Stopover mit Sitzkultur

Erinnerungen aus der Zukunft:(Die Kuwait-Reportage)


In dem Wort Diwaniya steckt ein Stück Sitzkultur, der Diwan, das niedrige Sofa ohne Rückenlehne. Eigentlich ist eine Diwaniya eine mit Polsterbänken und Sitzkissen ausgestatteter Raum in den vornehmen Häusern Kuwaits. Darin sitzen die Herren der Schöpfung, trinken süßen Tee und würzigen Kardamomkaffee aus winzigen Tässchen und reden über Gott und die Welt – vor allem über Politik. Es gibt viele Diwaniyas in dem kleinen, superreichen Golfstaat Kuwait. In diesen Debattierklubs geht es munter zu, schließlich werden hier die politischen Vorgaben diskutiert, die später im Parlament entschieden werden.

Es sind nicht mal fünf Jahre her, da liefen andere Bilder über die Fernsehschirme. Verschmutzte Küsten, brennende Ölfelder, schwarzer Himmel bei helllichtem Tag. Der Krieg um Kuwait hat unsere Vorstellungen über die Golfregion geprägt und verändert. Aus den reichen Ölscheichs wurden traurige Gestalten einer ökologischen Katastrophe. Kaum war der kleine Staat befreit und die brennenden Ölfelder gelöscht, verschwand Kuwait aus der aktuellen Berichterstattung. Die Weltöffentlichkeit ließ den kleinen Ölstaat mit seinen Problemen allein. Gut – das Land ist reich, und mit dem Wiederaufbau wurde sofort und im großen Stil begonnen. Aber kann man das Trauma der Okkupation, bei der viele Kuwaitis getötet oder in den Iraq verschleppt wurden, mit Geld wettmachen?

Auch der Flughafen und die Maschinen der Kuwait Airways fielen der irakischen Aggression zum Opfer. Der Airport ist längst wiedereröffnet und die neuen Flieger von Kuwait Airways sind wieder weltweit unterwegs. Kuwait International Airport hat sich zu einer der wichtigsten Drehscheiben im Flugverkehr zwischen Europa und Asien entwickelt. Langsam beginnt sich nun auch der kleine Golfstaat für Reisende zu öffnen. Ab Herbst 1995 starten Kuwait Airways, das Holiday Inn und das Messilah Beach Hotel mit einem Stopoverprogramm.


Anscheinend ist es für die kuwaitischen Gastgeber sehr wichtig, denn ganz oben auf dem Programm steht ein Besuch der weitgehend zerstörten Burgan Oilfields. Kuwait ist brettflach und der klimatisierte Bus gleitet auf breiten Asphaltstraßen durch eine hitzeflirrende Landschaft. Kein Baum, kein Strauch. Überlandleitungen überziehen die nackte Ebene. In der Ferne funkeln die goldenen Kuppeln einer Moschee. Blau-weiß gestreifte Wassertürme tauchen wie überdimensionale Wüstenpilze am Horizont auf. Im Informationszentrum der Burgan Oilfields wird ein Dokumentarfilm über die komplizierten Löscharbeiten der brennenden Ölfelder gezeigt. Dann geht es hinaus. Die Luft ist bleiern, es riecht süß und giftig. Schillernde Farben kräuseln sich auf einem Tümpel. Kein Vogel, kein Insekt, nur graue, tote Sträucher. Es ist einer der 300 Ölseen, gefährliche Mixturen aus Öl, Wasser und chemischen Löschmittel – Hinterlassenschaften des zweiten Golfkriegs. Über 50 Quadratkilometer Wüstenboden sind ölverseucht. Unter großem Aufwand werden sie durch ölfressende Mikroorganismen abgebaut. In der Nähe des lebenszerstörenden Teiches ragen die rostigen Trümmer der Ölförderanlage aus dem flachen Gelände. Zerfetzte Anlagen, zerschossene Autos.


Auch das nächste Ziel hat mit dem 2. Golfkrieg zu tun, das Qurian House. Mitten in einem gepflegten Vorort der Großstadt Kuwait steht ein zerschossenes Familienhaus. Ein irakischer Panzer hat sein Mündungsrohr auf die Ruine gerichtet. Kuwaitische Frauen schieben lachend ihre Kinderwagen vorbei. Amerikanische GI´s langweilen sich beim Pflichtbesuch. Das zweistöckige, unauffällige Familienhaus war während des Krieges ein Widerstandsnest; junge Kuwaitis wehrten sich mit Handfeuerwaffen gegen die irakischen Besatzer und wurden gnadenlos eliminiert. Das Qurian House ist heute ein Symbol der neuen nationalen Identität und ein Stück Zeitgeschichte zum Anfassen.


Im Gegensatz zu dem weitgehend zerstörten Nationalmuseum und dem einzigen Planetarium im arabischen Raum, blieb das Tareq Rajab Museum erhalten. Die einzigartige Privatsammlung von arabischen Schriften, kostbaren Teppichen, Silberschmuck und Porzellan wurde während der Besatzung versteckt und kann nun in den kühlen, dunklen Kellerräumen besichtigt werden. Im Tareq Rajab Museum kann man abtauchen in die Geschichte und Geschichten Arabiens, in den märchenhaften Reichtum königlicher Paläste. Hier unten kann man sich verzaubern lassen von den Mythen arabischer Alltagskunst.


So viel Geschichte und Kultur machen hungrig; Zeit zum Mittagessen in den Kuwait Towers, dem Wahrzeichen des Landes. Die glitzernden, kugeligen Wassertürme wurden in den 70er Jahren gebaut. Im größten Turm dreht sich ein Restaurant langsam um die eigene Achse, und während man die Köstlichkeiten des Buffets verspeist, kann man sich bequem einen Überblick über die Stadt am Golf verschaffen.
In der Nachmittagshitze erlahmt das öffentliche Leben für ein paar Stunden. Man zieht sich für einen erquickenden Schlummer in die klimatisierten Räume zurück und lässt die Sonne draußen brüten. Strandleben ist in dem islamischen Land eher unbekannt, aber im Kommen. Im Al Shaab Beach Club, einem Ableger des Holiday Inn, kann man ungestört baden, und wenn etwas Wind weht, auch surfen und segeln.


Kuwait-City hat auch romantische Seiten. In der Nähe des supermodernen Parlamentsgebäudes liegt der alte Hafen. Gerade in den frühen Abendstunden, wenn der rote Sonnenball in den dunstig blauen Wolkenschichten über dem Golf versinkt, legt sich der Charme der Levante über die hölzernen Daus, dem traditionellen arabischen Küstenschoner. Fischer in ihren blütenweißen Dishdashas, in knöchellangen Kleidern, sitzen auf den Booten. Sie rauchen und reden leise miteinander, das Meer und die rosa Wolkenbank am westlichen Horizont fest im Blick. Dunkle, wettergegerbte Gesichter mit munteren, flinken Augen; Sindbad könnte darunter sein.

Der Fischmarkt von Kuwait-City ist in einer Industriehalle untergebracht. Aber die nüchterne Hülle kann das turbulente Leben darin nicht im geringsten beeinflussen. Die langen Bänke biegen sich unter den Fischleibern. Thunfische, Haie, Rochen, Rotbarben und viele kleinere Arten. Die Gewässer im Golf sind anscheinend sehr fischreich. Händler überschreien sich; Hai ist besonders preiswert heute. Frauen in langen, schwarzen Gewändern, alle bis auf die Augenschlitze verschleiert, schleppen den zerlegten Räuber in dursichtigen Plastiktaschen mit nach Hause.


Dunkelheit legt sich über Kuwait-City. Die Lichter erglühen. Es ist die beste Gelegenheit fürs Shopping, Zeit für den Suq, den traditionellen Basar in der Altstadt. Die Gassen der Textilhändler erglühen in den Farben der angestrahlten Stoffrollen. Grellbunt und golddurchwirkt leuchten die glühendsten, farbigsten Seidenfutter – der Stoff, aus dem die Träume sind. Aber die größte Anziehung hat der Gold-Suq von Kuwait. Er ist bekannt für die Qualität der Goldschmiede und für seine erstaunlich günstigen Preise. Mehrere Seitenstraßen und ein mehrstöckiges Kaufhaus beherbergen die glitzernde Pracht.
Millionen von Armreifen, Halsketten und Ohrschmuck werden von Punktstrahlern angeleuchtet. Der arabische Geschmack ist üppig, ausladend. Gold ist hier mehr als nur Schmuck; Gold war das traditionelle Bargeld im Morgenland. Heute wird mit Kreditkarte bezahlt, glaubt man den vielen Aufklebern an den grell bestrahlten Vitrinen der Juweliere. Gold wird heute mit Plastik, mit der "Goldcard" aufgewogen.

In dem Wort Diwaniya steckt ein Stück Sitzkultur, der Diwan. Ein Besuch der Diwaniya at Al Mailam ist ein unterhaltsamer, ein gemütlicher Abschluss für einen kuwaitischen Abend. In der Diwaniya at Al Mailam sind ausländische Besucher (auf Anfrage) willkommen – auch weibliche. Man sitzt zwischen den Herren der Schöpfung in ihren blütenweißen Dishdashas und trinkt mit ihnen süßen Tee und würzigen Kardamomkaffee aus winzigen Tässchen. In der Mitte des mit Polsterbänken und Sitzkissen ausgestatteten Raums, stehen einige Wasserpfeifen. In Kuwait raucht man "Hubbly Bubbly". Es schmeckt frisch, angenehm und nach Äpfeln und Minze; es schmeckt nach den Geschichten aus Tausendundeine-Nacht.

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen vom 19.01.2019

Die Kuwait-Reportage hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Sie stand nicht im Redaktionsplan. Im Frühjahr 1995 war die Oman-Reise geplant, die auf der ITB des gleichen Jahres mit diversen Partnern vorbereitet wurde - u. a. mit der Omanspezialistin Heide Beal.

Wie verabredet, trafen der Fotograf Michael Peukert und ich uns zum Start am Schalter einer großen Airline am Flughafen Frankfurt. Doch Überraschung, Überraschung - für uns waren keine Tickets hinterlegt und die Maschine war komplett ausgebucht. Lange Gesichter. Es war mittlerweile Freitagnachmittag und die langen Schlangen vor den öffentlichen Telefonzellen waren lang. Als wir endlich durchkamen, war die GLOBO-Redaktion in München nicht mehr besetzt und alle im verdienten Wochenende. Mobiltelefone hatten wir damals noch nicht. Meinen ersten Siemens-Knochen, sollte ich mir erst Ende 1995 anschaffen - mit beleuchteter Tastatur.

Wir unternahmen einen letzten, verzweifelten Versuch bei der avisierten Airline. Schließlich begann schon am Samstagvormittag unser Terminplan mit der Akkreditierung bei dem omanischen Tourismusministerium - wie schriftlich vereinbart. Keine Chance. Unsere Maschine stand mittlerweile Abflug bereit auf dem Rollfeld. Adieu Oman!

Wir müssen ziemlich frustriert dreingeschaut haben, als uns ein junger dynamischer Mann im tadellos blauen Anzug ansprach. "Was habt ihr für ein Problem, Jungs?“ Er hörte uns unaufgeregt zu, guckte auf die Uhr und forderte uns auf unverzüglich mitzukommen. Er war der damalige deutsche Manager von "Kuwait Airlines“. In seinem Neon beleuchten Kabuff arrangierte er heftig telefonierend einen Lift für uns über Kuwait in die Hauptstadt des Oman. Noch am gleichen Tag, Businessklasse und Rückflug inbegriffen.

Wir - und später auch die Redaktion - waren sehr beeindruckt von der spontanen und professionellen Hilfsbereitschaft des Airliners. Aus dieser Erfahrung entwickelt sich eine spezielle Geschäftsfreundschaft, die schließlich in diese Kuwait-Reportage mündete. Im Nachhinein - noch mal Danke, Dirk!

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