Bushwalk in die rote Wildnis, in den Karijini-Nationalpark

Erinnerungen aus der Zukunft:(Bushwalk-Reportage)

"Bitte bringen Sie einen leichten, nicht zu großen Rucksack für unser Buschabenteuer mit, in dem neben den persönlichen Sachen auch noch ein wenig Platz für gemeinsame Ausrüstung bleiben soll", steht im Infoblatt. Persönliche Sachen? Was braucht man in der Wildnis?

Zum vereinbarten Termin treffen wir uns im Domestic Airport Perth. Drei Frauen und fünf Männer. Unser Ziel ist die Pilbaro-Region im Norden. Die erste Etappe bewältigen wir sehr zivilisiert mit einem Airbus - immer an der Küste lang. Ein Autobus fährt uns nach Exmouth am Ningaloo Reef, zu einem der schönsten Tauch- und Schnorchelreviere Australiens. Wir verbringen einen sonnigen Nachmittag auf einer Motorjacht, schnorcheln, schwimmen und genießen die maritime Leichtigkeit des Seins.

Am nächsten Morgen geht es früh los. Vor zwei Propellermaschinen warten schon die Piloten in Shorts. Sie werden uns ins Outback fliegen, zu der Erzminenstadt Tom Price. je weiter wir nach Osten kommen, desto trostloser wird die Landschaft: endlos flach, rot und tot, kein Wasser, kaum Schatten. In dieser Öde sollen wir unseren Walkabout mit den Ureinwohnern machen, in sengender Hitze? Nach drei Stunden zeigt der Pilot auf einen hellroten Strich vor einer Hügelkette: der Airstrip von Tom Price. Kein Mensch weit und breit. Plötzlich hebt Getöse an, wirbelt trockene Äste scheppernd auf das Blechdach und hüllt uns in roten Staub. Ein "willy willy", eine kleine Windhose, rast über die Flugbahn und verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist.

Am Horizont erscheint eine neue rote Wolke. Sie rast schnurstracks auf uns zu: Diesmal aber ist es ein Bus. Ean, unser Fahrer und Guide, verteilt Visitenkarten und kalte Getränke. Klimatisiert fahren wir durch die Flachdachsiedlungen von Tom Price. Der Wohnort der Erzminenarbeiter gilt als einer der heißesten Flecken Australiens; heute zeigt das Thermometer nur 45 Grad. Wir verlassen den Ort in Richtung Hamersley Range. Unmittelbar an das Erzabbaugebiet schließt sich ein Nationalpark an. Die Interessen der Minen kollidieren nicht mit dem Fremdenverkehr. WA ist zu groß und die Erz-Lobby zu mächtig; wer fragt schon danach, wenn der "Mount Nameless" bei Tom Price eines Tages abgeräumt wird, von der Landkarte verschwindet.

Unser Bus ist ein rasendes Panoramakino mit Aircondition; wir fahren durch den Film "Der fremde Planet". Ean brüllt in seinem unnachahmlichen Aussie-Englisch Kommentare über das Mikro. Links und rechts erheben sich abgeschliffene Bergkuppen, ideale Ufo-Landeplätze. Zwischen festgeglühter Asphalterde zerstreuen sich totenbleiche Ghostgums, Geistereukalyptusbäume. Die rotbraunen Termitenbauten sind alle nach einem unsichtbaren Raster ausgerichtet, wie der Soldatenfriedhof einer außerirdischen Armee. Nur das allgegenwärtige Spinifexgras sieht filigran und zerbrechlich aus - eine grobe Sinnestäuschung, die meine Waden bald blutig zu spüren bekommen.


Als sich die weißen Siedler vor zwei Jahrhunderten dieser unwirtlichen Gegend bemächtigten, war das vermeintliche Niemandsland schon seit 100.000 Jahren bewohnt. Durch eine unberührte Natur wanderten perfekt angepasste Nomaden, die Aborigines, die "Indianer" des fünften Kontinents. Aber kein Karl May hat sie mythologisiert, hat ihnen wundersame Legenden angedichtet wie den edlen Wilden Winnetou & Co. Noch in unserem Jahrhundert schoss man diese Ureinwohner wie Karnickel ab, raubte ihre Kinder, verschleppte sie in Missionsschulen und verpasste ihnen europäische Namen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in ihrem Lebensraum Atomwaffen getestet; wie viele Ureinwohner umgekommen sind oder an den Spätfolgen der Bestrahlung starben, wurde von den Behörden erst gar nicht ermittelt. Die Voraussetzungen für den in den 60er Jahren einsetzenden "Wiedergutmachungsprozess" waren denkbar schwierig: Die weiße Gesellschaft musste erst einmal ein Schuldbewußtsein entwickeln, sich den Holocaust an dem Urvolk eingestehen. Gesetzlich sind die Aborigines inzwischen vollwertige Australier, de facto Bürger dritter Klasse. In der australischen Presse kursierte für die aus ihrem Lebenszusammenhang gerissenen Nomaden der zynische Terminus "positive discrimination".

Und doch hat sich in der Beziehung zwischen den Entwurzelten und der weißen Gesellschaft etwas entwickelt. Ein moderner Karl May hat die Aborigines und ihre Kultur "durchgesetzt": Bruce Chatwin mit dem 1987 erschienenen Buch "Songlines". Seitdem begeben sich viele Australienbesucher auf die Spur der "Traumpfade", auf die Suche nach einer Kultur mit transzendentaler Musik, spiritueller Malerei und uralten Geschichten. Längst integrieren Reiseveranstalter Besuche bei Aborigines in ihre Nationalpark-Programme. Dabei werden ihre Traditionen manchmal bis ins Lächerliche überinterpretiert, während täglich andere Urvölker in den Regenwäldern des Amazonas ums Überleben kämpfen.


Auf einem Parkplatz im Hamersley Range Nationalpark, den die Aborigines Karijini nennen, wird es ernst. Hier erwartet uns unser Guide John Dallimore mit drei Ureinwohnerinnen. Doch vor dem Abenteuer in der Wildnis macht sich allgemeines Chaos breit: John verteilt Proviant, es muß umgepackt werden. Kochtöpfe und Gaskartuschen konkurrieren mit persönlichem Gepäck. Und da ist noch etwas, ein kleines Tütchen, das survival kit - das Überlebenspäckchen: ein Plastikbehältnis mit Wasser, eine Trillerpfeife, eine Taschenlampe und eine Mischung aus Studentenfutter und australischem Haribo.

Der fünfte Kontinent wurde über Jahrmillionen durch Erosionen größtenteils abgehobelt. Platt brütet er unter dem Ozonloch. Aber da, wo die australische Landschaft etwas zu bieten hat, vermittelt sie geradezu Erlebnisstress - kein Wunder, daß fast jede Hügelkette, jeder Canyon zum Nationalpark erklärt wird. Am häufigsten trifft man auf gorges, von Wind und Regen aus dem Fels gemeißelte, mit Wasser gefüllte Schluchten. Der Karijini Nationalpark in der Hamersley Range ist eine einzige Ansammlung gigantischer Schluchten. Unsere Aborigines haben sich für die Kalamina Gorge entschieden, und wir trampeln hinterher. Der Abstieg ist erstaunlich einfach. Trotzdem löst sich ein Stein. Sein Aufschlag klingt heil und hart, wie ein Geräusch aus der Schmiede - Eisen auf Eisen. Endlich unten, stocken wir vor Staunen. Uns wird rot und blau vor Augen. Ein himmelhoher Canyon umschließt uns. Unzählige Rottöne mäandern durch schroffe Gesteinsschichten. Manchmal ist ihre Oberfläche ausgewaschen, glatt. Manchmal besteht sie kilometerweit aus kleinen, rechteckigen Kuben, wie in einem roten Cyberspace. Darunter schimmert Wasser und spiegelt den ewig blauen Himmel, spielt mit der Form einer einsamen, weißen Wolke. Erst jetzt spüren wir die angenehme Kühle hier unten. Erst jetzt sehen wir das saftig frische Grün der Mulgabüsche und der Gummibäume. Unsere schwarzen Guides sind vorgegangen und haben uns unserem Staunen überlassen, doch wir holen sie schnell wieder ein. Bonnie, Jessy und Sarah wandern gemächlich - hier ein schattiges Plätzchen, da ein Schwätzchen. Der Walkabout ist auch ein Talkabout – unsere erste Lektion? Wir durch plaudern den Felsengrund, waten durch Furten über glitschige Steine und haben Zeit und Muße, diese urzeitliche Landschaft auf uns wirken zu lassen. Nach einigen Stunden öffnet sich die Schlucht zu einem sumpfigen Kessel. Das Führungstrio wählt diese Stelle für unser Basislager.

John mahnt zur Eile. Die Sonne lässt gerade die obersten Felsschichten feuerrot erglühen; mit dem schwarzblauen Himmel darüber kommt die Dämmerung. Wir wählen unsere Schlafplätze. John pfeift uns zusammen, sammelt den Proviant ein und erklärt uns die Hausordnung der Wildnis. Alles was wir hierher bringen, muss wieder mitgenommen werden - bis auf den letzten Zigarettenstummel! Aus dem unteren Tümpel werden wir unser Trinkwasser entnehmen, an der Gumpe weiter oben können wir uns waschen. Als "Toilette" bestimmt er einen weitläufigen Hang gegenüber. Die Klopapierrolle steckt auf dem Stiel der Schaufel; daneben errichtet er aus einem dichten Leinensack ein Wasserloch zum Händewaschen. Ist die Klorolle weg, ist die "Toilette" besetzt - any questions?
Zeit fürs Abendessen. Wie ein Magier beginnt John zwischen Tuppern, Töpfen und zwei Minigaskochern herumzuwuseln. Offenes Feuer ist im Karijini Nationalpark nicht erlaubt. Geschickt zerschneidet John ein schwarzrotes Fleischstück in Würfel und versucht vergeblich, die Fliegenmassen zu verscheuchen. Es brutzelt, und ein verheißungsvoller Duft zieht durch die Kalamina-Gorge. Es ist dunkel, als John die ersten Portionen verteilt: Emu-Fleisch auf Reis, geschmortes Gemüse und als Nachtisch warmer Vanillepudding mit eingeweckten Früchten. Und in dem ausgespülten Reistopf kocht uns John noch einen Tee.

Bonnie, Jessy und Sarah gehen zum gemütlichen Teil über. Sie verkriechen sich in ihre Schlafsäcke und beginnen einen melodiösen Singsang. Nun fordert Bonnie "our German friends" auf, auch etwas zum Besten zu geben. Deutsches Liedgut? Die Frau ahnt nicht, in welche Verlegenheit sie uns stürzt. Zaghaft kommen Vorschläge aus unseren Reihen: "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Marmor, Stein und Eisen bricht". Schließlich einigen wir uns auf "Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum". Unsere australischen Freunde sind beeindruckt und klatschen begeistert Beifall.

Bonnie wird ernst und beginnt, in theatralischem Tonfall Geschichten zu erzählen: Wie der Emu seine Flügel verlor, warum der Eidechsenmann sterben musste. Jessy hat sich tief in ihren Schlafsack gekuschelt und schnarcht leise. Sarah liegt auf dem Rücken. In ihren Augen glitzert das Sternenlicht. Gerade als Bonnie mit der Geschichte vom großen Känguru beginnt, wird sie von Sarah unterbrochen: Look! A satellite! Alle starren hoch in den Sternenhimmel. Ein heller Punkt flitzt über den schmalen Ausschnitt der Schlucht.

Die kleinen Lichtkegel unserer Taschenlampen bewegen sich über felsigen Erdboden auf der Suche nach den Schlafplätzen. Bald wird es still in der Gorge. Fernes Knacken trockener Äste und eine leise Bewegung im nahen Wasser glaube ich noch zu hören, dann verschließt mir der Schlaf die Ohren.

Tief, ganz tief in der Schlucht pfeift jemand selbstvergessen eine wundersame Melodie. Ein intensives, glückliches Gefühl durchströmt mich. Nein, ich möchte nicht aufwachen, den Traum nicht unterbrechen. Und doch blinzele ich in die Morgendämmerung. Der Himmel ist graublau. Hoch oben muß die Sonne schon aufgegangen sein. Und plötzlich ist das Pfeifen wieder da, diese langsame Tonfolge wie aus einem Stück von Eric Satie. Ich bin hellwach! Das war kein Traum. Es war ein Butcherbird, wird Bonnie später erklären. Der "Fleischervogel" also macht ein Stückchen wahr von meinem australischen Traum.

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Bushwalk-Reportage

Geheimnisvoller Bushwalk

Die Reise fand im Spätherbst 1993 statt, und die Geschichte erschien in dem GLOBO Sonderheft Australien/Neuseeland 1994.


Der Reisetermin war denkbar schlecht gewählt; er überschnitt sich mit dem siebzigsten Geburtstag meines Vaters. Aber die siebenwöchige Tour war fest verplant. Job und damit Australien gingen vor. Der erste Teil des Trips war eine organisierte Pressereise. Drei Frauen und fünf Männer - Tageszeitungen, Rundfunk und GLOBO.

Es begann sehr entspannt mit Sydney. Beste Hotels, erlesene Restaurants mit ausgesuchten australischen Weinen und einer Tour in die Blue Mountains. Ein kleiner Urlaub nach einem ewig langen Flug. Aber schon nach drei Tagen bestiegen wir wieder einen Jet. Es ging von Ost- nach Westaustralien. Von Sydney nach Perth. Diesmal in nur sechseinhalb Stunden. Wir wurden vom Flughafen geradewegs ins maritime Paradies expediert - in den Yachthafen von Fremantle. Bester Fisch, wunderbare Weine. Nette Gespräche mit der lokalen Kunstszene und ein Besuch in einer Aborigines-Galerie. Ein Didgeridoo wurde dazu bemüht. Und unsere Reiseleitung stimmte uns dramaturgisch geschickt auf weitere spirituelle Höhepunkte ein. Aber zunächst ging es ganz profan mit einem Flieger weiter. Um nicht die Übersicht zu verlieren: Von Perth in das nördlich gelegene Küs-tenstädtchen Exmouth. Dort verbrachten wir einen wunderbaren Nachmittag am nahegelegenen Ningaloo Reef. Wir schnorchelten in einem warmen Meer voller bunter Fische, und riesige Mantas tauchten in Zeitlupengeschwindigkeit unter uns hinweg. Atemberaubend. Am anderen Morgen ging es wieder zum Flughafen. Je länger wir unterwegs waren, desto kleiner wurde das Gerät. In Exmouth warteten zwei klapprige Propellermaschinen mit Piloten in Shorts. Die Spannung wuchs. Wir flogen direkt ins australische Nichts. Von hier ab übernimmt die GLOBO-Geschichte die Routenführung, und ich ergänze, was sie nicht erzählt. Jedenfalls wuchs die Spannung. Ein mehrtägiger, geheimnisvoller Bushwalk mit Ureinwohnern stand uns bevor. Wir wurden eingeschworen, den Aborigines keine Fragen zu stellen und sie nicht mit direkten Blickkontakten zu behelligen. Unser Gepäck wurde auf minimalste Bedürfnisse reduziert, und wir wurden eindringlich davor gewarnt, Steine oder Pflanzen mit nach Hause zu nehmen. Alles war hier spirituell und heilig, alles irgendwie geheimnisvoll. Nach stundenlanger Jeepfahrt erreichten wir den vereinbarten Treffpunkt. Drei dunkelhäutige Damen unterschiedlichen Alters erwarteten uns kichernd.

Die Ladies waren wie wir Teil der Inszenierung. Sie taten ihren Job, wie wir auch. Für sie war es ein Rückschritt ins Unbequeme – fernab von Aircondition und TV, in einer Gegend, die sie nicht kannten. Für uns war es Natur pur. Nach einer halben Stunde löste sich die spirituelle Anspannung in ein kameradschaftliches Wohlgefallen auf. Als interkulturelle Schicksalsgemeinschaft verbrachten wir entspannte und amüsante Tage auf staubiger Erde und in trüben Tümpeln. Nice to meet you.

bushwalk