Die Sache mit den Paradiesen

Erinnerungen aus der Zukunft:(Mykonos-Tinos-Reportage)

Postkartenbilder lügen nicht! Kein Filter, keine elektronische Bildverarbeitung kann dieses phantastische Zwielicht zwischen Dämmern und Dunkeln hervorbringen. Das Licht der ägäischen Inselwelt hat um diese Stunde etwas Körperhaftes. Für einige Augenblicke berührt es die Welt, lässt die Farben erglühen und berührt Mensch und Tier wie ein paradiesischer Zauber. Dann versinken die Kykladen im grauen Blau der Dämmerung, und plötzlich ist es tintenschwarze Nacht. Draußen erstrahlen die Lichterketten der Luxusliner. Wie beleuchtete Krokodile liegen sie vorm Hafen von Mykonos und belauern den Müßiggang im Gassengewirr. Um diese frühe Abendstunde wirkt das gewürfelte Drunter und Drüber der Kykladenarchitektur wie ein friedvolles, beschauliches Inselmotiv - wäre da nicht der Wind, dieser Meltemi, der einem die Luft zum Atmen nimmt und den Staub in die Augen bläst.

Auf Postkarten fegt kein Meltemi Stühle und Tische um. Da heult der Sturm nicht um kubische Häuser, da klappern nicht 1000 Fensterläden um die Wette. Bilder lügen nicht? Dieser Wind! Ich bin erst wenige Stunden auf Mykonos und habe schon eine Kontaktlinse verloren. Es ist unangenehm, wenn sich Staubkörner zwischen die Netzhaut und die Linse schieben. Das Auge brennt, die Tränen fließen, das Ding muss raus! In einem windgeschützten Türeingang wird die Haftschale schnell aus dem Auge gepreßt, im Mund gereinigt und auf dem ausgestreckten Zeigefinger plaziert, um sie rasch wieder ... Ffschhh, ein Windstoß fegt um die Ecke, das Plastikschälchen vom Finger durch die zugigen Gassen von Mykonos. Was gilt der Einäugige unter den Sehenden?

Und in Mykonos gibt‘s was zu sehen! Kein ägäisches Klischee wurde so kultiviert, millionenfach reproduziert wie die Sehenswürdigkeiten dieser Kykladeninsel: Klein-Venedig, die pittoreske Häuserzeile am Wasser, die Windmühlen, die verschachtelte Tonnenarchitektur der Paraportiani-Kirche. Mykonos scheint diesem inszenierten Klischee selbst auf den Leim gegangen zu sein. Als sei es seine eigene Self-Fulfilling-Prophecy, zieht es jährlich abertausende von Touristen an. Hier lässt sich der Erfolg mit den drei berühmten "s" beschreiben: "sun, sea, sex". Vor allem das letzte "s" lässt die Massen strömen, verspricht es doch Tabu freies Strandleben: Mykonos hat dafür seinen "Paradise Beach", und wem es da noch nicht genügend zur Sache geht, der lässt sich zum "Super Paradise" fahren. Natürlich bietet diese paradiesische Insel auch ein erotisches Nachtleben. Ob Hetero oder Homo - jedes Töpfchen findet in den heißen Nächten von Mykonos sein Deckelchen.

Wie es der Teufel will, entkomme ich mit meiner halbierten Sehkraft dem Fegefeuer der Eitelkeiten und lande bei den sieben Sünden, in der 7 Sins Bar. Eine glückliche Fügung. Die Bar ist nicht nur eine der ältesten und traditionsreichsten im bewegten Nachtleben der Insel, sie ist nach wie vor aufregend! Weit nach Mitternacht steigt der Stimmungspegel in dem urigen Kellerraum. Die gertenschlanke Monica aus dem tasmanischen Launceston hat dann alle Mühe, mit ihrem Getränketablett unbeschadet durch das Menschenknäuel zu kommen. James Brown heizt mit seiner "Sex machine" den Schwulen- und Lesbenpärchen auf der improvisierten Minitanzfläche ein. Barfrau Tina schreckt die erhitzten Gäste mit einer knallgrünen Spritzpistole. Ich klammere mich an den Barhocker und freue mich über jeden Windhauch, den der Ventilator hinter der Theke in den Kneipenmief bläst. Antonio hat wohl eine Endlosversion der Sexmaschine aufgelegt. Der polyglotte Wirt kommt in Fahrt und tanzt mit ausladenden Bewegungen hinter dem Tresen, dass die Aschenbecher und Teller nur so fliegen.

Mein breitschultriger Nachbar, ein Mensch mit langen Haaren auf dem mächtigen Schädel, lässt "Sex machine" unbeeindruckt über sich ergehen. Seine dunklen Augen blicken teilnahmslos auf das Gewusel. Er heißt Mimi. Mimi ist der Kosename von Agamemnon. Mimi ist Zypriot und auf der Insel tätig, wie er vieldeutig sagt. Nach einer halben Stunde Schweigen eröffnet er mir in einem genuschelten Halbsatz, dass er so etwas wie ein Fischer sei. Seine haarige Pranke macht dabei eine unbeholfene Wellenbewegung. Ich solle übermorgen früh gegen zehn in Agios Ioannis sein - dann würde ich schon sehen. Sprach‘s und war verschwunden. Tina schiebt mir noch einen Ouzo herüber - von Mimi. Ein Wölkchen fegt wie ein verirrtes Schaf über den blanken Himmel. Weiße Schaumkronen überziehen das bewegte Meer. Dank einer Ersatzlinse sehe ich die griechische Inselwelt wieder klar und zweiseitig. Noch bevor wir das Hotel verlassen, setzte ich eine Sonnenbrille auf, draußen wirbelt der Meltemi wieder Staubkörner durch die Gegend. Ich bummele mit dem Fotografen Markus durch die verwaisten Gassen von Mykonos. Die Müllabfuhr beseitigt die Kampfspuren der letzten Nacht. Immer aufs Neue fegen Windstöße durch die Kehrichthaufen, jagen scheppernde Bierdosen über das Pflaster, wirbeln Zigarettenkippen oder gebrauchte Kondome um die Häuserecken. Aber das Idyll muss gepflegt und für die täglichen Besucher wieder hergerichtet werden.

Caroline ist auch schon da. Mit ihrer alten Hündin sitzt die Malerin aus Boston auf ihrem Stammplatz in der Matojanni-Straße und wartet auf frühe Kundschaft. Als Kopfbedeckung dient ihr stets eines ihrer Gemälde. Schon seit über 20 Jahren malt Caroline in den Gassen von Mykonos. Ihr Stil – dekorativ und naiv – hat sich seit 20 Jahren nicht geändert.
Für die Insel gilt das nicht. "What you get isn‘t what you see!", erläutert sie ihre Inselphilosophie. Frei übersetzt: Trau deinen Augen nicht! Sie zeigt auf Häuserfassaden, verwinkelte Treppen, grazile Holzbalkone im typischen, verschachtelten Kykladenstil. "True lies!". Alles "Alte" sei neu. Jeder Quadratmeter sei hier umgebaut worden, angepaßt an die wachsenden touristischen Bedürfnisse: Pensionen, Bars, Geschäfte. Caroline nimmt ihren Sonnenschutz vom Kopf und deutet auf das farbige Gewürfel ihres Gemäldes. Das sei das Original, und so habe sie es auch in ihrer Erinnerung für alle Zeiten gespeichert.

Die Sonne steht schon hoch und wirft harte, schmale Schatten in die Gassen. Der Ort belebt sich. Verkaterte Gestalten mit bleichen Gesichtern wanken in die Cafés. Hinter dem Hafen, in Klein-Venedig, entsteht Unruhe. Ein Menschenpulk bewegt sich scheinbar unkontrolliert, wogt mal hier hin, mal dort hin - um einen unsichtbaren Mittelpunkt herum. Es sind japanische Touristen. Alle halten etwas in den Händen, jeder fotografiert oder dreht ein Video - alle vervielfältigen die Welt. Nein, es ist nicht die Welt. Es ist seine Majestät Petros 11., das Maskottchen von Mykonos. Der bonbonfarbene Pelikan bahnt sich mißmutig seinen Weg durch die Menge. Ein komischer Vogel. Die Flügel leicht gespreizt, hält er sich die aufdringlichen Untertanen vom Gefieder. Direkt vor uns biegt er in einen Souvenirshop ein - wir hinterher. Der Gesichtsausdruck der Verkäuferin ist eindeutig: Bitte nicht schon wieder! Petros legt seinen Kopf schief, als würden seine glasigen Plastikaugen etwas ganz Bestimmtes fixieren. Blitzschnell attackiert er mit seinem langen, geschwungenen Schnabel einen Korb mit Plüschpelikanen, bis er mit einem Besen sanft, aber deutlich des Ladens verwiesen wird. Haben seine Majestät Petros 11. etwa Probleme mit der Durchsetzung seines Copyrights?

"Man träumt viel vom Paradies oder vielmehr von zahlreichen, wechselnden Paradiesen. Doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde." Marcel Proust war nie im Super Paradise; Markus und ich lassen uns diese Gelegenheit nicht entgehen und mieten ein Auto. Aber schon nach zehn Minuten fühlen wir uns verloren; wir stehen im Stau. Es ist früher Nachmittag, und alle wollen ins Paradies. Diese elysischen Gefilde werden uns nicht so schnell verlorengehen. Wir drehen und folgen der Inselhauptstraße in Richtung Ano Mera, dem einzigen Dorf der Insel. Das Hinterland von Mykonos-Stadt ist eine ausgedehnte Streusiedlung, verbaut und ohne Gesicht. Hier stehen die Rückzugsreviere der Einheimischen, die ihrem selbstproduzierten und gewinnbringenden Rummel entfliehen. Das Hinterland ist kein Postkartenidyll - aber ruhig. Die Menschen von Mykonos haben sich mit der "weißen Industrie" arrangiert; die höchste Millionärsdichte der griechischen Inselwelt lässt das vermuten. Der Garten Eden könnte perfekt sein, wären da nicht die ungeklärten Abwässer und die halbwilde Müllhalde mitten auf der Insel, auf der Millionen von Plastikwasserflaschen langsam vor sich hin kokeln.

Auf Umwegen gelangen wir dann doch zum Super Paradise. Der ausgedehnte Parkplatz ist hoffnungslos überfüllt. Ein dumpfer Rhythmus liegt über der abgelegenen Bucht, die durch eine Sichtschutzmauer abgeschirmt wird. Nur durch einen schmalen Einlass gelangt man in den heiligen Gral. Im Paradies ist die Hölle los. Der DJ steht auf Techno und heizt mächtig ein. Verschwitzte Körper müssen sich auf engstem Raum der Konkurrenz stellen: tanzen, cool bleiben, sitzt der String vom Tanga noch an der richtigen Stelle? Die gnadenlose Selbstdarstellung macht durstig. Gelbes Corona-Bier leuchtet im Gegenlicht wie pures Gold in Flaschen. Wir mogeln uns an den schwitzenden Tänzern vorbei und finden sogar ein schattiges Plätzchen im Hintergrund. Der ganze Strand swingt. Es liegt etwas Sinnliches, Erotisches in der Luft. Eros bedeutet "der Gliederlösende". Bum, bum, bum, bum. Jetzt beginnt die Stunde der Shows, der gewagten Selbstdarstellungen. Die Tanzbewegungen werden aufreizender; Hüllen, die fallen könnten, sind kaum mehr vorhanden. Als Markus sich mit seinen Kameras aufmacht, sind die Akteure am Strand wie elektrisiert. Die Party nähert sich ihrem ersten Höhepunkt.

Ein griechisches Pärchen fordert ihn auf, sie beim "Blow-Job" zu verewigen. Das können Marion und Holger aus dem Schwäbischen auch. Fellatio ergo sum. "Hier geht die Poscht ab!" Holger ist in seinem Element. Für welches "Blättle" wir hier fotografieren, möchte er noch wissen, bevor er loslegt. "Für GLOBO? GLOBO hätt‘ ich aber für seriöser gehalten!"


Ein strahlender Augustmorgen - wie aus dem Bilderbuch. Der Meltemi hat sich in schieres Wohlgefallen aufgelöst. Die Ägäis ist zu einer türkisenen Götterspeise erstarrt. In Agios Ioannis wartet Mimi neben seinem gelben Speedboat auf uns, eine Eigenkonstruktion, wie er beiläufig bemerkt. Bis zur Hüfte steckt er in einem schwarzen Neopren-Anzug, sein sonnenverbrannter Oberkörper reflektiert das Morgenlicht. Sein Freund und Schicksalsgenosse Christos - ebenfalls Zypriot - verstaut die messerscharfen Harpunen unter Deck. Christos ist Bildhauer und betreibt mit seiner chilenischen Frau Pilar in Agios Ioannis eine Taverne. Wenn der Meltemi das Meer aufwühlt und in der Taverne nichts los ist, liest Christos in einem alten, zerfledderten Buch: "Introduction in Zen-Budism". Für Christos ist das Buch keine Bibel, keine Ideologie. Es ist wie eine Bestätigung, eine zufällige Ergänzung seiner bescheidenen Sanftmut.

Mimi zeigt uns, was in seinem Speedboat drinsteckt. Der gelbe Flitzer jagt über das Wasser und hinterlässt eine weiß sprudelnde Linie im Meer. Rechts fliegt die steinige Küstenlinie von Delos vorbei. Hinter dem letzten Landzipfel dreht Mimi nach Westen ab und hält auf das unbewohnte Rinia zu. Wir ankern in einer einsamen Bucht. Vom verwilderten Sandstrand flüchtet eine Ziegenherde über den struppigen Hügel. Mimi und Christos verwandeln sich in schwarze Taucher, behängen sich mit Netzen und präparieren ihre Harpunen. Beide tauchen ab, und wir verfolgen noch eine Weile die leuchtend roten Ringe auf ihren Schnorcheln im klaren Wasser.

Es ist still auf der "Wachtelinsel". Die Ruhe wird nur manchmal durch ein fernes Gemecker unterbrochen. Wir baden, dösen. Zeit? Auf Rinia gibt es keine Zeit - nur Ziegen. Irgendwann nähern sich wieder zwei Schnorchel der Bucht, und unsere Freunde tauchen prustend auf. Reiche Beute schleppen sie in ihren Netzen an Land. Muränen, allerlei Fische, Muscheln, Seeigel, sich windende Tintenfische. Genüsslich zieht Mimi an einer Zigarette. Seine Augen glänzen. Auf einem Felsen schlägt Christos die Tintenfische weich. Klatsch, klatsch, klatsch. Und lacht dabei. Mimi hat seit einer Weile den Horizont im Auge. Er drängt zum Aufbruch. Als wir aus der geborgenen Bucht herausschießen, wissen wir warum. Der Meltemi ist wieder da und fegt von Tinos heran. Bevor wir den Kampf mit den Wellen aufnehmen, wird alles an Bord festgebunden. Die wertvolle Fototasche verschwindet in einer kleinen Luke unter Deck. Mimi schaut noch mal prüfend in die Runde, nickt - und dann geht‘s los! Sein Paraglidingboat ist für eine ruhigere See konstruiert. Wie eine flache, unmanövrierbare Waschschüssel hüpft das Ding über die größer werdenden Wellenberge. Schon nach ein paar Minuten sind wir bis auf die Haut durchnäßt. Mimi steht aufrecht und hält sich am Ruder fest. Bei jeder Welle, die über Bord gespült wird, schreit er "Attention" und sein breites Grinsen kann die kindliche Freude am wilden Wellenritt nicht verhehlen. Festhalten. Augen zu. Mund zu und durch. Wusch!

Mimi hat den Kurs geändert. Das Wetter zwingt uns in den Kanal von Delos. Nun taucht die "Sterneninsel", die heilige Insel der Antike zur Rechten auf. Ein Vers aus ferner Schulzeit, die "Zeushymne" von Pindar kommt mir in den Sinn: "Delos nennen die Sterblichen dich. Doch im Olymp die Seligen sagen: Der blaue Erde weit leuchtend Gestirn." Wusch! Ich habe Mimis warnendes "Attention" überhört, schlucke eine Ladung Salzwasser und verliere den Halt, als das Boot in ein Wellental stürzt. Mit der linken Hand klammere ich mich an die Reling. Ich stürze geradewegs auf das Netz mit den schwarzglänzenden Seeigeln zu. Noch im Fallen entscheide ich mich für eine metallene Treppe - und knalle mit dem Steißbein auf die Stufen. In den ersten Sekunden merke ich nichts, als wäre ich auf ein Kissen gestürzt - aber dann!

Christos‘ Retsina hat eine leicht trübe Färbung. Der erste Schluck schmeckt fremd, hinterlässt einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Durch unsere Gläser schimmert die Abendsonne, die gerade hinter Delos versinkt und die Ägäis in flüssiges Gold verwandelt. Der Wind hat sich gelegt. Wir sitzen in Christos‘ Taverne und verputzen die Beute. Sitzen? Ich genieße die Petalides-Muscheln und den gegrillten Tintenfisch in kauernder Haltung. Christos‘ Retsina ist mehr als ein Wein. Er wirkt wie eine Medizin, er lindert den Schmerz, löst die Zungen und öffnet die Herzen. Christos‘ Wein ist ein scheuer Freund, dessen Qualitäten sich nur dem geduldigen Genießer eröffnen!


Tinos – das "Lourdes des Osten"

"Fremder Wanderer, der du deine Schritte auf diese dürre Erde der heiligen Insel gebracht hast", lese ich auf der Rückseite einer Inselkarte von Tinos, "in diesem heiligen Winkel der Ägäis erwartet dich eine reiche und verschwenderische Belohnung, ein Hafen des Friedens und des Glücks!" Das schmeckt nach mehr, nach wirklichem Paradies. Ich stehe in der geräumigen Cafeteria einer großen Inselfähre. Sitzen kann ich noch nicht. Der Wind fegt geradewegs von Tinos, der Geburtsinsel des Windgottes Aeolos, heran und peitscht die Wellen hoch. Hier drinnen, im mächtigen Kahn, ist kaum was davon zu spüren. Die Überfahrt von Mykonos zur Nachbarinsel Tinos dauert gerade mal 40 Minuten; das Tragflächenboot schafft die Distanz in einer Viertelstunde. So nah und doch so fern. Unterschiedlicher können zwei Inseln nicht sein. Hier der weltliche Sündenpfuhl, der Himmel auf Erden - dort religiöse Erbauung, die Vision der glücklichen Ewigkeit. Und beide versprechen das Paradies - jede Insel auf ihre Weise.

Mehr als eine halbe Million Pilger besuchen jährlich Tinos, das "Lourdes des Osten", die "Heilige Insel der griechisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft". Begonnen hat alles mit einer Vision. 1822 hatte die Nonne Pelagia vom Kloster Kechrovounio einen Traum, der zur Auffindung der tinischen Verkündigungsikone führte. Die griechisch-orthodoxe Kirche gründete ihre neue Identität auf dieses Ereignis.

Steht auf den Inselbussen der Nachbarinsel "Paradise" oder "Super Paradise", findet man auf den grün-beigen Gefährten in Tinos ein kurzes "Moni" - hier führen alle Wege ins Kloster. Tinos-Stadt hat sich komplett auf den Pilger-Tourismus eingestellt. Die breite Prozessionsstraße führt direkt vom Hafen schnurgerade den Hügel hinauf zur dominierenden Wallfahrtskirche Panagia Evangelistria; eine gelungene Erlebnisarchiketur mit temporärem Erlösungscharakter. Ein Pilgerstrom bewegt sich stetig bergan. Dazwischen ältere Frauen, die auf blutenden Knien zur Megalochoris hinauf rutschen.

Wie jeder veritable Wallfahrtsort bietet auch Tinos nach der religiösen Entäußerung genügend Raum zur leiblichen Regeneration. Parallel zur Prozessionsstraße führt die Basargasse hinunter, durch das Reich der Sinne. Hier blüht der Devotionalienhandel – Kitsch und Souvenirs für die Gläubigen daheim. Neben Weihrauch, Kerzen und wundertätigen Amuletten kann man aber auch Praktisches erstehen: kratzige Schafwollpullover, handgeschnitzte und lasierte Hirtenstäbe und tinischen Honig - alles, was das geläuterte Pilgerherz erfreut.

Im Gegensatz zu Mykonos hat Tinos ein interessantes Hinterland mit malerischen Dörfern. Jeder der über 60 Orte hat seinen eigenen Charme. So haben sich in den Dörfern oberhalb der Inselhauptstadt viele Ausländer eingekauft. Vor allem das zauberhafte Triantaros ist fest in deutsch-schweizerischer Hand. Der Gourmet-Talker Alfred Biolek hat seit Jahren hier oben seinen vorbildlich restaurierten Sommersitz.

Die Siedlungen, die sich um die venezianische Feste Exombourgo schmiegen, haben weitgehend ihren bäuerlichen Charakter bewahrt. Sie liegen in den fruchtbarsten und wasserreichsten Tälern der Insel. Zwischen Koumaros und Komi spürt man nichts von der sprichwörtlichen Kargheit der Kykladen.

Das Bild ändert sich schnell, wenn man hinter Tarampados der Straße nach Norden folgt. Das Grün verschwindet, verwandelt sich in graubraun verdorrte Macchia. Man folgt der Küstenlinie durch eine stark abfallende Felslandschaft, passiert die Hangdörfer Kardiani und Isternia, die wie marmorweiße Schwalbennester über dem blauen Meer kleben.

Markus ist traurig darüber, dass wir das große "Marienspektakel" am 15. August verpaßt haben. An diesem Tag überfluten zigtausend hochmotivierte Pilger die Insel, und Tinos fällt in eine bigotte Massenhysterie. "Die Hölle in Dosen", kommentiert Heike dieses religiöse Ereignis. Die Architektin aus Mülheim hilft im Sommer ihrem Freund Dimitris beim Autoverleih. Markus wäre schon mit einem "Prozessiönchen" zufrieden. Heike weiß Rat: Am 29. August feiert das Dörfchen Komi sein Ioannis-Prodromos-Fest; Johannes dem Täufer ist die Dorfkirche geweiht.

Als 1207 die Republik Venedig die Herrschaft über Tinos übernahm, brachte sie auch den katholischen Glauben mit auf die Insel. Vor allem die Dörfer um die Exombourgo und Xinara, den Bischofssitz, wurden katholisch; ein Drittel der Einwohner ist es bis heute.

Wir sind früh unterwegs am 29. August. Die berühmten Taubenhäuser stehen wie Traumgebilde im Nebel. Wie zu klein geratene Märchenschlösser staffeln sie sich im Tal von Kampos und Loutra. Erste Sonnenstrahlen ergießen sich über das variantenreiche Formspiel der weißgekalkten Schiefersteintürme. Die Venezianer brachten Tiere mit auf die Insel. Mit ihren Brieftauben versuchten sie die Kommunikation zur fernen Lagune aufrechtzuerhalten. Die Venezianer wurden vertrieben, die Tauben blieben und landeten nun häufiger in den Kochtöpfen. Zarte Täubchen aus Tinos, eingelegt in Öl und Essig, waren im ganzen Vorderen Orient begehrt.

Es ist ein seltsames Gefühl, als ich die katholische Kirche von Komi betrete; sie unterscheidet sich deutlich von ihren griechisch-orthodoxen Schwestern, querschifflos, saalartig, wie eine schlichte Bauernkirche. Komi ist der größte Ort in der Exombourgo. Die festlich bekleideten Dörfler drängen sich in das Kirchenschiff, zum Hochamt mit Orgelmusik und Kirchenchor. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Nach dem feierlichen Gottesdienst versammelt sich die Gemeinde vor der Kirche. Die männliche Dorfjugend stellt ihre Fähigkeiten bei einem Läutwettbewerb unter Beweis, der von den älteren Semestern aufmerksam verfolgt wird. In kleinen Plastikbecherchen wird Ouzo gereicht. Dazu knabbert man getrocknete Kichererbsen und lutscht grüne und rote Bonbons - ein originelles und farbenfrohes Frühstück.

Ein großer, hagerer Mann mit blitzenden Augen kommt auf uns zu und stellt sich als Bürgermeister von Komi vor. Er lädt uns spontan zum Ioannis-Prodromos-Fest ein; wir sind Ehrengäste von Komi. Mittlerweile ist es kurz vor Mittag; Zeit zum Festessen.
Markus und ich werden kurzerhand getrennt; er wird dem rot gesichtigen Vorsitzenden des örtlichen Kulturvereins zugeordnet, und mich nimmt der Bürgermeister mit. Keine Widerrede!
Im Haus des Bürgermeisters herrscht schon reges Treiben. Zahlreiche Verwandte und Honoratioren tummeln sich im engen Wohnzimmer; unter großem Hallo werden wir begrüßt. Ich fühle mich wie ein Eindringling, möchte mich möglichst unauffällig verdrücken, danke dem Hausherrn für die Einladung und schiebe Arbeit und Termine vor. Keine Chance. Er platziert mich auf einem Sofa zwischen zwei kräftigen Männern. Ich versinke in dem abgewetzten Sitzmöbel; man schiebt mir ein Kissen unter, damit ich wenigstens über die Tischkante sehen kann. Ein Begrüßungs-Ouzo. Jamas! Zu meiner Rechten sitzt Jannis. Er fährt einen Lkw im Marmorbruch. Auf der anderen Seite lächelt mir Lefteris zu. Seines Zeichens Zuckerbäcker, ausgewandert nach Athen. Die Suppenschalen haben für uns drei die richtige Trinkhöhe. Avgalemono-Suppe, mit Milch, Ei und Zitrone gebunden.

"O παράδεισος είναι επάνω!"

Der Bürgermeister wacht persönlich über mein Wohlergehen. Die hagere, nun noch größere Gestalt schenkt unablässig Retsina nach, sucht für mich die leckersten Vorspeisen und schneidet mir ein extra großes Stück vom Lammbraten. Immer tiefer versinke ich in den weichen Kissen. Schon nach kurzer Zeit weiß ich nicht mehr, wie ich sitzen soll und lehne mich abwechselnd mal beim Lkw-Fahrer, mal beim Athener Konditor an. Mein Steißbein bringt mich um. Ich verfluche abwechselnd den Meltemi und Mimis Konstruktionskünste. Nach zwei Stunden, als ich mich eines zweiten Stückchens der Süßspeise Baklawa erwehrt habe, obwohl der ausgewiesene Fachmann Lefteris zu meiner Linken dazu geraten hat - nach zwei Stunden wird endlich der Mokka gereicht. Wir gehen zum "gemütlichen" Teil über: Jetzt wird geraucht und geredet. Nun hat man den Ehrengast aus dem fernen Germania gut gefüttert - nun soll er mal was erzählen. Wir pendeln uns zwischen Politik und Fußball ein, bevor wir zum griechischen Lieblingsthema, dem Geld, kommen: Was kostet wo wieviel! Als die Runde erfährt, dass ich gerade aus Mykonos komme, werden die Preise für Benzin, Retsina und diverse Speisen verglichen. Bei dem Wort Mykonos hat der Zuckerbäcker ein Grinsen im spitzbübischen Gesicht. Halblaut bemerkt er in die Herrenrunde, er habe da von merkwürdigen Dingen auf Mykonos gehört. Schelmisch pufft er mir in die Rippen. Als ich mich unwissend stelle, wird er genauer. Ob ich denn nicht - er spricht merklich überdeutlich und mit unüberhörbar anzüglichem Unterton - im P-A-R-A-D-I-S-O gewesen sei. Natürlich weiß ich, worauf Lefteris anspielt. Aber noch bevor ich antworten kann, mischt sich ein Greis mit rotunterlaufenen Äuglein, der bislang friedlich am Kopfende saß, in die Unterhaltung ein: "O παράδεισος είναι επάνω!", sagt er mit zitterndem Stimmchen und zeigt mit der Kuchengabel zur Zimmerdecke. Das Paradies sei da oben. Er muss es wissen!

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Mykonos-Tinos-Reportage

Schicksalsschläge: Gebrochenes Steißbein und GLOBO wird eingestellt

Die Reportage wurde im August 1995 produziert und erschien genau ein Jahr später in der Juli/August-Ausgabe von GLOBO. Es sollte mein vorletzter Job für das Magazin werden. Schon vor der Reise sickerten merkwürdige Gerüchte über eine Umstrukturierung der Redaktion durch, die sich nach unserer Rückkehr leider bewahrheiteten: Der Chefredakteur und sein Stellvertreter wurden durch strömungskanaltaugliche Figuren ausgetauscht, die sich bis dato in den seichten Welten des Playboy & Co über Wasser gehalten hatten. Aber auch diese Veränderung sicherte nur vorübergehend die Existenz des Magazins. Im November 2001 kam das endgültige Aus. In der Pressemitteilung vom 14. November 2001 des Schweizer Ringier-Verlages hieß es lapidar:
"Das Reisemagazin Globo wird eingestellt. Gleichzeitig beendet Ringier als Herausgeber von Globo seine Geschäftstätigkeit in Deutschland; der Ringier-Verlag München wird aufgelöst. Globo war das einzige Verlagsobjekt von Ringier Deutschland."


Griechenland-Themen waren und sind für mich immer eine Art Heimspiel. Das Projekt "Mykonos, Tinos & Andros" wurde von der Redaktion vorbereitet – ich brauchte mir nur noch einen Fotografen auszusuchen. Und das war ausgemachte Sache: Hatte ich nicht wenige Wochen zuvor meinen Freund und Fotografen Markus Kirchgessner auf unserer Bali-Tour von den Vorzügen der griechischen Lebensweise und Esskultur vorgeschwärmt? Seine Skepsis konnte ich nun binnen 14 Tage ausräumen: Willkommen in Griechenland! Aber es kommt immer anders als man denkt. Und Heimspiele haben ihre Tücken. Zunächst verlief alles planmäßig. Der lokale Reiseveranstalter auf Mykonos hatte alles bestens organisiert und für uns gleich zwei Guides abgestellt. Markus´ Griechenlandvorurteile lösten sich zusehends in Wohlgefallen auf, und meine "griechische” Seele fühlte sich vollends bestätigt – so war die Welt in Ordnung. War sie aber nicht. Es gab eine Reihe von beunruhigenden Vorzeichen: Ich verlor eine Kontaktlinse. Ich brach mir das Steißbein. Aber trotz seltsamer Gerüchte aus der Redaktion, wiegte mich immer noch in meinem heimatlich griechischem Urvertrauen: "η ζωή είναι μικρή” - das Leben ist zu kurz – um sich aufzuregen.

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