Überleben auf der Blaubeerinsel

Erinnerungen aus der Zukunft:(Goulais-Lake-Reportage)

Hoffnungslos - ich blicke nicht mehr durch. Earl, der Pilot, brüllt etwas und zeigt nach vorne. Der Lärm in dem kleinen Wasserflugzeug ist unerträglich. Verzweifelt studiere ich die Karte. Fliegen wir gerade über den Cherrie oder über den Welcome Lake? Für mich sieht da unten alles gleich aus: Seen und zerzauste Wälder so weit das Auge reicht. Wir knattern über Ontario - Land der 400 000 Seen - von Sault Ste. Marie nach Norden Richtung Hudson Bay; unser Ziel ist der Goulais Lake. Earl wird schon wissen, wo er rumkurvt ...


Nach einer unendlichen Viertelstunde bringt er die Kiste in Schräglage und zeigt diesmal nach unten. Aha: der Goulais Lake. Nadelwälder und glitzernde Wasserflächen, kleine Inseln - unsere Welt für die nächsten 14 Tage. Wenig später stapfen wir mit Earl über unser Mini-Eiland. Stolz zeigt er uns die Einrichtungen. Die Blockhütte ist ein geräumiges Haus mit Living-Room und Panorama-Fenster samt Seeblick. Die Küche hat Herd und Kühlschrank, beide mit Gas betrieben. In zwei Schlafzimmern gibt es je vier Betten, genug für Christoph, den Fotografen, und mich.

Hinter dem Geräteschuppen steht das "Häuschen", ein Plumpsklo mit zwei Sitzgelegenheiten. Also ein twoholer, wie Earl fachmännisch erläutert. Kanadier müssen gesellige Leute sein. Auf der höchsten Erhebung der Insel steht ein Wassertank, der durch eine Motorpumpe gespeist wird. Nicht weit darunter befindet sich Earls ganzer Stolz: eine schmale Holzhütte mit Duschkabine. Really hot water! Wir sind beeindruckt.

Earl verspricht, vor seinem Abflug die Jalousien anzubringen, die noch verpackt in der Ecke stehen. Aber wer soll uns hier beim Duschen beobachten? Wir sind die nächsten zwei Wochen mutterseelenallein auf der Insel am Goulais Lake. Im Umkreis von einigen hundert Kilometern kein Mensch weit und breit. Deshalb führt uns der Pilot auch noch auf die andere Seite der Insel zu einer Hütte mit einem altertümlichen Funkgerät. Fünf Minuten braucht die Röhrenanlage bis sie knistert und brummt. - Two three Air Dale, brüllt Earl in das Mikro Here is Goulais Lake! Er dreht am Lautstärkeregler bis es zischt und knallt. Darleen, der gute Geist von Air Dale, meldet sich endlich und möchte wissen, ob alles okay sei mit den German guys.
Sechs Boote mit Außenborder stehen zur Verfügung. Earl sucht uns die besten heraus und erklärt uns den Umgang mit den Motoren. Er möchte wissen, ob wir einen fishfinder dabeihaben. Nein, wir sind ziemlich blutige Laien und wollen lieber ohne Ultraschall und Computer-Display angeln. Zudem haben wir für 200 Kanadische Dollar Fressalien eingekauft - Wildnis hin, Wildnis her ...

Mit gemischten Gefühlen stehen wir am Bootsanleger, als Earl mit seiner weißroten Kiste über den Wipfeln verschwindet. Noch lange hören wir das Gebrummel. Oder ist es ein Brummen im Kopf, Auswirkungen des Jetlags? Unsere innere Uhr ist noch nicht umgestellt. Die Hände in den Hosentaschen trotten wir hinauf zur Hütte. Trotz Euphorie ist mir etwas mulmig zumute - 14 Tage völlig out of world, ohne Hotline zur Liebsten. Ach was, zwei Wochen kein Streß: kein Telefon, Ferien am See, am Goulais Lake. Stille Tage in Ontario weit ab von der Hektik der Welt, unerreichbar für den alltäglichen Horror via Satellitenschüssel. Hatte ich davon nicht schon als Junge geträumt? Allein zu sein, auf mich selbst gestellt in einer Urlandschaft von Wäldern und Seen? In den weinrot ausgeschlagenen Köcher meines ersten Fernglases hatte ich damals ein "W" gekritzelt; meine Geschwister hielten es für das Initial meines Vornamens, und ich beließ sie in dem Glauben. Der Buchstabe war mein Geheimnis und bedeutete "Waldläufer". Als Waldläufer fühlte ich mich und strich in jeder freien Minute um unser Dorf.

Unsere Müdigkeit ist verflogen. Christoph macht sich an den Booten zu schaffen, läßt die Motoren aufheulen. Mein Revier ist die Küche. Ich sortiere unsere üppigen Lebensmittelvorräte. Noch nie habe ich ein Kilo Butter am Stück in Händen gehalten. Das Olivenöl habe ich mir aus Griechenland mitgebracht und mein Lieblingsküchenmesser von Zuhause.

Die Sonne steht schon tief, als wir zur ersten Spritztour starten. Unsere Insel ist durch einen schmalen Kanal vom "Festland" getrennt; als wir auf den offenen See hinausschießen, sind wir überwältigt: So groß, so weit hatte das von oben nicht ausgesehen. Ein paar Kilometer nördlich entdecken wir an einem lehmig gelben Strand einen zerfallenen Biberdamm. Christoph schaltet den Motor ab und läßt das Alu-Boot treiben. Bis auf ein leises Plätschern an der Bootswand ist nichts zu hören. Milliarden von Wasserflöhen umtanzen lautlos das milchige Spiegelbild der Abendsonne. Ich fühle mich überwältigt von diesem Bild, aber auch sehr fremd und etwas verloren in dieser unendlichen Landschaft. Unser Motor zerreißt die Stille, das geschäftige Schweigen. Wir sind hungrig geworden. Im schwindenden Tageslicht steuern wir zurück.

Ich schrecke hoch. Es ist stockdunkel. Ich weiß sofort, wo ich bin. Mein Unterbewusstsein hat Alarm geschlagen. Zu Hause habe ich schon von Bären geträumt, und in diesen Träumen stanken sie immer aus dem Maul. Ich rieche nur harzige Kälte. Ein raues Ziepen ertönt aus der Dunkelheit; vielleicht eine Nachtschwalbe?

Seit fünf bin ich auf den Beinen. Der innere Wecker hat mich zu früh aus dem Schlaf gerissen. Fahles Licht fällt durch das Panoramafenster; draußen läuft ein Film mit dem Titel "Der See erwacht". Es ist klamm in der Hütte. Erst als der dampfende Kaffee auf dem Tisch steht, dringen die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebelwatte. Morgenstund hat Gold im Mund: Voller Tatendrang untersuche ich Earls Angelequipment, das er uns großzügigerweise für zwei Wochen geliehen hat. Der blaue Werkzeugkasten ist voller blinkender und farbig leuchtender Dinge. Ich stecke meine Angel zusammen, drille 50 Meter Plastikschnur auf die Rolle und wandere mit der blauen Kiste zum lichtüberfluteten Steg. Vorläufig befestige ich keinen der scharfen Haken an dem metallenen Blinker. Erst einmal möchte ich meine Wurftechnik überprüfen, bevor ich mich an die großen Fische wage. Laut Earl ist der See voller Welse und Forellen ...

Sogar der Parallelwurf gelingt mir, nach beiden Seiten. Ich lasse den Blinker wie einen verwundeten Fisch durch das dunkle Wasser taumeln. Dabei habe ich vor einigen Wochen noch nicht mal gewußt, was ein Wobbler ist. Angeln war für mich ein Rentnersport, hart an der Grenze zur Tierquälerei. Dann kam das Angebot mit der einsamen Hütte am See.
"Können Sie angeln?" Ich stiefelte in meine Buchhandlung und kramte in der Abteilung "Hobby & Freizeit" nach einschlägiger Literatur. Am späten Nachmittag werde ich den Ernstfall proben.

Die Sonne steht hoch. Es ist Mittag, Zeit für eine Erkundung der näheren Umgebung auf unserer Insel im Goulais Lake, die nicht mal einen Namen hat. Das ganze Eiland ist mit einem lichten Kiefernwald überzogen; etwas dichter wird er oben am Wassertank. Ein kleiner Trampelpfad führt zur rückwärtigen Inselseite, an die Stelle, wo mich nur ein schmaler Wassergraben vorn "Festland" trennt. Lange beobachte ich mit dem Fernglas die Uferlinie. Der Wald dahinter ist dunkel, undurchdringlich. Ein dünnes Fiepen von einem verborgenen Vogel. Sonst nichts - kein Elch, kein Wolf, kein Bär. Die Hände, die den Feldstecher halten, sind nicht mehr die des pausbäckigen Lausbuben von einst, sondern die eines dünnhäutigen Stadtmenschen.

Ich trolle mich zurück, verlasse den Pfad, stolpere hinauf in den dichten Wald und lande in den Beeren. Frische Blaubeeren sind eine köstliche Ergänzung zu Müsliriegeln mit Mandeln und Schokosplittern. Ich strecke meine Glieder auf das halbschattige Moos und entschlummere selig - wie ein satter, fauler Bär.

Mein Boot ist startklar, das Angelzeug liegt bereit. Aber bevor ich starte, entledige ich mich noch meiner Armbanduhr: keine Termine in den nächsten Tagen. Auf dem offenen See kommt mir Christoph entgegen. Er dreht grüßend ab und nimmt Kurs auf unsere Insel. Ich schalte den Motor aus, rudere ans Ufer und ziehe das leichte Boot an Land. Die Sonne versinkt gerade hinterm Wald und wirft lange blaue Schatten über das stille Wasser. Kein schnappendes Fischmaul kräuselt den blassen Spiegel. Ich bastle einen Haken an den Spinner. Die Jagd kann losgehen. Lautlos trudelt der metallene Köder durch das schwarze Wasser, hin und her. Ich ändere die Wurfrichtung und den Standpunkt, wechsle den Blinker, verlängere oder verkürze das Blei.

Nichts. Plötzlich gellendes Gelächter! Mir fällt die Angel aus der Hand. Das Echo der schrecklichen Laute folgt von allen Seiten. Ein weißgrauer Vogel mit schwarzem Kopf ist vor mir aus dem Nichts aufgetaucht. Er taucht wieder ab - und bleibt spurlos verschwunden. So lange kann kein Vogel die Luft anhalten! Wieder lacht er mich aus, wieder fährt mir der Schreck in die Knochen. Diesmal ist der Taucher in der Bucht hinter mir erschienen. Nach soviel Spott gebe ich das Angeln auf - für heute.

Es ist schon fast dunkel. Die ersten Sterne funkeln am kalten Firmament. Ich tuckere langsam über den schwarzen Goulais Lake, habe Schwierigkeiten mich zu orientieren. Endlich - ein gelbes Lichtlein flackert im Nordosten zwischen Baumstämmen. Christoph hat die Gaslampe angezündet. Er erwartet mich in unserer hell erleuchteten Hütte; Christoph hat Hunger und zieht ein langes Gesicht, als er meinen leeren Korb sieht. In einer durchsichtigen Filmdose hat er frische Himbeeren mitgebracht. Ich mache mich sofort an die Arbeit: Canneloni mit Mais und Erdnüssen. Und für jeden drei Himbeeren ...

Christoph zeigt mir auf dem fotokopierten Lageplan unseres Sees die Stelle, an der er gestern einen Elch überrascht hat. Weiter oben, am Fluß,ist ein Kanu eingezeichnet.
Klar, ich bin Feuer und Flamme, da wollen wir hin. Ein strahlend blauer Himmel überspannt den See, als wir nach Norden aufbrechen. An einem sumpfigen Flussdelta kommen wir mit dem Boot nicht mehr weiter. Wir stapfen auf glitschigem Boden durch das Unterholz. Links von uns plätschert Wasser: der kleine Fluß der den See speist.

Schließlich lichtet sich der Wald und eine offene Flusslandschaft breitet sich vor uns aus. Wie bestellt, liegt tatsächlich ein Kanu bäuchlings am Ufer; es gehört zur Angelausrüstung des Goulais Lake. Beim Ablegen mit dem Ding kippen wir beinahe um, aber nach einigen hundert Metern haben wir uns eingepaddelt. Gleichmäßig gleiten wir den Fluß hinauf. "Da war gestern der Elch!" Heute ist in dem sumpfigen Grasland nichts zu sehen, außer ein paar Birken und Baumstümpfen. Große dunkelgraue Libellen umtanzen unser Kanu. Eine gigantische Urlandschaft zieht an uns vorüber - unnahbar und völlig lautlos, als hätte ihr Schöpfer eine Pause eingelegt oder sein unfertiges Werk vergessen, vielleicht auch verworfen. Auf einem abgestorbenen Ast steckt etwas Blaues, wie ein geheimnisvolles Zeichen. Es ist eine verbeulte Dose "BLUE ICE"-Bier. What you see is what you get? Der Wasserlauf verengt sich und schlängelt sich nach Osten. Die Strömung wird stärker. Wir sind so mit dem Paddeln beschäftigt, daß wir nicht merken, was sich vor uns tut - wir haben einen anderen, einen fremden See erreicht. Christoph dreht sich zu mir um. Er strahlt übers ganze Gesicht. Glücklich gleiten wir in diese neue Welt. Wir sind zurückgekehrt in unsere Jugend, zurück in die Welt von Lederstrumpf und Chingachgook und in die des Waldläufers.

Am späten Nachmittag sitze ich wieder "zu Hause" am Goulais Lake und angele. Neuer Platz, neuer Wobbler - endlich Glück? Der Taucher ist auch wieder da. Ich habe mich an sein Gelächter gewöhnt.
Bewegung kommt in den See. Aufkommender Wind zersplittert den Spiegel der Wasseroberfläche; leichte Wellen schaukeln sich ans Ufer und lecken am Boot. Ein Jet überfliegt den Goulais Lake, jagt von der Ost- zur Westküste und malt einen giftigen Strich an den Himmel Ontarios. An meiner Angel tut sich nichts. Mir ist`s, als fischte ich in dem trüben Wasser meiner Illusionen.

Dabei hat das Angeln in meiner Familie Tradition. Mein Großvater war ein begeisterter Petri-Jünger. Ich erinnere mich noch an den klaren, frostigen Frühjahrstag, an dem er beerdigt wurde. Ich war ein Dreikäsehoch, der trotz Wut und Empörung zulassen mußte, wie ein entfernter Verwandter mit schwarzem Anzug und Trauermiene sich Opas Angel unter den Nagel riß. Großvater hatte sie uns versprochen. Nun mußten wir Buben uns weiter mit unseren Weidenruten, einem Stück Bindfaden und aus einem dünnem Draht geformten Haken behelfen. An warmen Apriltagen holten wir manchmal über 100 kleine Weißfische und Forellen aus der Bickenalb, dem Dorfbach. Sie jagten wie ein wilder Schwarm in unserem Plastikeimer herum. Am Abend, oder wenn uns die Lust verging, entließen wir die Fischbrut in ihre heimische Bickenalb, um sie an einem andern Tag mit Regenwurmstückchen erneut zu fangen.
Einmal hatte ich in einem Einweckglas ein paar dieser kleinen Fische mit nach Hause genommen. Es war ein warmer, sonniger Tag, ein Samstagnachmittag. Ich war ein neugieriger Bub mit eigenwilligen Ideen. Mit den gefangenen Fischen wollte ich experimentieren und schüttete ein Tütchen "Frigeo" Waldmeister-Brausepulver in das Einweckglas. Die Folge war entsetzlich: Die Fischlein kämpften in dem giftgrünen Gezisch um ihr Leben. Ich raste mit dem Glas aus der Küche, stürzte aus dem Haus hinüber zum nahen Mühlenwehr und schüttete die zappelnden Fischlein samt der Waldmeisterbrause hinunter ins Bachwasser.


Seltsam, gerade hier am friedlichen Goulais Lake fällt mir diese schreckliche Episode wieder ein, die mir als Bub jahrelang so schwer auf der Seele lag.
Hoppla! An meiner Angel tut sich was! Vorsichtig hole ich den Köder ein, kurbele und gebe wieder etwas Spiel. Unter den dunklen Fluten kämpft meine Beute um ihr Leben. Als ich den Fisch endlich in der Hand halte, wird er ruhiger. Es ist ein junger Wels; er wiegt höchstens ein Kilo und hat eigentlich noch ein gutes Jahrzehnt zu leben. Soll ich ihn wirklich töten? Seine kleinen Gluppschaugen schauen mich an, sein Maul geht auf und zu, als wolle er mit mir reden. Ich denke an unsere opulenten Lebensmittelvorräte. Behutsam ziehe ich dem jungen Wels den Angelhaken aus der Unterlippe und setze ihn in das seichte Wasser. Wie ein Blitz verschwindet er im düsteren Zwielicht des Goulais Lake. Ich packe mein Angelzeug zusammen - für immer. Aus mir wird nie ein Petri-Jünger!
Bei einer Gemüsepfanne mit Karotten und Blumenkohl vergessen wir den jungen Wels. Als Nachtisch verdrücken wir eine Tafel Nussschokolade. Wir sitzen satt und schweigend an unserem überdimensionierten Holztisch und starren aus dem Panoramafenster in die Dunkelheit.

Vom See ist ein leises Plätschern zu hören. Es narrt unseren Gleichgewichtssinn: Der Tisch und wir scheinen leicht zu schwanken. Vielleicht waren wir heute zu lange im Boot. Christoph steht auf und macht es sich in seinem Plüschsessel in der Zimmerecke bequem. Nun beginnt der gemütliche Teil des Abends, unser Plauderstündchen, bevor uns die Müdigkeit in die Schlafsäcke treibt. "Ich war vorhin wieder beim Elch", beginnt Christoph das allabendliche Ritual, worauf ich zu antworten habe: "Und, wer war alles da?". Es ist unser Lieblingsspiel und heißt "Zum Elch". Auf einer der vielen Inseln im Goulais Lake betreibt der Elch eine Bar, zugegeben ein etwas anrüchiger Ort. Da trifft man sich abends zu einem Drink. Der Elch ist ein ausgemachter Schlawiner, was man seinem treudoofen Gesichtsausdruck nicht ansieht. Der Bär ist immer da, hat einen Mordsbrand, aber selten genug einige Dollars dabei. Anschreiben? Der Elch verzieht keine Miene. Der Bär säuft auf Pump und leiht es sich am liebsten beim fleißigen, aber noch einfältigeren Biber. Der Taucher hat zur Zeit wieder mal Lokalverbot; bei seinem Gelächter rastet der Bär aus und randaliert. Die Wölfe kommen selten. Es sind undurchsichtige Gesellen, Rumtreiber, die oft die Grenze wechseln. Der amerikanische Einfluß ist unverkennbar: Seit kurzem sind die Wölfe militante Nichtraucher. Sie trinken alkoholfreies Bier und sind Karaoke-Fans.

Am nächsten Tag ziehen Regenwolken über den bleigrauen See. Es ist kalt in der Hütte; wir müssen heizen, aber die paar Holzscheite neben dem Bullerofen sind schnell verbrannt. Hinter dem Küchenfenster steht eine abgestorbene Kiefer. Mit Axt und Säge rücken wir ihr zu Leibe. Es kostet uns einige Mühe und Schweiß, bis der Baum krachend fällt. Wir zersägen ihn in Scheiben, die wir dann in ofengerechte Stücke spalten. Bald steigt wieder weißer Qualm aus dem Schornstein.

Die ersten Tropfen fallen. Schon trommelt es heftig aufs Dach. Der Regen hüllt unsere Welt in seinen grauen Schleier. Erst wirkt der See stumpf, dann schaumig, als hielten die Fische Waschtag. Ich klemme mir mein Kopfkissen in den Stuhlrücken und versinke in meinem Buch, H. D. Thoreaus "Walden oder Leben in den Wäldern". "Meine Tage waren keine Wochentage, die den Stempel irgendeiner heidnischen Gottheit trugen, noch waren sie in Stunden zerhackt oder durch das Ticken einer Uhr zernagt, sondern ich lebte wie die Puri-Indianer, von denen es heißt, daß sie für gestern, heute und morgen nur ein Wort besitzen und den Unterschied in der Bedeutung ausdrücken, indem sie für gestern rückwärts, für morgen vorwärts und für heute über den Kopf nach oben deuten." Längst brennt die Gaslampe, als Christoph von draußen kommt und Wetterbesserung meldet. "Da könnten wir ja noch auf einen Drink zum Elch rüberfahren!"


Mitten in der Nacht reißt mich Christoph aus dem Schlaf. Irgendwo heult eine Sirene! Noch eine Sirene. Nein, das ist keine Feuerwehrübung, das sind Wölfe. Ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich verkrieche mich wieder im warmen Schlafsack.

Am Morgen hat sich der Himmel wieder zugezogen. Schlechtes Wetter; Regen von der Hudson-Bay, der uns einige Tage in die Hütte zwingt. Wir verlassen sie nur, wenn wir zum "Häuschen" oder zum Baumfällen müssen. Wie begossene Pudel stapfen wir dann über die Insel. Den ersten morschen Baum fällten wir direkt vor der Hütte; den zweiten und dritten in unmittelbarer Nachbarschaft. Unsere Holzwege werden nun immer länger und schwieriger. Verdreckt, verschwitzt und geschunden erreichen wir mit einem Arm voll Holz die Hütte. "Es ist der Ausdruck jenes Gemütszustandes, in welchem jeder gesunde und mutige Gedanke zu gelatineartigem, schimmeligem Brei zerfließt", hatte ich gestern bei Thoreau gelesen. Ich werde darüber nachdenken, wenn ich zu Hause mit einem Finger den Thermostat der Heizung höher drehe!

Der Lesestoff wird knapp. Hinterm Ofen finde ich noch einige kanadische Angelmagazine. Christoph zerlegt und putzt stundenlang seine umfangreiche Kameraausrüstung. Vor allem Musik fehlt uns. Wir haben nicht mal einen ordinären Walkman, aber den Kopf voller Songs. Wir diskutieren über unsere Musikerfavoriten.
Singen? Nein, singen tun wir noch nicht ...

Endlich - der Wetterumschwung. Eines Morgens ist die Welt wie verwandelt. Die Sonne lacht über dem blauen See. Aber irgendwas ist anders. Da, der Wald brennt. An vielen Stellen lodern die Bäume in intensivem Gelb und Rot. Über Nacht ist es Herbst geworden, der Indian Summer beginnt am Goulais Lake. Dabei haben wir noch August. Der wievielte ist eigentlich heute? Christoph zieht die Augenbrauen hoch. Erst als wir uns auf die Abfolge der Abendessen konzentrieren, schaffen wir Ordnung in unserem Kalender. In drei Tagen kommt Earl, in drei Tagen ist Schluß mit lustig.

Ich genieße diese letzten warmen Tage, lege mich bäuchlings auf den Steg und beobachte stundenlang das Treiben der Taschenkrebse, während Christoph mit seinem Boot ausgiebige Runden dreht. Ich gehe noch einmal meine Lieblingswege zu meinen Lieblingsplätzen. Die Blaubeerinsel ist mir vertraut geworden, ans Herz gewachsen wie die fast vergessenen Plätze meiner Kindheit. Der Taucher lacht mich nicht mehr aus; heute Vormittag hat er mir seinen Nachwuchs vorgeführt. Auch Familie Taucher muss bald abreisen. Ende September fällt der erste Schnee und der See gefriert. Eisige Starre legt sich bis zum Mai über das verschneite Land. Dann ist auch die Bar "Zum Elch" verrammelt - und der erstarrte Goulais Lake gehört allein dem Bären.

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Goulais-Lake-Reportage


Eine fast zu besinnliche Geschichte

Unter dem Titel "Inselabenteuer für Lederstrümpfe" erschien die Geschichte von Christoph Altmann und mir 1995 im GLOBO-Sonderheft Kanada. Die Reportage fand ein Jahr zuvor, im August/September 1994, statt. Wir starteten damals von Frankfurt nach Toronto und flogen weiter nach Sault. Ste. Marie am Lake Superior. Hier hatten wir einen Tag Zeit, um Proviant zu kaufen und unsere Ausrüstung zu vervollständigen. Ein kleines Wasserflugzeug der AIR DALE brachte uns dann über die unendliche Wälder- und Seenlandschaft Ontarios zum Goulais Lake. Dort blieben wir als die einzigen Menschen im Umkreis von 300 Kilometern, bis uns die AIR DALE nach 14 Tagen zum Weiterflug zum Wabatongushi Lake abholte. Hier konnten wir uns wieder an den Umgang mit anderen Menschen gewöhnen, bevor uns die Algoma Central Railway in die Zivilisation nach Sault. Ste. Marie beförderte.

Die GLOBO-Redaktion wollte mit dieser Reportage vor allem die Zielgruppen der Abenteuerurlauber ansprechen. "Adventure Tours" war Anfang der 90er Jahre sehr gefragt. Im Briefing konnte ich mir einen Fotografen aussuchen; schließlich musste ich mit ihm einige Wochen in der Wildnis aushalten. Meine Wahl fiel auf den sehr verträglichen und gutmütigen Christoph Altmann. Mit ihm hatte ich schon längere Touren durch Australien, Tasmanien und Griechenland gemacht.

Die Redaktion war mit unserer Reportage zunächst nicht sehr glücklich. Man hatte etwas anderes erwartet. Auf jedem Fall mehr Action und Abenteuer. Stattdessen bekamen sie eine fast besinnliche Geschichte zweier gemütlicher Naturburschen, die noch nicht mal einen Fisch killen konnten oder wollten. Als die Reportage 1995 erschien, hatte sich das zeitgeistliche Klima geändert. Der etwas hedonistische Abenteuerurlaub kam durch seinen unsensiblen Umgang mit der Natur in Verruf. Nun war nachhaltiger Umgang mit der Natur und ihren Geschöpfen gefragt – und unsere Reportage lag voll im Trend.

Das Buch "Walden oder Leben in den Wäldern", des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854 war meine erbauliche und tröstliche Begleitlektüre für diesen Aufenthalt in der kanadischen Wildnis. Bis auf einen mitgebrachten Weltempfänger, der auch nur zu gewissen Tageszeiten verrauschte Radiosendungen zu Gehör brachte, war unser Medienkonsum bescheiden. Immerhin konnte ich an einem trüben Sonntagvormittag, Ergebnisse der ersten Runde des DFB-Pokals 1994 empfangen - als der große FC Bayern München bei dem fränkischen TSV Vestenbergsgreuth mit 0:1 unterlag.

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