Stürmische Küste mit einem verwunschenen Hinterland


"In jedem von uns steckt ein Wellenreiter!" Ich nicke und vergrabe meine Hände noch tiefer in der Jackentasche. Eisige Windböen treiben Wolkenfetzen über das Meer. "Auch in Dir!", fügt Jack hinzu und blinzelt über die heranrollenden Wellen, als könne er schon die antarktischen Eisberge sehen. Er hat seine Jungs im Auge, die gerade unter einem Brecher hinwegtauchen. Jack ist ihr Trainer, ein Meister des Wellenreitens. Bis zur Hüfte steckt er in einem schwarz-roten Neoprenanzug. Der muskulöse, sonnenverbrannte Oberkörper ist frei. Ein Goldkettchen umspielt die haarlose Brust. "Jetzt die Knie aufs Brett!", brüllt er in die Brandung. Einige der Schützlinge kommen bei dem Versuch auf das Brett zu steigen unter die Wellen. Jack bebt vor Erregung. "Du darfst keine Angst haben. Du musst eins werden mit der Welle – dann trägt sie Dich!" Jack schlüpft in das schwarz-rote Oberteil und zieht mit einem Ratsch den Reißverschluss hoch. Diese dynamische Bewegung würde kein Brusthaar überleben. Er schnappt sich sein buntes Brett und stürzt sich in die Brandung, taucht seinen Schülern entgegen.
Vor wenigen Stunden bin ich in Melbourne losgefahren, nach Südwesten mit dem Ziel "Great Ocean Road" – angeblich eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. Der Princess-Freeway führt aus Melbourne hinaus durch eine eindruckslose, flache Landschaft. Zwischen der Industriezone bei Laverton und dem Flugfeld von Avalon passiert wenig. Kurz vor Geelong kommt endlich das erste Hinweisschild – "Great Ocean Road". Aber vom Meer, vom Ozean ist noch nichts zu sehen, noch lange nicht. Dafür geht es ständig in den Kreisverkehr, linksherum. Die vorbei huschenden Ortsnamen klingen immer vielversprechender: Queenscliff, Ocean Grove. Nun geht es wieder schnurgerade aus. Die Autos mit aufgeschnallten Surfbrettern mehren sich. Bunte Amischlitten, braungebrannte Gesichter mit verwegenen Sonnenbrillen. Beim Überholen dröhnt laute Musik herüber, mal Reggae, mal Heavy Metal und immer wieder der aktuelle Hit von Sheryl Crow: "All I wanna do is have some fun".


Ein weißer Turm schwebt in der Ferne. Die Straße führt direkt darauf zu. Kaum habe ich den Leuchtturm von Torquay erreicht – BINGO! Der Ozean! Sinnigerweise hat man an dieser Stelle gleich eine großzügige Parkbucht angelegt, für den Überraschungsmoment. Gestaffelte Wellenberge mit weißen Schaumkronen so weit das Auge reicht. Verwirbelte Wolken ziehen über den blauen, hohen Himmel. Im Süden verschwindet eine bewegte Küstenlinie im Dunst der Dünung – The Surf Coast. Ein Song der Beach Boys taucht unerwartet aus meinem Unterbewusstsein, aus den verschütteten Regionen der frühen 70er Jahre auf. Den Titel hab ich vergessen. Nur ein Text- und Melodiefetzen spukt in meinem Kopf herum, verleitet mich zum Mitsingen: "The sun shines brightly down on the bay. The air´s so clear it just takes your mind away ..."
Lorne ist meine erste Station an der "Great Ocean Road". Es ist Sonntag, früher Nachmittag. Das Straßendorf ist ganz auf Surf-Touristen eingestellt, auf junge Leute mit Sun & Fun. Lorne liegt noch im Winterschlaf, rekelt sich träge in der Sonne. Bis auf ein paar rastlose Möwen ist der Strand leer. Der weiße Muschelkies knirscht unter meinem Schuhwerk. Eine scharfe Brise bläst Wasserfahnen von den Wellenkämmen. Weit draußen saust eine schwarz-rote Gestalt über das bewegte Wassergebirge. Es ist Jack. Ich sehe ihn seine Kommandos brüllen. Verstehen kann ich nichts; in meinen Ohren rauscht der Ozean.

Es ist ein seltsames Gefühl, den Strand, diese Bühne der spärlich verhüllten Eitelkeiten so verwaist zu sehen. Heute Nachmittag hält sich die australische Outdoor-Gesellschaft drinnen auf, sitzt gebannt vor den Fernsehschirmen. Heute wird das Adelaide-Race ausgetragen; wer wird der neue Formel-1-Weltmeister – Daimond Hill oder Michael Schumacher? Eine Sportnation glotzt TV.

Aber nicht alle. In Lorne wird an diesem Nachmittag auch Lawn-Bowl gespielt. Zugegeben, das sieht sehr gemütlich aus. Ein weißes Figurentheater auf grünem Grund, umgeben von einer akkurat geschnittenen Buchsbaumhecke. Über dem weißen, nüchternen Clubhaus knattert die australische Flagge.
"You´re wellcome!" Mr. Brown, der Präsident des Lawn-Bowl-Club öffnet mir eine halbhohe Gartentür und führt mich in sein Rasen-Reich. Lawn bedeutet Rasen, grün und kurzgeschoren. Lawn-Bowl ist eine Art Boccia, ein Rasen-Boule. Die Spieler stehen sich außerhalb eines rechteckigen Rasenfeldes gegenüber. Wem es gelingt seine Kugeln in die Nähe eines kleinen weißen Balles, des Kiddys zu plazieren, hat gewonnen. Die Kugeln sind nicht ganz rund, sondern an ihren "Polen" stark abgeflacht. Der Spieler muss diese Bowls kurvig werfen, um den Kiddy zu erreichen. Die Mitglieder des Clubs sind vom Scheitel bis zur Sohle, vom Hut bis zum Halbschuh weiß gekleidet. Sie tragen aber keine Vereinsuniform. Jeder hat sich seine Kleidung selbst zusammengestellt. Das wäre ein Augenschmaus für einen Eskimo; nur ein Eskimo könnte die vielen Nuancen der Weißtöne unterscheiden und benennen.

Mr. Brown stellt mir die Spieler vor, allesamt ältere Herren. Der Senior, Mr. Mitchell ist 84 und schwerhörig. Er sei Wollhändler in Geelong gewesen und, vor zwei Jahren sei ihm die Frau weggestorben, erzählt er mir mit warmer, lauter Stimme. Er nimmt den weiß vergilbten Hut vom Kopf und wischt sich mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel, der wie eine fleckige Tomate in der Sonne glänzt. Er zieht sich den Hut wieder auf und legt den Zeigefinger grüßend an die Krempe.
Momentan sei der Club noch nicht komplett, erklärt mir der Präsident. Viele Mitglieder leben in den Wintermonaten, zwischen April und November im warmen, sonnigen Rentnerparadies Queensland. Dort hausen sie in billigen Motels oder auf Campingplätzen, drei Dollar den Tag. In den heißen australischen Sommermonaten kommen sie dann zurück ins erträgliche Victoria, an die erfrischende Brise der Surf Coast.
Der Präsident schaut auf die Uhr und klatscht laut in die Hände. Teatime – Zeit für eine Pause. Die Herrschaften lassen sich an den langen Bänken im Clubraum nieder. Tee wird serviert. Kuchenstücke werden aus Alufolie gepackt und begutachtet; glibberiger Pudding aus Tupperware gelöffelt. Ein gemütliches Gemurmel hebt an. Mr. Mitchell, der Senior, setzt sich neben mich und zerrt eine abgegriffene Zeitung aus seiner Sporttasche. Es ist eine Ausgabe der "Lorne Local News", ein kleines Lokalblättchen. Seine wässerig blauen Augen blitzen. Er macht mich auf ein Gedicht aufmerksam. Das habe er geschrieben, sagt er mir vertraulich – aber immerhin so laut, dass das Gemurmel verstummt. "Nostalgia" nennt der alte Wollhändler diese Zeilen: "I remember the milk from the billy with the yummy rich cream on the top. Our dinner came hot from the oven and not from the fridge in a shop."
In der guten alten Zeit war die unzugängliche Westküste des Bundesstaates Victoria eine abgelegene Provinz, eine rückständige Region voller Schafe, Kühe und ländlicher Beschaulichkeit. Der Mythos vom Strand als Gegenbild der Leistungsgesellschaft war damals noch nicht aktuell. Das Surfen, das Wellenreiten wäre der Landbevölkerung als höchst unsinnige, nutzlose Zeitverschwendung vorgekommen. Das Leben drehte sich um die Wollpreise, um den ewige Kampf zwischen den Schafhaltern und den Schafscherern. Von der aufkommenden Industriegesellschaft mit ihrer vielfältigen Warenwirtschaft blieb die Region zwischen Geelong und Warrnambool abgeschnitten.
Nur an wenigen Stellen der gefährlichen Küste konnten größere Schiffe vor Anker gehen. Mit Ochsenkarren wurde die Wolle und der Käse auf rumpeligen Feldwegen nach Melbourne geschafft; das war teuer und zeitaufwendig.

Erst 1918 wurde der "Great Ocean Road Trust" gegründet und noch im gleichen Jahr begann man mit dem Bau einer festen Straße zwischen Lorne und Cape Patton.

Dieser Trust war eine Auffanggesellschaft, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrenden Soldaten. Während der großen Depression der 20er Jahre konnten zusätzlich über 3000 Arbeitslose in das Straßenbauprojekt integriert werden. Viele verarmte Goldgräber und Abenteuer kamen so in Lohn und Brot und wurden an dieser Küste heimisch. Im November 1932 war es dann endlich so weit; die "Great Ocean Road" konnte eröffnet werden, und die Gegend zwischen Geelong und Port Fairy belebte sich.
Eine tiefhängende Wolkenschicht schiebt sich über die Küste landeinwärts. Es beginnt zu nieseln. Die Welt wird trüb und das fröhliche Ferienambiente von Lorne verkommt zu einer faden, depressiven Kulisse. In dem Straßendorf an der "Great Ocean" glimmen die Neonleuchten auf, und aus "Kostas Restaurant" klingt Live-Musik. Ein Jazztrio swingt gegen die dunkle Regenfront. Dicke Tropfen trommeln auf die großzügigen Fensterflächen der Seeseite. Es ist noch früh, aber der Laden ist voll.

Bei "Kosta´s" treffen sich die Surf-Coast-Yuppies mit dem kalifornischen Lebensgefühl – "All I wanna do is have some fun". Draußen parkt ein aufgemotzter Straßenkreuzer mit Haifischflosse. Sehen und gesehen werden. Jack, der Wellenreiter, ist auch da. Er wirkt nervös. Sein Hawaiihemd ist etwas zu bunt und seine Rolex ein Imitat. Mit diesen Modewellen wird er nicht eins, und sie tragen ihn nicht.
Es ist Kostas Welt. Der smarte Chef surft auf der Welle der Eitelkeiten – ein Küsschen hier, einige Schmeicheleinheiten da. Seine dunklen, lebhaften Augen haben alles im Griff.

Kostas ist Grieche. Viele seiner ausgewanderten Landsleute haben sich an dieser wilden Küste Victorias niedergelassen. Griechen suchen den Kontakt zum Meer; sie brauchen die Idee der Weite, der Freiheit als Ausgleich zur engen Familienbindung. Irgendwann im Laufe des Abends steht er hinter mir, lässt fast unmerklich eine Hand auf meiner Schulter ruhen und sagt beiläufig: "Ti kánis?" – auf Deutsch: Wie geht es Dir. Instinktiv sage ich "kalá!" – gut. Ich drehe mich um. Wir sehen uns an. Wie hat er den "Griechen" in mir entdeckt? Egal. Nun nimmt alles seinen griechischen Lauf. Nach einer halben Stunde haben wir die erste Flasche Retsina geleert.

Kostas lässt auffahren, was seine Küche hergibt. Nach dem Auftritt des Jazztrios legt er – sehr zum Erstaunen seiner exaltierten Gäste – eine CD mit griechischer Musik auf. Es ist ein Sembekiko, ein langsamer, verschachtelter Rhythmus, unendlich traurig, unendlich leicht. Mit langsamen, verhaltenen Bewegungen tanzt sich Kostas zurück zum Tisch. Er ist zu einer Zeitreise aufgebrochen, zurück in ein fernes Paradies, zurück in ein kleines blaues Kafenion, in dem man mit Freunden die Welt anhalten kann.
Er fällt aus allen griechischen Wolken, als ich aufbreche. Es ist mein letzter Abend in Lorne. Er legt einen Arm um mich und zieht sein Handy aus der Brusttasche. Mitten in der Nacht schmeißt er seinen Bruder aus dem Bett. Der betreibt ein kleines Hotel in der Nähe meiner nächsten Station, in Apollo Bay. Nomen est omen. "Greek Ocean Road". Kostas grinst. "Greek is not only a nationality – Greek is a spirit!" Der Ouzo auf dem Tisch auch!

Die zurückgekehrten Soldaten des 1. Weltkrieges haben zwischen Lorne und Apollo Bay ganze Arbeit geleistet. Man kurbelt sich durch Haarnadelkurven hinauf und hinunter. Die Straße ist aus steil abfallenden Klippen gehauen. In engen Kehren kommt einem der Küstenbus, der Wayward-Coach entgegengeschossen. Lichthupe; Herzklopfen – vorbei! Auf diesem Streckenabschnitt muss man die "Great Ocean Road" ständig im Auge haben. Die grandiose Landschaft kann man an den Lookouts, den vielen Haltebuchten genießen.

Raus aus dem Auto. Die frische Luft, der Sauerstoff verschlägt mir fast den Atem. Der Geruch von Salz und Seegras hat hier etwas Körperhaftes, er ist zum Greifen nahe. Heranbrausende Wellen brechen sich über splittrig schwarze Felsen. Dazwischen ducken sich Täler und Dünen aus Sand. Ich habe Zeit, klettere hinunter. Wolkenfetzen spiegeln sich im nassen Sand, der binnen Sekunden wieder trocknet.

Auf diesem Abschnitt vollzieht die "Great Ocean Road" jede Krümmung der zerklüfteten Küstenlinie nach. Ich halte oft, beobachte, kraxele herum. Ich werde bald zum Experten für die Wellen und die Dünung, für nassen und sich trocknenden Sand. Am Strand von Apollo Bay stoße ich auf etwas merkwürdiges. Der Sand ist mit Unmengen riesiger Plastikstreifen übersät, wie man sie zum Wärmeschutz vor Industrietore hängt. Ist in der Nacht ein Frachter gesunken und wurde seine Ladung hier angespült? Ich hebe ein Stück der gelblich durchsichtigen Streifen hoch und rieche daran. Nichts. Ein zerschundenes Stück Plastik. Ich habe eine Idee und halte mein Feuerzeug darunter. Es brennt nicht, zieht keine Fäden. Es kokelt unwillig, aber es stinkt nicht nach verschmortem Kunststoff. Es ist auch kein Plastik. Es ist ein Lebewesen aus den Tiefen des antarktischen Meeres. Es sind riesige Algen, die ein Sturm an die Küsten Victorias geschleudert hat.

Apollo Bay ist eine Fischersiedlung, ganz dem Ozean zugewandt. Früher jagte man hier an der Westküste die Könige der Meere, den "Southern Right Whale" – bis zu 18 Metern lang und 90 Tonnen schwer. Heute hat man sich in Apollo auf kleinere Meeresbewohner, auf Krebse spezialisiert. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hafen hat man einen weitläufigen Golfplatz angelegt. Die raue Fischergemeinschaft hat sich mit den Spielregeln der neuen Freizeitgesellschaft arrangiert.

Die Flotte der Krebsfischer dümpelt im geschützten Hafen. Klares Morgenlicht liegt über der Szenerie, lässt das Orange der Overalls, das Weiß, das Rot und das Blau der Bootskörper noch intensiver leuchten. Die Cray-Pots, die geflochtenen Krebskörbe schaukeln wie ein filigranes Chaos im Gegenlicht. Schon seit Tagen warten die Fischer, dass sich der Frühjahrssturm legt, dass sie wieder ausfahren können. Aber draußen, um die groben Felsbrocken, den Wellenbrechern der Hafenbefestigung, tobt der Ozean. Einige "Unverfrorene" halten ihre Angeln in die steife Brise.

Darunter auch eine ältere Frau mit Kopftuch, Parker und löcherigen, verwaschenen Leggins. Ihr kleiner struppiger Hund plustert sich bei jeder Böe auf; der zerzauste Kerl droht ständig weggeweht zu werden. Eine Weile stehe ich neben den beiden und versuche den Angelköder der Frau in der tosenden Gischt zu entdecken. "Do you wanna cafe?" Ich schüttle den Kopf: "No thanks!". Ich bin Teetrinker. Sie wendet sich zu mir um. Ihre Augen, die hinter den dicken Brillengläsern überdimensioniert, fast bedrohlich groß wirken, schauen mich überrascht an. "I didn´t aks you – I asked Fred, my dog!" Oh ja, Fred trinke gerne Kaffee – aber nur mit Milch und viel Zucker. Tatsächlich. Der Hund schlabbert zitternd aus dem weißen Plastikbecher. Danach leckt er sich die kleine, schwarze Schnauze und macht Männchen. Frauchen schenkt aus einer rot-weiß gepunkteten Thermoskanne nach und genießt nun selbst.
Hinter Apollo Bay verlässt die "Great Ocean Road" die stürmische Küste und führt Hügel rauf und runter ins grüne Hinterland. Kaum habe ich mich an das Weideland gewöhnt, geht es unvermittelt in einen Wald, in einen Regenwald. Meine Pupillen gewöhnen sich langsam an das grüne Zwielicht. Ich überlege noch, ob ich die Scheinwerfer anschalten soll, da wackelt direkt vor meinem Wagen ein sehr komisches Vieh über die Straße. Ich gehe voll in die Bremsen, parke in der unübersichtlichen Kurve ganz am Rand und steige aus.

Es ist ein stacheliges Wesen mit einer dünnen, langen Schnauze. Ich höre ein Motorengeräusch, ein Bus wird heruntergeschaltet. Ich gebe einen Zischlaut von mir, um es von dem Asphalt zu vertreiben. "Gschhh!!" Das kurios Vieh schaut mich an, als wäre bei mir eine Schraube locker. Aus der röhrenartigen Schnauze schlängelt sich ein Wurm. Nein, es ist die Zunge. Anscheinend kann das Tier sein Röhrenmaul nicht öffnen. Das Motorengeräusch wird immer lauter. Vorsichtig stoße ich das langschnauzige Wesen mit meinem Schuh an sein Hinterteil, um ihm die richtige Fluchtrichtung zu geben. Fehlanzeige. Der Kerl rollt sich zu einer stacheligen Kugel zusammen. Mir auch recht. Behutsam kicke ich das Vieh von der Fahrbahn, von der "Great Ocean Road". Gerade noch rechtzeitig. Der Bus donnert um die Kurve; sein Hupen dröhnt mir in den Ohren. Erst später erfahre ich, dass es ein Ameisenigel, ein richtiges Echidnawar, den ich zu Gesicht bekommen habe.

Die "Great Ocean" ist Teil des "Highway Numer One", der berühmten National-Straße, die ganz Australien umrundet. Hier im "Otway National Park" führt sie mitten durch einen veritablen Regenwald, aus dessen Schluchten die seltenen Berg-Eschen emporschießen. Diese größten blühenden Pflanzen der Erde können bis 115 Meter hoch werden. Wie Wesen aus einer vorsintflutlichen Welt ducken sich unter ihnen die altertümlichen, dickstämmigen Myrtenbuchen.
Nach einigen Meilen verlässt die Straße wieder den Regenwald, den "Otway National Park" und führt in das Reich der glücklichen Kühe und geschorenen Schafe. Die "Great Ocean" wird zum Milky-Way.
Ich halte auf einer Anhöhe, links eine Koppel, rechts ein Gatter mit tickendem Elektrozaun. Auf Victorias Weiden bimmeln keine Kuhglocken. Ein stilles Land erfüllt von dem Kauen und Wiederkauen seiner Rindviecher. Mit meiner Ruhe ist es bald vorbei. Die glänzenden Leiber der umliegenden Hügel traben auf mich zu. Seh ich aus wie ein Bauer? Muuhh! Warum sind die Tiere so aufgebracht? Haben sie noch nie einen Vertreter der deutschen Presse gesehen? Ich bin kein Talkmaster; verstehe erst recht nichts von einer Muuhh-Show! Ich schaue in die Runde; ein einziges, kauendes Missverständnis.

Sehr spät bemerke ich bei einigen Tieren kleine Pfeile im Nacken und in den Flanken. Das sind keine Pfeile, das sind Spritzen mit einer dunkelgelben Flüssigkeit im Tubus. Die langen Nadeln stecken tief im Fleisch und sind mit durchsichtigen Pflastern fixiert. Jeweils zwei dünne Drähte verbinden die Spritzen mit einem ebenfalls aufgepflasterten Kästchen; nicht viel größer als eine Zündholzschachtel. Ist es eine impulsgebende Pumpe oder ein Funkmodem? Sind diese Rindviecher im farmeigenen PC eingeloggt, der alle paar Minuten einige Milligramm eines Was-weiß-ich-für-ein-Hormons einspritzt?
Einige Tage später – ich hatte die verkabelten Kühe längst vergessen – werde ich abermals mit diesem Phänomen konfrontiert. Es ist in der gegen um Timboon, eine flache Ebene mit rechtwinkligen Straßen, in der sich die "Great Ocean Road" verliert. Ein Landstrich, so grün, so fruchtbar wie das Oldenburger Land – und so regnerisch, und kühl.

Die Tiefebene um Timboon ist die Käsekiste Australiens. An einem nebelig trüben Morgen treibe ich unentschlossen auf einer schnurgeraden Straße dahin. Frisch geschorene Schafe drängeln sich auf einer Weide. Ein Anblick, der mich frösteln lässt. Und da fällt es mir wieder ins Auge; einige Tiere sind mit Spritzen und diesem kleinen Kästchen bestückt. Wieder ist kein Mensch in der Nähe, den ich befragen könnte. Aber in der Ferne, unter einer Baumgruppe kann ich ein Gebäude erkennen.

Nach einigen hundert Meter führt ein Feldweg in diese Richtung ab. Ich schließe brav das Gatter hinter mir, das die Farm von der Außenwelt trennt. Erst jetzt bemerke ich die Metallröhre am Gatterpfosten. Es ist ein Briefkasten. Und – ein Brief ist darin. Ich nehme hin heraus und habe nun mehr als eine Frage – ich bin der persönliche Postbote. Das Schreiben kommt von einer Bank und ist an Mr. John Hose adressiert. Die doppelte Schwingtür des flachen Farmhauses ist offen; aber niemand antwortet auf mein Rufen. In der Ferne höre ich ein Fluchen. Es kommt von einem großen, abgelegenen Schuppen.

Nein, ich bin nicht der Weihnachtsmann – nur ein außergewöhnlicher Briefträger. Ich überrasche Familie Hose bei der Schafschur in einer geräumigen Wellblechhalle mit fantastischem Oberlicht. Ungelegener kann man nicht kommen. Herzlicher kann man nicht begrüßt werden.

Ich bewege mich wie ein tapsiger Trottel zwischen hart arbeitenden Menschen. Jeder Handgriff stimmt, hat seine ureigene Dynamik. Zwei Schafscherer hängen mit ihren Oberkörpern in beweglichen Rückgratstützen. Zwischen ihren Beinen ist jeweils ein Schaf festgeklemmt. Blitzschnell fährt die elektrische Schere unter die Wolle. Das Tier wird herumgewirbelt, ratz fatz wird es nackt und mit einigen blutigen Blessuren in eine Box mit Gleichgeschorenen entlassen. Ein Schaf in drei Minuten; 800 pro Tag.

John Hose wirft das Fell in einem gekonnten Wurf auf einen Tisch. Hier wird es von seiner Frau und der Schwiegermutter entfilzt. Danach wird es von John in einen Container gepresst. Zwischendrin möchte Mr. Hose wissen, was mich hierher treibt. Ich erzähle, daß ich freier Journalist bin und für ein deutsches Reisemagazin Victoria erkunde. Bei dem Begriff "freelancer", freier Journalist, unterbrechen die beiden Scherer sofort ihre Arbeit und strecken mir solidarisch ihre Hände zum Einschlagen hin. Sie sind auch "freelancer"! Ich schlage ein.

Die angeschorenen Schafe glotzen ungläubig zwischen ihren Beinen zu uns herauf. Mr. Hose ist etwas verunsichert. Ist der merkwürdige Briefträger ein gemeiner Gewerkschaftler, der seine Schafschur sabotieren will? Der ewige Kampf zwischen den Schafhaltern und den Schafscherern! Später, in der Mittagspause lachen wir darüber. Nun fällt mir auch mein Anliegen, meine Frage wieder ein: Was hat es mit den seltsamen Spritzen auf sich. Vitamine, nur Vitamine versichert mir John Hose. Die Schafscherer grinsen und prosten mir mit ihren Bierdosen zu – Vitamine, nur Vitamine!
Zurück zur "Great Ocean Road". Bei Glenaire rauscht mir wieder der Ozean entgegen, aber nur eine Kurve lang. Dann geht es wieder auf dem Milky-Way zurück ins Hinterland. Lavers Hill ist auf meiner Straßenkarte als wichtiger Verkehrsknotenpunkt eingezeichnet. Lavers Hill ist eine Tankstelle mit einer Pommesbude und Toilette. Lavers Hill liegt tatsächlich an einer Kreuzung. Rechts geht es Richtung Colac-Melbourne, geradeaus nach Cobden-Adelaide zum Western Highway und nach links setzt sich die "Great Ocean Road" fort.

Drei Kilometer hinter diesem Verkehrsknoten führt der Milky-Way an dem "Melba Gully State Park" vorbei, einem Stück lebendige Naturgeschichte. In diesem Regenwald wachsen die letzten Lebensformen aus der Urzeit, dem Lebensraum der Dinosaurier. Es ist die Nothofagus, die große südliche Buche. Der älteste Baum, "The Big Tree" soll über 400 Jahre alt sein. Haushohe Farne umschlingen diesen Vorzeitriesen. Im glitschig grünen Moos ist die einzige fleischfressende Schnecke der Welt Zuhause. Nachts illuminieren Abertausend Glühwürmchen diesen verwunschenen Wald der grauen Vorzeit. Nein, Dinos habe ich hier keine gesehen, auch keine Geclonten – aber sie würden sich bestimmt hier wohlfühlen.

Um Princetown verflacht die Landschaft. Eine karge, versteppte Fläche, in der schon ein Verkehrsschild zur Sensation wird: Vorsicht! Die nächsten 5 Kilometer ist mit Kängurus zu rechnen. Ein Witzbold hat dem Piktogrammtier zwei kolossale Hoden verpasst und es als Herr Känguru geoutet. Die Insassen von zwei Reisebussen knipsen das anrüchige Verkehrszeichen und verursachen dadurch einen kleinen Stau. Je langweiliger die Gegend wird, desto mehr Busse tauchen auf. "The Great Ocean Road in one day!" Der Höhepunkt des Tagestrips steht unmittelbar bevor, die 12 Apostel im "Port Campbell National Park".
"Ich habe selten einen furchtbareren Küstenabschnitt gesehen", schrieb der Australien-Erforscher Matthew Flinders, als er zum ersten Mal das Cape Otway umsegelte. Über 80 Schiffe – stolze Schoner, Briggs und Clipper – sind seither an dieser tückischen Küste zwischen Port Fairy und dem Moonlight Head gesunken.

Vor 1869, vor der Eröffnung des Suezkanals mussten die Schiffe um Afrika, um das Kap der Guten Hoffnung herumsegeln und waren dann noch mal 190.000 Kilometern den stürmischen, antarktischen Winden ausgesetzt, bis sie endlich die "terra australis" erreichten.

Für viele englische Aussiedler war die Küste um Port Campbell das erste Land, dass sie nach dem verlassen ihrer regnerischen Heimat sahen – und für viele Passagiere war es auch das Letzte. Antarktische Stürme peitschten endlose Ketten gestaffelter Brecher heran. Sie trieben die Segelschiffe immer näher auf die verhängnisvollen Klippen und an die aus den Wellen aufschießenden Felsformationen zu, die heute als die 12 Apostel verniedlicht werden. Gerade diese Felsgiganten machten den Küstenstrich zur gefährlichsten Passage im Zeitalter der Großsegler; als "The shipwreck coast", die Wrackküste wurde sie berühmt, berüchtigt.

Der erste Parkplatz zu den "Gipson Steps" ist hoffnungslos mit Bussen verstopft. Ich steuere direkt die Hauptattraktion, die "Twelve Apostles" an. Ich lass die Kamera im Wagen; dieses Naturereignis möchte ich ohne Autofokus genießen. Verdorrtes Gras umsäumt den Parkplatz. Kniehohe Gatter schützen den Besucher vor dem Betreten der Natur. Ausgerechnet in diesem Landstrich leben die giftigsten Schlangen des Kontinents. Unwillkürlich heften sich meine Augen auf den gesicherten Holzpfad. Eine ganze Busladung trampelt mir entgegen. Die Holzbohlen quietschen und knarren. Diesen Lärm hält keine Schlange aus – nicht die giftigste! Mein Blick richtet sich wieder nach oben in die Normalperspektive und es haut mich fast um! Klar, ich hatte die "Twelve Apostles" schon auf Abbildungen gesehen. Aber das hier – das hier ist das Breitbandkino Gottes mit einem mega-höllischen Dolbysystem; es donnert und rauscht in meinen Ohren, in meinem Kopf. Ich stehe mitten in der unendlichen Geschichte, der Genesis, der Erschaffung der Welt. Ich fühle mich winzig, federleicht, wie eine bedeutungslose Fliege in einer gigantischen Filmszene – und trotzdem gehöre ich dazu, für den Bruchteil einer Sekunde.

Eine nachfolgende Gruppe drängt mich zur Seite. Die Auslöser klicken, der Motorzoom summt. Warum verzerren wir Menschen beim Fotografieren nur die linke Gesichtshälfte?

Langsam schwebe ich weiter zum nächsten Lookout. Gigantische Kalksteinablagerungen, aufeinandergestapelte Erdgeschichte trotzen seit Jahrtausenden den heran donnernden Brechern. Der Kampf der Elemente, Meer gegen Land, ist hier noch nicht entschieden. Ich stehe und schaue; anscheinend wieder zu lange. Ein Videoamateur winkt mich aus dem Bild. Ich gehöre nicht in seine Schöpfungsgeschichte auf VHS-C.


Ein junges Pärchen bittet mich, sie vor dieser Kulisse zu fotografieren. "It´s very easy", sagt sie und drückt mir die Kamera in die Hand. Er legt seinen Arm um ihre Schultern. Lächeln. Klick. "Thank you!". Sie bleiben neben mir stehen. Abwechselnd bestaunen sie das Naturschauspiel, um sich dann wieder lange in die Augen zu blicken. Sie reden kein Wort; halten Händchen. Ich überlasse die Verliebten ihrem rosaroten Schicksal und mache mich davon. Im Vorbeigehen bemerke ich, dass es Landsleute sind. Jedenfalls ziert die Rückseite seines T-Shirts ein Slogan der "Deutschen Märchenstraße": "Wer das Leben durchschaut, ist des Märchens nicht wert".

Was will das Schicksal mir damit sagen? Ich widme mich wieder der Schöpfungsgeschichte. Der Ozean donnert mir Rätsel entgegen. In meinen Gedanken sehe ich ein Schiff mit zerfetzten Segeln. Seine Breitseite ist voll den Brechern ausgesetzt. Es rollt hin und her, rauf und runter und schlingert immer dichter an die gefährlichen Felsriesen. Ich sehe nun auch Menschen. Mütter reißen ihre Kinder an sich. Ist das nach so viel Monaten einer entbehrungsreichen Reise die Begrüßung der neuen Heimat? Klick, klick, klick. Ich drehe mich um. Eine japanische Gruppe hat sich kichernd hinter meinem Rücken aufgebaut. Jeweils einer knipst, die anderen lächeln ihr japanisches Lächeln. Verlegen trolle ich mich aus dem Bild und lehne mich zehn Meter weiter an das Holzgeländer. Das Schiff aus meiner Fantasie ist verschwunden; ich beschließe, dass es nicht gesunken ist, und gönne mir ein Happy-End. Klick, klick, klick. Wieder haben sich die Japaner hinter mir formiert und der gerade Fotografierende gibt mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich an der Stelle bleiben soll. Ich nicke und drehe mich wieder um. Klick, klick, klick. Warum möchten diese fremden Menschen mich auf ihren Gruppenbildern haben? Halten sie mich für den 13. Apostel? Nein – ich hab´s: Ich bin weit und breit der einzige Mensch ohne ein visuelles Vervielfältigungsgerät, ohne einen Fotoapparat, ohne Videokamera. Für die Japaner habe ich etwas Authentisches, für sie bin ich ein Einheimischer, ein Australier – ein Requisit das ins Bild gehört. So lebe ich nun als multikulturelles Missverständnis in zwei Dutzend japanischen Fotoalben weiter.

Wer das Märchen durchschaut, ist des Lebens nicht wert?

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