Indonesische Insel der Widersprüche

"This fish is for export. Not the yellow one – it´s too cheap!". Langsam gleitet das Glasbottomboat über den indigoblauen Spiegel. Zwei Glasfenster hat man in die Unterseite des Bootskörpers eingelassen. Wir gucken von oben durch, während wir über einer tiefblauen Korallenwelt schweben. Fischschwärme huschen aufgeregt unter dem Glasfenster vorbei und wieder werden wir von dem Bootseigner belehrt: die Blauen für den Export, der gestreifte "Leutnantsfisch" bringt 5000 Rupien und die Gelben wie immer nix. Fast unmerklich sinkt das Riff steil nach unten ab. Neue Schwärme tauchen aus der Tiefe auf – neue Farben, neue Preise. Mein pummeliger Nachbar ist sichtlich genervt. Er möchte sich entspannen; seine Ferien genießen. Vergebens! Schließlich ist mein Nachbar ein wichtiger "Bapak", ein Väterchen, ein hohes Tier aus dem Verkehrsministerium in Jakarta. Und wenn sich der "Bapak" schon mal die Mühe macht, die einzigartigen Korallenbänke von Manado zu besichtigen, lässt es sich der Bootsbesitzer auch nicht nehmen, seinen englischsprachigen Kommentar zur indonesischen Außenhandelsbilanz hinaus zu brüllen. Langsam gleiten wir über eine faszinierende Unterwasserwelt zwischen dem Inselchen Munaken und Manado, dem Zentrum auf der sulawesischen Nordspitze. "This fish is for export."


Die Korallenbänke locken immer mehr tauchbegeisterte Touristen nach Manado. Einige Hotels und Tauchzentren haben sich auf die schnorchelnde Klientel eingestellt. Die gut erschlossene Infrastruktur und der relativ hohe Lebensstandard fördern diese touristischen Tendenzen. Aber es geht noch gemütlich zu in der Provinz Nordsulawesi. Hier spürt man schon die philippinische Lässigkeit, gepaart mit der arglosen Lebensfreude der Südsee. Auf der Insel Bunaken wird der Bounty-Mythos Wirklichkeit: Im splittrigen Schatten von Palmen schaukeln Insulaner in Hängematten und singen vielstimmig zur Gitarrenbegleitung "Aloaa heee". Nur die vielen, herumtobenden Hunde passen nicht in das Hawaii-Klischee. Die Minahasa, die christliche Bevölkerung Nordsulawesis, lieben ihre kaffeefarbenen Mischlinge. Sie sprechen mit ihnen, schmusen mit ihnen und an Weihnachten wandern die lieben Wauwies in die Kochtöpfe. "Aloaa heee"
In der Sprache der Minahasa bedeutet Manado weit weg. Eine treffende Bezeichnung für diesen Ort auf der Nordspitze Sulawesis, an der Nahtstelle zwischen dem indonesischen Archipel und dem philippinischen Inselreich. Eine hybride Gegend mit geologisch labilem Charme. Unterseeische und überirdische Vulkane sorgen ständig für kleinere Erdbeben, lassen die Teetassen überschwappen und narren den Gleichgewichtsinn; man fühlt sich beschwipst und ist doch stocknüchtern. Übel riechende Nebelschwaden ziehen über die Reisterrassen des Hochlandes. Heiße Geysire sprudeln an manchen Stellen aus dem Tondanosee und sieden sein Wasser zu einer türkismilchigen Suppe, in der gar schmackhafte Fische leben, sozusagen vorgekocht. Aber auch die Form der indonesischen Insel Sulawesi hat etwas vielgliedriges, hybrides. Wie eine vierfingerige Krake hängt sie zwischen Borneo und den Moluken, scheint sich mit ihren Fangarmen am Äquator festzusaugen.


Vor zwei Tagen sind wir hier in Manado gelandet. Wir kamen direkt aus Singapur, konnten an dem Jungfernflug einer Airline nach Manado teilnehmen. Mit Blumengirlanden behängt, von Bamboo-Musik begleitet und von wilden Tänzern umhopst, wurden wir an der Gangway begrüßt. So viele Hände wie an diesem Nachmittag habe ich noch nie geschüttelt. Dabei kann man bei unseren indonesischen Gastgebern nicht von Händedruck sprechen, eher von einem schlappen, zögerlichem Tätscheln. Ich möchte nicht wissen, wie viel Schmerzen ich den lokalen Honoratioren durch meine handfeste Art zugefügt habe. Bei der zweiten Reihe hatte ich mich schließlich eingetätschelt – schlappe Übung macht den Meister.
Wir wollen weiter, in das wilde Sulawesi, nach Süden in das Bugis- und Toraja-Land. Aber wo ein Wille ist, ist nicht unbedingt auch ein Weg. Die Straße nach Süden ist zurzeit unpassierbar; Brücken wurden weggeschwemmt, die Transsulawesi-Route unter Erdrutschen begraben. Eine Erfahrung, die wir in Sulawesi noch öfter machen werden. Wir müssen nach Palu fliegen. Die Abflughalle in Manado wird lautstark mit indonesischer Popmusik beschallt. Draußen geht gerade ein Wolkenbruch nieder; wir sehen unser Gepäck im Regen stehen. Die grünweiße Propellermaschine sieht trotz der Dusche sehr mitgenommen aus. Die Toilettentür fehlt. Dafür steckt in den Sitztaschen die doppelte Ration Kotztüten. Der dreistündige Flug ist ruhig und wir landen sicher in Palu.


Wir sind die einzigen Belandas, die einzigen "Holländer", die einzigen Europäer. Unser neuer Guide hat uns sofort erkannt. Ein schwarzer, dichter Haarschopf, blütenweißes Hemd, schwarze Hose. Mister Exel – den Namen kann ich mir merken. Er ist unser "special guide", draußen wartet sein Fahrer nebst Minibus. Wir brausen durch die heiße, gesichtslose Kleinstadt Palu – Richtung Süden. Als wir aus der Stadt raus sind, wollen wir wissen, wie lang unsere Fahrt ins Toraja-Land wohl dauern würde. Exel kichert, macht eine fahrige Handbewegung. Der Landweg sei zurzeit gesperrt, nicht befahrbar. Das kennen wir schon. Für heute hat er ein "special program" arrangiert; morgen könnten wir zur Inselhauptstadt Ujung Pandang weiter fliegen. Er lacht und erzählt uns unaufgefordert seine Lebensgeschichte, während wir durch grün schimmernde Reisfelder einer Berggruppe entgegen jagen. Der Höhepunkt im Leben des Exel war seine Reise nach Mexiko im Jahre 1974 zur Fußballweltmeisterschaft. Er fuhr nicht etwa als Fan, sondern als Linksaußen der indonesischen Nationalmannschaft; ein Unentschieden – die restlichen Gruppenspiele verlor man damals. Er lacht. Leider hatte er wegen der Weltmeisterschaft sein Studium abgebrochen. Als es mit der Profilaufbahn nichts wurde, arbeitete er noch einige Jahre als Trainer in Sulawesi. Und weil er leidlich Englisch spricht, sattelte Exel um und wurde Touristenführer – wir sind seine ersten Kunden! Er strahlt.


Seit einer Weile kämpft sich der Fahrer über verschlammte Feldwege bergan. Irgendwann geht es nicht mehr weiter. Wir steigen aus und gehen zu Fuß, denn unser Guide hat uns einen Wasserfall im Urwald versprochen, den noch kein Europäer gesehen, geschweige denn fotografiert hat. Der steile Weg führt durch einen Palmenwald. Über unseren Köpfen baumeln die Kokosnüsse. Exel erreicht als Erster eine kleine Hüttensiedlung am Rande des Urwaldes und wird von den Bewohnern wie ein alter Bekannter, eine lokale Größe begrüßt. Alle Einwohner sind auf den Beinen, um die keuchenden Belandas zu bestaunen. Ein kühler Hauch weht über den schattigen Dorfplatz, aber noch bevor wir uns setzten können, lädt man uns in den Schatten der nächsten Hütte ein. Erzähl Fremder – woher, wohin, was gibt´s Neues in der Welt? Ein Knirps klettert geschwind mit einer Machete eine Palme hinauf. Braunfaserige Kokosnüsse purzeln vor unsere Füße – ein naturbelassener Softdrink mit essbarer, köstlicher Innenverpackung.


Eine gerahmte Fotografie schleppt man aus dem splittrigen Dunkel der Hütte. Zunächst kann ich mit dem verblichenen Farbfoto nichts anfangen: Ein Mann mit T-Shirt und Shorts steckt mit dem Kopf nach vorn in einem halb geschlossenen Schlafsack. Exel lacht. Der Schlafsack ist eine aufgeschlitzte Python, eine Riesenschlange und der junge Mann ihre noch unverdaute Beute. Nein danke, ich möchte keine Kokosnuss mehr. Ich möchte nur wissen, wo das passiert ist. Ungefähre Handbewegungen. Hier, dahinten.

Unser Guide mahnt zur Eile. Wir folgen ihm in die eben angedeutete Richtung, in den Dschungel, hier, dahinten. Der kleine Junge mit dem großen Messer hat sich uns angeschlossen und zappelt barfuß vorweg. Eine schmale, wackelige Bambusbrücke führt über reißendes Wasser. Danach wird der Wald dicht und dunkel. Mannshohe Farne, Klettergewächse, Eukalyptusbäume und Felsbrocken stellen sich uns in den Weg. Der Kleine turnt munter drauf los. Ich fixiere den Untergrund. Ich habe keine Lust auf "Schlafsäcke" zu treten. Exel verschwindet lachend hinter einem Baumstamm. Das weiße Hemd und die schwarze Hose werden sorgfältig an einem Ast aufgehängt. Er habe sich die Klamotten von seinem neuen Chef, dem Inhaber der Touristenagentur ausgeliehen, erklärt er uns aus dem Verborgenen. Mit dem Satz "Please no photo!" und einem Gekichere kommt er hinter dem Gebüsch hervorgeflitzt und verschwindet nur mit einem weißen Baumwollschlüpfer der Marke "Liebestöter" bekleidet im Dschungel. Für einen schamhaften Indonesier ein gewagtes Unterfangen; was macht man nicht alles für den neuen Job. Wir orientieren uns an dem Weiß der Unterhose, die weit vor uns im grünen Dämmerlicht leuchtet und erreichen nach einer halben Stunde den Wasserfall. Der Knirps und Exel planschen in einer natürlichen Badewanne. Das Licht ist fantastisch, jeder Sonnenstrahl verwandelt sich in einen kleinen Regenbogen und der GLOBO-Fotograf ist in seinem Element. Als wir später wieder das Dorf erreichen, stellt er entsetzt fest, dass er die Stativkopfschraube im Urwald verloren hat. Der Junge kapiert und läuft zurück in den Wald. Gerade als wir unseren Minibus erreichen, kommt er uns winkend nachgeflitzt – tatsächlich, in seiner kleinen, braunen Hand blinkt die Schraube!


Zum Abschluss unserer kleinen Palu-Tour hat uns Exel einen "special sunset" versprochen. Wir umfahren die Landspitze im Nordwesten, vorbei an makellosen, weißen Sandstränden mit glasklarem Wasser. Zum Baden haben wir keine Zeit, die Sonne wartet nicht mit dem Untergehen. Als wir uns unserem Ziel, dem Fischerdörfchen Towale, nähern, schiebt sich gerade ein tief liegendes Wolkenband vor den rot glühenden Ball. Exel ist verzweifelt. Als wir wenig später am Dorfrand ratlos durch den Sand stapfen, kommen auch schon die ersten Einwohner herbeigeeilt. Ob wir etwas verloren hätten, übersetzt der Guide. Ich zeige nach Westen, auf die Sonne und lande damit den Witz des Jahres in Towale: Die Belandos haben die Sonne verloren! Mittlerweile hat sich das ganze Dorf versammelt, von den Milchzähnen bis zu den Zahnlücken, alle kringeln sich vor Lachen. Die Belandos haben die Sonne verloren. Eine ältere Frau mit einem ganz und gar metallenen Gebiss, lädt uns zum Tee ein. Towale ist ein typisches Buginesendorf, bis ans Meer reichen die hochstelzigen Pfahlbauten; ein Buginese muss immer das Meer und sein Schiff vor Augen haben. Mit ihren geschwungenen Schonern durchkreuzen sie das indonesische Archipel, erreichen sogar Australien.
Wir folgen der Bugis-Frau und uns folgt das ganze Dorf. Wir erklimmen die wackelige Hühnerleiter, die zu ihrem Haus führt. Bevor wir durch den niedrigen Eingang schlüpfen, ziehen wir die Schuhe aus. Eine Bambuswand mit Einlass unterteilt die Hütte in einen urgemütlichen Wohnraum und ein schmales, dunkles Schlafgemach, in dem die Frau des Hauses den Tee bereitet. Hasia, erklärt der Guide, sei Witwe und freue sich über jeden Besuch. Er zeigt mit den Augen nach hinten, denn mittlerweile haben über 50 Personen in der Hütte Platz genommen. Die Männer rauchen Nelkenzigaretten und alle beobachten uns tuschelnd. Nahsehen statt Fernsehen.


Bei jedem neuen Gast gerät die Hütte ins Schwanken. Hasia erscheint mit dem Tee und mit einem knitterigen, wattierten Umschlag. Für sie sind ihre Nachbarn Luft; sie würdigt sie keines Blickes. Hasia öffnet den abgegriffenen Umschlag und reicht mir einige Farbfotos. Schon wieder Fotos; ich bin auf alles gefasst. Die Aufnahmen zeigen eine viel jüngere Hasia mit einem blonden Pärchen in dem typischen Outfit der gammeligen 70er Jahre. "Ulli! Marion! Germania!" Sie zeigt auf sich. "Friend!". Die beiden Deutschen hatten einige Tage bei ihr gewohnt und ihr die Fotos geschickt. Es ist lange her. Aber Hasia habe sie nicht vergessen, übersetzt Exel. Und sie sollen wiederkommen. Das müssen wir ihnen sagen in Germania, unserem Dorf. Ich verspreche es. Leider war die Adresse auf dem Couvert nicht mehr zu entziffern. Also, liebe Marion, lieber Ulli irgendwo im Schwäbischen – meldet Euch bei Hasia! Sie hat Euch nicht vergessen!
Sanft trägt uns ein Airbus nach Ujung Pandang, in die Hauptstadt Sulawesis – 340 Kilometer südlich von unserem Ziel, dem Toraja-Land. Ein neuer Guide und sein Fahrer erwarten uns mit ihrem Minibus am Flughafen. Paul ist ein Toraja. Er ist schmächtig und begrüßt uns verlegen mit leiser Stimme – auf Deutsch. Abdul, der stämmige Fahrer mit der ausladenden Buginesennase, verstaut unser Gepäck, um bald mit uns loszubrausen, nach Norden, immer die Westküste entlang. Kein Wolkenband hat sich heute vor die glutrote Sonne geschoben. Bugisdörfer auf hölzernen Pfahlbauten erheben sich wie fliehende Scherenschnitte vor dem Abendrot. Auf der anderen Seite kugeln sich Moscheen in zartem Rosé vor nadelfeinen Minaretten. Dunkle Bergzacken im Nordosten. Weiße Sandstrände schimmern zwischen den Dörfern. Wir bitten den Fahrer anzuhalten. Nur widerwillig bremst er ab. Wir stürzen hinaus, hinaus ins Urlaubsidyll: feiner Sandstrand vor dem golden funkelnden Meer. Doch Paul zeigt warnend auf dunkle Flecken am Strand und stört unsere Ferienstimmung. "Achtung, menschliche Hinterlassenschaften!" Welch eine harmonische Umschreibung für die fliegenumschwärmten Haufen! Der Strand zwischen den Dörfern ist eine öffentliche Toilette, ein "water closet" mit täglicher Spülung: Ebbe und Flut.


Es ist dunkel geworden. Die Landstraße nach Norden ist hoffnungslos verstopft. Paul ist besorgt. Mamasa, unser Ziel in den Bergen, schaffen wir heute nicht mehr. Meter für Meter kämpfen wir uns voran und bald erkennen wir auch die Ursache des Debakels. Nach sintflutartigen Regenfällen ist der Sadang über seine Ufer gestiegen und hat sein Mündungsgebiet in eine Seenplatte verwandelt. Dicht hält sich Abdul an das Rücklicht des Überlandbusses; um uns herum nur Wasser, soweit die Scheinwerfer reichen. Endlich erfahre ich, was eine Wasserstraße ist.


Weit nach Mitternacht kommen wir in der Kleinstadt Polewali an. In dem Losmen an der Hauptstraße finden wir gerade noch zwei Doppelzimmer, kleine stickige Kemenaten. Die Aircondition ist eine lärmende Dekoration. Dafür gibt es ein Mandi, ein indonesisches Badezimmer mit Hocktoilette und einem rechteckigen, hochgemauerten Wasserbottich mit graugrünem Inhalt. Die Benutzung des Klos ist ideal für die Träger von Sarongs; die gewickelten Tücher schiebt man einfach nach oben. Wer allerdings Hosen trägt, muss sich vor der Tücke der Einrichtung in acht nehmen. Die Schwerkraft zieht auch den Inhalt der Hosentaschen – Schlüssel und Geldbeutel – in die Tiefe, in das Loch der Löcher. Zeit zum Duschen!Mit einem Plastikgefäß versuche ich das trübe Nass über mir zu verspritzen. Hoppla – das orange Ding im Bassin ist kein Schwamm. Es ist vor meiner Hand geflüchtet, in den trüben Tiefen verschwunden, um in einer anderen Ecke als Goldfisch wieder aufzutauchen. Genug geduscht; schnell noch Zähne putzen. Doch da ist mir jemand zuvor gekommen. Eine fette, schwarze Kakerlake scheint mit den weißen Borsten meiner Zahnbürste zu schmusen. Ich husche ins Bett und ziehe das Laken über mich. Die stickige Hitze ist unerträglich. Ich reiße das Fenster auf und all die Busse und Lkws lärmen durchs Zimmer; der Stau ist lang. Ich habe die Wahl der Qual und entscheide mich für die Motorenfolter. Gegen vier Uhr morgens verebbt der Lärm. Es beginnt zu regnen; ein mächtiger Schauer verhüllt die nächtliche Welt, wie ein rauschender Tonkopf löscht er den Lärm in meinen Ohren und endlich versinke ich in den Schlaf.


Ein lautes Knackgeräusch durchdringt die Stille. Es räuspert sich jemand. Es ist nah, und es ist fern – doch merkwürdig verzerrt. Ein Traum? Nein. Einen Atemzug später jault ein Muezzin seine satanischen Verse auf die frisch gelöschte Tonspur meiner strapazierten Nerven. Ich sitze kerzengerade im Bett und versuche die Armbanduhr zu entziffern. Genau fünf. Allah liebt die Pünktlichen. Auf der anderen Straßenseite, genau gegen über der Pension hängt die übersteuerte Stimme Gottes, ein gewaltiger Lautsprecher.
Hinter Polewali geht es in die Berge. Im Morgengrauen schraubt Abdul unseren Wagen durch enge Haarnadelkurven höher und höher. Mir fallen immer wieder die Augen zu; von Schlagloch zu Schlagloch. Nebelschwaden steigen aus den Tälern. Ganz oben glitzern die ersten Sonnenstrahlen an taufrischen Baumwipfeln. Verschlafen sitzen die Menschen vor ihren Hütten. Noch eingekuschelt in ihre Sarongs gähnen sie uns entgegen. Kein Muezzin hat ihren Schlaf gestört.


Gegen Mittag erreichen wir die hügelumsäumte Hochebene vom Mamasa, unser Ausgangspunkt für eine dreitägige Trekkingtour ins 68 Kilometer entfernte Rantepao, dem Herzen des Toraja-Landes. Paul ist verschwunden. Nach einer Weile erscheint er wieder mit einem undurchdringlichen Lächeln. Er hat sich bei den lokalen Guides erkundigt: Regen, Erdrutsche, keine Wege, kein ... Die Leier kennen wir. Haben wir Allahs elektrisch verstärkte Stimme umsonst erlitten? Paul zuckt mit seinen schmalen Schultern und schlägt eine Probetour vor. Zehn Minuten später bin ich marschbereit, mit meinen knöchelhohen Trekkingschuhen, meiner Dschungelhose und zusammengefalteten Regencape. Paul erwartet uns in seinen hellblauen Badelatschen.


Seit einer Weile trampeln wir auf schmalen, rutschigen Pfaden durch die Reisfelder. Bei jedem Tritt gurgelt das lehmige Wasser unter mir und bei jedem Schritt spritzt mir das Zeug auf die Hose. Paul wandelt leichten Fußes vorne weg, wie Jesus über den See von Genezareth und plaudert im Gehen mit sanfter Stimme über die Mythologie der Torajas. Fremde Worte und eigenwillige Gedanken kommen aus seinem Mund, während ich wie ein begriffsstutziger Wasserbüffel hinterdrein stapfe. Der Puang Matua ist anscheinend das oberste, göttliche Wesen, der torajanische Zeus. Doch das Leben der Menschen wird durch gutmütige und böswillige Geister beeinflusst. Komplizierte Rituale regulieren das labile Beziehungsgeflecht zwischen Geistern und Menschen. Die Toraja sind Animisten; sie glauben an die Beseeltheit der Natur.


Ich auch. Momentan kämpfe ich mit den bösen Geistern, die diesen glitschigen Hügel behausen. Sie gewähren mir keinen Halt; einmal haben sie mich schon langgelegt, wollten an mir schnuppern. Meine Klamotten haben sie mit ihren schlammigen Zeichen übersät und ich kenne kein Besänftigungsritual.
Paul ist längst oben und predigt weiter. Nicht umsonst hat er als junger Mann ein katholisches Priesterseminar besucht, bevor er noch den rechtzeitigen Absprung in den Lehrerberuf fand. Als englisch- und Deutsch sprechender Guide verdient er heute ein Vielfaches.


Die Torajas glauben an ein Weiterleben nach dem Tode. Ihr Paradies heißt Puya und liegt irgendwo südlich. Ich habe den Hügel endlich geschafft und stehe neben Paul. Im Süden liegt Mamasa und im Norden türmen sich gewaltige Bergriesen. Ich schaue an mir herunter, betrachte die lehmige Patina. Im Norden muss die Hölle liegen.


Jeder Toraja möchte nach seinem Ableben nach Puya, ins Paradies, in den Süden. Dabei ist der Weg, und nicht das Ziel wichtig. Sterben kann jeder. Aber nur der, der zu Lebzeiten dafür sorgt, dass seine Hinterbliebenen genügend Büffel für seine Beerdigungszeremonie haben – nur der hat das Ticket für den Süden. Der Preis ist hoch: mindestens 15 Wasserbüffel, das Doppelte an Schweinen und einige Hundert Gäste sind tagelang freizuhalten. Der Tod eines Familienmitgliedes treibt so manche Hinterbliebene in den finanziellen Ruin und ihr Weg nach Puya wird länger und länger. Unser Weg wird nicht länger, wir haben genug vom Schlammtrekking und kehren zurück nach Mamasa, zurück in den Süden. Nach einer ruhigen Nacht im kühlen Bergklima verlassen wir das westliche Toraja-Gebiet, fahren hinunter ins heiße Bugis-Land auf dem Weg nach Rantepao, unserem versagten Trekkingziel.


Am späten Nachmittag erreichen wir endlich Pauls Heimat, Tana Toraja. Doch wir sehen nichts. Die Welt versinkt in einem gigantischen Regen, gegen den selbst Abduls Scheibenwischer nichts ausrichten können. Schemenhaft erscheinen die Berge vor vielfach gestaffelten Reisterrassen. Selbst Paul hat es aufgegeben uns auf Besonderheiten hinzuweisen.


Am nächsten Morgen ist die Welt der Torajas wie frisch gewaschen. Ein grünsilbriger Glanz liegt über dem Talkessel von Rantepao. Paul hat viel mit uns vor, drängt zur Eile, denn nachmittags wird es sich wieder zuziehen und regnen. Unser erstes Ziel ist Lemo, ein Dorf im Süden. Zwei klimatisierte Reisebusse quälen sich vor uns das Sträßchen hoch. Trotz der frühen Stunde sind die Souvenirshops in Lemo stark umlagert. Wir folgen den Massen und finden uns vor einer steil aufragenden Felswand wieder. In den Felsen sind zahlreiche Kammern geschlagen und in diesen Nischen stehen große Puppen mit bleichen Gesichtern. Sie tragen Frauen- und Männerkleidung, mal sind die Klamotten zerschlissen, mal wie aus dem Ei gepellt. Alle stehen stocksteif da, strecken ihre angewinkelten Armen nach vorne, als wollten sie mit den Handflächen prüfen, ob es wieder tröpfelt. Das ganze Arrangement hat etwas Putziges. Es könnte eine Szene der Augsburger Puppenkiste nachstellen. "Purzel und die Bleichgesichter" – oder so ähnlich. "Das sind Tau Taus", klärt uns Paul auf. Hinter oder neben der Holzfigurengalerie befinden sich Felsengräber, und die Tau Taus sind die Stellvertreter der Toten. Es sind allesamt reiche Tote, denn für einen hölzernen Stellvertreter müssen mindestens 15 Wasserbüffel sterben und noch mal zwei für den Schnitzer. Das Tau Tau ist das Bindeglied zwischen dem Verstorbenen und den gebeutelten Hinterbliebenen. Es muss nicht nur jährlich neu eingekleidet werden, sondern fordert mit seinen offenen Händen neue Opfer ein, damit es dem Toten im Jenseits an nichts ermangelt. Mich interessiert, ob es zwischen dem Verstorbenen und dem geschnitzten Abbild tatsächlich eine Ähnlichkeit gibt. "Früher war das schwierig", sagt Paul, "aber heute wird nach Fotos gearbeitet." Vielleicht wird schon bald nach Video gearbeitet und die Tau Taus wackeln mit den Köpfen oder machen eine typische Handbewegung. Nach dem viele der Puppen gestohlen wurden, um auf ominösen Wegen in ethnologischen Sammlungen aufzutauchen, geht man dazu über Kopien vor die Gräber zu platzieren – als Stellvertreter der Stellvertreter.


Auf dem Rückweg von Lemo, lässt Paul – erst als er sich vergewissert hat, dass uns niemand folgt – Abdul in einen Seitenweg einbiegen. Wir folgen zu Fuß einem schmalen Pfad durch einen knarrenden Bambuswald und kommen unvermittelt vor einem gewaltigen Baum zum Stehen. Der knorrige Stamm ist über und über mit kleinen Bambustürchen übersät. Es ist, als hätte ich diesen Baum schon mal gesehen, ein Déjà-vu aus längst vergessenen Tagen: So habe ich mir als kleiner Junge das Hexenhaus bei Hänsel und Gretel vorgestellt. Die Torajas der umliegenden Dörfer bestatten in diesem Baum ihre verstorbenen Babys – Kinder ohne Zähne sind noch keine Menschen und brauchen keine aufwendige Totenzeremonie. Ihre Seelen sind rein und wandern über die Äste des Baumes zurück in die beseelte Natur. Hatten sich Hänsel und Gretel nicht auch im Wald verirrt, verloren?


Es ist gerade Mittag, als uns Paul mitteilt, dass wir auf dem Weg zu einer Totenfeier sind. Wir können doch nicht einfach auf einer fremden Beerdigung auftauchen. Wir können. Viele Gäste ehren die Hinterbliebenen und bringen Geschenke. Wir haben keine! Paul nickt beruhigend mit seinem zierlichen Kopf und wechselt das Thema. Die Tote sei schon vor sechs Jahren verstorben und es sei endlich an der Zeit, dass sie ihre Zeremonie bekomme. Wie bitte? Das sei hier normal. Die Hinterbliebenen müssen erst das nötige Kleingeld für die vielen Büffel zusammenklauben. Anscheinend mache ich ein Gesicht wie der ungläubige Thomas. Früher hatten die Leichenwickler die Einbalsamierung mit pflanzlichen Extrakten erreicht. Leider sei diese alte Technik abhandengekommen und heute hilft die Chemie. Ein Toter lässt sich mit ca. zwei Liter Formalin konservieren. Im Abstand von zwei Zentimetern wird das Zeug in die Haut injiziert; am Kopf und Unterleib wird intensiver gespritzt. Aber der Tote gilt nicht als tot, eher als krank. Er wird im Kreise seiner Angehörigen "gepflegt", bekommt selbstverständlich auch seine Mahlzeiten – hingestellt.

Der provisorische Parkplatz ist mit Bemos und Touristenbussen verstopft. Wir folgen dem matschig ausgelatschten Weg. In der Ferne schweben die ausladenden Pagodendächer der Torajahäuser wie Schiffe ohne Segel über den spiegelnden Reisfeldern, überragen schattige Bambus- und Palmenwälder. Am Ortseingang führt uns Paul zwischen zwei dieser Riesenhäuser, die auf stämmigen Pfählen über dem schlammigen Lehmboden thronen. Darunter haben Händler Bambusmatten ausgebreitet und verkaufen die Geschenke, die Tickets für die Trauerfeier. Mit zwei Stangen Nelkenzigaretten sind wir dabei. Ein Haus weiter nimmt ein fröhlicher Hinterbliebener die Geschenke entgegen und trägt sie gewissenhaft in eine Liste ein. Er führt uns in das offene Souterrain einer anderen Hütte und platziert uns auf dem Holzfußboden zwischen anderen Gästen. Auf dem Dorfplatz wird der Sarg in einem extra dafür angefertigten Mini-Torajahaus aufgebahrt und die Zeremonie ist in vollem Gang. Paul bedauert, dass wir leider nur den letzten Tag erleben; gestern seien 35 Büffel geopfert worden. Leider? "Bei so vielen Büffeln bekommt er bestimmt ein Tau Tau", werfe ich vorlaut ein. Paul schüttelt seinen schmalen Kopf. Die Frau war Protestantin, die dulden keine Figuren. Die katholischen Priester seien da toleranter. In diesem Moment hebt eine Art Kirchenchor zu einem Lied mit vertrauter Melodie an; ich verstehe immer nur das letzte Wort des Refrains – "Halleluhuujaaa". Der schwarz gekleidete Pastor hält nun eine Ansprache, vielleicht erzählt er aus dem Leben der längst Verstorbenen. Sein Gesicht kann ich nicht sehen; es wird durch ein lärmendes Megafon verdeckt. Als er fertig ist, übergibt er das Ding seinem Nachbarn, was eine jaulende Rückkopplung zur Folge hat. "To Minaa, der animistische Toraja-Priester!", flüstert Paul. Sein Vortrag erinnert mich an Schwitters Ursonate.

Der fröhliche Trauernde mit der Liste erscheint und lässt Paul einen Blick darauf werfen. Paul runzelt die Stirn und wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Bei den Torajas gibt es keine festgelegte Erbfolge. Der Hinterbliebene, der die meisten Büffel und Schweine finanzieren kann, sichert sich das Erbe, auch wenn er nur ein entfernter Verwandter ist.


Ein Windhauch stößt von unten durch die Ritzen der Holzbretter und trägt einen infernalen Gestank herauf. Unter uns hausen die Schweine. Unruhe und Geschrei dringen von der gegenüberliegenden Hütte. Eine schwarz gekleidete Toraja-Frau gestikuliert verärgert in diese Richtung. Bewegung kommt in die überfüllte Hütte. Paul grinst. Gegenüber hat man eine Busladung Touristen platziert, unschwer an den vielen spiegelnden Objektiven zu erkennen. Eine vollschlanke Dame im roten Freizeitanzug hatte sich mit ihrer vollautomatischen Pocketkamera in Position gebracht. Rot ist aber die Farbe des Lebens und hat auf einer Totenzeremonie nichts verloren. Nun versuchen die Guides, die aufgebrachte Dame in den Hintergrund der Hütte zu drängen. Doch die rote Lady fuchtelt bedrohlich mit ihrer Handtasche und ruft ihren Mann zu Hilfe: "Gilbert! Allez!". Aber Gilbert ist ein Feigling und seine Frau wird mit vielen "Pardon Madame!" überwältigt. Ein Junge verteilt Packpapierblätter auf dem schmuddeligen Hüttenboden. Ihm folgen einige Frauen mit Töpfen. Sie löffeln Reis und dunkle Brocken auf die Papiere. "Fleisch vom Büffel", erklärt Paul und steckt sich einen Brocken in den Mund. Gleichzeitig stellt sich in meinem Kopf das Bild einer Hundefutterreklame ein. "Es wäre unhöflich, nicht zu essen!", mahnt Paul. Er hat gut reden. Gerade als ich mir ein sehniges Stück einverleibe, trägt ein Windstoß Grüße aus dem Reich der Schweine nach oben.


Mittlerweile haben sich alle Angehörigen für ein Familienfoto um das Minihaus gruppiert. Wilde Gesänge und Tänze setzen ein, die durch eine markerschütternde Sirene noch gesteigert werden. Junge Männer packen das Haus mit dem Sarg und setzen sich schaukelnd in Bewegung, die Tote wird zur letzten Ruhestätte gebracht. Das ist die Sekunde der weit gereisten Videoamateure. Leider haben sie heute schlechtes Licht. Dunkle Wolken haben sich über uns zusammengezogen.


Gerade als wir das Dorf verlassen, fallen die ersten Tropfen. Paul dreht sich zu uns herum und bleibt stocksteif stehen, streckt seine angewinkelten Arme nach vorne, als wolle er uns mitteilen: "Habe ich es euch nicht gesagt!" In diesem Augenblick sieht er aus wie sein eigenes Tau Tau und die Welt der Torajas versinkt in einem gigantischen Regen.

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