiatischer Beschaulichkeit. Neun Stationen mit der MRT. Bei "Buona Vista" steig ich aus. Die Bebauung ist europäisch, einstöckig. Aber im Hintergrund drohen schon die grauen Hochhäuser von New Town wie ferne Gewitterwolken. Ich flaniere die Holland Avenue hinunter, vorbei an Bistros und Antiquitätenläden. Es riecht nach Cappucino und frisch abgebeizten Möbeln. Der kleine, überdachte Markt könnte auch irgendwo in einem Pariser Quartier liegen, wäre da nicht der üble Geruch der Stinkfrucht Durian – für die Asiaten die Königin der Früchte. Ich biege naserümpfend in die Lorong Mambong und bleibe nach ein paar Metern wie angewurzelt stehen. "HäagenDazs" Ein Schriftzug hat mich paralysiert. Die legendäre, amerikanische Eismarke mit dem skandinavisch anmutenden, aber frei erfundenen Namen, betreibt hier eine Filiale. Andächtig studiere ich die Karte. Ich entscheide mich schließlich für je eine Kugel Vanilleeis mit Macadamia-Nüssen aus Hawaii, leicht gesalzenes Erdnussbuttereis, "Deep Chocolate" mit belgischer Schokolade und einer Kugel "Cokies Cream" mit Kuchenbrösel. Nur ein wahrer HäagenDazs-Kenner kann erahnen, welche Kalorienbombe ich mir da zumute.

 

Etwas schwerfällig verlasse ich die Eisdiele, aber ich komme nicht weit, gerade mal zwei Läden weiter bis zum "Coffee Club". Gut für die Verdauung. Ein junger Mann mit Zopf bringt mir die Karte. Nein, ich möchte keinen Kuchen, nur einen Kaffee. Welchen Kaffee?! Ohne Milch und Zucker! Aha, ein Touri... Er klappt die Karte auseinander und hält sie mir unter die Nase: Brazil-Bourbons, Columbian Excelsio, Java Arabica. Zwischen 21 verschiedenen Kaffeesorten kann ich wählen und entscheide mich ziemlich kleinlaut für einen Sumatra Mandheling. "Probably the heaviestbodied coffee in the world. Exquisite earthy flavour and low acidity", lese ich in der Karte. Der Kaffee schmeckt voll und wunderbar. Ich vergreife mich an dem beigelegten Keks und beschließe auf den Lunch zu verzichten – es ist eh viel zu spät! Die MRT bringt mich zurück zum Tanjong Pagar. Ich schleiche ins Hotel und beschließe den Eisberg in mir mit einem Verdauungsschläfchen abzubauen.



Zwei goldene Kitschlöwen auf rotem Grund prangen über dem Portal. In die Wand ist ein Glaskasten eingelassen, aber die Speisekarte fehlt. Ein älterer Herr schlendert vorbei. Ich erkundige mich bei ihm, ob das chinesische Restaurant geschlossen hat. Er lächelt. "Das ist unser Tempel. Sie können ihn gerne besichtigen!" Er fasst mich am Ärmel und zieht mich sanft hinein. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das dämmerige Dunkel. Die Luft ist schwer und süß. Räucherstäbchen kokeln einsam vor sich hin. Vor mir öffnet sich eine absurde Nippessammlung, ein spiritueller Flohmarkt mit konkurrierender Göttervielfalt. Ich nicke beeindruckt, bedanke mich für die göttliche Einsicht und flüchte hinaus in die beschauliche Teck-Lin-Road. Rechts vom Tempel befindet sich eine alte chinesische Medizinhalle, links der lokale Kung-Fu-Verein. Ich bin mitten in Chinatown, keine zwei Minuten entfernt vom Duxton, meinem Hotel. Die eingeschossigen, farbenfrohen "shophouses" – unten Laden, oben Wohnung – mussten den Bürotürmen noch nicht weichen. Im Gegenteil. Das Viertel zwischen Tanjong Pagar und NewBridgeRoad wird gerade liebevoll restauriert. Singapur hat aus seinen brachialen Bausünden gelernt und versucht nun die identitätsstiftenden Restbestände zu erhalten, zu modernisieren. Ich habe wieder Hunger und erkundige mich an der Rezeption nach einem guten "Chinesen". Wer fragt, der findet. Das Lokal ist einfach zu erreichen, zwei Stationen mit der MRT, in der Seah-Street, einer Querstraße hinterm Raffles Hotel. Im Gegensatz zu dem Chinesischen Tempel ist das "Imperial Herb Restaurant" hell ausgeleuchtet und nüchtern eingerichtet,wie eine Gemeinschaftsdusche mit Stühlen und Tischen. Mit der Speisekarte erhalte ich gleichzeitig eine Einführung in die Geheimnisse der chinesischen Kräuterküche und die Ausgewogenheit ihrer Zutaten. Hier ist Essen Medizin, und wie im Krankenhaus, stellt man für mich ein passendes Menü zusammen. Es beginnt heiß und trocken – mit einem grünen Tee und Chopsticks. Als Vorspeise hat man mir kurz gebratenes Eiweiß mit Kammmuschelfleisch in einem essbaren Körbchen und Knöterichblüten verordnet. Das soll mir zu Ausdauer und Energie verhelfen, belehrt mich der glatzköpfige Kellner. Der zweiten Vorspeise obliegt die Produktion meiner Körperflüssigkeiten: "Gebratene Skorpione mit in Minze eingelegten Krabben auf Toast". Das Hauptgericht besteht aus frischem Snowfish, Reis und einigen scharfen Tunken. Ohne Gesundheitstipp.

 

Dafür soll das Dessert gut für die Atemwege sein. Der Kellner stellt mir ein Schälchen mit einer grünspeicheligen Glibbermasse vor. Das erste Löffelchen kostet mich Überwindung und haut mich fast um. Fishermens Friends sind pure Placebos dagegen. Die Rechnung lässt mich noch einmal durchatmen – gesund leben und essen ist eben etwas teurer. Mit dem Wechselgeld bringt mir der Kellner ein Gläschen mit einer tiefroten Flüssigkeit. Eine Art chinesischer Gratis-Ouzo. Das Zeug schmeckt wie ein angesetzter Obstwein – etwas streng, aber nicht schlecht. Das sei ihr Spezial-Wein, gut für die Manneskraft. Dabei grinst der Kahlkopf unergründlich chinesisch. Ich grinse zurück. "Sie glauben mir nicht?" Nein, kein Wort. Fast beleidigt schleppt er mich hinter einen Tresen, öffnet einen Bottich und lässt mich riechen. Unverkennbar, der Spezial-Wein. Er greift tief hinein und zieht einen lederartigen, tropfenden Stock heraus. "Hirschpenis", sagt er triumphierend und grinst mich an. 
Auf diesen Potenzschock brauche ich ein Bier. Ich fahre mit der MRT zurück nach Chinatown und steuere die erstbeste Kneipe an: das "Unforgettable" in der Neil-Road. Es ist nicht viel los. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt; die Aircondition auch. Ein Plakat hinter der Theke kündigt für Sonnabend "lovely models in casual & swimwear" an. An diesem Abend zeigen die vielen Monitore aber nur Videoclips, bis sich ein schmächtiger Zeitgenosse an einem Mikro vergreift. Karaoke – die aus Japan importierte Play-back-Therapie, bei dem graue Mäuse für Minuten zu Popstars mutieren. Ich zahle und fliehe. Unforgettable? Das "Bermuda Triangle" und die "Bomerang Lounge" bieten den gleichen Service. Der "Elvis Pub" trägt die Perversion schon im Namen. Am Duxton Hill 10 werde ich endlich findig. "Flag & Whistle" ist ein urbritischer Pub mit Billard und Darts. Eine halbe Kette "Underberg" baumelt am Eichentresen und heute gibt es "Fish & Ships" für 9.50 $.

Mein letzter Tag in Singapur. Ich stehe früh auf, packe und checke aus. Mein Gepäck deponiere ich im Hotel, denn mein Flug geht erst spät in der Nacht. Heute habe ich kein festes Ziel. Ich lasse mich treiben, fahre mit der MRT bis "Bugis". Es ist mittlerweile nach neun; ich habe noch nicht gefrühstückt. Ich folge der Victoria bis zur Arab-Street und verschwinde in kleinen Gassen mit orientalischem Flair: Rattanmöbel, Gebetsteppiche, Lederwaren, Kupferarbeiten und Kuriositäten, deren Sinn und Zweck sich mir verschließt. Auf der North-Bridge-Road erliege ich meinem Hunger und betrete das ZAMZAM-Restaurant – "Best Muslim Food". Ich bestelle einen "T/O" (sprich Tie-Oh), einen Tee ohne Milch und das, was am Nachbartisch gegessen wird. Ich kann beobachten, wie man mein "Murtaba" zubereitet. Ein Teigbazen wird geknetet, auseinander gewalzt und durch die Luft gewirbelt. Auf einer heißen Platte wird er kurz angebraten, mit Ziegenmett und einer Eimasse bestrichen, zusammengefaltet und wieder kurzgebraten. Der "Murtaba" wird mit drei verschiedenen, ultrascharfen Curry-Dips serviert. Der "T/O" ist stark und süß. Ein delikates Frühstück für 1.50 $.

 

Frisch gestärkt bummle ich in Richtung "Little India", durch die Orphir-Road, überquere einen Kanal an der Jalan-Basar und biege in die Dunlop-Street ein. "Klein Indien" ist ein einziger Basar und ein Verwirrspiel der Sinne. Die Farben der Saris, der Armreife, der kleine Gips und Plastikgötter sind selbst für einen Super-Color-Gold-Film zu bunt. Meine Nase erleidet einen ähnlichen Härtetest: Über 20 Sorten Curry-Puder in den Farbnuancen von leuchtend Orange, matschig Grün, Maisgelb, bis zu einem tiefen Karminrot, gilt es zu erschnüffeln. Die Duftwolken von frischem Ingwer, gerösteten Garnelen-Crackern vermischen sich mit den süßsaueren Ausdünstungen der Geflügel und Hammelfleischereien vom ZhuJiao-Markt. Dazu kommt noch der Lärm der Marktschreier, die das Verkehrsgetöse zu überbrüllen versuchen. Mir wird das alles zu viel. Ein bisschen Erholung am letzten Tag könnte nichts schaden; es gibt viele kleine Inselchen rund um die Insel Singapur. Ich laufe zu einem nahen Taxenstand und entfalte meinen Stadtplan auf der erstbesten Kühlerhaube. Sofort werde ich von den neugierigen Fahrern umringen. Ich trage mein Anliegen vor. Sentosa, erklingt es einstimmig und fünf dunkle Zeigefinger belegen eine Insel direkt vor der Südküste. Keine Autos, künstlicher Strand mit Palmen aus Malaisia und Sand aus Indonesien (oder umgekehrt), Freizeitpark und Unterwasserwelt. Ich winke ab, ich möchte Natur pur und ernte Ratlosigkeit, bis einer auf ein Inselchen im Nordosten, vor der malaiischen Küste zeigt: "Pulau Ubin". Da gäbe es bis auf ein paar Dörfer nichts, keine Attraktionen. Also, auf nach Pulau Ubin!

 

Der Bootsanleger ist unmittelbar hinter dem internationalen Flughafen; c. a. eine halbe Stunde mit dem Taxi. Sieben Passagiere sitzen in einem kleinen Motorboot und scheinen nur auf mich zu warten – und schon tuckern wir los. Die Überfahrt dauert 20 Minuten. Aus der Ferne unterscheidet sich Pulau Ubin nicht von dem dahinterliegenden malaiischen Festland, alles ist flach und grün. Um die Anlegestelle gruppiert sich ein Dörfchen. Es gibt eine Teestube, eine verwaiste Schule und einige Fahrradverleiher. Für 3 $ miete ich mir ein nagelneues Mountainbike taiwanesischer Abstammung und erhalte eine fotokopierte Strichzeichnung, die wohl die Insel darstellen soll. Auf der gegenüberliegenden Inselseite steht in Großbuchstaben: "RESTAURANT", ein lohnendes Ziel. Zunächst ist die Straße gut. Mutterseelenallein radele ich durch den Regenwald. Kein Tiger weit und breit. Dafür aber Cola-Dosen, verrottetes Plastik, Zivilisationsmüll überall. Auf Pulau Ubin scheint man Singapurs Sauberkeitsmotto "Clean and green" nur auf das letzte Adjektiv zu beschränken. Nach einem kleinen Anstieg habe ich einen grandiosen Blick auf einen türkisblauen See, der über einem verlassenen Granitsteinbruch entstanden ist. Die Straße wird immer ruppiger und die Fotokopie geheimnisvoll. Vorbei an Krabben und Fischfarmen erreiche ich nach zwei Stunden endlich die kleine Siedlung, direkt gegenüber der malaiischen Küste. Das Restaurant ist eine große Veranda mit offener Küche, sehr einfach und urgemütlich. Ich verdrücke einen Berg Krabben mit Nasi Goreng und trinke eine Kanne Tee. Ich könnte nun den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und den Rest des Tages vergammeln. Aber, da war doch noch was ...



Am späten Nachmittag setzt mich ein Taxi am Raffle-City , dem großen, silbernen Einkaufszentrum, ab. Hinein ins Gewühle. Schon nach einer halben Stunde habe ich genug. Ich brauche keine neue Uhr, keinen tragbaren Satellitenempfänger und kein Diktiergerät (Ich liebe Druckbleistifte und Vokabelhefte – zudem habe ich keine Sekretärin). Die meisten Dinge der schönen, neuen Warenwelt in Singapurs Einkaufszentren haben exakt die gleichen Preise wie zu Hause. Aber nicht alle. Im ersten Stock des Raffle-City entdecke ich einen hervorragend sortierten CD-Laden, das "Sembawang Musiccentre". Ich suche unter "G" und finde sie: "This is Marla Glen!" – für unter 20 $.



Zufrieden mit dem musikalischen Schnäppchen schlendere ich die Northbridge Road hinunter, Richtung Fluss. Ein Schriftzug fällt mir ins Auge: DESIGN CENTRE SINGAPORE. Ich habe Zeit. Das "Showcase" im ersten Stock ist Ausstellungsraum für zeitgenössisches Design, aber auch Verkaufsraum. Hier ich finde etwas, wonach ich schon lange gesucht habe: eine schwarze Ledertasche von "STORM OF LONDON" für 95 $. Und ich finde noch mehr, im Nachbarladen, dem Bookshop des Design-Zentrums. Hier gibt es die neuesten Publikationen und Magazine zu Design, Architektur und Kunst zu ausgesprochen günstigen Preisen. Ich blättere in amerikanischen Typografiewälzern und vergesse die Zeit. Meine neue Storm-Tasche und meine rechte Schulter werden auf eine harte belastungsprobe gestellt, als ich die Buchhandlung verlasse. Schwer beladen zockele ich hinunter zum Fluss, zum Boat-Quay.Ein mildes Abendrot erstrahlt hinter einer gigantischen Kulisse aus hell erleuchteten Bürotürmen. Boat-Quay ist Singapurs aufregenste Vergnügungsmeile. Restaurants, Bars, Bistros. Sehen und gesehen werden. "Harry´s Quayside", ein beliebter Jazz-Pub, ist hoffnungslos überlaufen. Das "River–Bank", "Gracie´s" und das "Coral & Shell" sind Karaoke verseucht. Ich bin wieder am Ende des Boat-Quays angekommen und stehe vorm "Dada". Ich gehe hinein; das bin ich Hugo Ball und Kurt Schwitters schuldig. Meine Augen müssen sich erst mal an das Schwarzlicht der futuristischen Bar gewöhnen. Ich ordere mir bei dem Barmixer, den ich an seinen weißen Zähnen und an einer weißen Fliege erkenne, eine "Bloody Mary", um etwas Farbe in das Ambiente zu bringen. Ich versuche den Barmenschen durch den Techno-Music-Schleier zu befragen, warum man diesen Namen für die Bar gewählt hat. Er versteht nur "Dada" und sagt, das würde nichts bedeuten "...nothing!" Seine weißen Zähne nähern sich meinem Ohr: "In Malaysia means dada drugs!". Armer Hugo, armer Kurt!



Neue Gäste kommen zögernd herein; darunter auch eine junge Frau. Gefährlich leuchtet das Tigermuster ihrer Leggins im Schwarzlicht. "Freeze – don´t move!", flüstert Sue-Lin.

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