Die Reise nach Kythera
 

Erinnerungen aus der Zukunft:(Peloponnes-Reportage)

Es regnet. Ein dichter Wolkenteppich hängt tief über der Provinz Elis im Nordwesten des Peloponnes und hat sich von Patras bis auf die Höhe Kiparissia vorgeschoben. Das Meer in der Ferne ist zu einer schmutzig grauen Wachstuchdecke erstarrt. Eine Gegend zum Frösteln. Es war vorher und fernzusehen. Immer wenn sich Dieter Walsch, der ZDFWetterFrosch etwas nach links bewegte, gab er für Sekunden den Blick auf den Peloponnes an der rechten, unteren Bildschirmecke frei. Dort trieb der Satellitenfilm graue Wolkenmassen aus dem Norden über die mächtige Halbinsel. Nur die drei südlichen Finger blieben von der Wolkenwanderung verschont.
Die Provinz Elis im Regen. Lärmende Fernstraßen, schäbige Tankstellen, die serielle Eintönigkeit der folienbespannten Treibhäuser in einer lieblos zersiedelten Tiefebene. Es riecht nach Ohnmacht, schmeckt nach ranziger Gedankenlosigkeit eine griechische Provinz offenbart die traurige Unterseite der bunten Touristenfolien. Ein trostloses Land, wie aus dem Angelopoulos Film "ταξιδι στα κυθηρα", die "Reise nach Kythera". Kythera, die dem Peloponnes vorgelagerte Insel ist in diesem Film nicht mehr als eine glücksversprechende Metapher, eine vage Hoffnung, die der tragische Held als heimkehrender Emigrant nie erreichen wird. Kythera und der sonnige Süden des Peloponnes sind die Ziele unserer Expedition in den griechischen Alltag.


Pylos St. Pauli ohne Sünde

 


Mike grinst; eigentlich grinst er immer, auch wenn ihn gerade in diesem Moment eine Nadel sticht. Seine irislosen Augen erweitern sich für einen winzigen Augenblick zu zwei leuchtend schwarzen Sonnen. "Sorry", knurrt der alte Schneider undeutlich von unten, denn seine zweiten Zähne müssen noch einige Stecknadeln halten. Damit hat sich sein englischer Wortschatz endlich erschöpft. Er möchte von Mike wissen, wie es ihm hier in Pylos gefalle. Aber bevor der überhaupt antworten kann, kommt der Schneider schon mit der nächsten Frage. "Wie stehts mit..", umständlich nestelt er am Revers herum, wirft einen prüfenden Blick auf seine gichtfingerige Frau, als wolle er den Lauschabstand testen." und wie stehts mit den Frauenangelegenheiten, den γυναικοδουλιεσ hier, in Pylos? Ist droben in Patras nicht mehr los??". Mike grinst und antwortet zum Entsetzen des Schneiders laut und deutlich: "Die Puffs in Patras sind nicht mehr das was sie mal waren. Heute sind sie voll mit Mädchen aus dem Ostblock. Tschechinnen, Rumäninnen wie soll man sich mit denen unterhalten?" Der Schneider lacht laut und nervös auf. Schnell hat er das Thema gewechselt: "Übermorgen ist Dein Anzug fertig, ganz bestimmt! Du kannst Dich wie immer auf mich verlassen!"

 

 
Das muss Mike auch, denn schon in wenigen Tagen läuft die "Meltemis" in Richtung China aus. Seit 8 Jahren arbeitet er auf dem Containerschiff. Er kam frisch von der griechischen Seefahrtsschule in Manila auf die "Meltemis". Griechenlands Reeder unterhalten in der philippinischen Hauptstadt einige Kadettenschulen, aus denen sie ihren Nachwuchs für ihre Stammcrews rekrutieren. "Filipinos" gelten als besonders zuverlässig, arbeitsam und bescheiden. Mit diesem frischen Blut aus der Dritten Welt können die Reederdynastien in Piräus noch eine Weile überleben. Mike war während der 8 Jahre auf der "Meltemis" schon oft in Pylos; es ist fast schon sein Heimathafen. Die letzte Fahrt führte von Gdansk nach Brake an der Unterweser direkt nach Patras. Nach dem Löschen und Frachtaufnehmen sind sie in ein paar Stunden an der Westküste des Peloponnes entlang geschippert, bis sie in der Bucht von Navarino vor Anker gingen. In der Pylos vorgelagerten und durch die kleine Insel Sfaktiria geschützten Bucht ereignete sich am 20. Oktober 1827 die berüchtigte Seeschlacht von Navarino, in der 53 türkische Schlachtschiffe auf engstem Raum versenkt wurden. Heute liegen hier nur friedliche Pötte vor Anker. Kleine Hafenfähren halten den regen Kontakt zwischen den Tankern, Massengutfrachtern und Containerschiffen mit der lebendigen Hafenstadt.
 


In den letzten Jahren hat sich Pylos mit seinen günstigen Liegegebühren als "kleine" Alternative zu Patras gemausert. Die Schiffe und ihre Besatzungen haben an Land einen lokalen Wirtschaftsboom ausgelöst; das verschlafene Provinzstädtchen mit seinen 3000 Einwohnern an der Ostküste des messinischen Fingers konnte sich entwickelt, sich öffnen.
Handwerk hat wieder goldenen Boden. Ganze Straßenzüge der malerischen Oberstadt sind mit Schneidereien und Tischlereien bevölkert, die gerne Terminaufträge von den Schiffen übernehmen. Eine kleine, modern ausgerüstete Offsetdruckerei hat sich auf maritime Drucksachen spezialisiert selbst ein Kapitän zückt gerne seine Visitenkarte.
Auch die Gastronomie stellt sich auf die Bedürfnisse der Matrosen aus Europa, Afrika und Asien ein. Selbstverständlich schmoren in den Kasserollen der vielen Tavernen das vegetarische "Briam", oder Hammelfleisch mit Bohnen für die pakistanischen Muslime. Auch an grünem Tee für die indischen Matrosen fehlt es nicht. In der kosmopolitischen Atmosphäre um die Arkaden umsäumte Platia fallen die paar Touristen, wenn sie nicht mit ihrem Wohnmobil den Kreisverkehr blockieren, nicht weiter auf. Leben und leben lassen. "η ζωη ειναι μικρι" Das Leben ist kurz.



Es ist immer das gleiche Ritual, es ist schön und traurig – der letzte Abend in Pylos. Mike ist mit Freunden unterwegs, hat sich beim Schneider den neuen dunkelblauen Anzug abgeholt und musste unter dem Gekicher seiner Freunde Dressman spielen. An diesem Abend zieht es alle ins "Το Διεφνεσ", "Das Weltläufige", in das Stammrestaurant aller Seebären. Selbst der vollbärtige Hafenkommandant in seiner schicken weißen Uniform ist erschienen, um sich von "seinen Jungs" zu verabschieden. Sechs Tage Pylos, sechs Tage ein wenig Heimat und morgen gehts ab nach China... Das Leben ist kurz.



Messenien, der westlichste und dickste Finger des Peloponnes ist der Paradiesgarten Griechenlands. Tiefgrüne Landschaften mit gemütlichen Bergen, endlose Olivenhaine reichen silbrig schimmernd von Horizont zu Horizont. Die Region zwischen Kalamata und Kiparissia ist toskanischer als die Toskana, eine uralte Kulturlandschaft von wilder Fruchtbarkeit und doch sterben auch hier die Zypressen, die "Raketen Gottes" an dem unheilbaren Pilzbefall.



Ein Onkel in Koroni

 


Am südöstlichsten Zipfel des messenischen Fingers hat sich eine kleine Stadt "verirrt", deren Einwohner wenig mit Oliven, Mandeln, Zitronen, Orangen, Feigen, Kartoffeln, Reis oder Baumwolle zu tun haben. In Koroni fängt man Fisch. In Koroni ist alles etwas anders: eine maritime, insulare Atmosphäre geht von den weißen Häuserwänden mit blauen und roten Fensterläden aus. Die engen Gassen verschachteln sich in eine treppenreiche Altstadt mit klassizistischen Bürgerhäusern vor deren Türen gelbe Fischernetze trocken. Unter diesem beschaulich kuriosen Alltag blitzt allenthalben die Vergangenheit hervor. Sie prägt den Grundriss des Städtchens, die Anlage ihrer Plätze und zieht den Besucher unweigerlich hinauf zu den Resten des venezianischen Kastells und hinein in das lebendige Mittelalter: Im Jahre 1206 fiel Koroni erstmals in den Machtbereich der Dogen, die das Städtchen systematisch zu einer ihrer wichtigsten Stützpunkte in der Levante ausbauten und sie mit dem liebevollen Titel "OCULI CAPITALIS COMMUNIS", "Die Augen der Republik" bedachten. Die Augen sind wertvoll, man muss sie pflegen und der venezianische Handelsplatz Koroni genoss Privilegien, wurde reicher und immer reicher. Aus dieser Blütezeit stammen die geflügelten Worte, dass nur der erfolgreich sein könne, der einen Onkel in Koroni habe.

Der Reichtum in Koroni ist dahin. Viele Koronioten sind in alle Welt ausgewandert und wer da geblieben ist, muss rund um das Kap Akritas Fische fangen. Der Tourismus hält sich trotz der schön gelegenen Sangabucht mit seinem weitläufigen Sandstrand in Grenzen; etliche Deutsche haben in dieser Gartenlandschaft Häuser und Grundstücke erworben. Die Menschen von Koroni sind zu stolz und lebenslustig für servile Dienstleistungen – Tradition verpflichtet.
 
Während die modernen Hellenen in ihren Konsumgewohnheiten auf ausländische Marken eingeschworen werden, auf Cowboy-Zigaretten, das "Grüne Bier" aus Belgien und das Großwild-Bier aus Bayern, hält man in Koroni an einer leider sehr selten gewordenen Einrichtung fest, der "Οινοπωλειο", der klassischen Weinkneipe – Tradition verpflichtet.

Es ist heller Nachmittag. Eine nackte Glühbirne befunzelt ein düsteres, kühles Tonnengewölbe. An dessen Rückseite stapeln sich mächtige Holzfässer. Die sechs Tische mit den groß gemusterten Wachstuchdecken sind noch verwaist. Nur Anastasis, der halb blinde 72-jährige Wirt sitzt in seiner Ecke am halbhohen Fenster zur Gasse sein geheiligter Stammplatz, den er nur im äußersten Notfall verlässt. Er stiert abwesend in das schummrige Halbdunkel, während seine Finger mit der Sendersuche an einem alten Transistorradio dem Vorvorläufer eines Weltempfängers beschäftigt sind. Verrauschte Tekkno-Klänge mischen sich mit den Ausdünstungen verschütteter Weinlachen. Anastasis Finger drehen an dem Rad des Weltempfängers und die raue Stimme des Dream-Teamers Michael "Air" Jordan kommentiert seinen neuen Basketballschuh "Its realy great!" – doch da dreht Anastasis dem Marktführer "Nike" glatt den Saft ab – Gäste sind gekommen und versprechen erquickendere Unterhaltung. Doch das Gespräch ist noch zäh, wird noch zu oft von lang anhaltenden Gähnattacken unterbrochen, das Mittagsschläfchen zeigt anhaltende Wirkung. Endlich löst sich die dämmrige Lethargie; Eleni, die Wirtin ist im Anmarsch und mit ihr der Wein. Eine fröhliche Omi betritt das Gewölbe, gefolgt von Komplimenten und durstigen Blicken.

Seit Generationen betreibt die Familie von Eleni das Weinlokal von Koroni. Jedes Jahr im Spätherbst wird der Most aus der Gegend von Kalamata geliefert. Die Hefe, die den süß gegorenen Traubensaft in Wein verwandelt, fertigt sie selber an ein altes Familiengeheimnis. Ihr Gesicht mit der dicken Hornbrille und den großen, grauen Augen dahinter erhellt sich vor listiger Lebensfreude.

"Harz ist drin", kommentiert ihr Mann Anastasis von seiner Ecke aus, "das konserviert von innen und hält die Würmer fern". Die betage Stammkundschaft dankt ihm mit zustimmenden Trinksprüchen. Elenis Wein ist aber nur leicht geharzt. Seine trübe Konsistenz würde augenscheinlich jede Dopingkontrolle überstehen. Schon beim ersten Schluck entfaltet er seinen pelzigen Zauber, nimmt den Verstand gefangen und lässt die Sinne verwildern. Unversehens sind alle Stühle besetzt und Eleni schleppt das köstliche Gut in recycelten Limoflaschen an die Tische. Ein Gemurmel und Geraune hebt den Raum und setzt ihn unmerklich in Bewegung – das Weinschiff hat abgelegt. Nikos und sein Kumpan Jimmy sind im besten Alter und die Jüngsten "an Bord". Jimmy gehört für ein Jahr zu Elenis Stammbesatzung – dann muss er wieder "back to the job". Jimmy heißt eigentlich James Liacouras und arbeitet als Drehbuchautor, mit Schwerpunkt TCComedies in Hollywood. Für ein Jahr gönnt er sich und seinem gestressten "brain" eine weinselige Erholungspause. Wenn er nicht mit Niko bei Eleni weilt, erholt er sich im Haus der verstorbenen Großeltern. Er hat nur noch einen Onkel in Koroni und damit auch Erfolg, wie das Sprichwort suggeriert – doch die beiden mögen sich nicht besonders.



"Wenn ich das zuhause zeige", sagt der Mann in seinem unnachahmlichen Schwyzerdütsch," glaubt mir das keiner. Die denken dann, ich häts nur bis ins Graubündische geschafft!" Er steht auf dem Brotzeittisch der kleinen Aussichtsplattform und dreht sich langsam um die eigene Achse. Der Zoom seines Camcorders schnurrt hin und zurück. Er sieht im elektronischen Sucher die Ausläufer der "Dinarischen Alpen", die sich aus der Gegend, die früher mal Jugoslawien hieß, bis hier unten in den mittleren Finger des Peloponnes fortsetzen. Die grandiose Bergwelt des Taygetos, der mit dem Profiti Ilias über 2400 Meter erreicht, erstreckt sich von Megalopolis im Norden bis Areopolis im Süden. Dichte Nadelwälder mit mannshohem Farnkrautdickicht ergänzen sich mit steil aufragenden Felsschluchten und saftigen Almwiesen zu einer einzigartigen alpinen Landschaft. Der Taygetos ist kaum besiedelt und bietet ein unverkitschtes Naturerlebnis; keine "gelifteten" Abhänge, keine "Jager-Tee-Stationen" stören hier den Bergfrieden. Nur ein wackeliger Holztisch mit liebevoll aufgereihten Dosen ziert irgendwann den Straßenrand. Honig, "χωρισ φαρμακα!", ohne Chemie, wie der rotgesichtige Bergbauer glaubhaft versichert.



ManiManie

 


Der allerletzte Zipfel der "Dinarischen Alpen" ist die Sangias-Kette, die beim Kap Tenaraos das Ionische Meer von der Ägäis trennt. Dieser Wurmfortsatz des Taygetos zwischen Areopolis und Porto Kargo nennt man Mani, die "wilde Mani". Es ist ein schroffes Karstgebirge mit verlassenen Dörfern, zerfallen Türmen, in denen die Kakteen blühen. Die Mani ist trostlos, einsam und magisch anziehend. Um die Mani rankt sich ein Mythos – der Mythos der letzten freien Menschen, die in hohen Wehrtürmen ihre Freiheit gegen die Entfremdung der Zivilisation ertrutzten. PPatrick Leigh Fermors romantisierende Beschreibungen über den Alltag in dieser verlassenen Region am Ende Europas löste schon in den 70er Jahren eine unvorstellbare Mani-Manie aus. Die E.O.T., die nationale Tourismusbehörde hat diesen Trend auf sehr sinnvolle Weise kanalisiert und hat das Dorf Vathia als Hotel-Komplex restaurierte. Mit diesen Aktivitäten fließt nun wieder etwas Geld und Leben in die südliche Mani.
Unten in Porto Kargo, im alten Hafen von Vathia haben sich vor einigen Jahren die pensionierten Junggesellen Georgios und Andreas niedergelassen. In einem abgelegenen Hinterhof betreiben die beiden einen "Mini-Market". Hier gibt es so ziemlich alles, was die fünf Einwohner von Porto Kargo im Winter nicht benötigen; Bestseller sind Zigaretten und der Wein aus Nemea, den sie im Garten in großen Plastikfässern lagern; ihre besten Kunden sind sie vermutlich selbst. Georgios wurde oben in Vathia geboren. Doch schon als kleiner Junge musste er mit seinen Eltern die Mani verlassen.Seine Familie hat sich wie die meisten Manioten in Piräus niedergelassen. Georgios überkommen keine romantischen Gefühle, wenn er sich an seine frühen Jahre in Vathia erinnert: "Mit Steinen kann man jemand den Schädel einschlagen, man kann sie aber nicht essen!"
Der Niedergang der Mani, gefolgt von zwei großen Auswanderungswellen, setzte 1893, nach der Inbetriebnahme des Kanals von Korinths ein. Über viele Jahrhunderte war die Mani eine unbefriedete, zu keinem Staatsgebilde gehörende Region. Ihre Bewohner hatten sich als unerbittliche Piraten einen Namen gemacht. Um das Kap Tenaros verlief der wichtigste Seeweg, der das östlich mit dem westlichen Mittelmeer verbindet. Hier schlugen die maniotischen Seeräuber zu. Etliche Strafaktionen der jeweils betroffenen Mächte scheiterten kläglich an der Unwegsamkeit des Geländes und der kämpferischen Brutalität ihrer Einwohner. Die Manioten blieben frei und ließen sich in keine übergeordnete Gesellschaft außer in ihren Familienclan einbinden. Nur ihre eigene Freiheit, die der patriarchalen Sippe war ihnen heilig – nicht die der Anderen und deren Familien. Die logische Folge war der permanente Terror gegen andere Clans, bis zu deren physischer Vernichtung. Das unerbittliche gegenseitige Abschlachten erforderte auch architektonische Strategien: Die Wehrtürme. Bis an die Zähne bewaffnet, zog sich die Sippe darin zurück, um von der obersten Plattform den Nachbarn zu beschießen. Die Manioten hatten es versäumt sich zuentwickeln, zu öffnen. Ihre verfallenen Wehrtürme sind traurige Symbole der Ferne zu den Menschen. Sie lebten verschlossen in ihren steinernen, selbst errichteten Gefängnissen: voller Aggressionen, letztlich einsam aber frei.Georgios hat die alten, grausamen Geschichten noch von seinem Großvater gehört, der nicht mit nach Piräus zog und einsam in seinem Turm starb. Nach der Pensionierung hat es Georgios doch wieder nach Hause in die Mani getrieben; aber nur wegen der Ruhe, wie er versichert. Und Andreas, seinen besten Freund hat er mitgebracht. Redlich teilen sie sich ihr Junggesellenschicksal und den Wein aus Nemea. In gebührendem Abstand stehen am kleinen Kiesstrand von Porto Kargo einige Wohnmobile. Hier werden sie noch nicht vertrieben; zu selten findet der Streifenwagen aus Areopolis den Weg hierhinunter ans Ende der Welt. "τροχοσπιτο", "rennende Häuser" nennen die Griechen diese seltsame Form des Reisens. Auf eine eigenartige Weise scheinen diese Wohnmobile mit den Wehrtürmen verwandt: Es sind ebenfalls autarke, geschlossene Systeme, die die Ferne zu den Menschen suchen.

Gythion und das italienische Element



"Als wir als Gymnasiasten in Gythion an den Frühlingsnachmittagen am Strand spazieren gingen, vor dem Garten mit den Balsamweiden, deren Duft sich mit dem Salz des Meeres, mit dem Geruch nach Seetang, Krebsen, Hummern, Seeigeln, Langusten und dem Gelächter der Mädchen mischte – sagten wir da etwa nicht: Dieser Geruch packt mich am Hals?"
Das muss lange her sein – etwa Mitte der 20er Jahre drückte der Dichter Jannis Ritsos in dem Städtchen die Schulbank. Heute wird der Reisende von aufdringlichen Kellnern gepackt und an einen der vielen Tavernentische gezerrt. Hat Gythion das nötig? Die kleine Hafenstadt an der Nordostseite des mittleren Fingers ist ein Postkartenidyll schlechthin: blaues Meer mit bunten Fischerbooten, eine schnuckelig lebendige Hafenpromenade, hinter der sich malerische Gassen verzweigen. Nördlich und südlich des Idylls liegen die weitläufigen Sandstrände mit Campingplätzen.

Gythion ist aber noch mehr, ist der Hauptverkehrsknotenpunkt der Provinz Lakonien: fünfmal am Tag fahren Busse nach Athen und Sparta, viermal nach Kalamata und Monemvasia. Weitere Linien bedienen die Mani und das gebirgige Hinterland. Fast täglich gibt es Fährverbindungen mit Kythera, Neapoli und Kreta. Kreuzfahrtschiffe ankern im Hafen und verschicken ihre Gäste auf einen Bildungstrip nach Sparta und Mistras. Bei viel Bewegung entstehen Reibungsverluste. Gythion funktioniert wie ein schlecht isolierter Durchlauferhitzer, der immer mehr Energie abgibt, als er erhält. Die Stadt ist im Stress. Den Verwaltungstitel "Große Kreisstadt" verdankt sie nicht der Einwohnerzahl 3000 Köpfe sind dafür etwas wenig, sondern ihrem wackeren Bürgermeister Marcos Volakou. Er hat sich für den Erhalt der kommunalen Verwaltung und für den Verbleib des Gerichtsortes in Gythion starkgemacht. Volakou kämpft gegen den starken Sog aus Athen und versteht es in Sparta, der Hauptstadt Lakoniens Geld für lokale Projekte, wie das kleine Krankenhaus loszueisen. Jeden Verein, jede kulturelle Aktivität kann seiner ideellen Unterstützung sicher sein. Er ist auf jeder Vernissage in der neuen Galerie für Moderne Kunst: "Das ist für uns, nicht nur für Touristen!" Das bindet, schafft Identität.
"Ετοιμι?!" Fertig?! Konzentriert hebt Pavlos den Zeigefinger der rechten Hand und führt mit der anderen das Mundstück der Trompete zu den Lippen. 12 Bläserlungen atmen gleichzeitig ein. Mit rhythmischem Kopfnicken hebt Pavlos den Takt vor: Eins und zwei und drei und – das Telefon bimmelt. Die Konzentration verflüchtigt sich in ein Auflachen. Pavlos, der Dirigent greift verärgert zum Hörer. Agirulla solle sofort nach Hause kommen, um im elterlichen Restaurant zu helfen. Noch zwei Stücke, dann würden sie für heute Schluss machen, besänftigt Pavlos und legt auf.



"Ετοιμι?!" Aber nun dauert es, bis alle konzentriert sind und dann gehts los: Zwei Trompeten, zwei Tuben, zwei Hörner, zwei Kornetten, vier Klarinetten und ein Schlagzeug intonieren aus Verdis Troubadour den Zigeuner-Chor:"Seht wie düstere Wolken schwinden ..." Beim Refrain traktiert Nektarios, der Schlagzeuger seine Becken so temperamentvoll, dass die letzte Wolke freiwillig das Weite sucht. Freitags und Montags übt das Blasorchester von Gythion für die großen Feste der Stadt. Vor der Probe widmet sich der Dirigent und Leiter dem zahlreichen Nachwuchs, geht mit ihnen schwierige Tonleitern durch oder übt das Decrescento-Blasen. Erstaunlich viele Mädchen unter 20 Jahre bilden den Stamm der 22 Musiker. Der Rest rekrutiert sich aus dem gesellschaftlichen Spiegelbild der Kleinstadt, aus Beamten, Angestellten, Arbeitern und einem selbstständigen Ladenbesitzer. "Gythion ist stolz auf sein Orchester und auf sein italienisches Element!" Pavlos, der Dirigent sinniert über einen Mann mit mächtigem Schnurrbart auf einer mit Sepia retuschierten, gelbbraunen Fotografie. Das Orchester wurde 1889 von dem Italiener Ciaccomo Murrettis ins Leben gerufen. Murrettis war mit einer Spartanerin verheiratet, mit der er sich in Gythion niederließ. Von ihm stammen noch die alten Transkriptionen der VerdiArien für Blechbläser, die heute als "italienisches Element" fortleben. Ciaccomo Murrettis hatte ein Stück abendländische damals zeitgenössische Musikkultur nach Gythion gebracht und die Stadt liebte ihn dafür. Er wurde einer von ihnen und das wurde Murrettis zum Verhängnis: Als 1942 die faschistischen Truppen Musolinis den Peloponnes besetzten, zerbrach Ciaccomo Murrettis an seiner Identität, an seinem Schicksal und schnitt sich die Pulsadern auf. Gythion hat ihn nicht vergessen! "Ετοιμι?!" Pavlos bittet um Konzentration für das letzte Stück der Probe: Die Theodorakis-Vertonung von den Jannis-Ritsos-Versen "Guten Morgen Sonne, guten Morgen".



An der südöstlichen Spitze des Peloponnes liegt die Provinz Lakonien. Das Adjektiv "lakonisch" hat einen wortkargen Beigeschmack. Die Landschaft zwischen dem Taygetos und dem Parnomosgebirge ist alles andere als lakonisch. Der Dichter und "Sorbas-Erfinder" Nikos Kazantzakis hat ihr die wunderbaren Zeilen gewidmet: "Die Erde duftete, an den Zitronenblüten hingen Tautropfen und spielten mit dem Sonnenlicht. Plötzlich wehte eine leichte Brise, eine Blüte berührte meine Stirn und besprengte mich. Ich erschauerte, als habe mich eine unsichtbare Hand berührt, und die ganze Erde schien mir wie Helena, lachend und weinend, strahlend jung." 
Die breite Mündungsebene des Eurotas wird von einem eindrucksvollen Farbspiel durchwoben: Ein leuchtendes Orange mit dunkelgrünen Einsprengseln. Diese Landschaft riecht wie "frisch gepresst", aber von "Onkel Dittmeyer" ist weit und breit nichts zu sehen. Aus dem östlichen Finger ragen die Ausläufer des Parnomos und die Dörfer ziehen sich in die Täler zurück lakonisch gesagt.



Das Wunder von Elika

 


An Elika rauscht das Leben vorbei. Elika liegt oberhalb der Rennstrecke Neapoli, Sparta, Athen und zurück. Das Bauerndorf zählt 350 Seelen. Die Zwiebelpreise sind seit Jahren im Keller, einzig die Olivenernte verspricht etwas einzubringen. Wer kann, wandert ab, sucht sich Arbeit in Athen. Lethargie lag über der Gemeinde – lag, denn in Elika ist wieder etwas los!



Dabei fing alles unscheinbar an. Ein deutscher Aussteiger kaufte sich ein verfallenes Haus im Dorf. Fast ein normaler Vorgang in der strukturschwachen griechischen Provinz. Die Einen vertreibt die Not in die Städte. Die Anderen fliehen den nordeuropäischen Wohlstandsstress und das entfremdete Stadtleben in das überschaubare Idyll, die vermeintlich heile Welt, das Dorf. So entsteht eine wechselseitige, psychosoziale Osmose mit den bekannten Folgen. Der Maler Roland Drescher restaurierte mit seiner Lebensgefährtin das Häuschen in Elika und die Geschichte könnte hier zu Ende sein, wenn die beiden Aussteiger nicht in das dörfliche Leben eingestiegen wären. Es begann unspektakulär: Roland fing an mit den Kindern von Elika zu malen. Aus einer Laune wurde eine Einrichtung, die Malschule. Musik und Tanzunterricht kam noch dazu. Die Kinder waren begeistert, aber es gab keinen richtigen Raum. Die Gemeinde zierte sich und die Existenz der Malschule stand wieder einmal auf der Kippe, bis sich einige einflußreichen Bürger einen "historischen Ruck" gaben: Der Kulturverein von Elika erblickte das Tavernenlicht und die Malschule bekam von der Gemeinde einen Raum. Das war aber Roland noch nicht genug: Unter seiner Anleitung malten die Kinder nicht nur zu dem Thema "Wir und unsere Umwelt", sondern er organisierte mit seinen Kids regelmäßig Dorfreinigungen. Für griechische Verhältnisse ist es schon undenkbar sich nach seinem eigenen Müll zu bücken. Die Erwachsenen belächelten befremdet diese Bemühungen, aber die Kinder hatten es schnell kapiert: Es waren auch ihre Coladosen, die sie wieder einsammelten.



Zusammen mit dem Fußballverein – der Trainer von "Olympikos Elika" war mittlerweile Kassenwart, beim Kulturverein wurden Dorffeste mit kleinen Theatervorführungen und Tombolen organisiert. Die Veranstaltungen waren nicht nur ein finanzieller Erfolg; man kam sich näher in Elika. Im Sommer 1993 hat das Dorf dem Kulturverein für einige Wochen das Gemeindehaus für eine Ausstellung der Malschule zur Verfügung gestellt. Die Kinder von Elika zeigen ihre Bilder. Der "Heimatverein" im fernen New Yersey hatte spontan 1000 Dollar für die Rahmen spendiert. Selbst im Kulturministerium im fernen, selbstverliebten Athen ist man auf die unerhörten Aktivitäten im lakonischen Hinterland aufmerksam geworden und hat schnell noch 400.000 Drachmen lockergemacht. Zur Ausstellungseröffnung hat sich nicht nur der lokale Dudelfunk, sondern das griechische Fernsehen angesagt. In Elika ist wieder etwas los. In der Provinz ist ein kleines Wunder geschehen.



Die Vertreibung aus Monemvasia



SSeit 30 Jahren sitzen sie jeden Abend zusammen, haben sich wenig zu sagen und sind die besten Freunde. Bobo und Adrian sind nicht aus einem Holz geschnitzt. Der eine redet kaum, der andere ständig. Bobo ist etwas jünger, sieht aber älter aus. Adrian merkt man seine 68 Jahre nicht an. Beide verbindet ihre absurde Vergangenheit in einer verrückten Zeit – aber davon später. Beide sind "Heimatvertriebene": Bobo zwar nur um entscheidende hundert Meter weg von den florierenden Hauptwegen in eine abseitige Nebengasse. Adrian musste raus, raus aus seinem geliebten Monemvasia. 1960 kam der Dokumentarfilmer Günter Adrian zum ersten Mal an die Ostküste des lakonischen Fingers und entdeckte die byzantinische Feste Monemvasia. Uneinnehmbar versteckt sich das alte Handelszentrum hinter einem vorgelagerten Felsklotz, nur durch einen höhlenartigen Eingang, "Monem Vasia" zu erreichen. Adrian machte einen Film über die verworrene Geschichte und die Geschichten der krummen Gassen, ihrer 25 Einwohner und dem einzigen Kafenion, dessen Wirt Bobo hieß. Aber dabei blieb es nicht. Zwei Jahre später kehrte er zurück, erwarb das verwaiste Kolonialwarengeschäft, baute es zu seinem Domizil um und wurde Stammgast bei Bobo.



Nach der Juntazeit wurde Griechenland bald Mitglied der EG. Das Land begann sich zu entwickeln, zu öffnen und es kamen die Touristen. Auch nach Monemvasia. Die 26-köpfige Stammbesatzung hatte diesen Massen nichts entgegenzusetzen. Die Festung fiel, Geld floss in die besetzte Beschaulichkeit, wandelte Ruinen in Restaurants, Hotels und Souvenirshops. "Sie verkaufen alles, auch das Blau des Himmels", heißt es in Angelopoulos "Reise nach Kythera". Jeder Quadratmeter wurde zum Spekulationsobjekt und Bobo hatte schlechte Karten, sein Kafenion wurde aus der Hauptgasse rausgedrängt, weil er sich nie um einen Eintrag in Spartas Grundbuchamt gekümmert hatte.Adrian hatte diesen Wisch, dafür aber nun die "Angelos Bar" zur Rechten und die "ByzantineBar" visàvis. Lange Nächte. Heiße Sounds und die ewig verliebten Paare. Wenn die Pforte zur Gasse nicht fest verriegelt war, standen wildfremde Menschen in seinem Wohnzimmer und kramten nach Souvenirs, Souvenirs. Adrian konnte nicht mehr arbeiten, nicht mehr schreiben und wurde krank an der ihn umflutenden Ferienwelt. Er verkaufte seine "zweite Heimat" und konnte sich mit dem Ertrag ein geräumiges Haus in ruhiger Lage an der gegenüberliegenden Küste kaufen. Adrian geht es in seiner "dritten Heimat", in Agios Kiriaki gut, doch es treibt ihn immer wieder zurück nach Monemvasia, zu Bobo, zu seinem ungleichen Freund. Er muss ihm erzählen, wie viel Fernsehprogramme er drüben erhält. Hinter dem Felsen von Monemvasia ist der Empfang schlecht. Bobo knurrt und schweigt sich aus.


Angeblich schweigt er seit seinem "zweiten Leben". Während der Besatzungszeit im 2. Weltkrieg wurde ein deutscher Landser in der Gegend von Monemvasia von Partisanen erschossen. Die Standortkommandantur hatte Anweisung von oben Geiseln aus der Zivilbevölkerung zu nehmen und zu erschießen. Der junge Bobo, damals hörte er noch auf Georgios, war unter den willkürlich Ausgewählten. Der couragierten Dolmetscherin Lina gelang es, den befehlshabenden Deutschen, einen Capitano Ritter umzustimmen. So kam Bobo zu seinem "zweiten Leben" und schwieg.

Adrian schwieg nicht. Hier in Monemvasia schrieb er sein Buch "Kindsköppe eine großdeutsche Jugend", das 1990 bei Zsolnay in Wien erschienen ist. Mit diesem Buch hat er keine geschichtsklitternde Aufarbeitung seiner Jugend unter dem Hakenkreuz betrieben, keine reuemütige Besserwisserei. Günter Adrian ist es gelungen das Phänomen Nationalsozialismus in der Eigendynamik der zeitgeschichtlichen Sprache, plastisch und gleichsam präzise herauszuarbeiten und in seiner radikalen Komik ad absurdum zu führen. Bobo schweigt.



Aufbruch nach Kythera



Jugendliche Damen in wallenden Seidengewändern sitzen unter halbschattigen Laubbäumen auf grünem Rasen am Meeresufer und schauen sehnsüchtig in die Ferne. Ein überirdisches Abendlicht verändert Mensch und Natur. Pausbäckige Engel flattern über dem Wiesengrund und in den Baumkronen. Jean-Antoine Watteaus Gemälde „Aufbruch nach Kythera“ ist ein Traumbild, eine romantische Vision von Aphrodites Geburtsinsel als der Inbegriff des Schönen und ein Ort der schwärmerischen Liebe als eine Erfindung der Romantik.
Kann die Insel Kythera diesem verklärten Idealbild auch nur annähernd gerecht werden? Nein. Oder vielleicht doch!


Ältere Frauen in klein gemusterten Kittelschürzen hocken auf umgedrehten Bierkisten in der Vormittagssonne und schauen sich nach Kundschaft um. Eine Spatzenschar tobt in den Platanen über den schwarzen Kopftüchern. Das ist kein Traumbild, das ist der „Basari“ von Potamos, ein lokaler Markt, der jeden Sonntagvormittag in dem größten Dorf der Insel Kythera zelebriert wird. Im Mai ist das Angebot aus den heimischen Gärten und Feldern eher bescheiden. Das Wenige wird liebevoll aneinandergereiht. Artischocken, die man hier auf Kythera mit Öl beträufelt und in den Backofen schiebt, sind an diesem Sonntag schnell ausverkauft. Aus dem dunkelgrünen Feldsalat und den Kränzen aus getrockneten Feigen ragt eine große Plastikflasche – laut Etikett müsste der Inhalt nach Cola Light schmecken, aber die Nasenprobe verspricht exzellenten Weinessig.

Der „Basari“ ist eine Institution. Hier trifft sich die Insel – weniger zum Shopping, mehr zum Schnabulieren. In dem geräumigen Kafenion residieren die Honoratioren, die Herren der Schöpfung. Hier wird gerade über die vakante Stelle des kommunalen Müllfahrers diskutiert macht Manolis das Rennen? Neues Spiel, neues Glück.


Der Rokoko-Maler Watteau hatte sich nur den Namen der Insel für sein sehnsuchtsvolles Gemälde entliehen; wäre er selbst über Kythera gewandelt – ihm wären die Augen aufgegangen. Der äußerste Süden der Insel ist eine ägäische Bilderbuchlandschaft, ein Sujet aus schneeweißen Häuserkuben, dem blauschattigem Frieden in eng vertrauten Gassen, dunklen Torbögen. Lebendige Vergangenheit, altes Gemäuer mit Aussicht auf eine wild–zerklüftete, erhabene Landschaft, tief unten, türkisblau, der schützende Hafen – ein Ort zum Wegträumen. Das Gassengewirr von Chora und die doppelte Hafenbucht von Kapsali erfüllen dieses ägäische Klischee bis auf einen Punkt: die quirlige Lebendigkeit, der Improvisationsstress des griechischen Alltags fehlt. Die Bühne ist da; an Schauspielern, an Selbstdarstellern in dem Stück:„Zeit zum Chaos haben nur die Schwätzer“.

Das eigentliche Geheimnis der Insel liegt in seinem Hinterland. Über 60 Dörfer sind über das Hochplateau zwischen Livadi und Potamos und rund um die Küsten der Insel verstreut; jede Ansiedlung hat ihren eigenen Charme und landschaftlichen Reiz.


Bei Milopotamos steigt man hinab in das schattenhafte Reich der Nereiden. Der „Wasserfall der Mörderin“ stürzt in ein grünfunkelndes, natürliches Becken. Man muss lange schweigen, heißt es, um das leise Weinen hinter dem Rauschen des stürzenden Wassers hören zu können. Die kleine Taverne unterhalb dieses Naturschauspiels ist seit längerer Zeit geschlossen. Die einen sagen, eine Wassernymphe hätte den Wirt verhext; andere meinen, er hätte keine „αδια“, keine Baugenehmigung, gehabt – die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.

Wie eine blaue Moräne schlängelt sich ein Fjord bis tief in das Fischerdorf Avlemonas; in der schrägen Abendsonne tuckern die bunten Kaikis auf dem „Canale Grande“ zur Platia.


Am Nordzipfel um die Streusiedlung Karavas liegt der Dschungel der Insel – ohne Tiger, aber mit Schlangen und einer unglaublichen Vegetationsvielfalt. Hier könnte der Werbespot für den filzigen französischen Kleinwagen gedreht worden sein – made in paradise.

Hinter dem urwüchsigen Mitata, einem der ältesten Dörfer Kytheras, erhebt sich unnahbar ein mit Laubwäldern durchzogenes Tuffsteingebirge mit grandiosen Schluchten und verwunschenen Wegen. Mitata hat vorzügliches Wasser, ist berühmt für seinen Wein, für seine Pfirsiche mit der keuschen Bezeichnung „Busen der Aphrodite“ und für den MiniMarket von Michalis. Der ehemalige Verschlag dient heute als eine multifunktionale Einrichtung: Man kann hier gleichzeitig eine Dose Frühstücksfleisch oder einen hölzernen Besenstiel erwerben, dazu einen griechischen Kaffee in all seinen Varianten trinken, wen der Hunger plagt, kann sich ein Omelett mit Käse und Tomaten bestellen und wem das alles zu lange dauert, der kann noch Karten spielen. Für ein Spielchen hat man in Mitata immer Zeit. Wortlos hat sich eine Runde gestandener Herrschaften hinter ihren Kartenfächern verschanzt. Nach einigen schweren Seufzern knallen Karten auf den wackeligen Holztisch. Ein kurzer Blickwechsel. Selbstvergessen versinken die Augen wieder hinter dem Blatt. Behutsam stellt Michalis kleine Mokkatassen zwischen die brütenden Spieler. Auf ein unhörbares Kommando knallen wieder kurz und heftig die Karten. Leise klimpern die Tassen. Ein fettleibiger Mann mit erregtem Gesicht erhebt sich abrupt und schmeißt sein ganzes Blatt hin. „Fuckin´ bananabender!“, schnauzt er seinen zufrieden grinsenden Nachbarn an und zieht die Geldbörse aus der Gesäßtasche. Doch ein anderer Mitspieler fällt ihm in diese Bewegung. „It´s my shout, mate!“ Das geht auf mich, Kumpel! Der immer noch grinsende Sieger zieht eine dieser halbdurchsichtigen Plastiktüten mit einem großen Leib Weißbrot und durch schimmernde Bierdosen unter dem Tisch hervor: „Don´t forget your bushtucker, bloke!“ Vergiss deinen Proviant nicht, Kerl“.


Michalis Mini-Market liegt in Mitata – nicht im australischen Outback. Die Kartenspieler sind allesamt in Mitata geboren, doch alle in ihrer Jugend nach Australien ausgewandert. Im Alter wird das Heimweh unerträglich, sagt man hier. In Brisbane an der australischen Ostküste sollen rund 60.000 aus Kythera stammende Auswanderer leben. Dazu kommen noch mal 20.000 in Amerika und 17.000 in Piräus – was die Verwaltungsanbindung Kytheras an diese Hafenstadt erklärt. Es erklärt aber auch den relativen Wohlstand auf der Insel: Auf die 3000 Daheimgebliebenen kommen ein Vielfaches an ausgewanderten Verwandten, deren Herzen für Kythera schlagen und die ihr Heimweh mit harten Devisen besänftigen.
 Doch seit die Weltwirtschaftskrise auch die Fischfabriken in Queensland heimgesucht hat, sind die V-Schecks in den Luftpostbriefen seltener geworden. In Theo Angelopoulos jüngstem Film lautet die entscheidende Frage; „Warum geht man fort? Und wohin?“ Nach Australien? Die Welt ist klein geworden.

 

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Peloponnes-Reportage

Die Reportage "Südpeloponnes und die Insel Kythera" wies zwei Besonderheiten auf. Sie stand ganz oben auf meiner GLOBO-Wunschliste und es war die einzige Reportagereise, die ich zusammen mit meiner Frau und meinem Hund erleben durfte. Im Sommer 1994 waren wir vier Wochen mit einem geliehenen Opel Kadett auf dem Peloponnes unterwegs und jeder Tag war ein neues Abenteuer. Wir ließen uns treiben und die Geschichten flogen mir nur so zu. Ab und an trafen wir uns mit dem Fotografenkollegen Michael Hannwacker, der zur selben Zeit in der Gegend unterwegs war, um uns auszutauschen - ohne Mobiltelefon war das immer eine logistische Herausforderung.

Als der Text endlich fertig und verschickt war, kam überraschende Kritik vom Chefredakteur. Er fand den Einstieg zu düster und bedrohlich - so gar nicht griechisch. Dabei hatte ich mir gerade damit viel Mühe gegeben und mit Bildern und Assoziationen aus dem Film Ταξίδι στα Κύθηρα (Die Reise nach Kythira) von meinem Lieblingsfilmemacher Theo Angelopoulos gearbeitet. Ich fand das wichtig, passend und sehr innovativ. Nach ein paar heftigen Telefonaten mit München musste ich einsehen, dass ich mich verrannt hatte, und schrieb den Anfang neu. Das hat der Reportage nicht geschadet. Und mir auch nicht.

peleponnes