Die schöne Unbekannte


Peng! Der geöffnete Hartschalenkoffer war zugefallen, das Dusch-Gel umgekippt und ausgelaufen – wash and go. Das Bett hatte gewackelt, die Erde gebebt und ich hatte nichts bemerkt, hatte mein erstes Erdbeben verschlafen. Dienstag, den 21. Juni 1994 gegen 3 Uhr 17 wurde das ägäische Archipel von einem kleinen Erdstoß erschüttert. Ein Schaudern durchfuhr die windlose Stille der Frühsommernacht und verlor sich in langschattigen Träumen. Das Epizentrum lag weit draußen im Meer – irgendwo zwischen Andros und Kea – vor den Küsten des südlichen Euböas. Euböa? Kein Grieche kennt die zweitgrößte Insel der Ägäis unter diesem Namen. Evia – mit der Betonung auf dem "E" – nennt er diese langgestreckte, gebirgige Landformation, die sich an die Küstenlinie Mittelgriechenlands schmiegt. Evia! In der Mitte, bei der Inselhauptstadt Chalkis, berührt sie fast das gegenüber liegende Festland. Aber gerade die Nähe zu Zentralgriechenland verurteilt Evia zur kümmerlichen Randexistenz, zum Mauerblümchen der ägäischen Insel-Ferien-Welt. Keine Geheimtips ranken sich um ihre Strände, kein Reiseführer lobt ihre so gegensätzlichen Landschaften. Ist Evia die schöne Unbekannte im Windschatten Attikas? Mein erster Morgen auf Evia ist merkwürdig still. Trübes Licht liegt über der Bucht von Patalii und den Dächern von Karistos. Ein milchiges Türkis verdunstet im Schleier des Horizonts, um sich am Himmel in helle Fetzen aufzulösen. Das Meer ist ein zerbrochener Spiegel; blaue Plastikbahnen sind zu unruhigen Flächen verschweißt. Dunkel duckt sich das Kap Paximadi, der "Zwieback“, im Norden, als ob es ein neues, drohendes Beben verspürt.


Karistos ist keine schöne Stadt, nicht auf den ersten Blick. Schachbrettartig kreuzen sich ihre Straßen, umsäumt von nüchtern langweiligen Betonkästen. Sie ist ein Werk des bayerischen Architekten Bierbach, der hier in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts "Othonoupolis“, die Stadt des importierten Königs Ottos errichtet hat.


Heute hat sich die Kleinstadt wieder ihren antiken Namen zugelegt und lässt die letzten, alten Gebäude aus der Zeit Bierbachs vergammeln. Karistos ist das lebhafte Zentrum Süd-Evias mit blühendem Kleingewerbe, zahlreichen Geschäften, Restaurants und Kafenien. Man spürt die rege Schiffsanbindung mit dem attischen Rafina; im Sommer ist sie auch ein Rückzugsgebiet gestresster Athener. Der Mittelpunkt von Karistos ist eine überdimensionierte, schattenlose Platia. Das Leben pulsiert jedoch in den Kafenien entlang der Hafenpromenade unter dem blaustreifigen Schatten von Markisen. Die Sonnenschlürfer rekeln sich gegenüber am Kai und auf den sanft wippenden Fischerbooten. Wie ein poetisches Spiegelbild der griechischen Gesellschaft reihen sich weiße, lila und orange Plastikstühle vor den Kafenien. Ich bin ein Liebhaber des alten, hölzernen Kafenionstuhls mit speckigem Binsengeflecht, der unter seiner Last quietscht und schwankt, als wäre er immer noch "sehtüchtig“. Vier dieser lädierten Objekte braucht ein Grieche für eine standesgemäße Kaffeehaussitzung. Einen für den Allerwertesten, je einen als Stütze für den rechten und linken Arm und einen für das wechselnde Fußspiel. Schließlich verbringt man in dieser Haltung die meisten Vormittage seines Lebens – als griechischer Müßiggänger. Das Kafenion funktioniert wie ein Bildschirmschoner für die griechische Männerseele, ein After Dark für die geplagte Psyche, damit sich der Unbill des Alltags nicht einbrennt in die Herzen der temporären Kaffeehausbewohner.


Ein junger Mann schiebt sein Mountainbike durch das Spalier der Stühle. Schwarzes Haar, kräftige Nase, stolzer Blick. Ich halte ihn an, frage, was denn so los sei in Karistos. Mein Griechisch ist nicht so schlecht, aber seine Antwort klingt wie ein dunkles, unterdrücktes Knurren in meinen Ohren. "Entschuldigung!“ erwidere ich verdutzt auf Deutsch und mache eine fahrige Handbewegung. Der Schwarzkopf grinst. Ein tiefes, gutturales Schwäbisch schwappt mir entgegen: "Ha noi, do kant mer jo glei Deitsch schwätze!“. Es ist Dimitris, ein junger Grieche, der im schwäbischen Villingen aufgewachsen und vor einem dreiviertel Jahr mit seiner Familie zurückgekommen ist. Der Deutsch sprechende, junge Grieche hat es nicht leicht in der fremden Heimat. Der gelernte Offsetdrucker hatte kurzzeitig eine Hilfstätigkeit als Landvermesser. Nun ist er wieder arbeitslos, wie viele junge Griechen. Bekommt keine "Stütze“, liegt seinen Eltern auf der Tasche. Manchmal fährt er mit den Fischern raus. In mondlosen Nächten locken sie mit starken Lampen die Tintenfische. "Koine harde Arbeit – hernach schleudern mir d`Viecher in der Waschmaschin“ Dimitris will mir Karistos zeigen. Er führt mich durch urige, räuberhöhlenartige Kramläden, zu einer Käserei, in der der Joghurt noch selbst gemacht wird und natürlich in seine Stammtaverne, zu Babajannis. Die Taverne hat sich in eine ausgediente Autowerkstatt eingenistet. Die Motorgrube ist notdürftig mit verölten Bohlen ausgelegt. Darüber erhebt sich ein Klapptisch, an dem sich die härtesten Schluckspechte Karistos festhalten. Babajannis schleppt eine ausgebeulte Alu-Karaffe mit Retsina herbei und stellt sie schweigend auf unseren Tisch. Babajannis sei 85 oder 95, versichert mir ein stoppelbärtiger Nachbar, als könne er meine Gedanken erraten. Der Betroffene äußert sich nicht zu diesen Spekulationen. Wie auch, er ist schwerhörig – oder nur weise. Seine glasigen Augen hinter der milchig zerkratzten Brille stieren teilnahmslos den Zigarettenqualm. Wir kommunizieren mit ihm in einer simplen Gestensprache, wir heben die leere Karaffe, wenn wir Nachschub wollen. Die Metalltür quietscht. Für einen Moment verebbt der Lärm. Zwei neue Gäste, zwei Fremde – ein alter Mann und ein junger – betreten den Heiligen Gral. Sie setzen sich zögernd zu der Säuferrunde. Babajannis stellt unaufgefordert Retsina auf den Tisch – als Einstiegsdroge. Das Eis ist gebrochen, die Neuen integriert. Es sind "Jiftis“, griechische Zigeuner. Sie handeln mit Eseln und Maultieren. Draußen, im knappen Schatten der ehemaligen Autowerkstatt haben sie die jungen Tiere "geparkt“. Die verlassenen Straßen von Karistos dösen im flachen Mittagslicht, als hinter uns die Metalltüre quietschend zukracht. Siesta!

 

Das Licht verliert an Härte. Ein unwirklicher Schimmer liegt über den Weingärten, über den Orangen- und Zitronenhainen. Die uralten Pappeln, oben in Agia Triada, der heiligen Quelle zur Dreifaltigkeit, zittern wie Fische in sprudelnden Bächen. Der "Oxi“, der Berg, das kategorische, zu Stein gewordene "Nein“, hüllt sich in ein leuchtendes Rotbraun. Ein wunderliches Licht liegt über dem Süden, über Evia. Es streichelt die Haut, schmeichelt sie cremig ein. Die ersten Kaikis tuckern in der Bucht von Patalii, lösen sich auf zwischen dunklem Grau und Blau. Vielleicht ist auch Dimitris wiedermal dabei und die Waschmaschinen Karistos bekommen fangfrische Arbeit. Ein schriller Pfiff durchschneidet das friedliche Zwielicht. Eine einsame Taschenlampe hüpft funzelnd durch die Gärten und Haine von Nekasi. Es ist der Nerokratis, der Herr über das Wasser. Ein alter Mann mit Trillerpfeife und Taschenlampe verteilt das Wasser für die Höfe und Gärten, das von der Quelle "Agia Triada" herunter kommt - zwei Stunden pro Woche und Anliegen. Damit alle bedient werden können, kommt der Nerokratis zu jeder Zeit, auch während der Siesta, mitten in der Nacht oder in aller Herrgottsfrühe. Während der Wasserkanal geöffnet ist und lustig sprudelnd die Gärten oder Zisterne überflutet, pflegt sich der ältere Mann in seinen langen Mantel gehüllt zu einem kurzen, erquickenden Schläfchen niederzulegen.

Pünktlich, nach zwei Stunden öffnet er wieder seine von einem fleckfiebrigen Mond versilberten Augen und blinzelt in die dunklen Gärten. Der Abend ist verglüht. Ein Windhauch weht trockenes Laub um die Zitronenbäume. Der Wind erwächst in der Nacht zum Sturm, eröffnet die Meltemi-Zeit. Karistos ist ein Windloch, muss nun monatelang mit dem Geheul leben. Oh, wie hasst der Herr des Wassers diesen Wind. Er raubt ihm die Puste zum Pfeifen, verweht ihm die Kanäle mit Unrat und verfolgt ihn mit seinem launischen Gejammer in die viel zu kurzen Träume. Die muschelartige Bucht von Karistos ist die fruchtbarste Region im südlichen Evia. Der Rest des schmalen Landstreifens überzieht verstrüppte Vegetation, verdorrte Macchia, verkrüppelte Bäume. Die Windrotoren oberhalb von Nekasi versorgen die geduckten Hühnerfarmen mit Strom. Bei Styra haben die antiken Marmorbrüche gigantische Wunden hinterlassen, die nach 2000 Jahre nur spärlich vernarbt sind. Selbst die in der Ferne schimmernden Patalii-Inseln sind längst verlassen. Eine Landschaft zum Durchrauschen – die neue Straße ist breit genug. Oben, bei Lepura gabelt sich die Straße. Geradeaus führt sie nach Norden, zur Inselhauptstadt Chalkis, nach links geht es nach Kimi, dem einzigen Hafen an der wilden Ostküste Evias – mein nächstes Ziel. Kaum habe ich diese Route eingeschlagen, ändert sich die Landschaft, huschen Feigenbäume, Olivenhaine, weinüberdachte Vorgärten vorbei. Die Natur wird bäuerlich; man muss Traktoren überholen und in den kleinen Dörfern verstopfen im Mai die Mähdrescher die Straßen. Hier wird Evia zur Bauerninsel, zum Paradiesgarten.

Überdimensionierte Zeigefinger tauchen auf den Höhenzügen dieser Agrarlandschaft auf; fränkische und venezianische Wehrtürme. Dieser Teil Evias war schon immer begehrtes Land. Gebirge beengen den Gesichtskreis. Im Südosten döst kahl und braun ein verwitterter Vulkankegel. Im Norden erhebt sich der Mavrovourni, der "schwarze Berg“ mit seinen 1189 Metern, und hinter ihm tauchen im dunstigen Blau noch gewaltigere Burschen auf. Im Osten ist es flach, da muss das Meer sein. Wenn man in Platana über die kleine Brücke fährt, sieht man zwischen den Häuserfronten einen Peripteros, einen Kiosk im Türkis schweben. Hat man ihn erreicht, rauscht einem die Ägäis um die Ohren, ein endloses Blau, ein Ozean. Möwen taumeln im Seewind. Wellen zermalmen knirschend den Kiesstrand von Platana. Die Küstenstraße nach Kimi ist von den Winterstürmen zerschunden und wurde nur notdürftig geflickt. Auf dem Weg in die Sporaden bin ich hier schon öfter durchgekommen, hatte aber nie die Zeit zu verweilen. Erst wenn man mit der Fähre den schützenden Hafen von Kimi verlassen hat und einen Blick zurück wirft, hat man plötzlich ein beeindruckendes Panorama vor Augen: Eine vielzackige, gewaltige Bergkette erhebt sich über dem Hafenort, die weißen Häuser aneinandergelehnt – klein und quadratisch. Grünschattige Bergwälder staffeln sich an die sich ineinander verschiebenden Hänge. Links erhebt sich drohend der Oxylithos, ein kahles, braunes Vulkangebirge, rechts die schroffe, abweisende Felslandschaft der wilden, unzugänglichen Ostküste. Erst hier draußen im ägäischen Meer, beginnt man zu ahnen, was dieser einzige Hafen, diese Brücke zum griechischen Festland für die seefahrende Antike bedeutete. Von hier aus hat das "Chalkidikón", die Urform unseres Alphabets das antike Griechenland, Europa, schließlich die Welt erobert und verändert.

 

Kimi hat sich in den letzten Jahren entwickelt, ist zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt geworden. Nicht nur die tägliche Fährverbindung mit der Insel Skyros, sondern auch die regelmäßige Anbindung mit Alonnisos, Skopelos, Skiathos und Volos sind im ägäischen Binnenverkehr nicht mehr wegzudenken. Verbindungen mit Rafina und Saloniki sind im Aufbau und im Sommer legen immer öfter die schnellen Tragflächenboote, die Flying Dolphins in Kimi an. Das bringt Leben in die Bude bzw. in die Tavernen, Ouzerien und Kafenien. Der Hafenvorplatz wurde umgestaltet; wo früher Müll lagerte und Autos parkten, hat die Gemeinde Grünflächen und einen Spielplatz angelegt. Kimi ist nicht mehr das Ende der Welt. Es gibt zwei Kimi, das eine ist der florierende Hafen, das andere versteckt sich oben in den Bergen – das Hauptdorf. Eine Serpentinen reiche Straße verbindet die Ortsteile. Oben ist der Sitz der lokalen Verwaltung, hier gibt es Schulen, die Post und die Bank. Sogar ein kleines Museum wartet mit verstaubten Trachten und Kuriositäten auf Besucher. Verirrt sich tatsächlich ein Neugieriger in die abgedunkelten Räume, wird schnell der Lichtkasten mit den verblichenen Dias angeknipst – Kimi ist nicht mehr das Ende der Welt. Mich zieht es in die Berge. Auf meiner Karte schlängelt sich eine dünne Linie. Aber erst nach mehrmaligen Fragen werde ich fündig: hinter der Busstation links und gleich wieder links. Ein enger Asphaltweg windet sich am Dorfrand entlang und wird nach der letzten Hütte erstaunlich breit. Ich kurve lange durch einen undurchsichtigen Bergwald und verliere langsam die Orientierung.

 

Der Wald lichtet sich und meine Raum-Zeit-Koordinaten sind auseinandergefallen. Ich finde mich in einer alpinen Urlandschaft wieder; selbst das Auto geht vor Staunen aus. Nein, lila Kühe sehe ich keine – aber Berge. Direkt vor mir, der Skotini, der "Dunkle“ mit 1362 Metern, etwas dahinter erhebt sich der Xirovouni, der "trockene Berg“ mit 1417 Metern. Die anderen Riesen haben auf meiner Straßenkarte keine Namen. Respektvoll chauffiere ich mein Matchboxauto durch diese von Hirten durchzogene Bergwelt.

 

Plötzlich, nach einer steilen Kehre liegt das unendliche Blau der Ägäis vor mir, unterbrochen von kilometerlangen, zerklüfteten Steilküsten, die zu trutzigen Bergriesen erwachsen. Hier ist der Kampf der Elemente noch nicht entschieden und ich habe sie gefunden – die griechischen Seealpen! Steinbrocken krachen auf die Fahrbahn und hallen wie Donner im Gebirge. Ich halte, schaue nach oben und blicke in die schrägen Augen einer schwarzen Ziege. Ein fernes Motorengebrummel – da oben muss Metohi liegen.
Drei Dutzend wettergeprüfte Steinhäuser ducken sich hinter einen schützenden Hang. Kaum bin ich drin, bin ich schon wieder draußen. Ich drehe und fahre langsam zurück. Fenster werden geschlossen und die Dorfköter kläffen hinter mir her. Vor dem Haus mit den größten Fenstern halte ich und gehe hinein. Von zwei Seiten wird der Raum mit Licht überflutet. Einige spärlich bestuhlte Holztische werfen auf dem Terrazzoboden gegenläufige Schatten. Es ist das Kafenion, der Kramladen und die öffentliche Telefonzelle von Metohi. Ein Ventilator wackelt an der Decke.

 

Es ist Sonntagnachmittag. Der Besitzer Nikos Makrygiannis ist aus seinem traumschweren Nickerchen erwacht und blinzelt mich prüfend an. Ahh – ein Stadtmensch! Ich würde gerne einen Kaffee trinken. Er nickt, greift zu einem weißen Funktelefon und zitiert mit sanfter Stimme ein weibliches Familienmitglied herbei. Ganz schön cool, Mann! Die hintere Wand wird auf die ganze Länge von einem ausladenden Regalsystem überspannt, in dem sich Metohis zukünftige Konsumgüter stapeln. Ouzo, Frühstücksfleisch, Insektenspray. Hinter seinem stählernen Schreibtisch residiert Nikos. Er allein behält die Übersicht im Kosmos seiner Warenwelt, über Petroleumlampen, in Plastik verschweißte Barbiepuppen und die verdeckten Tamponschachteln. Den Schlüssel zum gläsernen Patronenkasten trägt er um den Hals. "Wir sind gute Jäger – hier oben.“ Er lächelt gütig unter seinem anrasierten Schnauzbart und spendiert sich ein Eis aus der Kühltruhe. Für mich grenzt seine Logistik an Chaosforschung. Dabei hätte er Platz für einen kleinen, übersichtlichen Laden. "Wenn ich modernisiere und mich vergrößere, kauft keiner mehr bei mir. Alle würden glauben, sie müssten mit überteuerten Preisen den Umbau bezahlen. Man macht kein Gewinn an fremden Tränen!“

 

Von Metohi hätte ich auch eine kleine Passstraße direkt nach Katheni, nach Nord-Evia fahren können. Aber ich möchte mir die Westküste bis Chalkis nicht entgehen lassen. Zugegeben, das war ein Fehler, eine langweilige Tour auf einer Rennstrecke, zersiedelte Landschaften, Müll, etwas Massentourismus. Die Schornsteine des Diesel-Kraftwerks bei Aliveri hängen ihre grauen Fahnen in den blauen Himmel. In der Umgebung von Eretria hat sich etwas Tourismus festgesetzt. Fantasielose Anlagen fernab von den Dörfern und Menschen, aber der Strand ist nah. Armeen von Sonnenschirmen und Liegen warten auf zahlungswillige Badegäste. Strandbars und Tavernen sorgen für den Alkohol- und Kalorienbedarf. Durch die geschützte Lage durch den Kanal von Evia ist das Wasser warm und ruhig wie ein oberitalienischer See – und die Fahnen von Aliveri wehen freundlich herüber. Chalkis, die Inselkapitale, hat den Charme eines Athener Vorortes – laut, heiß, verblichene Plakatlandschaften der letzten Wahl vor schmutzigem Beton. Dazwischen werden pralle, grünstreifige Wassermelonen verkauft. Evia hat viele Gesichter. Evia ist ein merkwürdiges Gebilde. Als einzige griechische Insel ist sie via Bus und Bahn zu erreichen, über die Brücke von Chalkis. Evia ist vom Meer umschlungen, und doch fehlt ihr etwas – die Identität als Insel, als abgeschlossene Welt in der ägäischen Vielfalt. Was haben die Leute in Karistos mit denen in Kimi oder gar mit denen im fernen Norden zu tun?


Der Norden ist wieder eine eigene, abgeschlossene Welt. Er neigt nicht zu Extremen, er ist harmonisch, fast abgeklärt. Das Fichtenknarren seiner ausgedehnten Wälder, das Rauschen des Windes in den Platanen, in den Eichen und Buchen, den breitschultrigen Johannisbrotbäumen und den hohen Dattelpalmen ist seine vielstimmige Hymne. Aber auch die Menschen sind ruhiger, besonnener. Sie haben diese schwungvolle Gemächlichkeit der östlichen Welt.


Viele griechische Flüchtlinge, die 1925 von den kleinasiatischen Küsten vertrieben wurden, fanden im Norden Evias ihre neue Heimat. Sie brachten auch ihren Heiligen mit, den heiligen Johannes, den Russen. Seine mumifizierten Überreste sind in der Wallfahrtskirche von Prokopi zu besichtigen. Zigtausend Griechen pilgern jedes Jahr nach Prokopi, der Russe ist längst eingebürgert, längst ein Nationalheiliger. Um ihn herum hat sich eine florierende Heiligen-Industrie entwickelt, ein bigotter Russenmarkt. Dagegen wurde der Bergbau bei Mantoudi eingestellt, tausende Kumpel wurden arbeitslos. Die weiße Industrie, der Tourismus ist hier oben auf eine Club-Med-Anlage beschränkt oder nur auf den heimischen Markt ausgerichtet, wie im Falle Limni. In dem Bilderbuch-Hafenstädtchen haben sich Betuchte aus Chalkis und aus Athen eingekauft. Ausländer verirren sich selten in diese maritime Beschaulichkeit von Limni, erst recht nicht nach Loutra Edipsou, dem Kurort am nördlichsten Zipfel Evias, meine letzte Station.


Ich habe Glück. Heute ist der 1. Juli und der wichtigste Festtag für Edipsou. Der Kurort feiert den Namenstag seiner Schutzheiligen Kosmas und Damianou, die "Anárgyroi" – die Silberlosen. Das waren zwei Heilkundige, die unentgeltlich, "silberlos" geholfen haben. Das ist für heutige Griechen eine unvorstellbare Großzügigkeit, müssen sie doch ihren Ärzten diskret ein dickes Drachmenbündel zu schieben, um überhaupt eine Chance auf Hilfe zu bekommen. Edipsou feiert seine Silberlosen mit einer Prozession und viel Glitzer. Hinter dem vergoldeten Heiligenbild marschiert ein goldbedresstes Blasorchester aus Chalkis – es ist Zwölftonmusik in Fantasieuniformen. Höhepunkt des Festes ist ein Feuerwerk über dem Kanal von Atalanti. Jedes seetüchtige Boot, vom Kaiki bis zu den Autofähren ist ausgelaufen. Rote bengalische Feuer glimmen aus dem dunklen Blau. Raketen zischen und verwandeln den Himmel in ein Meer von Lichtern. Die vielen Schiffe kreuzen wild aufeinander zu, sausen aneinander vorbei; es ist wie ein fröhlicher, ein chaotischer Krieg. Plötzlich ist die Schlacht geschlagen, das Fest vorbei und die Tavernen und Restaurants an der Hafenpromenade füllen sich. Im "Apollon", dem letzten Freilichtkino, beginnt der Hauptfilm: "Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger; auf ein Dutzend Zuschauer kommen einige tausend Nachtfalter. Wieder habe ich Glück. Im "Avra“, dem ältesten und schönsten Hotel in Edipsou sind noch Zimmer frei. Das ganze Haus strahlt Vergangenheit aus, erinnert an die Zeit als Edipsou noch ein mondänes Luxusbad war. Churchill ist im Morgenmantel über die knarrenden Parkettböden des "Avra“ geschlürft. Maria Callas gab im Salon Privatkonzerte. Der Flügel steht noch. Darüber thront heute ein Fernseher.


Die Reichen dieser Welt kuren nicht mehr, vielleicht sind sie tatsächlich dem Jetset verfallen. Nur der griechische Mittelstand ist Edipsou als zahlungsschwache, knausrige Klientel geblieben. Eine Gruppe mit stark geriatrischem Überhang. Die typische Schwermut von Kurorten lastet auf Edipsou. Gelebte Leben, verhärtete Höflichkeiten, faltiges Lächeln, die Hoffnung auf Besserung, etwas Aufschub vor der letzten Reise.
Seit der Antike suchen die Menschen Linderung in den 18 heißen Quellen von Edipsou, vor allem für ihre rheumatischen Schmerzen. In dem heißen Wasser wurde schwefelsaures Magnesium und Kalk, Jod, Brom und vieles mehr nachgewiesen. Herakles soll daraus seine Kraft gewonnen haben. Vielleicht sollte ich es auch mal probieren.


Etwas schüchtern betrete ich das alte Gebäude mit den langen, blauen Gängen. Undeutliche Stimmen verhallen hinter hochgekachelten Wänden. Überall tropft und plätschert Wasser. In der hellen Vorhalle hängt ein Ölschinken über der Anmeldung: Ein jugendlicher Athlet Marke Arnold Herakles zerbricht seine Krücke. Mit umgerechnet 5 Mark bin ich dabei. Noch nicht sofort, erst platziert man mich neben einer sehr beleibten Dame. Schweigen. Wasser wird eingelassen. Der geliehene Bademantel riecht nach Chlor und Mottenkugeln. Meine Reebok-Trekkingsandalen wirken sehr deplatziert. Ich werde gerufen, um die Wassertemperatur zu prüfen. "Endaxi?“, in Ordnung! In der dampfigen Zelle ist an jeder Seite eine trogartige Wanne eingelassen. Vorsichtig steige ich in das heiße Wasser und lehne mich zurück. Aber was ist das!? Ich komme mir vor wie ein Astronaut, der sein Frühstücksei verloren hat. Dieses Wasser hat einen irren Auftrieb und meine gewohnte Badewannenmotorik ist außer Kraft gesetzt. Erst nach einigem Planschen habe ich mich quer zur Wannenrichtung eingeklemmt, stabilisiert. Ich komme zur Ruhe und genieße das pricklige Gefühl auf meiner Haut. In der Nachbarzelle wird das Wasser abgedreht. Komisch, warum bemerkt man die meisten Geräusche erst, wenn sie aufhören? Auf den klobigen Einlaufstutzen hat sich Grünspan abgelagert. Darüber hängt eine Körperbürste mit langem Stiel, der an einen kleinen Schrubber erinnert. Sonnenstrahlen brechen sich spielerisch im geriffelten Glas des Oberlichtes und tanzen als Lichtflitzer auf der Wasseroberfläche meiner Wanne. Kein Geräusch dringt von draußen herein, stört meinen wohligen Frieden. Ich lausche meinem eigenem Atmen und die Augen fallen mir zu. Platsch! Der Schrubber stürzt ins Wasser, die Wanne zittert, als hätte ihr jemand einen mächtigen Schlag versetzt. Ich bin hellwach. Ein Erdbeben?! Aus der Nachbarzelle dringt ein erleichtertes "Ahh...!" Die dickleibige Dame hat sich in die Wanne gestürzt und die Therapie nimmt ihren Lauf.

evia