Leben auf dem Feuerring

"Sonntag und tropische Mittagshitze in der Südsee, das weiße Meer ist eingeschlafen und purpurn steht ein Segel drauf." Über die ersten Zeilen meiner Reiselektüre komme ich nicht hinaus. Kling, klang, kling, klung ertönt es aus einem Lautsprecher über mir. Es ist Sonntag und tropische Mittagshitze brütet über dem Bahnhof von der in Zentral-Java. Die elektronische Kinderorgel endet so abrupt, wie sie begann. Eine unendlich harmonische Stimme erfüllt die offene Halle. Es ist fünf vor zwölf. Mein "Expressi" nach Yogyakarta fährt laut Fahrplan in sieben Minuten – also war das die Zugankündigung. Ich stecke mein Büchlein weg und harre der Dinge. Punkt Mittag plärrt in der Nachbarschaft des Bahnhofes ein Muezzin. Aus nördlicher Richtung stimmt seine Konkurrenz ein. Zwei Minuten später höre ich die verwehten Gebete eines Dritten, aber keinen Zug. Also war die Ansage eine Verspätungsmeldung.


Ich ziehe mein Büchlein hervor und setzte meine Lektüre über den Ausbruch des Krakatau von Arno Schmidt fort: "Und wieder die gleißende Stille jenes 26. August 1883. Gegen 14 Uhr beginnt ein dumpfes Rollen im Nordosten. Gleich darauf bildet sich am Horizont etwas, "Wolken vergleichbar“, das sich langsam höher schiebt; bis, gegen 17 Uhr, der ganze Himmel überzogen ist. Gleichzeitig vernimmt man ein knisterndes Geräusch in der Atmosphäre; die Kompassnadel beginnt zu tanzen; es wird immer finsterer...".


Jemand räuspert sich vor mir. Ein Mensch mit roter Mütze und verwaschener Uniform mustert mich aufmerksam. Sofort zücke ich die kleine Fahrkarte aus meiner Brusttasche. Er lächelt, setzt sich neben mich und bietet mir eine "Djarum", eine Nelkenzigarette, an. Mit seiner unendlich harmonischen Stimme entschuldigt er sich für die Zugverspätung und aus einem Überschwang gegenseitiger Höflichkeiten tauschen wir Visitenkarten. Herr Witoyo, der Bahnhofsvorsteher, betreibt noch ein kleines Restaurant in Purwokerto. In einem einschmeichelnden Wortschwall möchte er mich in den Warteraum der "Bisnis"-Klasse komplimentieren; da gäbe es Klimaanlage und TV. Ich lehne höflich ab; die paar Minuten warte ich lieber im Freien.

Kurz darauf ist wieder das elektronische Geklimper und die Stimme von Herrn Witoyos zu vernehmen. Ein Zug rollt ein, leider aus der falschen Richtung. Die weinroten Waggons sind innen und außen hoffnungslos überfüllt. Junge Männer hangeln sich an der Lok, "surfen" auf den Trittbrettern und auf den Kupplungen zwischen den Wagen. Binnen Sekunden wandelt sich der friedliche Bahnhof in ein Irrenhaus. Meine Nachbarn springen auf. Sie rennen in Richtung Zug und verkeilen sich mit den aussteigenden Massen. Fliegende Händler schreien ihre Angebote heraus. In mobilen Garküchen brutzeln Gemüse und Nudeln. Herr Witoyo mit seiner roten Mütze setzt dem bunten Treiben ein Ende. Er pfeift und der Zug rollt langsam Richtung Westen. Die Händler sind spurlos verschwunden oder haben sich in schläfrige Passagiere verwandelt. Eine Putzkolonne hat sich in Bewegung gesetzt. Die Frauen und Männer räumen auf, fegen, wischen und bald erstrahlt der Steinfußboden in neuem Glanz. Ziegen grasen zwischen den Gleisen und in der Ferne tänzeln zwei Papierdrachen vor einer dunklen Wolkenfront. Dahinter hat sich der über 3400 Meter hohe Vulkan Slamet zurückgezogen.

Durch eine Bergkette von 59 Vulkanen – darunter einige Viertausender – wird Java wie ein schmales Band zusammengehalten. Tief unter der Hauptinsel Indonesiens verläuft ein großer "Grabenbruch", eine tiefe Spalte in der Unterseite der Erdoberfläche. In und unter Javas Vulkanen rumort es ständig; sie machen die Insel zum dicht besiedeltsten Katastrophengebiet des Planeten. Vor 111 Jahren hat es hier geknallt, ist der Krakatau auseinander geflogen und hat dem letzten Jahrhundert eine globale Klimakatastrophe beschert.

Der wolkenverhangene Vulkan Slamet hüllt sich in Schweigen. Ich traue ihm nicht. Ich mag keine Vulkane. Sie haben die scheinheilige Gelassenheit Zigarren rauchender Terroristen. Sie reagieren unlogisch, emotional. Vulkane werden aus heiterem Himmel gewalttätig. Sie verstehen keinen Spaß und – sie stinken! Lava und Java – eine wunderliche Wortverwandtschaft, eine rot-grüne Koalition mit äußerst fruchtbaren und manchmal explosiven Konsequenzen.

Ich schrecke aus meinen Gedanken. Etwas ist auf meine Hose gefallen. Ein halbtransparentes Gummitier starrt mich entsetzt aus seinen lackschwarzen Knopfaugen an. Mit einem gewagten Sprung rettet sich der Gecko unter die rote Plastikbestuhlung. Mittlerweile hat mein Zug weit über eine Stunde Verspätung. Die Mitreisenden warten geduldig. Kein Lufthauch bewegt sich. Niemand murrt. Man schwitzt leise vor sich hin. "Waktu karet", wörtlich Gummizeit, ist eine indonesische Eigentümlichkeit, ein Zustand, der zur unfreiwilligen Muse zwingt, in eine eigendynamische Lethargie abgleitet. Das Leben auf dem Bahnhof wirkt wie angehalten, wie ausgebremst. Bewegungen im Stillstand. Ich erlebe das genaue Gegenteil meiner bisherigen Reise durch Java. Vor wenigen Tagen sind wir mit einem gecharterten Minibus samt Guide in der Hauptstadt Djakarta Richtung Osten gestartet. Wir bretterten von Vulkan zu Vulkan, von Attraktion zu Attraktion. Raus aus dem Bus. Staunen! Vulkane stinken sogar bei Wolkenbrüchen. Rein in den Bus, weiter. Nach mehrstündiger Fahrt, raus aus dem Bus. 15 Minuten für einen lokalen Markt in einem Flecken, dessen Namen man sich nur merken kann, solange er über die Lippen des Guides kommt. Süßkartoffeln, Tofu, Stinkbohnen, Betelblätter, getrocknete Goldfische, lebendige Aale, Schlangenhautfrucht – rein in den Bus.

Nein, das war nichts für mich, das war zu viel an "Er-Fahrung". Mitten in Java – das ist hier wörtlich gemeint – bin ich aus- und nicht wieder eingestiegen, hier in Purwokerto. Nun warte ich seit etlichen Stunden auf den Eilzug nach Yogyakarta! Meine Freunde mit dem Minibus sind bestimmt längst da!

Gegen vier Uhr reißt die Gummizeit. Der "Expressi" läuft sang- und klanglos ein, ohne harmonische Stimme und ohne kling, klang, kling, klung. Mintgrüne Seidenvorhänge flattern im Fahrtwind. Ein zarter Modergeruch durchweht die "Bisnis"-Klasse. Eine herrenlose Plastikflasche kullert durch das Abteil, bleibt zwischen einer weggeworfenen Zigarettenschachtel und einer zermatschten Avocado hängen. Quer über den vibrierenden Fußboden hat sich eine Ameisenstraße gebildet. Immer wenn der Zug stoppt, ist sie im Nu verschwunden. Der "Expressi" stoppt oft, diesmal auf freier Strecke in einem gründämmerigen Reisfeld. Große Gruppen von Bauern mit spitzen Hüten sind auf dem Heimweg. Sie winken uns zu. In Indonesien ist niemand allein, auch ich nicht. Die Familie, die vor mir logiert, hat mich kurzerhand adoptiert und teilt sich mit mir ihr Abendessen: Tofustückchen in süßsaurer Tunke, eine Reissuppe mit einer undefinierbaren Einlage und kleinen, verkokelten Fleischspießchen. Von allem muß ich probieren und alle nehmen Anteil an meinem Appetit; im Besonderen der jüngste Spross der Sippe, den man auf meinem Schoß platziert hat. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er mit einem Bartträger konfrontiert und will partout nicht glauben, daß sich das Ding nicht abnehmen lässt. Meine Familie ist fast ein wenig beleidigt, als ich mich anschicke in Yogyakarta auszusteigen. Erst als ich glaubhaft versichere, dass hier Freunde auf mich warten, werde ich mit einem kleinen Fresspaket und vielen guten Ratschlägen verabschiedet. "Tri Makasi" heißt "Danke" auf Indonesisch und setzt sich aus zwei Verben zusammen - "geben" und "nehmen".

Ein schweres Gewitter ist über Yogyakarta niedergegangen. Schwarz glänzende Nacht verhüllt die Stadt. Ein dunstiger Mond verzieht sich hinter die Regenwolken. Für Minuten ist die Elektrizität ausgefallen, für Minuten ist Yogya verzaubert von dem Duft längst vergangener Tage, von verwehter Gamelan-Musik, einem fernen Gong und von dem wilden Klingeln hunderter, dunkler Fahrradrikschas.


Mit dem fahlen Tageslicht erwacht der Lärm, die Hektik der Metropole im Herzen Javas. Die alte Hauptstadt ist heute das bedeutendste Touristenzentrum der Insel, ein kultureller Zwischenstopp auf dem Weg nach Bali. Und es gibt viel zu besichtigen: den buddhistischen Tempelkomplex in Borobodur, das hinduistische Gegenstück in Prambanan, den gefährlichen Vulkan Merapi und den Kraton, den Sultanspalast; eine Stadt in der Stadt mit einem richtigen Sultan. Yogya ist das letzte, relativ selbstständige Sultanat in Indonesien. Umgeben von Tausenden von Angestellten, ehrenamtlichen Soldaten, Lakaien und Hofdamen lebt der 10. Sultan hinter den weißen Mauern seines Palastes. Einen Teil davon kann man besichtigen, aber in den "Bangsal Proboyakso", in den "Inner Circle" haben Touristen keinen Zutritt.

Ich will hinein, möchte eine Audienz beim Sultan. Unser Guide lacht. Ein guter Witz! Aber mir ist es ernst und in sein lachendes Gesicht fährt schieres Entsetzen: "Unmöglich!". Ich schüttele selbstbewusst, trotzig den Kopf. Er telefoniert mit dem Sekretariat des Sultans und kehrt mit wichtiger Mine zurück. Normalerweise dauere ein Genehmigungsvorgang für eine Audienz mindestens ein halbes Jahr. Das Ansuchen muss schriftlich begründet und persönlich beim Sekretariat eingereicht werden. Wie redet man einen leibhaftigen Sultan an? Dear Sultan? Glücklicherweise habe ich mein altes, gymnasiales Wörterbuch mit dabei und mit seiner Hilfe verfasse ich einen handschriftlichen Brief in einem etwas blumig verstaubten Englisch.

Der Sultanspalast liegt in einem unübersichtlichen Areal. Kleine Gassen verwirren sich zu einem burlesken Basar, mit Farben protzenden Batikläden und verzwitschertem Vogelmarkt. Schlitzohrige Händler dominieren diese verkehrsberuhigte Zone. Zwischen ihrem Tand und Trödel sind an augenfälliger Stelle die Aufkleber der führenden Plastikgeldfirmen angebracht. Die Freiheit nehm ich mir nicht; ich muss in den Palast. Erst nach mehreren Anläufen finde ich den Eingang zum Sekretariat des Sultans, zum verbotenen Teil des Kratons, der von einem jungen Soldaten bewacht wird. Ich wedele mit dem Brief und trage mein Anliegen vor. Er bittet mich in einer hohen Wachstube Platz zu nehmen und bedient ein altes Telefon mit rasselnder Wählscheibe. Oben an der Decke wackelt ein vergilbter Ventilator. In der Ferne bimmelt ein Apparat. Jetzt wird abgenommen und der junge Mann beginnt zu sprechen. Herr Suharti, der Sekretär des Sultans erwartet mich.

Der Soldat eskortiert mich durch verträumte, lichtumspielte Innenhöfe, durch verwitterte Torbögen und modrige Gänge. Eine Schar älterer Hofdamen kommt vom Baden. Neugierig beäugen sie den fremden Besucher und zupfen kichernd an ihren nassen Sarongs. "Hallo Mister!" Der junge Soldat legt einen Schritt zu, und lässt mich vor einem schattigen Eingang allein. Aus dem offenen Fenster hört man eine Schreibmaschine klappern. Ich ziehe meine Schuhe aus, klopfe an und gehe hinein. Eine junge Frau zeigt, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, auf eine Flügeltür, die sich im gleichen Moment öffnet: Herr Rick Suharti tritt mir im weißen Anzug entgegen. Wir tauschen Höflichkeiten und die Visitenkarten. Er nimmt meinen Brief entgegen und verspricht ihn bei der abendlichen Audienz dem Sultan zur gefälligen Beachtung vorzulegen. Wir verabschieden uns mit kleinen Verbeugungen und versichern uns unsere gegenseitige Wertschätzung. Ich wandele allein zurück durch den morbiden Charme des efeuumrankten Mauerwerks. Ich fühle mich, wie eine Figur in Kafkas Roman "Das Schloß" – allerdings in einem Schloß mit umgekehrten Vorzeichen: hell, freundlich, gutmütig. Und schon habe ich mich verlaufen. Ein leises Schnarchen kommt von einer Veranda und ergänzt den nachmittäglichen Frieden. Verhalten klopfe ich an einen Holzpfeiler. Das Geräusch verebbt in einem abgebrochenen Röcheln. Aus einem Korbsessel erhebt sich etwas Langes, etwas Dürres. Ein tischtennisballgroßes Auge quillt aus einem schmalen Kopf und stiert mich an. Ich mache einen entschuldigenden Schritt zurück.

Der Mensch streckt mir seine Hand entgegen und seine wülstigen Lippen verziehen sich zu einem schiefen Lächeln. Kreuz und quer stehen Zahnstümpfe in seinem Mund. "Nurdie!", stellt er sich vor. Ich stammele etwas von Ausgang, aber Herr Nurdie ist nur an meiner Nationalität interessiert, um mir dann im holländischen Tonfall zu antworten: "Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, mit mir eine Tasse Tee zu genießen!". Ein erstaunliches Gespräch nimmt seinen Anfang; Herr Nurdie sucht nach Worten, um sie in formvollendete Sätze zu kleiden. Wo hat er bloß dieses fabelhafte Deutsch gelernt? Er lächelt schelmisch und das Glasauge glotzt mich über seine tief hängende Brille an. "Früher hatte ich Gelegenheit die Deutsche Sportillustrierte zu lesen. Heute versuche ich Probeexemplare deutscher Verlage zu bekommen."

Unter dem niedrigen Tisch zieht er eine abgegriffene "Quick" und ein "Mädchen" hervor. Die Grammatik übertrage er aus dem Holländischen, die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht Indonesiens. Herr Nurdie bewohnt mit seiner Familie diesen abgelegenen Teil des Sultanspalastes, umgeben mit dem ausgedienten Instrumentarium des höfischen Gamelan-Orchesters. Die Veranda ist sein Reich. Hier liest er, hier schläft und schnarcht er. Die Betten in den dunklen Kemenaten sind von seinen zahlreichen Töchtern belegt.
Herr Nurdie ist Mitglied der Sultansfamilie. Er ist ein "junger Neffe", ein Cousin des jetzigen, des 10. Sultans. Der 9. Sultan war also sein Onkel. "Sultan Nummer 8 war mein einziger Großvater." Einzig? Ich verstehe nicht. Auf die Rückseite der "Mädchen" zeichnet er einen verwirrenden Familienstammbaum. Seine Eltern waren Geschwister, Halbgeschwister; der 8. Sultan hatte mehrere Frauen. "Das war schlecht für die Blutreinigung." Er zeigt auf sein Glasauge. "Deshalb habe ich ein Mädchen aus dem Volk geheiratet." Als wolle sie seine Theorie untermauern, serviert uns seine bildhübsche Tochter den Tee – mit viel zu viel Zucker.

Anschließend führt mich der freundliche, feinfühlige Herr durch sein Reich, zeigt mir seine Bibliothek. In einem mächtigen Glasschrank stapeln sich im munteren Chaos Folianten, Bücher und lose Blattsammlungen. Nur mit vereinten Kräften gelingt es uns die verzogene Schiebetür zu bewegen. Ein stechender Geruch entströmt dem Sammelsurium. Hier schimmelt das "Kapital" friedlich neben der holländischen Ausgabe von "Mein Kampf". In einem Fotoalbum bewahrt Herr Nurdie seine Sammlung gebrauchter Telefonkarten auf; voller Stolz zeigt er mir zwei Exemplare der Deutschen Bundespost. In den dunklen Tiefen des Schrankes entdecke ich einen langen, schweren Gegenstand. "Ohh!", flüstert Herr Nurdie und nimmt mir das rätselhafte Ding aus den Händen. "Mein Kris! Mein Dolch." Vorsichtig zieht er einen flammenförmigen Dolch aus der hölzernen Scheide. Ich möchte die verspielten Ziselierungen aus der Nähe betrachten, aber er entzieht mir das Metall. "Bitte berühren Sie ihn nicht. Er könnte Sie töten!" Er schiebt den Kris zurück ins Futteral und ist mir einige Erklärungen schuldig. Jeder Indonesier von Rang besitzt einen solchen Kris. Es ist weniger eine Waffe, eher ein identitätsbindender Gegenstand, der schicksalhaft mit seinem Träger verbunden ist. Ich frage, ob er tatsächlich glaube, dass in diesem kalten Stück Metall irgendetwas Lebendiges, Spirituelles sei. Er grinst und sein Glasauge fixiert mich listig. "Neiiin...", schließlich sei er Mohamedaner und früher war man hier hinduistisch, buddhistisch. Aber eigentlich seien sie hier in Zentral-Java alle noch Animisten, glaubten an die Beseeltheit der Natur und eine kosmologische Ordnung. "In unseren Flüssen, auf unseren Bäumen und Vulkanen, im Meer – überall, alles wird von beseelten Wesen bewohnt. Und unser Kris ist wie eine Lebenswurzel, die uns mit dieser Welt verbindet. Verstehen Sie?" Ungläubig betrachte ich das Ding in seinen Händen. "Versuchen Sie in einem Dorf an der Küste einen Pferdetanz zu erleben – vielleicht verstehen Sie uns dann!" Herr Nurdie begleitet mich persönlich zum Ausgang. Beim Abschied verspreche ich ihm meine leeren, aber beseelten Telefonkarten zu schicken.

Am nächsten Morgen, kurz nach sieben klingelt das Telefon in meinem Hotelzimmer. Ich komme aus der Dusche gestürzt und hebe triefend ab. Es ist Herr Rick Suharti, der Sekretär des Sultans. Er freut sich mir mitteilen zu dürfen, daß seine Hoheit der Audienz zugestimmt habe. In zwei Monaten wäre es dann so weit....

Leider müssen wir Yogyakarta verlassen; meine Freunde wollen weiter; die Zeit drängt. Wie an jedem Morgen sind die zweispurigen Ausfallstraßen hoffnungslos verstopft. Ganz Yogya scheint unterwegs zu sein: in Fahrradrikschas, einspännigen Pferdewagen, überfüllten Mini- oder Überlandbussen und auf Schusters Rappen. Drei Millionen Menschen müssen sich 3169 Quadratkilometer teilen, die kleine Sonderprovinz Zentral-Java. Fliegende Händler haben sich auf die Menschenmassen, vor allem auf die Staus eingestellt. Der "Tukang Cendol" mixt aus fein geraspeltem Stangeneis, Kondensmilch und quietschbunten Gelatinestückchen ein giftgrünes oder neonorangefarbenes Getränk. Auf dem Fahrradgepäckträger des "Bubur Ayam" ist über einer Gaskartusche ein Topf installiert; er verkauft eine dicke Reissuppe mit sporadisch auftretendem Hühnerfleisch – Frühstück auf Indonesisch, Frühstück im Stau.

Hinter Prambanan verlassen wir die Route nach Solo und schlagen uns südlich über die Dörfer. Wir fragen nach den Pferdetänzen und man schickt uns immer weiter nach Süden, Richtung Meer. Schon von weitem hören wir diese Musik, der flache Landstrich vibriert in ihrem Rhythmus. In einer Kurve überholen wir eine torkelige Fahradrikscha. Der Weg ist matschig und schwer zu radeln. Beim Überholen werden aus den dicken Passagieren mit hellen Mützen drei Reissäcke. Ihr Fahrer winkt. Die Musik wird intensiver; wir haben den Ort des Geschehens erreicht. Vor uns öffnet sich ein menschenumsäumtes Karree, der Dorfplatz, der Ort der Entrückung, der "Jatilan". Alle Augen sind auf uns, die Fremden gerichtet. Ein Mann mit silbergrauer Mähne kommt direkt auf uns zu, begrüßt uns wie alte Freunde und führt uns auf eine hölzerne Veranda – schon wieder eine Veranda. Stühle werden herbeigeschleppt, wir sind die Ehrengäste des rituellen Trainers. Vor uns beschleunigen die Musiker das Tempo. Aus einem gemütlichen Trab wird ein flotter Galopp. Das kleine Orchester besteht aus Schlaginstrumenten, Trommeln, Metallophonen mit Resonanzkörpern aus Bambus und "Cengceng", kleinen Handzimbeln. Ihre pentatonische Spielweise kommt mit nur vier Tönen aus – vier Töne die unter die Haut gehen. Die "Pferdetänze" sind in den südlichen Küstengegenden Javas weit verbreitet. Eigentlich sind es keine Tänze, sondern rituelle Handlungen, die zur Trance, zur Entrückung führen. Junge Männer reiten auf bunt bemalten Steckenpferden. Sie werden durch die Musik und durch Räucherwerk "verzaubert", durchleben eine seltsame Metamorphose, verwandeln sich in gefährliche Tiere.

Unser langhaariger Gastgeber hat sich neben mich gesetzt. Hinter uns kommen seine Schützlinge aus der Hütte. Nur mit einem Tuch um die Hüfte besteigen die feminin geschminkten Jünglinge die bereitliegenden Steckenpferde. Der Rhythmus wird schneller. Die jungen Burschen bewegen sich vor uns im Kreis. Erst jetzt bemerke ich den Mann in Schwarz. Fast unsichtbar bewegt er sich zwischen den Jünglingen, dirigiert mit seinen stechenden Augen ihren Tanz. Es ist der "Dukun", der Zauberer und Heilkundler des Dorfes; er ist der Mittler zwischen dem Tierischen, Menschlichen und Göttlichen. Sein dicker Gehilfe entfacht ein Feuerchen. Wenig später schleppt er ein wild flatterndes Hühnchen heran, bindet es mit einem Beinchen an einen Pfosten, zwischen dem Orchester und den Tanzenden.

Das junge Tier ist von der Musik hypnotisiert. Es wiegt in ruckartigen Phasen sein Köpfchen von der einen auf die andere Seite, als wolle es diese Klänge ergründen. Sie verheißen Dir nichts Gutes, liebes Hühnchen! Entsetzt versucht es zu fliehen. Die jungen Tänzer haben nun das erste Stadium der "Jatilan" erreicht, sind bereit zu den ersten Prüfungen: Ihre Zungen belecken glühende Messer, auf ihren Köpfen zerplatzen herbei fliegende Kokosnüsse, sie fressen Glas und rennen durchs Feuer. Und der Rhythmus der Trommeln wird schneller. Der schwarze Magier schleicht wie ein Panther um die Verzückten und sein fetter Gehilfe lässt die Peitsche über ihren Köpfen knallen. Nun geht es auch dem Hühnchen an den Kragen. Der Dicke hat es gepackt und springt mit dem Tierchen in die Mitte der Rasenden. Er umfasst das Federknäuel und hält das Köpfchen den "wilden Tieren" zum Fraß hin, die gierig danach schnappen. Die Musik wird panisch, die Rhythmen überschlagen sich. Ein Maul schnappt zu. Die Trommeln werden langsamer und die Metallophone vibrieren wieder harmonisch. Der Höhepunkt ist überschritten; das Opfer vollbracht. Es beginnt die Stunde der Rückverwandlung, die Wiederherstellung der Ordnung zwischen Mensch und Tier. Viel Arbeit für den schwarzen "Dukun". Jeder Tänzer muß fast gewaltsam aus der Trance gelöst werden. Er beruhigt die Erwachenden, massiert ihre verkrampften Glieder und führt sie als verschüchterte Jünglinge an uns vorbei in das Dunkel der Hütte. Der Pferdetanz ist zu Ende, die Musik verstummt. Schläfrig liegt der Nachmittag über dem Dorf und die Leute trollen sich nach Hause. Drei Stunden waren wie Sekunden, wie eine zusammengeschnurrte Gummizeit.

Sonntag und tropische Hitze über dem Indischen Ozean. Das weiße Meer ist eingeschlafen und milchig blau gleitet eine Wolke darüber. Ich sitze im Schatten, und ich habe endlich wieder Zeit und Muse mein kleines Büchlein heraus zukramen. Die letzten Tage bin ich nicht zum Lesen gekommen, habe den Ausbruch des Krakataus vernachlässigt, aber dafür gesehen, wie Hunderte Touristen im fahlen Morgenrot den Vulkan Bromo tot geblitzt haben, weil japanische Kompaktkameras sich automatisch vor Unterbelichtung fürchten. 

Ich sitze unter einem Strohdach an einem feinsandigen, weißen Strand der Insel Madura, gegenüber der Metropole Surabaya und esse "Rujak Cingur". Es ist das einzige Gericht, das man hier bekommt. Tamarinofrüchte werden in einer Holzschale mit Knoblauch, Krabbenpaste, Chili und Erdnussbutter zermatscht. Darunter werden eingelegte Bohnen und Tofustückchen gemixt. Zum Schluss schnippelt man von einem abgehangenen Kuhmaul feine Streifen herunter. Serviert wird das "Rujak Cingur" auf einem Blatt der Bananenstaude, aus dem auch der "Löffel" geformt ist.

Madura ist fast so groß wie Bali, aber vom Tourismus völlig unberührt. Flach und träge liegt sie vor der Nordostküste Javas. Auf Madura gibt es kaum Reisfelder, keine Tempel und vor allem keine Vulkane. Der Bromo ist von hier nicht mal zu sehen und der gefährliche Krakatau liegt weit entfernt am anderen Ende der javanischen Welt. Eine gute und sichere Gelegenheit das kleine Traktat von Arno Schmidt zu beenden: "75 Jahre sind es her, dass dort, fern unterm Äquator, der Berg zerbarst; Wasser und Winde um die Erde pendelten; Schiffe mühsam durch Bimssteinfelder pflügten; und der Schall bis zu den Antipoden reiste. Dass 50 Tausend starben, während die Magnetnadeln verzückt tanzten, und die Gestirne ergrünten – ein Tag, wohl wert, daß die Menschheit seiner gedenke : des 27. August 1883; und des donnernden Namens KRAKATAU!".

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