Durch die Kimberleys auf dem Highway Number One

Erinnerungen aus der Zukunft:(Kimberley-Reportage)


Der Esky ist eine riesige Eisbox, eine Tiefkühltruhe ohne Stecker. Noch ist er trocken und leer. Auf uns warten 3000 Kilometer und unser Mietwagen, ein vierradgetriebener Landcruiser mit Aircondition. Das ist auch gut so, denn hier in Broome brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel. Und mit was füllen wir nun den Esky? Was braucht man, unterwegs im australischen Hinterland, im Outback? An einer Tankstelle besorgen wir erstmal tütenweise Brucheis. Etwas ratlos schieben wir dann einen Einkaufswagen durch die langen Gänge eines Supermarktes. Trinken wir Tee, Kaffee oder beides? Braten wir mit Öl oder Butter, kochen wir Reis oder Nudeln? Wir hören auf zu diskutieren und geben unseren Leidenschaften nach: Erdnussbutter, Himbeerjoghurt, Schokoriegel, ein Zehnerpack Magnum und ein Zwei-Liter-Karton australischer Weißwein ...

Broome liegt am Indischen Ozean, im Nordwesten Australiens. Es ist Ausgangspunkt unserer Tour durch die Kimberley-Region, eine der wildesten und unzugänglichsten Gegenden des fünften Kontinents. Unsere Route: der Highway Number One, die klassische West-Ost-Verbindung oberhalb der Great Sandy Desert. Unser Ziel: Darwin, die tropische Hauptstadt des Nordens - das Top End Australiens.
Fürs Erste aber zieht es uns magisch ans nahe Meer, im Linksverkehr zum Renommierstrand von Broome, dem Cable Beach. Aber der Ozean hat sich zu einem türkisenen Streifen am Horizont verzogen: Es herrscht Ebbe in Broome. Wir müssen 500 Meter durch feinsten feuchten Sand waten, bis das badewannenwarme Wasser unsere Fersen umspült. Von wegen Erfrischung: eine indigoblaue Verschlimmbesserung!

Schier endlos scheint sich der strahlend weiße Sandstrand nach Norden zu erstrecken. Wir schätzen den Cable Beach auf gut 30 Kilometer. Weit gefehlt: An die 160 Kilometer soll er sich bis Beagle Bay hinziehen. Aber der Cable Beach beeindruckt nicht nur durch seine Ausdehnung, sondern auch durch sein "kalifornisches" Flair. Jeden Abend versammelt sich hier ein buntes Völkchen samt Hunden und Pferden zum Sunset. Kleine Feuerchen flackern auf, Grillwolken parfümieren die Dämmerung. Der Schattenriss eines Surfers zerpflügt das glutrote Meer. In der Ferne zeichnet sich eine leibhaftige Karawane ab: Langsam nähert sich eine Touristengruppe auf Kamelen. Ein Windhauch trägt Gitarrengeklimper herüber; jemand versucht sich an "Tears in Heaven" von Eric Clapton.

Tagelang könnte man angenehm vor sich hin dösen am Cable Beach. Aber der Highway Number One lässt uns keine Ruhe. Wir checken unseren Geländewagen durch, überprüfen die beiden Ersatzräder und unsere Campingausrüstung. Endlich on the road! Die erste Etappe soll uns bis Fitzroy Crossing führen - alles in allem schlappe 600 Kilometer. Wir sind gut drauf, hören die mitgebrachte Musik in voller Lautstärke und grüßen lässig alle entgegenkommenden Fahrzeuge. Ein weißer Ford reagiert gar nicht freundlich. Mit blaurotem Blinklicht und jaulender Sirene zwingt er uns zum Halten. Auf einer endlosen Geraden, meilenweit einzusehen, hat eine australische Radarfalle zugeschnappt. 110 Stundenkilometer waren erlaubt. Die freundlichen Polizisten in kurzen Hosen kennen kein Pardon. Auch wir ziehen unsere Konsequenzen: In Reichweite des Beifahrers platzieren wir unseren Feldstecher, mit dem wir von nun an nach weißen PKWs Ausschau halten.

Es ist stockdunkel, als wir in Fitzroy Crossing ankommen, dem Knotenpunkt der Kimberley-Region. Nur mit Mühe finden wir das klimatisierte Motel am Rande der Siedlung. Der Weinkarton hat sich in der feuchten Kälte des Esky aufgelöst. Also trinken wir den Wein aus dem labberigen Alusack und essen dazu Toastbrot mit Erdnussbutter.

Am nächsten Morgen liegt glühende Hitze über Fitzroy Crossing und den morastigen Tümpeln des Fitzroy Rivers. Die Krokodile dösen so regungslos in der sengenden Sonne wie die Häuser der auseinander gezogenen Flachdachsiedlung. Hinter einem staubigen Parkplatz schwirrt wie eine Fata Morgana das Shopping-Center: ein Supermarkt, ein Videoladen mit einem vergilbten Schwarzenegger-Poster im Fenster, eine verrammelte Aboriginal-Art-Gallery und eine Imbissbude. Schwarze Kinder haben sich um einen Kaugummiautomaten versammelt und versuchen durch Rütteln und Schütteln, an die längst verblassten Kugeln ranzukommen. Hunger treibt uns in den Fast-Food-Laden; schließlich haben wir noch nicht gefrühstückt: Der Himbeerjoghurt schwimmt unangetastet in der Eisbox. Neonröhren leuchten den niedrigen Raum taghell aus. Hinter dem Tresen: Mutter und Tochter, beide blond gefärbt, beide in wildgemusterten Leggings unter der vormals weißen Schürze. Beide demonstrieren die Affinität zu ihren Produkten durch die Kleidergröße. Zwei vergilbte Ventilatoren mischen die Ausdünstungen von Frittenfett, verkohlten Ketchupspritzern und einer Gulaschsuppe, die offenbar seit Tagen vor sich hin köchelt. In einem Glasgefäß rührt ein nimmermüder Quirl unablässig Kirschlimonade auf. Als fleischlose Alternative bieten uns die freundlichen Damen Pommes mit Mayo an oder mit Essig beträufelte Kartoffelchips. Wir danken und retten die restlichen MAGNUMs vor dem Dahinschmelzen.

Auf den 298 Kilometern zwischen Fitzroy Crossing und dem Nachbardorf passiert schlicht und einfach nichts. Sogar der automatische Suchlauf des Autoradios müht sich vergebens in dieser mächtig aufgeheizten Einöde. Nach drei endlosen Stunden erreichen wir Halls Creek - und müssen in die Bremsen steigen, um nicht versehentlich durchzurauschen: ein typisches Outback-Dorf mit zentralem Roadhouse, einem Hotel und der obligatorischen Bungalowsiedlung. Aber Halls Creek bietet mehr als seine Nachbargemeinden. Schließlich wurden hier die ersten Nuggets gefunden, die ersten Goldklümpchen der Kimberley-Region.
Das Hotel verfügt sogar über einen Swimmingpool. Zusammen mit den anderen beiden Gästen ziehen wir planschend kleine Runden im gechlorten Kachelblau. Paul und sein pummeliger Sohn sind Aborigines-Mischlinge, wie wir auf der Durchreise nach Darwin. Paul stellt sich als Gitarrist der Duck Corbett Brown Sugar Band aus Perth vor: "Wir spielen nachher in der Animal Bar. Da könnt ihr uns hören!", ruft er uns nach, als wir uns aus dem Pool schwingen.

Papa lässt sich nach hinten plumpsen und taucht rücklings unter seinem Sprössling durch. Seit einer Weile schon werden die beiden von einem Hotelangestellten misstrauisch beobachtet. Kaum sind sie aus dem Pool gestiegen, stellt der Mensch mit der weißen Mütze über dem roten Gesicht ein Schild vor die Treppe: "Der Pool ist wegen Reinigung geschlossen." Aus einem weißen Eimer schüttet er mit einem Plastikschäufelchen weißes Pulver in das blaue Wasser: Schwarz raus, Weiß rein!


Im Outback ist ein Hotel stets auch eine öffentliche Institution: Es beherbergt die überlebenswichtige Public Bar. Das Kimberley Hotel in Hall Creek verfügt sogar über zwei solcher Einrichtungen. Die Pool Bar ist für die Hotelgäste und die weißen Bürger des Ortes gedacht. Die Rezeption dient als vorgeschalteter Filter. Unten im Keller, mit separatem Eingang, hat man die Animal Bar untergebracht – für den Rest der Gemeinde, mittellose Goldsucher und Aborigines. Anscheinend diente sie früher einmal als Schule; denn eine zersplitterte grüne Tafel hängt an der Stirnseite, vor der nun die Band ihre Verstärker aufbaut. Außer zwei vergammelten Billardtischen gibt es keine Möbel. Die Gäste sitzen auf den Fensterbänken oder auf dem verdreckten Betonboden.

Am späten Nachmittag kreischt eine E-Gitarre über das Hotelgelände, gefolgt von brummelnden Baßsoli und einem Trommelwirbel. Für einige Sekunden wird es still - und dann kommt der Blues über Halls Creek. Drink more drinks! lautet der Refrain des ersten Songs. In der fensterlosen Halle wiegen sich an die 100 Schwarze und eine Handvoll Weiße im getragenen Rhythmus der Duck Corbett Brown Sugar Band. Für Halls Creek ist dieses Konzert eine mittlere Sensation, für das Hotel ist es eine Veranstaltung ohne finanzielles Risiko: Als Gegenleistung für ihren Auftritt in der Animal Bar dürfen die Musiker aus Perth kostenlos nächtigen. Ein echter Outback-Deal.

Neugierige strömen herein und belagern die Bar, die sich blitzschnell durch Rollgitter sichern läßt. Momentan sind die Betreiber im Dauerstress. Unmengen von Dosenbier im Sixpack wandern über den Tresen. Drink more drinks: Schwarz und Weiß knallen sich heute die Birne zu, je schneller, desto besser. Und die Band heizt die Stimmung mächtig an. Bei Down under, einem Song der legendären Men at Work, grölt die ganze Gemeinde den Refrain mit: I come from the land where beer does flow and men chunder. "Ich komme aus dem Land, wo das Bier fließt und die Männer kotzen!" Mit Müh und Not habe ich für uns eine Cola und ein Red Back, ein etwas herberes australisches Bier, ergattert. Wir haben sie noch nicht einmal geöffnet, da werden uns die Flaschen schon von angetrunkenen Gästen aus den Händen gerissen. Ein blonder Hüne lotst uns ziemlich resolut zum Ausgang. "Gleich wird‘s hier eng", erklärt er uns, "die Animal Bar ist berüchtigt für Schlägereien!" Tatsächlich - kaum sind wir draußen, splittert drinnen Glas. Wir laden Rod, unseren Retter, noch auf einen Drink in die Pool Bar ein, doch er lehnt dankend ab. "Sorry, ich morgen früh raus! Ich bin ein Prospektor." Rod ist Goldsucher, und wir fragen natürlich, ob wir mitdürfen. Er mustert uns eindringlich: "Habt Ihr einen Geländewagen?" Wir nicken. "Okay, morgen um sechs im Caravan Park!"

Morgenstund hat Gold im Mund? Mal sehen! Es ist kurz vor sechs und schon wieder - oder immer noch heiß. Der Caravan Park liegt direkt gegenüber vom Hotel. Ein Ortsteil für sich. Die weitläufige Anlage ist vorübergehende Heimat etlicher Australier, die mit ihren Wohnwagen durch das Outback ziehen. Vor einer Reihe orangefarbener Wohncontainer sitzen Männer mit breitkrempigen Hüten und verwegenen Gesichtern. Rod ist auch darunter. Fast alle sind jung. Alle suchen nach Gold.

Die lang anhaltende Rezession, gefolgt von einer gewaltigen Arbeitslosigkeit, zwang viele Australier zur Mobilität, zum Tingeln über den Kontinent - immer auf der Suche nach einem Job. Viele zieht es dabei in die alten Goldgräber-Gegenden. Für 80 Dollar die Woche hausen sie in Wohncontainern. Gerade eine Pritsche und ein Metallspind passen in die zwölf Quadratmeter ohne Fenster und Aircondition. Aber die karge, ausgemergelte Landschaft um Halls Creek fasziniert die jungen Männer. Überall, an jeder Ecke, unter jedem Stein könnte noch ein Klümpchen Gold liegen, ein Nugget - die Lösung für fast alle Probleme.

Die Goldgräber sind ein Haufen von eingeschworenen Individualisten. Jeder Digger hat seine Geheimnisse, seine Geschichten. Um alle schwebt die Aura möglichen Reichtums. Dennoch blüht den meisten die permanente Niederlage. Rod stellt uns seinen Partner John vor. Die blauen, wässrigen Augen in dem kauzigen Gesicht des alten Mannes fixieren uns unerbittlich. Aber seine Stimme ist sanft und freundlich. Wenn er redet, schweigen seine jungen Kollegen. Ist es dieser alles durchdringende Blick, der ihm so viel Einfluss verleiht? Erst als Rod ihn zu unserem Auto führt, begreife ich, daß John blind ist. Nur wenige Dinge benötigen wir zum Goldsuchen: ein paar Schaufeln, eine Spitzhacke und ein Gerät, das aussieht wie ein Handstaubsauger mit einer Tellermine - die Metallsonde. Wir rumpeln los Richtung Süden, vorbei am verlassenen Old Halls Creek durch eine von der Sonne ausgedörrte Hügellandschaft. Zeit zum Erzählen: Bevor Rod auf Goldsuche ging, war er Grundschullehrer in einer Aboriginal-Siedlung; ein harter Job und zudem schlecht bezahlt.
Er hängte den Lehrerberuf an den Nagel und zog von einem Gelegenheitsjob zum nächsten - bis er auf den blinden John traf. Der Alte ist ein erfahrener Digger, hat sein Lebtag nichts anderes getan, als nach Gold zu graben, obwohl ihn eine nicht behandelte Infektion das Augenlicht kostete. Nun arbeiten die beiden in einer Art Notgemeinschaft zusammen Der eine kann sehen und hat jugendliche Kraft, der andere bringt Erfahrung mit, kennt alle Kniffe des Gewerbes. In der Nähe einer verlassenen Mine beginnen wir unsere Suche. Rostige Maschinenteile und verrottetes Werkzeug versetzen die Sonde in eine Piep-Orgie. Unbeirrt und mühelos bewegt sich der blinde John durch das unzugängliche Gelände. Er stochert in der harten Erde, schlägt gegen Felsbrocken und riecht an Steinsplittern. In einem ausgetrockneten Flussbett wird der Alte unruhig und gibt Rod hektische Anweisungen. Plötzlich jault der "Handstaubsauger" auf. Wir rennen alle zu der Stelle, an der Rod wie angewurzelt steht. Der Alte kniet nieder, und seine Hände betasten prüfend den Boden, während seine blinden blauen Augen in die Sonne stieren. Er steht auf, schüttelt den Kopf und will woanders weitersuchen. Wir aber nicht! Wir hacken buddeln und schaufeln. Der Schweiß läuft an uns herunter - wir sind im Goldfieber. John sitzt gemütlich im Schatten. Wir stehen schon bis zu den Knien im Loch, als der Spaten tatsächlich auf Metall stößt. Mit bloßen Fingern kratzen wir das Ding aus dem Boden. Rod bekommt es als erster zufassen und reißt es hoch: Wir haben ein Hufeisen gefunden, einen horseshoe ...


Um zwei Freunde und besagtes Hufeisen reicher verlassen wir Halls Creek Richtung Norden. 40 Kilometer vor dem Hafen Wyndham wechseln wir vom Highway auf die berühmt-berüchtigte Gibb River Road, die alte Viehtreiberstrecke durch die Kimberleys. Nach zwei Stunden über Stock und Stein erreichen wir die EL Questro Station. Die weiträumige Ranch liegt in einer wilden Landschaft mit verwegenen Tälern und dramatischen Schluchten, in denen tief unten grünblaues Wasser schimmert. Auf einer Anhöhe thront das piekfeine Herrschaftshaus, die Homestead, mit Bibliothek und Kaminraum, umgeben von einer englischen Gartenlandschaft mit mosaikverziertem Pool, auf dessen dunkelblauem Grund lautlos die Reinigungsmaschine entlang kriecht. Die Homestead ist eine Luxusabsteige für Jetset-Touristen; für 400 Dollar pro Nacht werden hier von dienstbaren Geistern den Gästen die Gourmet-Häppchen vorgelegt. Wir verlassen uns auf unsere Himbeerjoghurts und Schokoriegel im Esky und nehmen mit einem einfachen Bungalow unten auf der Station vorlieb. Vor unserer Tür ziehen grasende Rinder und Pferde vorbei. Unten am Bach können wir in einer Gumpe baden - Süßwasserkrokodile beißen angeblich selten.

Am nächsten Morgen erleben wir Natur pur. Mit einem leichten Aluboot samt flüsterleisem Elektromotor schweben wir durch die Chamberlain-Schlucht, überraschen seltene Reiher und sehen die gelben Augen einiger Crocs direkt über der Wasseroberfläche. Urzeitliche Felsformationen verengen den Canyon, und wir müssen zu Fuß weiter. Unter einem Felsvorsprung entdecken wir Höhlenmalereien: Wandjinas, seltsam geisterhafte Wesen ohne Mund und Ohren. Unter diesen stummen Zeugen der Aboriginal-Kultur genießen wir den Frieden dieses Ortes fern jeder heutigen Zivilisation.

An der Tür unseres Bungalows erwartet uns ein Zettel: "Bitte kommt gegen Mittag auf die Veranda zum Lunch und zum Melbourne Cup very Australian!". Was für uns ein ganz normaler Dienstag im November ist, ist für die Australier ein inoffizieller Nationalfeiertag, vergleichbar höchstens mit einem Fußball-WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung. Auf der schattigen Veranda läuft ein Fernsehgerät. Im Halbkreis sind davor Tische und Stühle aufgebaut, und so langsam versammeln sich hier alle Mitglieder der Ranch. Der Küchenchef karrt haufenweise leckere Häppchen herbei. Aus einer mächtigen Kühlbox ragen zwischen blinkenden Aludosen die grünen Hälse der Sektflaschen. Plötzlich geht‘s los. Die Reporterstimme überschlägt sich, die Veranda tobt - und nach 187 Sekunden ist alles schon wieder vorbei. Ein Außenseiterpferd aus Irland hat gewonnen. Sein Besitzer ist um 2 035 000 Dollar reicher. Lange Gesichter auf der Veranda. Bierdosen zischen.

Schließlich knallen Sektkorken. Die Mienen heitern sich auf. Die Flimmerkiste wird ausgeschaltet. Countrymusic erklingt. Alle singen mit. Pete, der Traktorfahrer, erscheint mit einem Stapel LPs und zwei Mikrophonen. Sofort steigt die Stimmung. Die Langspielplatten entpuppen sich als große Silberlinge, als Laser-Discs. Auch auf El Questro hat das beliebteste australische Unterhaltungsspiel Einzug gehalten: Karaoke, der in Japan erfundene Mitsing-Masochismus.
Bei Wind of Change von den Scorpions reißen sich alle um die Mikros; sogar das leidgeprüfte Mienenspiel von Sänger Klaus Meine wird imitiert. "Die kommen aus meiner Stadt. Die Scorps sind aus Hannover!", erkläre ich meinem Nachbarn. Er fragt erstaunt: You‘re from USA?! No, No, beteuere ich, I‘m a German - and the Skorpions also! Mein Nachbar schaut mich an, als wäre ich nicht ganz dicht und summt weiter. Wind of Change ...


Kununurra - "wo sich alle Wasser treffen". Der seltsame Ortsname stammt aus der Sprache der Aboriginals. Kununurra wurde als Basisstation für ein gigantisches Bewässerungsprojekt gegründet, unterhalb vom Lake Argyle, einem der größten Stauseen der Erde. Aber noch liegen 50 Kilometer vor uns. Und trotzdem haben wir schon - wenn auch nur einseitigen - Kontakt zu einem Menschen in Kununurra: Im Autoradio plaudert Junior, ein DJ von Radio Waringarri. Zwischen Yellow Submarine und Sex Machine verbreitet Junior Neuigkeiten aus den Kimberleys, warnt vor Waldbränden und Krokodilen. Was erwartet uns in Kununurra?

Die junge Kleinstadt am Stausee erscheint uns wie eine grüne Oase am Rande der Great Sandy Desert. In einem modernen Pavillon hat die Aboriginal-Gemeinde von Kununurra ihr selbstverwaltetes Zentrum mit Schulen und Workshops zur Pflege der traditionellen Kultur.
Wir fahren durch endlose Felder, an den sich rechtwinklig kreuzenden Kanälen entlang: rechts gelbe Honigmelonen, links grüngraue Netzmelonen. Und wieder hören wir aus dem Autoradio die Stimme von Junior. Er erzählt gerade, daß Paul Simon heute Geburtstag hat. Wie mag Junior aussehen? Radio Waringarri mit seinem hohen Sendemast ist nicht schwer zu finden. Nur eines von fünf Studios in dem langen grauen Container ist besetzt. Durch die getönte Glasscheibe erkennen wir einen untersetzten Mann. Das er sein. Wir winken verhalten. Zu unserer Überraschung winkt Junior uns zu sich hinein. Auf zwei Hockern sitzen wir dem jungen Aborigine gegenüber und beobachten ihn bei der Arbeit. Musik wird ausgeblendet; Junior drückt einen Knopf: Der Anti-Alkohol-Trailer ertönt.

Vor zehn Jahren begann die Aborigine-Gemeinde in Kununurra mit diesem Radioprojekt. Man sendete als Selbsthilfeorganisation aus einem Wohnwagen, um sich für die Angelegenheiten der Ureinwohner stark zu machen. Mit administrativer und technischer Hilfe des staatlichen Senders ABC bedient Radio Waringarri heute alle Bewohner der östlichen Kimberleys. Der Aboriginal-Sender ist längst zur verbindenden Institution zwischen Weißen und Ureinwohnern geworden. Die Gratwanderung zwischen Steinzeit und Moderne scheint hier einmal gelungen.
Kurz hinter Kununurra spielt Junior "On the road again". Wir passieren gerade die Grenze zum Bundesstaat Nordaustralien, in dem es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt und die Uhren schon anderthalb Stunden weiter sind. Bis nach Darwin, unserem letzten Ziel, sind es noch 800 Kilometer. Je weiter wir nach Norden kommen, um so mehr verwandelt sich die Vegetation in einen Dschungel.


Endlich am Top End: Darwin ist die nördlichste Stadt des fünften Kontinents. Tropisches Klima hat auch die Hauptstadt des unterentwickelten Bundesstaates im Schwitzkasten. Vor allem jüngere Leute trotzen dieser Natursauna, während sich viele Ältere mit Beginn des Rentenalters in den moderateren Südosten Australiens absetzen. Das Durchschnittsalter liegt in Darwin deshalb unter 25 Jahren. Die 70 000 Einwohner: ein Ethno-Mix aus 50 Nationalitäten.

Es ist noch hell, als wir die Vororte passieren. Über den Stuart Highway rauschen wir direkt in die City, und ehe wir uns versehen, sind wir an der Hafenpromenade gelandet. Die Innenstadt ist nicht viel mehr als ein schmales Band von rechtwinkelig angelegten Straßen auf einer Halbinsel. Nur vereinzelt ragen einige höhere Gebäude aus der tropisch dichten Vegetation. Darwin hat keine imposante Skyline. Wichtigster Grund: Wirbelstürme, die hin und wieder über die Timorsee herangefegt kommen. Am 25. Dezember 1974 zerstörte Tracy die meisten Gebäude der Stadt.

Es ist Freitagabend - und in Darwin ist die Hölle los. Alle Hotels sind bis auf das letzte Bett ausgebucht. Zwei Großereignisse stehen bevor: Tina Turner wird heute im Stadion den Darwinites mächtig einheizen. Am Sonntag beginnt hier das große internationale Solar-Rennen. Futuristische Hightech-Flitzer werden von Darwin bis nach Adelaide rasen, zum südlichsten Ende des Kontinents - 4500 Kilometer durchs Outback.

Es ist Freitagabend und das bedeutet Dauerstress für die Angestellten der vielen Spezialitätenrestaurants. Jeder Stuhl wird hart umkämpft. Bei Guiseppe, einem Italiener, ergattern wir den letzten freien Tisch. Endlich ist es soweit: Spaghetti al Pesto und Insalata Feta Eggplant. Als ich den jungen Kellner frage, was der griechische Feta in der italienischen Küche verloren habe, macht er auf dem Absatz kehrt und kommt mit einem älteren Herrn wieder. Ich wollte mich nicht beschweren - der Käse ist vorzüglich. Der Chef des Hauses nuschelt etwas von mediterraner Küche. "Dad, warum stehst Du nicht dazu, daß Du ein Grieche bist?", fragt der Kellner den Papa. Mittlerweile ist auch die Chefin herbeigeeilt: ovales Gesicht, kleine Nase, Mandelaugen - auch nicht gerade eine italienische Mama. Japanerin ist Mrs. Guiseppe, und ihr Sohn stammt aus der ersten Ehe mit einem Holländer. Damit nicht genug: Garry, der zweite Kellner, kommt aus Südafrika und hört auf den fremdländischen Familiennamen Mueller. Der Koch ist ein "Kiwi", ein Neuseeländer, und sein Küchengehilfe kam vor fünf Jahren aus Bangladesch. Darauf müssen wir mit Georgos, dem griechischen Chef, Grappa trinken. Auf der Toilette des "italienischen" Restaurants entdecke ich wenig später Wittgenstein - als Klospruch: The world is all that is the matter. "Die Welt ist alles, was der Fall ist." The world hat jemand dick durchgestrichen und in krakeligen Druckbuchstaben AUSTRALIA darübergeschrieben.

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Kimberley-Reportage

No shoes, no entry.

Die Reise fand im Spätherbst 1993 statt und die Geschichte erschien in dem GLOBO Sonderheft Australien/Neuseeland 1994.

Endlich fühlten wir uns frei. Frei von den verpflichtenden Annehmlichkeiten einer durchorganisierten Pressereise (siehe "Australien / Bushwalk 1993”). Jetzt waren wir nur noch zu dritt: der Toyota Landcruiser, ein Fotograf und ich. Vor uns 3.000 Kilometer Outback, das Never-Never, wie es die Australier nennen. Das westaustralische Broome war der Ausgangspunkt und Darwin, das nördlichste Top End des Kontinents, unser Ziel. Von B nach D. Unsere Themen und die Geschichten, die sich entwickeln sollten, lagen irgendwo dazwischen, auf der Straße - auf dem Great Northern Highway, dem australischen Highway No. 1.

Es war mein erster Job mit dem Fotografen Bernd Ritschel - einem engagierten und athletischen Bergfotografen - inmitten des flachsten Erdteils. Wir fuhren drauf los, und am ersten Tag hielten wir oft an, damit Bernd die unendliche Leere eines roten Nichts mit tiefgestaffelten Termitenbauten und gespenstigen Ghostgum-Bäumen aufnehmen konnte. Jede Stunde hatte ihr besonderes Licht, ihre Nuancen und Farbspiele. Am zweiten Tag wurden die Photostopps seltener, und am dritten fuhren wir durch. Wir waren angekommen - im Never-Never. Uns erwarteten trostlose Orte mit schäbiger Infrastruktur und halbwegs klimatisierten Motelräumen, in die man sich mit Schaumstoff ummantelten eiskalten Bierdosen zurückziehen konnte. Konnten wir aber nicht. Wir hatten einen Job. Deshalb gingen wir dahin, wo sich die wenigen Menschen trafen: in die staubigen Pubs. Wir lernten die grüne "ViBi”-Dose ("Victorian Bitter") zu verachten, tranken "RedBack” aus Flaschen und spielten Billard - jeden Abend besser. Längst hatte sich der feine rote Staub all unserer Körperfalten und Bernds Objektivgewinden bemächtigt. Es gehörte irgendwie dazu. Kaum, dass wir es merkten, hatte ich die Perspektive gewechselt. Wir waren irgendwie nicht mehr die Ton angebenden Akteure. Wir waren Teil eines immanenten Road-Movies geworden. Plötzlich waren sie da - die Menschen mit ihren Geschichten. Wir verließen den Highway No. 1, um auf den abenteuerlichsten Pisten bewegenden Schicksalen nachzugehen. Dummerweise lagen viele dieser Geschichten außerhalb des Genres des Reisejournalismus, wie die der "Duck Corbett Brown Sugar Band”. Fast zwangsläufig trafen wir auf die Musiker. Sie tingelten von Perth in Richtung Darwin - immer auf dem Highway No. 1. Wir mussten uns treffen - das war unser gemeinsames Schicksal. Ich freundete mich mit Paul, dem Bandleader, an. Ihr Abschlusskonzert der Tournee sollte in einer Sporthalle in einem Außenbezirk von Darwin stattfinden. Ich versprach, da zu sein. Und ich war da. Paul strahlte über sein ganzes rundes Aborigines-Gesicht. Doch die Ordner verweigerten mir den Eintritt. Auch Backstage. Ich hatte einen entscheidenden Fehler begangen - ich hatte sozusagen die Demarkationslinie des australischen Apartheidsystems verletzt: Ich war in Sandalen, in meinen teuren Reebok-Trekking-Sandalen erschienen. No shoes, no entry.

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