Baywatch - ein Sultanat im Wandel Die Sonne wirft lange Schlagschatten auf den feinen, weißen Sand, und die Felsformationen glühen Gelb und Rot. "Langeweile ist ein warmes, graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen ist.", schrieb Walter Benjamin, "In dieses Tuch wickeln wir uns, wenn wir träumen." Mohammed döst mit halb geschlossenen Lidern, während seine beiden Freunde tief und fest schlafen. Es ist ein wunderbarer Spätnachmittag am Strand von Qantab. Ich bin der einzige Badegast und teile den spärlichen Schatten eines Schilfdaches mit den drei jungen Omanis. Ihre Fischerboote dümpeln im leisen Wellenschlag des Meeres. Mohammed gähnt. Er schaut mich aus seinen schlaftrunkenen Augen an, als wolle er mich zum x-ten Mal fragen, ob er mich nicht doch zu den vorgelagerten Inseln fahren dürfe. Bevor er den Mund aufmachen kann, stürze ich mich in das herrliche Wasser.

Als ich zurückkomme, hat sich Mohammed in mein Buch, den Reiseführer über den Oman von Georg Popp, vertieft. Er "liest" es auf arabisch, von rechts nach links und von hinten nach vorn. Jedes Bild wird aufmerksam betrachtet und kommentiert. Die Freunde sind längst erwacht und haben sich die knöchellangen Kleider, ihre "disdashas", zurechtgezupft. Vor allem die Abbildungen der trostlosen Wüsten- und Gebirgslandschaften werden heftig diskutiert. Das könne nicht der Oman sein; das sei irgendwo im Jemen oder Saudi-Arabien! Das Foto auf Seite 22 versetzt sie in helle Aufregung. Es zeigt den Strand von Qantab von oben. Drei Boote liegen im Wasser. Unter einem Sonnenschutz lungern drei Gestalten: Mohammed und seine Freunde. Das Foto wird nun genauestens inspiziert und lautstark erörtert. Aber die Abbildung Seite 12 verschlägt Mohammed die Sprache. Er starrt fassungslos auf eine alte, unverschleierte Frau in bunten Tüchern und gelber Hose. "His grandmother!", flüstert einer der Freunde von hinten. Es ist tatsächlich Mohammeds verstorbene Großmutter. Die Familie hätte kein Bild von ihr, ob ich vielleicht ... Klar! Schnell reiße ich die Seite heraus, denn im Hintergrund hupt schon das Taxi; ich hatte es für fünf Uhr bestellt. Fühle Dich nicht schuldig beim Gucken der Fernsehserie Baywatch. "Don´t feel guilty watching Baywatch" titelt die englischsprachige Tageszeitung "Oman Observer", die in der Beifahrerablage steckt. Der Taxifahrer, ein feister Mensch um die Fünfzig, zieht die Augenbrauen hoch und grinst. Kein Kommentar. Schnurgerade führt der vierspurige Highway durch den Großraum Masqat, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Immer wenn der Fahrer schneller als 120 km/h fährt, fängt ein Warnsignal im Armaturenbrett an zu piepen. Es piept oft. Mein Fahrer hat die Sprache wiedergefunden und macht mich auf einige Fußgänger aufmerksam. Es sind Frauen in langen, schwarzen Gewändern, alle bis auf die Augenschlitze verschleiert. "Baywatch!", kommentiert er die Gruppe. Ich verstehe und erinnere mich an die spärlich bekleideten Strandnixen, mit denen in der amerikanischen Fernsehserie die dünnen Geschichten aufgemotzt werden. In seiner Jugend hätte es so etwas nicht gegeben, erklärt mir der Fahrer. Mit seinen dicken, haarigen Fingern fuchtelt er mir beschwörend vor der Nase herum. Sie hätten damals nichts gehabt, keine Zeitungen, kein Radio und erst recht kein Fernsehen. Nichts – nur die Sterne am Himmel!
Mein schwergewichtiger Taxifahrer hat als junger Mann die omanische Revolution, den Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit miterlebt. Als am 23. Juli 1970 der jetzige Sultan Qabus ibn Said Al Said seinen weltabgewandten Vater stürzte, war der Oman eine der unterentwickeltsten und unbekanntesten Gegenden der Erde. Die Küstenregion am Indischen Ozean war ein rätselhaftes Gebilde ohne eigene Identität. Die geschichtliche Bedeutung der alten Seefahrernation verblasste im Dunstkreis der Sindbad-Mythen. Der alte Sultan Said ibn Taimur hatte nicht mal eine vage Vorstellung über die Größe seines Reiches; es verlor sich irgendwo im Westen in einer menschenfeindlichen Wüstenei und in dem von Stammesfehden heimgesuchten Al-Hadjar-Gebirge. 1970 gab es drei Knabenschulen, eine provisorische Krankenstation und 10 Kilometer befahrbare Straße. Fahrradfahren und das Tragen von Sonnenbrillen waren verboten.

Heute hat der junge Sultan längst einen grauen Bart. Gütig lächelt sein Konterfei in jedem omanischen Haushalt, in jedem Geschäft – auch in den hypermodernen Einkaufszentren Masqats. Sultan Qabus ist beliebt bei seinen Untertanen, auch noch nach 25 Jahren. Er hat das Ölgeschäft angekurbelt, hat das Land geöffnet und ausländische Experten hereingeholt. Mithilfe des "Schwarzen Goldes" wurde ein gigantisches Entwicklungsprogramm angeschoben. Heute geht es den Omanis blendend. Sie fahren japanische Luxusautos und wohnen in staatlich finanzierten Eigenheimen. Sie zahlen keine Steuern, und der Staat kommt für alle sozialen und medizinischen Leistungen auf. Noch 17 Jahre sollen die Öl- und Erdgasreserven reichen; noch 17 fette Jahre für die moderne Wohlstandsgesellschaft am südlichen Rand der arabischen Wüste! Um Spuren der alten städtischen Gesellschaft zu finden, muss man hinunter an den Hafen, nach Matrah fahren. Es ist schon spät, als ich die Corniche, die hell erleuchtete Hafenpromenade erreiche. Der Mond ist aufgegangen und sein rundes Spiegelbild im Wasser wird durch auslaufende Fischerboote ins Wanken gebracht. Wo heute die Fußgängerampel über die zweispurige Straße führt, war früher der Strand. Man hat das alte Händlerviertel saniert und dabei die schmucke Hafenseite der Geschäftshäuser erhalten. Dahinter liegt der Suq, der größte Markt und Basar des Landes. Menschenmassen strömen durch das große Portal, verschwinden im murmelnden Halbdunkel. Auch ich werde hineingezogen, in die geheimnisvolle Welt der Waren. Ein Geruch verwirrt sofort meine Sinne. Ich kenne ihn genau. Aber es ist lange her. Ich erinner mich, wie ich als Messdiener zum ersten Mal diese klebrigen, schwarzen Kügelchen zwischen den Fingern rieb; es ist Weihrauch. Die betörenden Nebelschwaden kommen aus dem Inneren des schummrigen Schlundes.

Ich zögere, aber von hinten wird geschoben. Ich versuche mich zu orientieren: Die Hauptgasse und das Labyrinth der Seitenwege sind mit Reisstrohmatten überdacht. Gelegentlich baumelt eine schwache Neonröhre darunter. Der Suq ist in verschiedene Verkaufszonen untergliedert. Im zentralen Bereich dominieren Haushaltswaren, Elektroartikel, Uhren, Krimskrams. Es ist auch der Bereich der Geldwechsler, Gewürz- und Weihrauchhändler. Die Gassen der Textilhändler erglühen in den Farben der angestrahlten Stoffrollen. Grellbunt und golddurchwirkt leuchten die teueren Gewebe wie ein geheimnisvolles Material aus einer fernen Welt. Im Reich der indischen Schneider rattern Nähmaschinen, und omanische Frauen prüfen lautstark hinter ihren "burqas", den grüngoldenen Gesichtsmasken die Qualität der Gewänder. Sie lassen die fein bestickten Säume durch ihre hennabemalten Finger gleiten und jede Naht wird von den schwarz umrandeten Augen begutachtet. Aber die größte Anziehung hat der Gold-Suq. Traditionell wurde früher mit Silber geschmiedet. Der Geschmack hat sich gewandelt, die Omanis können sich was leisten, das Goldfieber ist ausgebrochen. Bezahlt wird mit Kreditkarte, glaubt man den vielen Aufklebern an den grell bestrahlten Vitrinen der Juweliere. Wie große schwarze Vögel umflattern die Töchter des Landes diese glitzernden Objekte ihrer Begierden.

Der Mond hat sich hinter die Bergzacken zurückgezogen. Wie ein dunkelblaues Tuch liegt der bestirnte Himmel über Matrah, über dem geschäftigen Suq. Es ist Donnerstagabend, islamisches Wochenende. Unter die Einheimischen im Basar mischen sich immer mehr Gastarbeiter. Philippinischer Charme konkurriert mit indischer Eleganz – unverschleiert. Eine unerwartete Bewegung kommt über die Menschenmenge. Sie bildet ein Spalier, einen unsichtbaren Korridor für einen schmächtigen, jungen Mann. Es ist keine hohe Persönlichkeit, nur ein indischer Gastarbeiter. Das farbenfrohe Hemd trägt er über der Hose. Er hält einen Brief in Händen und versucht die eng beschriebenen Zeilen im Gehen zu lesen. Zeilen von zu Hause, von der Liebsten in seinem fernen Dorf, vielleicht aus der indischen Provinz Kerala. Er hört nicht das Geschrei der Händler, nicht das Feixen der Umstehenden. Seinsvergessen schwebt er durch eine andere Welt. Für ein oder zwei Jahre werden die jungen Ausländer verpflichtet. Der omanische Arbeitgeber zahlt, neben einem bescheidenen Lohn, den Hin- und Rückflug. Von freien Tagen oder gar Urlaub steht nichts in den Verträgen. Telefonate nach Indien oder Bangladesch sind teuer. Briefe sind preiswerter, sie sind wie lange Monologe aus der Ferne. Heimweh ist eine tückische Krankheit; man glaubt sie überwunden, dann bricht beim Anblick einer Briefmarke, einer vertrauten Handschrift wieder aus.
Heide Beal hat manchmal Heimweh nach der Wüste, wenn sie zu lange in den grauen Mauern Masqat verweilen muss. Seit über 12 Jahren lebt die Deutsche im Oman. Dieses Land ist gleichsam ihre Herausforderung und ihr Arbeitsfeld. Sie leitet ein Reiseunternehmen und hat sich als Frau in der arabischen Männerwelt durchgesetzt. Heide organisiert und realisiert Touren in die abgelegensten Gegenden des Omans bis hinüber in die Arabischen Emirate. In kleinen Gruppen durchstreifen sie und ihre erfahrenen Mitarbeiter die Wahiba-Wüste, erkunden das Al-Hadjar-Gebirge und die alte Weihrauchstraße im Süden.

Heide möchte mir ein Stück Hinterland, ein Stück ursprünglichen Oman zeigen und nimmt mich mit auf eine Tour in das Wadi Sathan. Wir verlassen den Großraum Masqat auf einem vierspurigen Highway, Kurs Nordwest, immer an der Küste lang. Es ist früher Vormittag und heiß. In der Ferne verflimmert der Asphalt mit dem blassblauen Himmel; ein Lkw löst sich in dem gleißenden Gemisch auf. Bei Barka verlassen wir die Autobahn und halten uns südwestlich. Bald tauchen die grauen Umrisse des Al-Hadjar-Gebirges wie ein unüberwindbares Hindernis vor uns auf. Heide zeigt auf den höchsten Punkt des Kamms: "Da wollen wir rauf!". Mit dem Jeep? Sie nickt und lächelt.

Wir nähern uns Nakhl, einer alten Festung auf einem Felsklotz, der majestätisch die weite Ebene überragt. Unterhalb der Feste fließt warmes Wasser aus einer Thermalquelle und versorgt die Dattel-, Zitronen- und Papayabäume der Oase. Eine friedliche Stimmung liegt über dem Städtchen. Die Hitze wird gebrochen und durch die vielen Gärten in ein erträgliches Klima gewandelt. Man spürt den schöpferischen Einfluss der Menschen, die fruchtbare Symbiose von Natur und Kultur. Geräumige, weiße Häuser dösen im Schatten der Palmen. Im breit dahinfließenden warmen Wasser halten einige Frauen Waschtag. Eine unverschleierte Greisin mit faltigem Gesicht sitzt auf den Stufen einer Treppe und wiegt einen Säugling in den Schlaf. Stimmen verhallen in den Häusern, Geschirr klappert und der Duft von Gebratenem entströmt weit geöffneten Fenstern. Die Zeit vergeht hier langsamer, intensiver. Welche Geschichten ranken sich um diese dicken, alten Mauern? Was haben sie alles erlebt und gesehen? Wie oft wurde die Oase belagert, zerstört und wieder aufgebaut? Die Natur, die heiße Geröllwüste draußen, hat kein Gedächtnis. Das ist in dem Gemäuer von Nakhl gespeichert.

Wir müssen weiter, das Al-Hadjar-Gebirge sitzt uns im Nacken. Wir betanken den Geländewagen und schleichen uns an die grauen Riesen heran. Kurz vor der alten Hauptstadt Rostaq verlassen wir endgültig die Asphaltstraße und biegen in einen Schotterweg ein. Zersplitterte Felsen, vertrocknete Dornbüsche, ab und an eine kümmerliche Schirmakazie. Die Piste wird jählings abschüssig. Wir rutschen in einen Canyon hinunter, der von oben nicht zu sehen war, in das Wadi Awf. Der Fahrweg ist das ausgetrocknete Flussbett. Heide hat längst auf die Vierradübersetzung umgeschaltet. Wir rumpeln über glatte Felsbrocken, krachen in ausgespülte Schlaglöcher. Die glatt geschliffenen Felswände rücken näher, wir sehen die gewaltigen Schleifspuren der Wassermassen.

Die meisten Unfälle mit tödlichem Ausgang passieren in dem Wüstenland Oman nach den ergiebigen Regenfällen im Winter. Harmlose Bodensenkungen werden dann zu reißenden Flüssen und das Wadi Awf zum tosenden Ungeheuer. Ich kann kein Wölkchen am schmalen Himmelsband über dem Canyon erkennen. Heide kann Gedanken lesen. Sie hat heute Morgen den Wetterbericht gehört, Heide hat alles im Griff! Das Flussbett wird immer enger. Der Geländewagen schaukelt zwischen zwei Felswänden durch, nicht viel breiter als ein Garagentor. Es ist der Durchlass zum Wadi Sathan. Breit und schattenlos öffnet sich der Canyon vor uns. Rechts reckt sich die Nordseite des Dschebel Shams lotrecht in die Höhe. Mit seinen 3009 Metern ist er die höchste Erhebung des Oman und unser Ziel.

An den Rändern des Canyons tauchen erste Dattelpalmen auf, und bald rumpeln wir durch eine lang gestreckte Oase. Heide möchte mir das Falaj-System, die ausgeklügelte Wasserwirtschaft der Oasen zeigen. Wir überwinden eine kleine, steile Böschung und finden uns im Halbschatten eines Palmenhains wieder. Grüne, kühle Stille umgibt uns. Libellen jagen lautlos im zackigen Flug um unsere Köpfe. Schon bald plätschert und gurgelt es leise. Dunkles Wasser fließt träge in einer offenen Rinne. Einige Sonnenstrahlen spiegeln sich blitzend im schmalen Rinnsal der gemauerten Leitung. Es ist ein langer Weg für das Wasser, bis es in der Oase ankommt. Horizontale Stollen mit gemauerten Röhren müssen unter unsäglichen Mühen unter den aufsteigenden Wadirand getrieben werden, um das von Gebirgsflüssen gespeiste Grundwasser abzufangen und in die tiefer gelegene Oase zu leiten. Nach fast jedem Winter muss das komplexe Falaj-System repariert oder ausgebessert werden – eine Arbeit, die nur von einer Gemeinschaft und nur im Generationenvertrag zu leisten ist.

Ein helles Kügelchen treibt auf der dunklen Rinne. Ich bin neugierig und fische es heraus. Zu neugierig. Ein Kaugummi klebt nun zwischen meinen Fingern. Es kichert hinter den Bäumen. Einige Kinder mit bunten Gewändern flüchten johlend bergan, bleiben aber bald wieder stehen und lachen. Im Hintergrund ist jetzt auch ein Gebäude zu erkennen. Ein Erwachsener im weißen "disdasha" erscheint hinter den Kindern und winkt uns heran. Es ist das Familienoberhaupt, ein Methusalem mit grauem Bärtchen und schwarzen, flinken Augen. Optisch hätte er gut zu Mohammeds verstorbener Großmutter aus Qantab gepaßt. "As salaamaleikum..." Nach der langen, rituellen Begrüßungsformel werden wir gestenreich eingeladen. Eine Ablehnung ist unmöglich, sie würde die arabische Gastfreundschaft verletzen. Das Anliegen ist weitläufiger und verwinkelter, als es von unten anmutete. Wir ziehen unsere Schuhe aus und betreten den Raum für die Gäste. Es ist ein lichtdurchflutetes Zimmer ohne Möbel. Auf den abgewetzten Teppichen liegen bestickte Kissen. Ich mache es mir bequem und betrachte den Raum. Die Decke hat man mit grüngemusterten PVC-Bahnen beklebt; zwei regungslose Ventilatoren sind daran befestigt. Über den Fenstern sind Nischen in die Wände eingelassen. Darin werden Decken und ein Transistorradio gelagert. Das Familienoberhaupt hat seinen zentralen Platz eingenommen. An der gelben Wand über ihm schwebt eine verstaubte Flinte und gegenüber – von Angesicht zu Angesicht – hängt das vergilbte Bildnis des jungen Sultans. Ein erwachsener Sohn bringt Thermoskannen mit Tee und Kaffee, Platten mit Wassermelonen, Äpfeln und Datteln. Der Alte gibt Anweisungen, die Söhne spuren. Er schenkt den Tee aus, zerschneidet die Melone, zerteilt die Birnen in mundgerechte Stücke. Motorenlärm zerreißt plötzlich die Stille. Ein Generator wurde draußen angeschmissen, und über unseren Köpfen setzen sich die Ventilatoren langsam in Bewegung. Was tut man nicht alles für seine Gäste. Der mit Kardamom gewürzte Kaffee löst die Zunge. Es ist die Zeit zum Plaudern; was gibt es Neues in der Welt. Bekommen wir einen heißen Sommer? Der Kronprinz von Katar hat seinen Vater gestürzt!

Als der Alte erfährt, dass ich aus dem fernen Deutschland komme, wird er neugierig. Er möchte wissen, wie es um unsere Wiedervereinigung stehe. Ob wir uns, wie im benachbarten Jemen, nach der Vereinigung die Köpfe eingeschlagen hätten. Er zeigt mit dem Daumen auf die Flinte über sich. Ich möchte von ihm wissen, was es mit dem altertümlichen Gewehr auf sich hat. Das sei nur ein Erinnerungsstück an die Stammeskämpfe in den 50er und 60er Jahren, wiegelt er ab. Seit der junge Sultan regiere, sei hier alles ruhig, versichert er mir beim Abschied.
Das Wadi Sathan führt auf eine Hochebene, eine trostlose Steinwüste hinauf. Das Al-Hadjar-Gebirge liegt unnahbar vor uns, aber Heide hält unbeirrt drauf zu. Das Gelände steigt an, und Heide muss wieder kurbeln und schalten. Aber irgendwann stoppt sie, steigt aus und inspiziert die Gegend. Wir haben uns verfahren! Die neue Strecke steigt noch steiler an, und neben uns tun sich Abgründe auf. Wir juckeln auf schmalem Grat über den größten Geröllhaufen der Erde. Das Al-Hadjar-Gebirge ist eine geologische Besonderheit – die Schöpfungsgeschichte ist hier oben noch nicht zu Ende. Tektonische Spannungen und starke Plattenbewegungen pressten die Gesteinsmassen immer wieder senkrecht in die Höhe und ließen bizarre, instabile Formen entstehen. Wind und Wetter leisteten die Feinarbeit zu dem geologischen Gesamtkunstwerk.

Eine Staubwolke kommt von oben auf uns zu. Aus der Wolke werden zwei Geländewagen, und als sich der Staub verzieht, beginnt die rituelle Begrüßung: "As salaamaleikum...". Es sind zwei Männer aus dem Bergdorf, zu dem wir unterwegs sind. Sie müssen nach unten, um die Mädchen des Dorfes von der Schule abzuholen.
Nach einer Stunde liegt das Dorf plötzlich vor uns. Wie ein Amphitheater staffelt sich das Halbrund in schmale, grüne Terrassen. Die letzten Sonnenstrahlen lassen die unteren Palmenhaine erglühen. Über den Terrassen kleben die Lehmhäuser des Dorfes wie graue Schwalbennester. Oberhalb der Siedlung hat man einen provisorischen Parkplatz angelegt. Ein paar Jungs spielen Fußball. Wenn sie rennen oder schießen, schürzen sie ihre staubbedeckten "disdasha" etwas nach oben. Das Spiel wurde den lokalen Besonderheiten angepasst: der Ball ist angebunden, läuft an der langen Leine. Hinter dem unmarkierten Seitenaus geht es etliche Kilometer bergab. Unsere Anfahrt war von den Dörflern seit geraumer Zeit beobachtet worden. Ein großer, hagerer Mann kommt uns entgegen, der Dorfvorsteher. Erst die lange rituelle Begrüßung, dann spricht Heide mit ihm. Wir sind willkommen.

Es ist später Nachmittag, als wir auf den Stufen und steil abfallenden Wegen zwischen den lehmgrauen Häusern wandeln. Der Gipfel des Dschebel Shams hat schon seinen Schatten auf das beschauliche Leben geworfen. Die Dorfbewohner nutzen die Kühle dieser Stunden zur Arbeit in den Terrassen. Man hört Stimmen und Rufe, die sich als ferne Echos in der Bergwand verfangen. Aber der größte Lärm kommt aus einer kleinen Hütte. Es ist die Koranschule. Anscheinend sind wir eine willkommene Abwechslung. Eine Horde schwarzköpfiger Buben stürzt heraus und umringt uns. Schließlich schiebt sich auch der Koranlehrer, der Imam des Dorfes, durch die Tür. Der dicke Kerl mit dem lustigen Gesicht lädt mich ein, seinem Unterricht beizuwohnen. Heide muss draußen bleiben. Obgleich die omanischen Männer ihre Autorität akzeptieren und schätzen – hier hat sie eine spirituelle Grenze erreicht. Es riecht etwas streng in der winzigen Hütte. Kaum habe ich mich auf den Boden gesetzt, wird mir ein Kissen in den Rücken geschoben, und schon legt der Imam los. Mit einer kräftigen Baritonstimme singt er die Suren, die Verse aus dem Koran vor und die Bengels brüllen sie aus Leibeskräften nach. Der Dicke ist stolz auf die Repetierkünste seiner Schüler. Er zwinkert mir zu. Ich nicke beeindruckt und verstehe nichts – Allah möge mir meine Dummheit verzeihen!
Es ist schon duster, als wir die Piste wieder hinunterkriechen. Meine Gedanken fangen an zu wandern, lassen meinen Körper in dem schaukelnden Wagen zurück. Ich sehe den hageren Dorfvorsteher vor mir, der noch nie seine Berge verlassen hat, der noch nie in Masqat war. Fernsehen kennt er nur vom Hörensagen; es gibt noch keinen Strom im Dorf. Was ist das für ein Land, wie viel Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung kann es in sich vereinigen?

Aber der junge Staat muss mit noch extremeren Varianten fertig werden. Er hat noch eine Exklave, sein "Alaska" an der nördlichen Spitze der arabischen Halbinsel – Musandam. Eine Propellermaschine fliegt dreimal die Woche in den entlegenen Landesteil, in die Oase Kahsab. Schon auf der Landkarte verwirrt der vielgliedrige Landzipfel in der Meerenge von Hormus. Aber beim Landeanflug auf Kahsab verliert man vollends den Überblick. Ein zerklüftetes Kalksteingebirge stürzt sich jäh ins Meer und taucht ebenso plötzlich wieder als tief eingeschnittene Fjordlandschaft auf.

Juha Leppanen erwartet mich im Militärflughafen von Musandam. Juha ist Mitarbeiter des einzigen lokalen Reiseveranstalters und Finne. Mit dem lebenslustigen Skandinavier werde ich die nächsten Tage unterwegs sein. Hier oben in Musandam wird der Tourismus noch "handgeschnitzt" und individuell ist kein Modewort, sondern eine Voraussetzung. Mit Juha durchkreuze ich auf einer hölzernen Dhau, dem traditionellen arabischen Küstenschoner, die Fjorde von Musandam. Delphine begleiten uns, Komoranschwärme überfliegen die hölzernen Planken und eine große Meeresschildkröte taucht vor uns in die blaue Tiefe.

Maritime Tage in Musandam. Juha möchte mir noch etwas Besonderes bieten – Kumzar, das Dorf am Ende der Welt, wenige Kilometer von der iranischen Küste entfernt. Kumzar kann man nur mit einem Speedboat, einer flachen Aluschüssel mit starkem Außenborder, erreichen. Als wir am frühen Morgen auslaufen, kommen uns an die hundert Boote entgegen. Sie fahren im engen Pulk. Es sind keine Fischer, sondern iranische Schmuggler. Ihre Motorboote sind mit Schafen überladen, die sie in Kahsab an Händler aus Dubai verkaufen. Mit dem Geld wird im nahe gelegenen Suq eingekauft: Zigaretten und Elektronik.

Musandam ist ein besonderer Fleck auf dieser Erde. Sobald wir den schützenden Hafen verlassen, wird das Meer rauh. Bei jeder Welle kracht das flache, schnelle Boot auf das Wasser und jedes Mal gibt es eine Dusche. Ali, unser Speedboat-Fahrer aus Kumzar, scheint es Spaß zu machen. Kaum haben wir das letzte Zipfelchen Oman umschifft, schießt ein Patrouillenboot auf uns zu. Ali gibt Gas, aber unser Speedboat ist zu langsam. Wir werden aufgebracht. Das graue Wasserfahrzeug mit der besetzten MG-Station umkreist uns misstrauisch. Juha und Ali verhandeln. Sprechfunkverkehr mit der Basis. Die Gegenseite hat sich überzeugt, dass wir keine Schmuggler sind, dass wir weder Zigaretten, Elektrogeräte noch Schafe an Bord haben – nur einen harmlosen, deutschen Touristen. Wir dürfen weiter. Juha winkt freundlich und flucht wie ein finnischer Rohrspatz.

Nach einer Stunde haben wir Kumzar erreicht. Das Fischerdorf duckt sich unter einer steil abfallenden Felswand, uneinnehmbar von der Landseite. Kinder begrüßen uns lautstark, Fremde sind selten am Ende der Welt. Ein silbriger Tümpel glitzert zwischen dem Strand und den Häusern. Frauen in bunten Kleidern sitzen ums Ufer herum, als würden sie etwas waschen. Es ist nicht der Dorfweiher. Es sind Millionen kleiner, getrockneter Fische, und die Frauen müssen das stinkende Zeug von der einen auf die anderen Seite wenden.

Ali führt uns durch sein Dorf, durch die schulterbreiten Gassen zwischen den niedrigen, weiß verputzen Bruchsteinhütten. Über den Dächern spannen sich Stromleitungen, abenteuerliche Konstruktionen. Kumzar hat einen leistungsstarken Generator; Sultan Qabus ibn Said Al Said sorgt für seine fernen Landeskinder in dieser politisch brisanten Region. Ziegen dösen im spärlichen Schatten und reißen überrascht ihre horizontal geschlitzten Augen auf. Hin und wieder klebt eine Satellitenschüssel am Mauerwerk. In jede Hütte wurde eine fenstergroße Öffnung für die brummenden Lüftungen der Klimaanlagen gebrochen. Drei Frauen sitzen in einer der schmalen Gassen. Vor ihnen stehen Körbe. Es ist der mobile Mini-Market von Kumzar. Ich kaufe mir Kaugummi ohne Zucker. Juha findet in einem Korb einen Müsliriegel aus Finnland. Er traut seinen Augen nicht – sind wir hier wirklich am Ende der Welt? Natürlich führt uns Ali geradewegs zu seiner Hütte, natürlich sind wir seine Gäste. Ehrensache! Schuhe aus, hinein in die fensterlose Stube. Die Klimaanlage hat einen grauen Mörtelrand in der himmelblauen Wandfarbe hinterlassen. Ali schleppt Tee und Gläser, frischgebackenes, hauchdünnes Fladenbrot, Joghurt und Halwas herbei. Die grüne Glibbermasse ist Melonengelee aus der Dose. Wir lassen es uns schmecken.
Ali ist stolz auf seine Gäste. Er möchte sie verwöhnen und schaltet den betagten Farbfernseher in der Zimmerecke an. Es rauscht und flimmert. Auf dem plastikgrauen Sicherungskasten steht das gerahmte Porträt des Sultans. Ali hat ein Video in den Rekorder gelegt und zeigt uns verwackelte Aufnahmen von der letzten Hochzeit in Kumzar. Zoom hin, Zoom zurück, da die Braut. Versehentlich zeigt das selbst gedrehte Video minutenlang die nackten Füße des Kameramannes.
Ich komme ins Grübeln. Mein Blick schweift zwischen dem unruhigen Fernsehschirm und dem Konterfei des freundlichen, graubärtigen Sultans, der merkwürdig verklärt in die Ferne der anderen Zimmerecke guckt. Die Omanis haben in ihren Häusern allenfalls zwei Bilder, das ihrer Majestät und das auf den Mattscheiben. Zumindest besitzt nun Mohammed aus Qantab noch ein Drittes – das seiner verstorbenen Großmutter.

Ali bemerkt meine Abwesenheit. Er möchte seinen Gast unterhalten, nicht langweilen. Vorsichtig zieht er hinter dem Fernseher eine Videokassette hervor und hält mir den beschriften Kassettenrücken entgegen. Nur mit Mühe kann ich die linkische Handschrift auf dem Aufkleber entziffern: "Baywatch".

oman