Götter auf der Heimreise

Erinnerungen aus der Zukunft:(Die Bali-Reportage)

Der erste Balinese, den ich kennenlernte, war Arya, ein Geschäftsfreund. Wir trafen uns vor einem Jahr auf Java, der großen indonesischen Nachbarinsel Balis. Arya kannte die besten Restaurants und wusste immer, wo etwas los war. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er nervös und hektisch. Wir hatten uns zum Essen verabredet, aber Arya sagte ab: Er müsse sofort zum Flughafen, um den letzten Flieger nach Bali zu erwischen. Morgen sei ein wichtiger Feiertag zu Hause, und dann ginge gar nichts. Schließlich nahm er sich dann doch noch einige Minuten Zeit, um mich über den nyepi, den balinesischen Neujahrstag, aufzuklären. An diesem Tag verlässt kein Balinese das Haus. Man sitzt drinnen und schweigt. Die Küche bleibt kalt, Radio und Fernseher werden nicht angeschaltet. Bis auf ahnungslose Touristen sind die Straßen menschenleer. Bali schweigt an diesem Tag, damit die bösen Geister glauben, die Insel sei verlassen, unbewohnt.

Genau ein Jahr später komme ich mit Kollege Markus nach Bali. Aber die Straßen sind voll, die Insel platzt aus allen Nähten. Bali tobt. Der "nyepi" ist längst vorbei; ich habe nicht bedacht, dass der balinesische Kalender nur 210 Tage zählt. Auch Arya hat wenig Zeit. Wir kommen ungelegen. Er hat gerade seine Tochter verheiratet und wirkt angeschlagen.

Bali bringt es an der breitesten Stelle auf 144 Kilometer, nur 80 Kilometer misst die Nord-Süd-Achse. Und dennoch, was hat man dieser Insel im Malaiischen Archipel nicht alles angedichtet: Land des Lächelns und der blanken Busen, Insel der Götter, das letzte Paradies. Mit seinen drei Millionen Einwohnern und noch mal so vielen Touristen pro Jahr ist Bali sicherlich das dicht besiedeltste Paradies auf Erden. Wer hat nicht schon alles diese tropische Wunderinsel besucht! Gekrönte Häupter, Staatsmänner, Michael Jackson, die Tante meiner Nachbarin und meine Freundin Evelyn.

Markus und mich hat es, wie wohl die meisten Besucher, zunächst in den Süden, nach Kuta verschlagen. Wir schieben uns die Hauptstraße des Touristenzentrums hinunter. Es ist Abend, es ist schwül und höllisch laut. Pulks von fliegenden Händlern stürzen auf uns zu. Unförmige Kästen mit Armbanduhren werden vor uns aufgeklappt. Hey, Boss - special price for you! Kleine Mädchen binden uns im Gehen Plastikbänder um die Armgelenke. One Dollar Mister, one Dollar! Parfümverkäufer rennen uns mit ihren fakes, falschen Markenprodukten, hinterher. Wieder andere offerieren eindeutig Zweideutiges: Need nice girl, Boss?! Nach einigen hundert Metern flüchten wir in das nächstbeste Lokal und landen in Mamas German Restaurant. Hier wird uns "Honigmelone mit Schinken nach Schwarzwälder Art" angeboten.
Am nächsten Morgen mieten wir uns ein Auto und flüchten aus Kuta in Richtung Norden. Die Flucht endet schon bald im Stau. Die Straßen nach Denpasar, der Inselhauptstadt, sind hoffnungslos verstopft. Mopedschwärme drängen sich links und rechts an uns vorbei und verschwinden in ruß grauen Abgaswolken. Erst als wir die Route nach einigen Stunden hinter Gianyar verlassen, wird es ländlich. Reisfelder liegen auf geschwungenen Terrassen im faden Mittagslicht. Wolken spiegeln sich in ihnen und fliehen entgegengesetzt zu unserer Fahrtrichtung. Lehmverschmierte Bauern mit nackten, braunen Oberkörpern pflügen mit ihren Büffeln die überfluteten Felder. Dichte, dunkle Palmwälder drängen sich über die Bergrücken. Eine Entenherde blockiert die Straße. Ein drahtiger Mann mit Strohhut treibt sie mit einer langen Rute in das nächste Reisfeld.

Unser Ziel ist Tihingan, das Dorf der Gamelan-Gong-Schmiede in den Hügeln über Klungkung - eine Empfehlung von Arya. Kurz nach Mittag erreichen wir Tihingan. Ein ausladender Waringin-Baum ist der Mittelpunkt des Dorfes. In seinem Schatten versteckt sich eine grauverwitterte Tempelanlage. Es ist merkwürdig ruhig im Dorf; wir hatten das klingende Hämmern der Schmiede erwartet. Irgendwo läuft ein Fernseher. An einem Haus sitzen einige Männer und rauchen Nelkenzigaretten. Wir fragen nach den Gongschmieden. Die würden heute nicht arbeiten, erklärt uns Madé, ein schmächtiger Mann, auf Englisch. Wayans Schwägerin sei gestorben. Er zeigt auf seinen jungen Nachbarn. Heute sei die Trauerfeier. Wir bedanken uns und wollen uns höflich zurückziehen.

Wayan verschwindet für einen Moment im Haus und kommt mit zwei schmalen Tüchern zurück. Mir bindet er einen blauen Tüllschal um die Hüfte. Das seien unsere Zeremonienschärpen, erklärt uns Madé. Nun könnten wir bleiben und der Trauerfeier beiwohnen. "Aber ich kenne die Verstorbene doch gar nicht", wende ich ein, "und wir wollen auf keinen Fall mit unserer unbegründeten Anwesenheit die Gefühle der Familie verletzen." Aber Madé übersetzt unsere Einwände erst gar nicht. Gerade erscheinen die Gamelanspieler mit ihren schweren Metallinstrumenten, und man schiebt uns freundlich und zielstrebig in den Innenhof. Im dichten Gedränge stellt mich Wayan seinem Bruder vor, dem Mann der Verstorbenen. Es ist mir sehr peinlich; irgendwie versuche ich, ihm mein Beileid auszusprechen. Er legt nur tröstend seine Hand auf die Schulter und weist mir einen Sitzplatz zu. Madé zwängt sich neben mich, als mein persönlicher Übersetzer. Ich bin befangen, fühle mich unwohl in meiner Haut. Wayan hat uns einen starken, süßen Tee gebracht.

Madé zeigt mir einige seiner Verwandten. Er sei hier geboren, aber schon vor über zwanzig Jahren weggezogen. Er lebe nun als Holzschnitzer in Mas, bei Ubud. Wir könnten ihn gerne besuchen. Noch während er seinen Namen und seine Adresse nebst Lageplan in mein kleines Notizbuch kritzelt, setzt die Musik ein. Die 35 Mitglieder des Gamelanorchesters bearbeiten gleichzeitig ihre Gongs, Metallophone, Kesselschalen und Trommeln, mal laut, mal leise; mal schwingen die Klöppel rasend schnell, dann wieder langsam. Die unglaubliche Präzision, mit der die Spieler Melodien und Rhythmen ineinander verweben, lässt den Innenhof langsam in eine schwingende Trance fallen. Selbst das Licht wird weicher, und hoch oben wiegen sich die Palmblätter im Gamelanklang.

Madé zupft mich am Ärmel. Gerade wird die in weiße Tücher gewickelte Leiche aus dem Haus getragen und auf einer Bahre zwischen uns und dem Orchester platziert. Die Musik klingt immer wilder, immer eindringlicher, als wolle sie die Tote zum Leben erwecken. Auch der pedanda, der hagere alte Priester und sein junger Gehilfe sind ganz in Weiß gekleidet. Sie beten in alle Richtungen und besprengen die mitgebrachten Opfergaben - Speisen, Blüten und Zigaretten - mit geweihtem Wasser. Das Gamelan hat sich wieder beruhigt, spielt jetzt ganz getragen. Der Priester und sein Novize machen sich am Leichnam zu schaffen, wickeln ihn aus den Tüchern, bis die junge Tote nackt zwischen den weißen Stoffbahnen liegt. Ihre Haut ist lederig gelb: Hepatitis.

Der Witwer steht ganz in der Nähe. Er hält ein schlafendes Baby im Arm. Ein kleiner junge umklammert ängstlich sein Hosenbein. Der Mann beugt sich zu dem Knirps. Er hat Tränen in den Augen - und er lächelt. Die junge Frau wird rituell gewaschen, und der pedanda streut weiße Frangipaniblüten über den fahlen Körper. Bevor die Leiche wieder eingewickelt wird, berührt sie der Priester an verschiedenen Stellen mit einem weißen Ei. Auf dem Weg zum Friedhof erklärt mir Madé die ganze Tragweite dieses Unglücks. Die Tote hinterlässt einen Mann und zwei Kinder. Aber das Schlimme daran: Sie muss vorübergehend beerdigt werden, wird so schnell keine Verbrennungszeremonie bekommen, und ihre Seele kann noch nicht befreit werden.
Die Familie hat kein Geld für die Verbrennung. Zuerst ist noch ihre Schwiegermutter dran, die vor zwei Jahren gestorben ist. Sterben auf Bali sei teurer als das Leben, meint Madé lachend. Wir sollen ihn in Mas besuchen, ruft er uns beim Abschied hinterher.

Wir haben es nicht gleich bemerkt; erst als etwas Buntes im Fahrtwind flattert. jemand hat uns ein "banten jotan" unter den Scheibenwischer geklemmt, ein kleines, quadratisches Päckchen aus Bananenblättern mit Reis, geschmückt mit gelben Allamanda- und leuchtend rosa Bougainvilleablüten. Man hat unseren Mietwagen unter den Schutz der Götter gestellt. Wir halten an, um die Opfergabe zu bergen und gebührend zu bewundern. Erst jetzt merken wir, dass wir immer noch die Zeremonienschärpen umgebunden haben; irgendwie sind nun auch wir mit der balinesischen Götterwelt verbandelt.

Die "Religion des geweihten Wassers" ist die balinesische Form des Hinduismus, versetzt mit vielen buddhistischen und vor allem animistischen Elementen. Es ist eine komplizierte Religion mit einer unübersichtlichen Göttervielfalt. Jedes Dorf, jede Familie hat ihre eigenen Gottheiten. Diesen überirdischen Heerscharen steht ein ebenso komplexes Reich von Dämonen gegenüber. Und dazwischen wandelt der Balinese. Er muss ständig verehren, opfern und besänftigen. Und er muss mit ganzem Herzen dabei sein, glaubt er doch an seine Wiedergeburt, an den unausweichlichen Kreislauf von Leben und Sterben. Wer will sich schon nach dem Tod, nach der zeremoniellen Verbrennung, in einem niederen Wesen wiederfinden?

Aber der balinesische Hinduismus hat auch seine ästhetischen, seine opulenten Seiten. Das farbenfrohe tägliche Opfern ist auch geprägt von der überschwänglichen Lebensfreude, der Lust an der theatralischen Überhöhung des Alltäglichen. Einmal jedoch hätte ich beinahe das prächtige balinesische Weltbild ins Wanken gebracht. Dabei fing alles ganz harmlos an. Ein Restaurant in Jimbaran - das Little Indonesia - war uns wegen seiner guten und landestypischen Küche aufgefallen. Wir arrangierten mit dem Manager einen Fototermin. Aber als die balinesische Reistafel und die anderen Leckereien endlich auf dem Gartentisch standen, war das Licht weg: Der Restaurantgarten lag schon im Schatten. Kurz entschlossen verluden wir das Menü samt Tisch in unseren Wagen, um damit an den nahen, noch sonnenbeschienenen Strand zu fahren. Nur die Fischspieße auf dem kleinen tönernen Holzkohlegrill wagten wir wegen der Brandgefahr nicht im Auto zu verstauen. Ich schnappte mir das Ding und machte mich zu Fuß auf den Weg. Schon nach wenigen Metern erregte ich mit dem räuchernden Ensemble großes Aufsehen. Autos hupten, Mopedfahrer fuhren langsam und riefen mir irgendwas zu. Fremde Menschen umringten mich und redeten aufgeregt auf mich ein. Ich sagte immer nur "Foto, Foto!" und versuchte in dem Gedränge vorwärtszukommen.

Schließlich stellte sich mir eine zierliche Balinesin resolut in den Weg und hinderte mich mit ausgebreiteten Armen am Weitergehen. War das ein Überfall, eine Art balinesischer Mundraub? Plötzlich bemerkte ich, wie mir jemand von hinten etwas um die Hüfte band. Ich konnte mich nicht wehren, weil ich den verdammten Grill in Händen hielt. Ich schaute misstrauisch an mir herunter: eine Zeremonienschärpe! Die Gesichter entspannten sich, alle lachten - ich auch. Man klopfte mir auf die Schulter. Nun konnte ich weiter, nun konnte ich traditionsgemäß opfern, ohne die Götter zu erzürnen.


Kurz vor dem Ersten Weltkrieg - in Zeiten, zu denen noch keine westlichen Reisenden die Opfer- und Götterwelt Balis durcheinanderbrachten -, erschien der erste Bali-Prospekt der holländischen Dampferlinie KPM: "Sie verlassen diese Insel mit einem Seufzer des Bedauerns, und solange Sie leben, vergessen Sie niemals wieder diesen Garten Eden." Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis die ersten Touristen diese "verzauberte Insel" entdeckten. Ende der 20er Jahre fand hier die abenteuersüchtige "Jeunesse dorée" der alten Welt ihr letztes Paradies; so auch Walter Spies, Sohn eines deutschen Kaufmanns und Honorarkonsuls in Moskau. Der sensible junge Mann suchte - nach einem kurzen Zwischenspiel als Hofmusiker beim Sultan von Yogyakarta auf Java - seine Identität als Künstler und Homosexueller. Spies ließ sich als Maler im ländlichen Ubud in Zentral-Bali nieder. Sein Haus wurde bald zur ersten Adresse der gut situierten Aussteiger und Bali-Besucher. Unter seinem Einfluss forschte die Ethnologin Margaret Mead, schrieb Vicki Baum ihren Roman "Liebe und Tod auf Bali". Walter Spies förderte die in Ubud tätigen Kunsthandwerker, die früher ausschließlich für die königlichen Paläste und Tempel arbeiteten. Schließlich besuchten Charlie Chaplin und der englische Schriftsteller Noel Coward das Künstlerdorf. Ubud ist heute zweitwichtigstes Tourismuszentrum Balis.

Der Künstler-Mythos entwickelte sich zum Verkaufsschlager, und jeder, der nicht farbenblind war, zum Maler. Man wird den Verdacht nicht los, dass selbst die putzigen Affen vom Monkey-Forest in unbeobachteten Augenblicken zum Pinsel greifen. Jedes Haus, jede Hütte ist eine Galerie, ein Art-Shop. Gemalt wird in Serie, vor allem florale Dschungeltapeten mit bunten Papageien. Von dem Fleiß der Balinesen bleibt selbst die Kunstgeschichte nicht verschont; von Manet bis Gauguin, von Pablo Picasso bis Keith Haring wird alles gnadenlos kopiert.


Das Dorf der Holzschnitzer, Mas, liegt wenige Kilometer südlich von Ubud. Hier lebt Madé, den wir auf der Beerdigung in Tihingan kennengelernt haben. Mas ist ein Straßendorf: Links Holzschnitzer, rechts Holzschnitzer, so geht das drei Kilometer lang. Madés gekritzelte Zeichnung ist erstaunlich präzise. Als wir zu Fuß von der Hauptstraße abweichen und in eine schmale Gasse abbiegen, öffnen sich Fenster und Türen - geschnitzter Kitsch wird uns angeboten. Very cheap - have a look!

Am Ende der Gasse liegt Madés Anwesen, zwei sich gegenüberliegende kleine Häuschen. Madé sitzt auf dem Steinboden einer Terrasse und schnitzt. Er ist sichtlich überrascht, aber wir sind herzlich willkommen. Wir begrüßen Frau und Tochter, während der Herr des Hauses in seinen abgewetzten, löcherigen Shorts auf eine Kokospalme klettert und Nüsse herunterschlägt. Wenig später serviert uns seine Frau einen köstlichen Kokosmilchtrunk in Gläsern.


Madé ist vor 20 Jahren von Tihingan nach Mas gezogen. In seinem alten Dorf bei Klungkung gab es keine Arbeit. Die Reisfelder seiner Familie konnten nicht alle Kinder ernähren. Madé erzählt uns seine Geschichte, während er einen groben Holzklotz bearbeitet. Mitten unter ihm verläuft eine stark frequentierte Ameisenstraße; weder ihn noch die Tiere scheint das zu stören. Anfangs musste Madé sich in Mas mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten. Dann hatte er Glück; er durfte bei einem Holzschnitzer arbeiten. Er war begabt, wurde selbst Schnitzer und heiratete eine Tochter seines Meisters. Noch heute ist er für seinen Schwiegervater tätig. Von dem kommen Aufträge, das Holz aus Sulawesi oder Borneo und Motive.

Zur Zeit schnitzt Madé Eulen. Er schleppt ein fertiges Exemplar aus dem Haus. Fast einen Monat saß er an dem Stück. Umgerechnet 150 Mark zahlt ihm sein Schwiegervater dafür. Madé ist zufrieden. Er und seine Familie kommen damit gut aus.

Es ist Mittag geworden. Madé wird zu einem Tempelfest gehen und fragt, ob wir ihn begleiten wollen. In Windeseile hat er sich umgezogen, kommt mit einem gelben Sarong, schwarzer Schärpe und einem blütenweißen Hemd aus dem Haus. Ein kunstvoll geknotetes Tuch ziert sein dichtes, schwarzes Haar. Er pflückt im Vorbeigehen eine gelbe Tjempakablüte, steckt sie sich hinters Ohr und verschwindet für eine Weile im Nachbarhaus. Als wir endlich im Auto sitzen, zeigt er auf eine Armbanduhr. Die habe er sich beim Nachbarn ausgeliehen; ohne Uhr sei man kein richtiger Mensch. Die Tjempakablüte erfüllt mit ihrem starken, bittersüßen Duft den ganzen Wagen. Markus und ich erstehen bei einem fliegenden Händler Sarongs. Meine Tüllschärpe liegt noch im Handschuhfach. Madé erkennt sie wieder und lacht. Das Odalan, das Jahresfest zum Gründungstag des Samuan-Tiga-Tempels in Bedulu, dauert zwölf Tage. Es zieht gläubige Hindus aus ganz Bali an; täglich kommen etliche tausend. In wochenlangen Vorbereitungen wurde der Tempel hergerichtet und geschmückt. Balinesische Tempel sind Göttersitze auf Zeit: Nur während des Odalan sind die Götter anwesend. Am Ende der zwölftägigen Festlichkeit wird die Gemeinde von Bedulu eine lautstarke Prozession mit Gamelanmusik veranstalten, und die Priester werden die Gottheiten zum Aufbruch heimwärts auf ihre wolkenverhangenen Berggipfel auffordern. Den Rest des Jahres ist der Tempel ein bedeutungsloses, leeres Gehäuse, eine unbespielte Bühne.


Die Hauptstraße in Bedulu ist gesperrt. Wir schließen uns der Menschenmenge an, die zum Tempel strömt. Alle sind festlich angezogen und geschmückt. Die Frauen tragen ihre feinsten Sarongs und darüber leuchtend gelbe und orangefarbene Kebayas, enganliegende Spitzenblusen. Auf den zierlichen Köpfen balancieren sie kunstvolle, meterhohe Arrangements aus Obst, gefärbtem Gebäck, gebratenen Hühnchen und Blüten. Es sind Opfergaben, eine prächtiger als die andere. Sie werden so, erklärt mir Madé im Gehen, nachdem sich die Götter satt gegessen haben, wieder mit nach Hause genommen und in den Familien verzehrt.

Das Gedränge wird dichter. Händler haben ihre Buden aufgeschlagen. Beißender Rauch von unzähligen Holzkohlegrills durchweht die Luft. Es riecht nach Satays und gebratenen Hühnchen. Früchte werden gepreßt, grünes und rotes Softeis quillt aus Plastikbechern. Luftballons schweben wie leuchtende Signale über dem bunt lärmenden Gewusel.
Vor den Stufen zum candi bentar, dem gespaltenen Tor und Eingang zur Tempelanlage, hört das kommerzielle Treiben auf. Hier staut sich die Menge. Hohe Opfertürme geraten gefährlich ins Schwanken. Den Grund für die Verzögerung sehen wir Minuten später: ein schlafender Hund. Er liegt auf der Innenseite der Stufen, und seine traumschweren Glieder zucken im Schlaf. Niemand scheucht ihn weg. Vorsichtig steigt man über das Tier. Wer weiß schon, welche verstorbene Tante, welcher Großvater in dem schlafenden Hund weiterlebt?


In einem Verschlag hinter dem gespaltenen Tor entrichten Markus und ich eine Spende: unser Beitrag zum Tempelfest. Peinlich genau werden Name und Betrag in einer Kladde festgehalten - für den balinesischen Gott der Buchhalter. Madé ist verschwunden. Er hat Freunde getroffen, und es gibt viel zu erzählen. Fernab vom Gedränge suche ich mir ein schattiges Plätzchen mit Überblick. Die Tempelanlage wird von hohen Bäumen umsäumt. Mehrere Tafeln in Indonesisch und Englisch teilen den Hof imaginär in eine Besucherzone und einen Bereich, der nur gläubigen Hindus vorbehalten ist. Gelbe und weiße Zeremonienschirme spenden Schatten in kleinen und großen Pavillons. In den kleineren stehen geschmückte Steinsitze oder Schreine - das Terrain der Götter. Der Zug der Gläubigen schlängelt sich rhythmisch um diese luftigen Gebäude. Gamelanorchester haben in zwei entgegengesetzten Pavillons Platz genommen und beginnen sofort mit ihrem Spiel. Die Spannung wächst. Die Opfergaben werden vorsichtig von den Köpfen gehoben und zu einem farbenfrohen Meer der Türme arrangiert. Ein Priester im weißen Festornat klingelt eindringlich mit einem hellen Glöckchen, während er in der anderen Hand eine brennende Bügellampe hält. Sofort fallen die Gläubigen vor dem zentralen Pavillon auf die Knie, senken die Köpfe und falten die Hände zum Gebet. Schiva sei nun anwesend, flüstert mir Madé ins Ohr. Die beiden Orchester steigern sich zu einem Krieg der Gongs, Metallophone und Kesselschalen. Sie können aber das hysterische, helle Klingeln des Glöckchens nicht übertönen. Plötzlich bricht der Lärm der Instrumente in sich zusammen. Die Gemeinde erhebt sich wieder. Schiva hat sich zurückgezogen.

Durch das gespaltene Tor strömen unentwegt neue Gläubige, neue Opfergaben. Ihnen folgt ein Schwung Touristen. Alle haben sich als Behelf-Sarongs rosa Tischtüchter um die Hüften geschlungen. Ihre Guides tragen weder Sarong noch Schärpe. Sie grinsen unter ihren verspiegelten Sonnenbrillen und treiben die rosa Herde in den Bereich, der den Gläubigen vorbehalten ist. Wie linkische Riesenbabys irrlichtern sie zwischen den Balinesinnen herum, die trotz schwerer Lasten auf den Köpfen den knipsenden und mit Videogeräten hantierenden Tölpeln elegant ausweichen. Madé ist sauer auf die Guides. Sein freundliches Gesicht hat sich gefährlich verfinstert. Diese Guides seien ja Javanesen, Muslime. Es mache ihnen Spaß, die Tempelfeste zu stören.


Wenige Tage später sind wir auf der Rückreise in den Süden. Es ist Sonntagnachmittag, und je näher wir der Hauptstadt Denpasar kommen, desto dichter wird der Verkehr. Bald stecken wir wieder im schönsten Stop-and-Go, werden von Mopedpulks überholt. Endlich haben wir einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt erreicht. Wir beschließen, die Stadt westlich zu umfahren.

Vorsichtig fädele ich mich in den fließenden Kreisverkehr ein. Ein Polizist mit weissen Handschuhen winkt und ich fahre an. Da ist es passiert. Ein Trauma, das mich verfolgt, seit ich im Ausland Mietwagen benutze. Ein dumpfer Schlag. Ich bremse sofort und sehe, wie ein Radfahrer vor dem Auto stürzt ­– ganz langsam, wie in Zeitlupe, nehme ich das wahr. Komisch. Ich bin völlig ruhig, als wäre das ein Film, der nichts mit mir zu tun hat. Ich finde sofort den Schalter für die Warnblinkanlage und steige aus. Ich höre nicht das Hupen der Autos hinter mir, nicht die schrille Trillerpfeife des Polizisten, der den Verkehr umdirigiert. Vor mir liegt ein Mensch und sein Fahrrad. Die Straße ist merkwürdig verschmiert. Blut? Markus ist längst bei dem schmächtigen Mann, redet mit ihm, hilft ihm langsam auf die Beine. Der Polizist rüttelt an meiner Schulter. Ich schaue ruhig in das rote Gesicht unter der weißen Mütze. Er zeigt auf eine Stelle hinter dem Kreisverkehr; dorthin solle ich sofort fahren und auf ihn warten. Ich steige ein, fahre hin. Markus kommt mit dem Radler nach. Gott sei Dank ist er nicht ernsthaft verletzt. Ich bin heilfroh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Das "Blut" war sein Mittagessen, das er in einer Plastiktüte transportiert hatte. Markus holt Werkzeug aus dem Wagen und richtet den Lenker des betagten Vehikels. Jemand hatte uns in Tihingan ein "banten jotan", eine kleine Opfergabe, unter den Scheibenwischer geklemmt. So war unser Mietwagen unter den Schutz der Götter gestellt. Danke! Erst jetzt bemerke ich meine weichen Knie und bin froh, dass Markus weiterfährt.


Es ist meine letzte Nacht auf Bali. Ich drehe noch ein paar Runden im beleuchteten Pool und denke über die letzten Tage nach. Beim Abendessen habe ich erfahren, dass die indonesische Regierung im fernen Java zu den 24.000 Hotelbetten auf Bali in den nächsten Jahren noch weitere 28.000 plant. Direkt an dem kleinen Meerestempel Tanah Lot, einem der wichtigsten hinduistischen Heiligtümer, wird demnächst ein gigantischer Hotelkomplex der Superluxusklasse entstehen. Es soll schon Proteste geben. Noch betrachten die Balinesen die Touristenmassen als einen Segen der Götter. Noch. Wolken jagen über den tintenblauen Nachthimmel. Das Tempelfest in Bedulu ist zu Ende. Die Götter sind auf der Heimreise zu ihren wolkenverhangenen Berggipfeln. Genug gefeiert. Für heute zumindest.

 

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Bali-Reportage

Die Bali-Reportage erschien im GLOBO-Sonderheft "Fernost“ im November 1995. Die Reise wurde auf der ITB 1995 am GLOBO-Stand in Zusammenarbeit mit dem Reiseveranstalter "Feria International Reisen" aus München vorbereitet und fand dann zwischen Mai und Juni statt.
Das Besondere an dieser Geschichte war der Perspektivenwechsel. Normalerweise stellen Reisejournalisten die Entstehungsgeschichte ihrer Reportagen nicht in den Vordergrund, sondern suggerieren eine von den medienwirtschaftlichen Verhältnissen abgelöste Erzählweise. Dem Leser wird ein originärer Entdeckermythos als gefälliges Muster zur Nachahmung präsentiert. Doch die Wirklichkeit, das Binnenverhältnis zwischen Redaktion, Verlag und den Unternehmen der Reiseindustrie, ist durch ein sensibles Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten geprägt. Das beginnt schon bei der Auswahl der Destinationen, der Reiseziele, und endet im Gestrüpp gegenseitiger Verpflichtungen, wie Service-Texte, Anzeigen, gesponserte Flüge, Mietwagen und Hotels. Anders könnte ein so aufwendiges Projekt wie ein Reisemagazin auch nicht finanziert werden. Denn der Obolus, zu den der Leser beim Erwerb des Heftes beisteuert, deckt bestenfalls den Vertrieb ab.


Die Erzählperspektive der Bali-Reportage ist nach diesem wirtschaftlichen Hintergrund ausgerichtet. "Der erste Balinese, den ich kennenlernte, war Arya, ein Geschäftsfreund." Mit diesem Satz beginnt die Geschichte. Der Autor und der Fotograf werden in Beziehung zu realen Verhältnissen gesetzt und schreiben und fotografieren, ohne ihre mediale Funktion verschleiern zu müssen. Das hatte zudem den großen Vorteil, dass Markus Kirchgessner und ich in der Reportage soziale Themen aufgreifen konnten, die in einer von der medialen Wirklichkeit abgelösten Erzählhaltung nur schwerlich Platz gefunden hätten.

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