You can´t teach an old dog new tricks!

"Draußen regnet´s, es ist Winter hier. Kälte liegt in der Luft. Ich liege im Bett, in meiner Zelle und schreibe das. Ich betrachte die Wände meiner Zelle – lichtes Grün und Staub. Die Farbe ist kalt. Ich berühre die Wand vor mir. Sie ist kalt wie Marmor." Gänsehaut jagt mir den Rücken runter. Ambi McDonald, ein junger Aborigines-Mischling mit irischem Namen hat dieses Gedicht im Ridson-Gefängnis in Hobart geschrieben. Ich schließe die tasmanische Lyriksammlung "Effekts of Lights" und schaue aus dem Fenster.

Graue Wolkenwatte, unbeweglich, undurchdringlich. In Melbourne war es sonnig, warm. Aber über dem Meer, das Tasmanien von Festland trennt, sind wir in diese Suppe geflogen. Der Bordlautsprecher knackt. Der Kapitän meldet sich, um uns auf dem Flug von Melbourne nach Hobart zu begrüßen. Leider sei das Wetter am Zielort schlecht: nur sechs Grad und es regne "cats and dogs". Der Hund meiner Sitznachbarin – ein Golden Retriever – hat seinen schweren Kopf auf meine Füße gelegt. Ein Blindenhund. Nein, er störe mich wirklich nicht, versichere ich ihr. Sie lächelt. Bevor ich darüber nachdenken kann, wie sie darauf kommt, ohne es zu sehen, hat sie mich in ein Gespräch verwickelt. Ohh, von Deutschland, soo, ein Journalist auf dem Weg nach Tasmanien."Sie wollen bestimmt zu Blacky!", sagt sie siegessicher. Blacky? "Zu ihrem Kollegen, Blacky Fuchsberger! Der wohnt in Hobart, in meinem Viertel!".

Van-Diemens-Land. Tasmanien. Ein Zipfelchen Land. Vor langer Zeit abgebrochen vom Kontinent Australien und 240 Kilometer abgedriftet mit dem Ziel: Antarktis, das ewige Eis. 1642 entdeckte Abel Janszoon Tasman, ein niederländischer Seefahrer, die Insel. Mit 64 410 Quadratkilometer ist sie fast so groß, wie Bayern als konservativ, etwas kauzig und sehr britisch. Die Ureinwohner wurden im letzten Jahrhundert ausgerottet. Tasmanien ist der gebirgigste australische Bundesstaat mit üppigen Wäldern, kristallklaren Seen, fruchtbaren Hochebenen und einem gemäßigten Klima. Grau in grau empfängt mich Hobart, Blackys neue Heimatstadt. Tiefe Wolken hängen über dem Hafen, über dem schwarz verwaschenen Meer. Regennass glänzen die Pflastersteine am Salamaca-Platz, dem tasmanischen Schwabing. Die Blüten der Eukalyptusbäume sind fest geschlossen. Passanten huschen in die neonerleuchteten Eingänge der Boutiquen und Cafés. Es ist Ende November, Frühling in Tasmanien, der "Holiday Isle“ – der Sommer ist nah!


Draußen regnet´s, es ist wie im Winter hier. Kälte liegt in der Luft. Ich liege im Bett, in meinem Zimmer und gucke fern. CNN: Berlin 13 Grad, London 16 Grad, Sonne. Verrückte Zeiten, verrückte Welt. Ich liege im Bett, in einem Himmelbett umgeben von nacktärschigen Porzellanputten, schwuchteligen Gemälden auf Blümchentapeten – all überall viktorianischer Kitsch. Ich nächtige im Amberley-Haus, ein Museum mit Bed&Breakfast, mit schweren Teppichen und hausgemachtem Lemonengelee. Es hat aufgehört zu regnen. Wolkenmassen ziehen nach wie vor über die Dächer Hobarts, der Stadt der Einfamilienhäuschen oder – dem Dorf mit den paar Hochhäusern. Der Mount Wellington, "ein dunkler, Respekt einflößender Gentleman mit schräg gezogenem Felsenscheitel", wie ihn Nadolny in dem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" charakterisiert, entzieht sich meinem Blick, verbirgt sich hinter den Wolken. Der Mietwagen hat den Lenker auf der falschen, auf der rechten Seite; Tasmanien pflegt den britischen Linksverkehr. Ich werde die Insel, diesen abgebrochenen Zipfel, gegen den Uhrzeigersinn umrunden.

Doch auf dem Weg zu meinem ersten Ziel – Port Arthur – werde ich diesem Prinzip gleich untreu und mache bei Sorell einen Schlenker nach rechts auf die Forestier und auf die Tasman-Halbinsel. Eine verwirrende Fahrt. Mal ist das Meer zur Linken, dann taucht es unvermittelt rechts auf. Der Himmel reißt auf und Sonnenstrahlen beleuchten grünes Weideland; wandernde, glühende Fetzen huschen über die Hügel und verlieren sich glitzernd auf dem Wasser. Die Straße verliert sich in dichten, dunklen Wäldern, aber bald blinkt wieder das Meer zwischen den fliehenden Stämmen. Eine Straße mit Überraschungen. Ich versuche erst diesen Überraschungen auszuweichen, sie zu umfahren – aber es werden immer mehr. Es liegt viel "Hackfleisch" auf der Straße, viele überfahrene Tiere. Hin und wieder halte ich an, um die zermanschte tasmanische Zoologie zu studieren: Wallabies, eine kleine Känguruh-Art, Beutelmarder und viele tasmanische Teufel – arme Teufel. Aber ein tasmanischer Tiger ist nicht unter den Opfern; anscheinend ist der letzte seiner Art 1936 in Gefangenschaft eingegangen. Ein Einheimischer, ein Tassie stoppt sein Auto neben mir und erklärt aus dem heruntergekurbelten Seitenfenster, ich solle mich nicht grämen, es gäbe genug davon. "It´s all devils food!" Teufel fressen tote Teufel.


Australische Geschichte beginnt immer – auch wenn es den heutigen Aussies und Tassies nicht schmeckt – mit der "Gefangenengeschichte“. Die Schwerverbrecher, die das britische Königreich nach Van-Diemens-Land verbannt hatte, waren in Wirklichkeit die verarmte Landbevölkerung. Kinder, die aus Hunger stahlen, Väter, die sich aus schierer Verzweiflung an den ersten Arbeiteraufständen beteiligten. Der englische Frühkapitalismus entzog diesen einfachen Leuten ihre Lebensgrundlage. Sie wurden zwangsläufig kriminalisiert und abgeschoben - ans Ende der Welt, nach Port Arthur. Die restaurierten Überreste der Gefangenenanlage von Port Arthur liegen in einer adretten Parklandschaft. Der Ort des Schreckens gehört heute zum touristischen Pflichtprogramm, Geschichte zum Anfassen und Abhacken. Im Gänsemarsch tippelt man durch gepflegte Ruinen. Schautafeln vermitteln behagliches Gruseln. Darf´s ein bisschen mehr sein? Die Folterkammer wurde gerade frisch renoviert! Für ganz Harte werden jede Nacht "Ghost Tours with Outdoor-Catering" veranstaltet. Grausen macht hungrig. Neben dem obligatorischen Souvenirladen gibt es für den gemeinen Touristen "Fish&Chips" und zum Kaffee ein Stück "Blackforrest-Cake". Aber bitte mit Sahne.

Mir kommen die Zeilen des jungen Sträflings in den Sinn: "Draußen regnet´s, es ist Winter hier ...". Mich fröstelts; ich verlasse diesen Ort des kommerzialisierten Schreckens. War ich deswegen nach Tasmanien gekommen? Hatte ich wegen dieser bedrückenden Eindrücken die Weite Reise unternommen? Nein! Ein kleines Farbfoto – nicht viel größer als eine Briefmarke – war der Auslöser. Ich weiß nicht mehr wo ich die Abbildung gesehen, woraus ich sie ausgeschnippelt hatte. Nur die Bildunterschrift hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt: "Wineglass Bay, Tasmania". Das Bildchen klebt seither auf einer Sicherungsdiskette für meinen Mac – als tägliche Erinnerung ans Paradies. Nun bin ich auf dem Weg zur Weinglas-Bucht, auf dem Weg in das unvorstellbar ferne Paradies. Die Inszenierung ist perfekt.Alle Wolken haben sich verzogen. Blauer Himmel streckt sich von Horizont zu Horizont. Im Südosten schimmert wie eine schwebende Sandbank der Glückseeligen die Freycinet-Halbinsel. Dort liegt mein Ziel, die Bucht mit der kuriosen Form, bei deren Namen man allein schon zum Genießer werden kann.

Aber eigentlich bin ich jetzt schon aus dem Häuschen; das, was vor mir liegt, verschlägt mir den Atem: die Nine-Mile-Beach in der Great-Oyster-Bay. Weißer Sand, schier endlos. Gestaffelte Wellenberge brausen hintereinander durch die tiefblaue Bucht, brechen sich schäumend über den Neun-Meilen-Strand. Eine gigantische Einstellung, ein atemberaubender Film. "A view to end all Views!" Mit diesem Slogan wirbt ein japanisches Restaurant, das sich hier über den Klippen der Großen-Auster-Bucht angesiedelt hat. Bei Krabben und grünen Tee genieße ich den Film der Filme. Den Wein hebe ich mir für später auf ...!

Frühling liegt in der Luft. Ein betörender Duft, bitter und doch harzig frisch. Die Eukalyptusbäume blühen. Zwischen den schmalen, wie eingewachsten Blättern schimmern kleine, gelbe Blüten. Fieberbäume, nennt man dieses hohe, schlanke Myrtengewächs. Mir ist es komisch zumute. Ich erlebe meinen ersten November-Lenz, eine adventliche Karwoche. Gemischte Gefühle; Frühjahr auf Tasmanien. Ich wandere durch den Freycinet-Nationalpark; ich habe ein festes Ziel. Verwitterte Landzungen umschließen blaue Lagunen. Dunkle Blätter dümpeln auf dem ruhigen Wasserspiegel. Hinter den hohen Eukalyptusbäumen schweben blaue, ferne Berge. Bizarre, graurosa Felsformationen umstellen schützend die Honey-Moon-Bay. Ein abgewaschener Fels wäre ein ideales Stehpult mit Blick übers Meer – bis die Flut kommt. Ich habe ein Buch dabei. Aber die Felsen und Bäume werfen schon lange Schatten über den weißen Sand. Ich verlasse die Küste und wandere durch den dichten Eukalyptuswald landeinwärts, immer bergan auf einem kurvigen Trampelpfad. Der Weg wird immer steiler und die Flasche Wein im Rucksack macht sich bei jedem Schritt bemerkbar. Ich steige langsamer; es ist nicht die Kondition, auch nicht eine vorgezogene Frühjahrsmüdigkeit – es ist eher ein wenig Angst vor der Enttäuschung. Innere Bilder können nachtragend sein, vor allem, wenn sie den Vergleich mit der Wirklichkeit standhalten müssen. Bevor ich mich endgültig in diese Gedanken verliere, habe ich den Scheitelpunkt der Anhöhe erreicht. Unvermittelt liegt sie vor mir: die Wineglass-Bay. Und sie enttäuscht nicht. Der Rucksack gleitet zu Boden. Ich stehe wie angewurzelt und schäme mich meiner Zweifel. Eine kühle Brise streicht über mein erhitztes Gesicht und gibt mir die Fassung zurück. Ein verwitterter Stein dient mir als Sitzgelegenheit. Ich krame aus dem Rucksack das eingewickelte Weinglas, den Korkenzieher und die Flasche mit dem tasmanischen Cabernet Sauvignon. Ein quietschiges "Plop" hallt durch die friedliche Abendstimmung. Weit von unten dringt leiser Wellenschlag. Mir kommt es gar nicht in den Sinn, hinunter zu stiefeln. Mir genügt der entfernte Blick, die Nähe der Distanz. Ich sitze, schaue und verliere die Zeit. Der Wein wird immer weicher in der harzigen Abendluft. Plötzlich steht jemand neben mir. Wir erschrecken beide, wahren aber die Fassung. Ein großes, graues Känguru schaut mich mit seinen dunklen Augen an. Verlegen kaut es weiter. Seine viel zu kleinen Vorderläufe wippen unentschlossen in der Luft. Langsam proste ich ihm zu und, es hüpft langsam und elegant hinunter zur Weinglas-Bucht.

Der Elephant-Pass hinter Chain of Lagoons, der Lagunen-Kette, hält nicht was der Name verspricht; Hannibal hätte seine Überwindung keine Probleme bereitet. Über der sich anschließenden Hochebene hat sich wieder der Himmel zugezogen. Eine niedrige, bleigraue Decke liegt über dem Hügelland, über den spärlichen, ausgedünnten Waldresten. Geschorene Schafe drängeln sich fröstelnd in die Ecke einer weitläufigen Koppel. Ghostgums, Geistereukalypten stehen wie die verblichenen Schatten ihrer selbst, wie hölzerne Zombies in der eintönigen Landschaft.

Eine blaue, dünne Rauchfahne zieht eine lange, aufsteigende Diagonale in den grauen Himmel. Ein Farmer verbrennt einen Holzhaufen, zersägte Ghostgums. Er steht auf der Ladefläche seines roten Pick-ups und stiert in den Qualm. Vielleicht geht ihn der neue Fleischskandal durch den Kopf. In japanischen Supermärkten ist pestizidverseuchtes Rindfleisch aus Australien aufgetaucht und hat für einen Eklat gesorgt. Japan, Canada und andere Länder haben sofort den Import gestoppt. Mit textilen Abfallstoffen belastetes Kraftfutter wurde als Verursacher ausfindig gemacht. Die Gleise einer Schmalspurbahn folgen seit einer Weile der Landstraße. Sie ist die klassische Süd-Nordtangente und verbindet Hobart mit Launceston. Mit fast 70.000 Einwohnern ist Launceston das Zentrum des nördlichen Tasmanien. Die Stadt liegt im geschützten Hinterland, hat aber durch den breiten, beschiffbaren Tamar-Fluß einen natürlichen Zugang zum Meer und dadurch zum gegenüberliegenden "Mainland", zu Australien. Launceston ist grün, eine Gartenstadt, umgeben von intensiv genutzten landwirtschaftlichen Zonen. Hier gedeiht das beste Obst und Gemüse der Insel. Neuerdings wird an den Hängen des Tamar sehr erfolgreich Wein kultiviert.

Nicht zu Unrecht vergleichen viele Kenner diese Lage mit der Landschaft der Gironde, dem Mündungstrichter der Garonne an der französischen Atlantikküste. Das Klima am Tamar-River ist milder und die Niederschlagsmenge geringer als im wetterwendischen Süden um Hobart. Tatsächlich – einige Kilometer vor Launceston reißt die Wolkendecke wieder auf, verdünnisiert sich in ein lichtes Blau. Launceston liegt im Sonnenschein. Die prächtigen viktorianischen Gebäude strahlen in Backsteinrot mit weißem Zierrat. Gelbe Akazien blühen in den weitläufigen Grünanlagen und im Citypark. Menschen in T-Shirt und Shorts schlendern durch die Fußgängerzone und schlecken Eis. Klaviermusik schwirrt dudelnd durch die Frühlingsluft. "...dreaming from a white christmas" kommt gleichzeitig aus unzähligen Lautsprechern herausgeklimpert und verheddert sich rhythmisch mit dem Getacker der Fußgängerampeln. Am Anfang der Mall wird ein überdimensionaler Weihnachtsbaum errichtet. Er ist komplett aus Kunststoff und jedes Jahr wiederverwendbar. Unter dem begeisterten Beifall der Passanten werden zwei Mädchen in weißen, langen Kleidern und vergoldeten Pappflügel via eine Hebebühne geliftet. Sie sollen den Baum mit großen, glitzernden Christbaumkugeln schmücken. Ein ebenfalls gelifteter Sicherheitsonkel in Shorts und mit Waklie-Talkie beschützt die Engel in der himmlischen Höhe. Seine haarigen Beine, die hinter den weißen Kleidchen hervorschauen, scheinen den Fotoreporter der Lokalzeitung nicht weiter zu stören.

"Ach Gott – wie scheen!" Eine Jungseniorin mit Hütchen und Handtasche zupft ihren Begleiter vor Begeisterung an dessen Windjacke: "Das häts früher do nit geb! Ach Gott – wie süß!". "Ei joo", er drückt sich die Schiebermütze tiefer in die Stirne und schaut sichtlich genervt in die Runde: "Jetzt fehlt nur noch es Christkindsche im Bikini!". Nein, das ist nicht der Becker Heinz, auch nicht "es" Hilde; Gerd Dudenhöfer tourt nicht durch Tasmanien. Es ist Frau R. mit ihrem Bekannten aus dem fernen Deutschland, aus Saarlouis. Maria R. hat lange in Launceston gewohnt, war hier mit einem Tassie verheiratet. Erst vor sieben Jahren, als ihr Mann durch einen Unfall ums Leben kam, ist sie nach Hause ins Saarland gezogen. Nun ist sie zurückgekommen, möchte ihrem neuen Lebensgefährten Tasmanien, ein Stück ihres Lebens zeigen. Aber Launceston hat sich verändert, Frau R. kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie ist begeistert von der neuen Fußgängerzone, der Mall und von den vielen neuen Läden. Wo zu ihrer Zeit Autos fuhren, kann man heute flanieren und einkaufen. Sie schleppt ihren Lebensabschnittsgefährten durch Boutiquen, durch das neue Design Centre und durch gestylte Bistros und Bars. "Alles nei, alles scheen!" Launceston hat sich verändert, hat sich an die neuen Dienstleistungsstrukturen angepasst und hat sich für die moderne Warenwirtschaft geöffnet. Die Stadt am Tamar-Fluß ist zur Shopping-Zone für die darbenden Industrie-Regionen des Nordwestens geworden; Launceston hat den Sprung in die Konsum- und Erlebnisgesellschaft geschafft. Gute Zeiten; schlechte Zeiten. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Kriminalitätsrate ist in Nordtasmanien gegenüber 1993 um 41 % gestiegen. Am anderen Tag finde ich in der Lokalzeitung das Foto mit den "Engeln" und dem Weihnachtsbaum – die nackten, haarigen Beine des Sicherheitsonkels sind deutlich zu erkennen. Neben diesem adventlichen Aufmacher berichtet das Blatt auf der ersten Seite über eine Einbruchserie. Diesmal hat es das Design Centre erwischt. Die kostbaren Glasarbeiten und die Schmuckunikate blieben unbehelligt, aber in der aufgebrochenen Kasse fehlten 79 Dollar. Unter diesem Artikel prangt eine weitere Schlagzeile: "D´Arcy hits at danger of sodomy". Der Erzbischof von Tasmanien, Eric D´Arcy ruft zum Kampf gegen die Sodomie auf und warnt die gläubigen Tassies vor der Verharmlosung dieses Übels: "Aber tatsächlich kann rauchen Krebs und Herzkrankheiten auslösen, Trunkenheit bringt Gewalttätigkeit in die Familien und den Tod auf die Straßen, und Sodomie ist der Hauptgrund für die Verbreitung des HIV-Virus in Australien".


IIn Tasmanien gehen die Uhren noch anders als auf dem Festland; die Tassies sind konservativ und finden es in Ordnung, dass auf ihrer Insel Homosexualität unter Strafe gestellt wird. Aber was ihnen da von ihrem Erzbischof unterstellt wird – ganz abgesehen von biologischen Unsinn dieser Behauptungen – geht auf keine "Kuhhaut"! Ich verlasse das Tamar-Valley in Richtung Westen und kutschiere durch eine saftig-grüne Hügellandschaft. Schwarzweiße Kühe grasen selbstvergessen neben einem Ortsschild: Welcome in Grindelwald. Auch das noch! Der Lookout heißt hier Matterhorn. Er ist frisch aufgeschüttet, noch spärlich begrünt und gibt den Blick auf ein Dörfchen im Schweizer Chaletstil frei. Ein gediegenes Disneyland, gepflegte Spießigkeiten und auf dem adretten Mini-Marktplatz kann man Schweizer Schokolade erstehen. Vor dem Stadttor liegt ein überdimensionierter Busbahnhof, hinter Grindelwald erstreckt sich ein weitläufiger Golfplatz in die tasmanische Schweiz. Sonntagnachmittag in Devenport, der drittgrößten Stadt der Insel mit dem wichtigsten Personenhafen. Aber die beiden großen Fähren sind unterwegs, pendeln in gegenläufiger Richtung zwischen Devenport und Melbourne. Es ist ein "lazy sunday afternoon", das Städtchen schläft, in Erwartung der großen Inspiration für den Abend, der "Spirit of Tasmania" mit über 2000 Passagieren. Der Bass-Highway zwischen Devenport und Wynyard ist eine langweilige Rennstrecke zwischen Streusiedlungen und Industrieanlagen. Bei Ulverstone schlage ich mich auf einen Abstecher ins Hinterland, in die Berge und nach wenigen Meilen bin ich im tasmanischen Allgäu. Ein samtener Glanz liegt auf dem schwarzen Fell der Rinder. Weißer Mohn blüht auf den welligen Höhen vor bleigrauem Himmel. In der Ferne blitzen Schneefelder auf dunstigen Bergriesen. Friedliche Stille liegt über dem Land, untermalt von einem dumpfen, rhythmischen Rollen – dem Grasen der Tiere. Land der glücklichen Kühe. Noch nie habe ich so viele alberne Schafe, schmusendes Rindvieh gesehen wie an diesem "lazy sunday afternoon" auf den sanften Hügeln von South Riana.


Gegen Abend bin ich wieder unten an der Küste auf dem Bass-Highway und rausche in das industrielle Zentrum des Nordwestens hinein, in den tasmanischen Ruhrpott. Kurz vor Burnie muss ich die Scheiben hochkurbeln. Weißer Dampf entweicht aus den Ventilen weißer Tanks. Es stinkt. Es brennt in der Nase. Die Augen tränen. Ich passiere gerade die Industrieanlagen der "North West Acid". Hier wird Säure produziert – auch am Sonntag. Ein paar Kilometer weiter, hinter den Papierfabriken, begrüßt mich der Drive-In einer bekannten Fastfood-Kette. Hier beginnt Burnie. Rosa ausgekämmte Wattewölkchen zerfasern über dem Meer. Weit im Nordwesten verglühen die letzten Sonnenstrahlen hinter dem "Nut", einem 150 Meter hohe Felsplateau, das über dem schmutzigen Altrosa des Meeresspiegels herausragt. Eine Metallsäge kreischt. Über dem Hafen schwebt ein rotes, hell erleuchtetes Containerschiff. Schweißfunken zeichnen flüchtige Figuren vor die dunklen Silhouetten ausladender Kräne. Reifen quietschen, Motoren jaulen auf. Auf der Hafenpromenade von Burnie toben sich Jugendliche mit ihren verbeulten Mazdas und tiefergelegten Holdens aus. Sonntagsabends ist in Burnie der Hund verfroren; nur einige Bottleshops und eine Videothek haben noch geöffnet – und das Drive-In am Stadtrand. Über den Straßen von Burnie spannt sich kein glitzernder Adventsschmuck wie in Launceston. Keine Fußgängerzone lädt zum Flanieren ein. Die Einkaufszentren verstecken sich in funktionsorientierten Betongebäuden, eine Mischung aus Park- und Kaufhaus; es sind die Wahrzeichen der 70er Jahre, als Burnie noch eine prosperierende Industriestadt war und noch nicht von der weltweiten Rezession, dieser schleichenden Depression zermürbt, wurde.


Die "Sweat Talker" sind Quengelware, sie stehen stapelweise vor der Kasse. Die "Sweat Talker" sind Bonbonbehältnisse in Form von durchsichtigen Mobiltelefonen. Giftgrün oder pink. Drückt man auf das Tastenfeld, dudelt ein elektronische Gequietsche "Jingle bell ...Jingle bell ...". Das Stück für nur 2.95 Dollar! Das Warenhaussortiment ist ganz auf Schenken eingestellt. Für Daddy gibt es dieses Jahr vielleicht den computergesteuerten BBQ-Grill. Er eint die australische Outdoor-Gesellschaft mit der digitalen Revolution – für 498 Dollar. Preiswerter sind da schon die Gartenzwerge, bei denen das New Yorker Klempner-Original Mario Pate gestanden hat. Aber der Chistmas-Hit der Saison kostet 124 Dollar. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist "Santa snoring", der schnarchende Weihnachtsmann. Auf der Übersichtskarte hat Tasmanien die Silhouette eines Tier-, eines Dingokopfes. Ich sitze noch wie ein kleiner Floh auf dem linken Ohr und werde nun quer übers Gesicht zur rechten Schnauzenseite nach Hobart wandern.

Höhepunkt dieser Reise wird die hohe Stirnpartie, die Bergregion des 1545 Meter hohen Cradle Mountain sein. Aber kaum habe ich den Rand des Ohres verlassen, erwartet mich in Yolla, einem Bergdörfchen oberhalb von Somerset, ein Wolkenbruch. Ich rette mich in den General Store von Yolla, einen hallenartigen Raum, der nur durch Warenregale untergliedert ist. Ich bekomme einen Tee und ein frisch geschmiertes Sandwich. Ich setze mich an den einzigen Tisch. Der Betreiber, ein schwerblütiger Mensch knapp jenseits der Midlife-Crisis, leistet mir Gesellschaft. Der General Store ist das Zentrum der weitläufigen Farmersiedlung; außen Tankstelle, innen Tante-Emma-Laden mit Video-Shop und einer Tee-Ecke. Über der Kasse läuft ein kleiner Fernseher. Regen hämmert aus Dach. Vormittagsprogramm; in einer Hausfrauensendung geht es heute um die Einführung einer Umweltsteuer für Plastiktüten. Als Alternative zur Plastiktasche wird eine Tragetasche aus Leine und mit dem Aufdruck "EDUSCHO" gezeigt. Die "Greens" saßen schon mal im Parlament zu Hobart; Ökologie hat Tradition in Tasmanien. Der Werbeblock unterbricht das grüne Gedankengut.Ein sympathischer Graubart im Blaumann tritt für die "Working Nation", eine halbstaatliche Initiative, die Langzeitarbeitslose zurück in die Arbeitsgesellschaft holen möchte, ein. Mein Tischnachbar verzieht murrend sein Gesicht. Er erzählt mir, daß nächstes Jahr unten an der Küste, in Port Latta eine Erzaufbereitungsanlage dichtgemacht wird, obwohl die Japaner ganz wild auf das schwarze Zeug seien. Aber der Umweltschutz, die Auflagen – klar das Ding sei halt eine alte Dreckschleuder, aber was wird aus den Leuten, die flögen raus aus der "Working Nation"! Alle quatschten heute von Tourismus, die weiße, die saubere Industrie. Aber wie sollte er hier in Yolla damit Geld machen? Er winkt ab: "You can´t teach an old dog new tricks!"


Es hat aufgehört zu gallern. Die Straße dampft. Sie windet sich durch einen dichten Bergwald, einen nebeligen Dschungel. Die Kurven werden enger und steiler. Blinkende Lichthupen. Schwere Sattelschlepper, beladen mit 30 Meter langen Baumstämmen schießen mir entgegen. Ich muss höllisch aufpassen. Der Druckwind rüttelt am Auto; dann ist wieder einer vorbei, rast hinunter nach Burnie, zu den Papierfabriken. Hagel folgt auf Sonnenschein und umgekehrt – Osterwetter. Auf einer Hochebene lichtet sich der Wald, hört plötzlich ganz auf und überlässt mich einer trostlosen Fläche, einer graubraunen Mondlandschaft. Ein verdorrter Riesenfarn steht als hilfloses Zeichen auf dem von Raupen- und Radspuren aufgewühlten Boden. Hier haben also die Baumtransporter ihren Ursprung. Irgendwann umschließen mich wieder Bäume, die Straße windet sich bergan. In einer Kurve rutscht mir der Wagen hinten weg. Es ist spiegelglatt. Mir ist kalt und ich suche den Heizungsregler. Hinter der nächsten Kuppe kommt wieder die Sonne durch und beleuchtet eine wunderliche Landschaft: Ich fahre auf einem Christstollen; die Ränder der Straße sind weiß gepudert. Schnee! Die Sonne bleibt, der Stollen verschwindet. Der Schneematsch wird grau und immer grüner. Ich regle die Heizung runter. Endlich ein Hinweiszeichen: Cradle Mountain - Lake St. Claire National Park. Ich muss nach einigen Meilen rechts ab und wie auf eine geheime Inszenierung liegt der gezackte Riese vor mir. Nach so viel Wald und Kurven ein atemberaubendes Gefühl; automatisch mache ich langsam, lasse den Giganten auf mich wirken. Eine Hupe dröhnt mich aus meiner Kontemplation. Im Rückspiegel sehe ich nur noch ein Stück Kühlergrill eines Reisebusses. Ich gebe Gas und lass das schwankende Monster hinter mir. Die Straße geht in einen lehmigen Feldweg über; er führt geradewegs zum Ziel. Nein, es ist eine optische Täuschung. Der Weg endet in einem halbrunden Parkplatz. Dahinter beginnt die Panoramalandschaft des Cradle Mountain. Wie ein in Eis erstarrtes Urvieh schwebt der Cradle über dem graublauen Dove-See. Ich steige aus. Eisiger Sturm gegrüßt mich, fährt durch meine Jeansjacke wie durch dünnes Papier. Sonnenstrahlen huschen wie Gedankenblitze über die aufblitzenden Schneefelder. Ich trippele durch vereiste Ewigkeit. Meine Zähne klappern noch mehr, als ich versuche sie zusammenzubeißen, um eine ruhige Hand für ein Foto zu haben. Black Currawongs, rabenartige Vögel mit weißen Schwingen und stechend gelben Augen beobachten mich argwöhnisch bei meinen hilflosen Verrenkungen. Ich halt es nicht mehr aus und flüchte ins Auto. Gerade noch rechtzeitig; im Rückspiegel sehe ich den Bus heranrumpeln.

 

Eine japanische Reisegruppe ist gerade im Aufbruch und es gibt endlich Platz im Restaurant der Cradle-Mountain-Lodge. Es ist herrlich warm in dem niedrigen Raum. Holzboden, Holzdecke und ein offenes Kaminfeuer geben dem Raum eine alpine Gemütlichkeit. Die Kellner haben rote Nikolaus-Mützen auf und die weiße Bommel hüpft lustig beim Gehen. Draußen fängt es gerade an zu schneien, als ich von einem bedienenden Weihnachtsmann platziert werde. Ich teile den Tisch mit einer tasmanischen Familie: Vater, Mutter und zwei sommersprossigen Gören. Der Daddy ist noch ganz aus dem Häuschen; findet den Cradle "really great!". Seine Töchter hätten ihn regelrecht zu dem Ausflug erpresst, erzählt er mir. Sonst wäre er nie von seiner Farm bei South Riana runter gekommen. "Tasmania is really great!" Endlich komme ich auch mal zu Wort, berichte, dass vor ein paar Tagen durch South Riana durchgekommen sei, durch das Land der glücklichen Kühe und albernen Schafe. Er schaut mich etwas unschlüssig an, als hätte ich eine befremdende Andeutung gemacht. Es sei ein verrücktes Jahr. Das Wetter sei an allem schuld. Ohne hinzugucken, machte er eine Armbewegung zum Fenster. Draußen tobt ein Schneesturm. Diese Frühjahr sei eine Katastrophe, viel zu kalt. Er beugt sich über den Tisch und flüstert mir konspirativ zu: "Our sheeps and cows are sexually confused!" Dabei macht er – den Oberkörper von der Restfamilie abgewandt – eine eindeutig zweideutige Handbewegung. Ich möchte aber genauere Auskünfte über das widernatürliche Sexualverhalten seiner Viecher. Halblaut macht er mich nun mit seinen Erkenntnissen vertraut. Am Anfang hätten die Farmer es für eine Laune der Natur gehalten: einige weibliche Kühe und Schafe hätten ihre geschlechtlichen Präferenzen gewechselt, hätten sich als Bullen und Böcke aufgeführt. Aber als immer mehr weibliche Tiere verrückt spielten, auf den Weiden sinnlos gerammelt wurde, hätten sich Wissenschaftler aus Sydney mit dem Phänomen auseinandergesetzt.

Er macht wieder eine Handbewegung zum Fenster. Der Schneesturm hat sich gelegt. Das kalte Wetter sei schuld: Der Klee auf den Wiesen hätte bei der unnatürlich kalten Witterung eine falsche Konsistenz, zu viel Östrogene, zu viel weibliche Hormone. Bei dieser Nahrungsaufnahme käme es zu einer Überreaktion, zu einer Unfruchtbarkeit der Tiere. Dadurch wären die Weibchen irritiert und fühlten sich auf einmal als Böcke. Das Familienoberhaupt beobachtet misstrauisch Frau und Töchter, als ginge ihm ein schrecklicher Gedanken durch den Kopf.

Dann hat also, füge ich ein, der alte Erzbischof einiges durcheinandergebracht mit seiner Sodomiegeschichte. Mein Gegenüber brüllt auf vor Lachen: "D´Arcy – You can´t teach an old dog new tricks!" Die Sonne scheint aus allen Knopflöchern. Mit Temperaturen über 25 Grad empfängt mich Hobart, Blackys neue Heimatstadt. Makelos blauer Himmel wölbt sich über dem Hafen. Weiße Segel tanzen auf dem Meer, kreuzen unter der Tasman Bridge. Die Pflastersteine am Salamaca-Platz sind unter Kisten, Tische und Menschenmassen verschwunden; es ist Sonnabend und Flohmarkt-Zeit. Alle Hippies, alle Blumenkinder dieser Welt treffen sich heute auf dem Salamanca. Sie spielen auf ihren Gitarren, schlucken Feuer und Bier. Die Blüten der Eukalyptusbäume wiegen sich im heißen Brodem einer "Fish&Chips-Bude". Passanten kämpfen um die Sonnenplätze der Cafés und Bistros. Es ist Anfang Dezember, Flower-Power in Tasmanien, der "Holiday Isle“ – der Sommer ist da!

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