Die grüne Grenzregion

 

Erinnerungen aus der Zukunft:(Lothringen-Reportage)

Noch 279 Kilometer bis Paris. Kaum hat man die offene Grenze hinter Saarbrücken passiert, führen alle Straßen geradewegs nach Paris. Frankreich ist ein Zentralstaat. Hier hat der Begriff Provinz noch einen faden, staubigen Beigeschmack. Obgleich Lothringen noch mit dem Ruf einer strukturgeschwächten, grauen Industrieregion zu kämpfen hat, ist das sanfte Hügelland zwischen Meuse, Meurthe und Moselle ist zu schade, um nur durchzubrausen. Diese Region im Osten Frankreichs ist eine Mischung aus Naturpark und traditionellem Bauernland. Hier paart sich ländlicher Freizeitwert mit urbaner Lebenskultur. Nancy und Metz sind nicht nur zwei bau- und kunstgeschichtliche Höhepunkt, die die Straße nach Paris säumen. Beide Städte zeichnen sich durch vor allem durch eine eigenständige, lothringische Küche aus - hier wandelt sich der Beigeschmack der Provinz in lokale Leckereien, in schmackhafte Blutwurst mit Äpfeln, in Teigpasteten mit knusprigem Spanferkel, in Makronen und Pomeranzenbonbons - und über dem Ganzen schwebt der Geist der Mirabelle.

Verwaltungszentrum der Region ist Nancy, "die Französin", die Stadt der goldenen Tore und der heiteren Kochkünste. Der "Place Stanislas" zählt zu den beeindruckendsten Plätzen der Welt. Es ist eine Stadtinszenierung des 18. Jahrhunderts, ein gelungenes Stück des Stadtplaners und Architekten Emmanuel Héré. Vor allem die "goldenen", schmiedeeiseren Gitter von Jean Lamour unterstützen den Eindruck der Theaterkulisse. Sie geben dem "Place Stanislas" etwas Geschlossenes und gleichzeitig etwas Offenes.


Die kunstgeschichtliche Bedeutung von Nancy wird um die Jahrhundertwende durch den "Art Nouveau", dem französischen Jugendstil noch einmal gesteigert. Begünstigt durch die Nähe zur Metall- und Glasindustrie, konnte sich diese Kunstrichtung in dieser französischen Provinz entwickeln. Die neuen Materialien und Techniken des Industriezeitalters wurden in der "l´Ecole de Nancy" zu einer ungewöhnlichen Formensprache entwickelt: Stein war nicht mehr einfaches Bauelement - er wurde zur Hymne an die Natur, an die Weiblichkeit. Eisen wurde seiner martialen Sprödheit beraubt und in ein fleurales Spiel verwickelt.


Glas wurde zum Träger und Dramaturgen von Licht. "Immer erneuern, niemals nachahmen", war das Credo Emile Gallé, dem führenden Kopf der "Art Nouveau". Das "Office de Tourisme de Nancy" veranstaltet regelmäßig "Jugendstilsparziergänge" zu den architektonischen Highlights der Stadt: Den Häusern Weißenburgs, Houot, Bergeret usw. Anfang oder Endpunkt der Tour ist Besuch im Jugendstilmuseum "l´Ecole de Nancy", einer Villa mit morbidem Charme und einer melancholischen Parkanlage.

Das Restaurant "L´Excelsior" befindet sich gegenüber dem Bahnhof, in einem orginalen Jugendstilgebäude. Das renovierte Gewölbe im Erdgeschoss beherbergt eine weitläufige Brasserie, in der Fassbier und Wein zu moderaten Preisen ausgeschenkt werden. Gerade das Richtige nach so viel Kunstgenuss. Der Gaumen kommt im "L´Excel" auch auf seine Kosten: frischer Rochen mit Kapern, delikate Lachsrillettes und Austern, Austern, Austern. Im "L´Excel" isst man "en famille". Hier tafelt eine grau melierte "Mémère" mit ihren halbwüchsigen Enkeln und wundert sich, daß sich die Reebok-Generation für Pizza, Pommes und Coke entschieden hat. Der Kellner schleppt es gelassen herbei. Am Nachbartisch nascht ein Pärchen am Eisnugat auf Mirabellenpüree, während es verträumt die frischentwickelten Urlaubsbilder bestaunt. Im "L´Excel" ist man "en famille".


Die grüne Grenzregion ist die waldreichste ganz Frankreichs. Die dichten Wälder werden von sanften Hügeln mit saftigen Wiesen unterbrochen. Neben buntscheckigen Milchkühen tauchen nicht immer, aber immer öfter seltsame Gestalten mit kleinen Wägelchen auf. Keine Bauern - Golfer. Der Modesport hat hier sein ideales Terrain gefunden. Die vier interessantesten 18-Loch-Plätze können mit einem Golfpass für runde 200 DM bespielt werden - Green Fees in Lothringen.


Metz ist die Hauptstadt der Region Lothringen; sie ist nicht nur älter als Nancy, sondern mit ihren 125 000 Einwohnern auch größer. Dank des weitsichtigen und fortschrittlichen Bürgermeisters, dem "Maire Rausch", hat sich die ehemals graue Provinzstadt in den letzten Jahren erstaunlich verändert. Unter Einbeziehung der Universitäten ist es Rausch gelungen, frühzeitig Unternehmen der Elektronik- und der Kommunikationsindustrie an die Stadt zu binden. Metz ist zu einer selbstbewussten Technopole mit vielen gesicherten und qualifizierten Arbeitsplätzen erblüht, während im benachbarten Saarland die Städte von einer Strukturkrise in die nächste taumeln. "Maire Rausch" hat nicht nur in Arbeitsplätze investiert, sondern gleichzeitig die Lebensqualität der Stadt verbessert. Metz für die "Messins", für die Metzer.


Jede Nacht illuminieren tausende von Energiesparlampen die historischen Gebäude und tauchen Metz in ein überirdisches Licht - "visite nocturne de Metz". Durch die weitläufigen Fußgängerzonen rund um die Kathedrale drängen sich die Menschen. Die Cafés, die Bars sind voller Menschen. Musikfetzen, Gelächter, Mopeds knattern über Kopfsteinpflaster. In Metz tobt der Nightlife-Bär - vom Jazzkeller bis ins Internetcafé.
Um diese Zeit geht es auch bei Jacky hoch her. Die Honoratioren und Promis der Stadt drängen sich in der niedrigen Wirtsstube des "La Fleure de Ly" von Jacky Moser - einem Gute-Laune-Menschen mit roten Bäckchen und listigen Augen. "Le Jacky" ist selbstverständlich der beste Koch in Metz. Was er wortgewaltig und gleichsam geduldig vorschlägt, sollte man auch bestellen: Schnecken in Pfifferlingssud, Truthahnschenkel mit Morcheln auf Kartoffelgratin. Zum Dessert gibt es Käse aus der Region, von den buntscheckigen Kühen - nicht von den Golfern.

Bei Tageslicht muss man in die Kathedrale St. Etienne - am besten mit Annie Lorrain vom "Office de Tourisme de Metz". Nomen est omen? Die gebürtige Schwäbin ist mit einem Südfranzosen gleichen Namens verheiratet und lebt seit zwanzig Jahren in Metz. Annie hat sich vor allem auf die Glasfenster der Kathedrale spezialisiert und schlägt mit einem einfühlsamen Vortrag selbst Zeitgenossen in ihren Bann, die Marc Chagall bis dato für ein Herrenparfum hielten.

Was wäre Frankreich ohne Schlösser? Was Lothringen ohne Lunéville. Die Schlossanlage, die sehr an Versailles erinnert, wirkt etwas überdimensioniert für die Kleinstadt östlich von Nancy. Dunkle Wolkenberge und Gewitterblitze dramatisieren das Ensemble. Drinnen, in den weitläufigen Refugien herrscht Chaos - der Strom ist ausgefallen. Die Besucher irren im Halbdunkel über knarrenden Parkett und werden durch die zittrigen Lichtkegel von Taschenlampen in Schach gehalten. Die Führer brüllen ihre Anweisungen in allen Sprachen durch Hallen und Säle. Was heißt "Bitte folgen Sie mir" auf Japanisch?


Am Ortsausgang von Lunéville kann man ein kleines Hinweisschild mit der Aufschrift "Chateau d´Adomenil" bestaunen. Was wäre Lothringen ohne Schlösser? Ein Feldweg führt durch eine verschlafene Landschaft. Wiesen, Kühe. Hinter einer Baumgruppe taucht dann ein Schlösschen, ein fürstlicher Landsitz auf: "Chateau d´Adomenil". Die Hotelgruppe "Relais et Châteaux" hat das historische Gebäude in idyllischer Umgebung zu einem Nobelhotel umgebaut - natürlich mit Gastronomie. Und was für einer. Interieur und Küche vereinen sich zu einer unaufdringlichen, aber bestechenden Symbiose. Hier speist man wie ein König in Frankreich und fühlt sich dank Madame und Monsieur Million "en famille". Der rotblonde Michel Million pflegt eine verfeinerte, ländliche Küche. Die Zutaten kommen aus eigenem Anbau mit saisonalen Variationen. Rhabarber, Radieschen, frische Fische aus der nahen Meurthe. Michel verwandelt die frischen Produkte in köstliche Gerichte. Zander mit Speckwürfel, Kalbsnieren in grobkörnigem Senf, frischer Rhabarberkuchen. Nach dem Mokka kommt Michel mit einer schlichten Flasche an den Tisch und der Geist der Mirabelle überrascht sanft den Gaumen, beruhigt den Magen und betört die Sinne. Frankreich ist ein Zentralstaat. Aber wo liegt das Zentrum?

 

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Lothringen-Reportage

Das Thema Lothringen stand schon lange auf meiner GLOBO-Wunschliste. Im Frühjahr 1995 signalisierte die Redaktion "Grünes Licht". Die Reise war für Oktober avisiert, wurde aber letztlich fast um ein Jahr auf den August 1996 verschoben. Grund waren die "Umstrukturierungen", die im Frühsommer 1995 begannen. Der Chefredakteur und sein Stellvertreter wurden durch halbseidene Typen ausgetauscht, die sich davor in den seichten Welten des Playboy getummelt hatten.

Leider wirkte sich diese "Umstrukturierungen" direkt auf die Arbeit von uns Reportern aus. Es gab neue Richtlinien: Die Sprache sollte lockerer und leichter werden. In die eigentliche Story sollten die touristischen Angebote der Partner unaufdringlich integriert werden. Obwohl ich mich mit allen Kräften gegen diese Verflachung gewehrt hatte, merkt man diese Entwicklung leider etwas meiner Lothringen-Reportage an. Das war das Ende vom Lied.

Die "Umstrukturierungen" sicherten allerdings nur vorübergehend die Existenz des Magazins. Im November 2001 kam das endgültige Aus für GLOBO. Die Playboy-Helden hatten es tot gespielt.

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