Eine Reise mit der Nase

Erinnerungen aus der Zukunft:(Komoren-Reportage)


An besonderen Feiertagen, immer wenn es Rindfleischsuppe mit Markklößchen gab, kramte meine Großmutter eine Muskatnuss nebst einer kleinen Blechreibe aus ihrem unergründlichen Refugium. Das kleine, an vielen Stellen angeraspelte Ding verbreitete sein Aroma aus pfefferiger Minze und fauliger Süße in der dampfigen Küche. Es roch nach Ferne und Abenteuer. Wenn ich zu lange an den frisch geriebenen Stellen der geheimnisvollen Nuss schnüffelte, überkam mich eine wohlige Übelkeit – bis sie mir meine umsichtige Großmutter wieder entriss. Auf meine Frage, woher diese Muskatnuss komme, hatte sie immer die spöttische Antwort parat: "Hinterm Mond – da wo der Pfeffer wächst!"


Vielleicht kam Großmutters angeschramte Muskatnuss tatsächlich daher, wo der Pfeffer wächst, von "El komr", der "Kleinen Mondinsel" im Indischen Ozean. Auf halbem Weg von der afrikanischen Ostküste nach Madagaskar – der "Großen Mondinsel" – erheben sich im Kanal von Mozambique vier Inseln wie Brückenpfeiler: Grande Comore, Moheli, Anjouan und Mayotte – die Komoren.


Früher konnten die Seeleute die Gewürz- oder Parfüminseln schon tagelang riechen, bevor am Horizont die hohen Berggipfel von Anjouan oder der Vulkan Karthala von Grande Comore auftauchten. Auch Patrick Süskind versah seinen finsteren Helden Jean-Baptiste Grenouille mit solchen weit riechenden Fähigkeiten. "Das Parfüm" ist ein märchenhafter Roman. Die Komoren gibt es wirklich.

Beim Anflug auf Hahaya, dem internationalen Airport auf der Hauptinsel Grande Comore, gibt es nichts zu riechen. Auf der Rollbahn duscht mich ein schwüler Luftschwall. Sofort klebt das Hemd auf der Haut. Schweiß tritt auf die Stirn, verklebt die Hände. Und da ist er zum ersten Mal – der Odem der Komoren, vermischt mit Schweiß und Kerosin. Es ist ein Geruch zum Anfassen. Er ist glitschig, modrig süß und dann wieder bitterbröselig, wie die ausgebrannte, schwarze Lava rund um den Flughafen. Erdgeschichtlich ist der Archipel vulkanisches Neuland, fast noch unfertig. Die Hauptinsel Grande Comore ist ein übermütiger Gugelhupf, etwas aus der Form gelaufen und mit den Lavamassen in der Länge erstarrt.


In einem klimatisierten Kleinbus entfliehe ich der schwülen, neuen Welt in eine luxuriöse Ferienanlage im Norden von Grande Comore, in das "Le Galawa-Beach-Hotel". Ich genieße die frische Brise an schneeweißen Stränden unter wiegenden Palmen und erfrische mich in der türkisen Unschuld des Ozeans; der Stoff, aus dem die Träume sind, eine Mischung aus Bounty und Bacardy: "Living like an easy way..." Am Galawa-Beach werden moderne Mythen Wirklichkeit, hier ist man ein Robinson ohne Club. Tropische Wolkenberge in der Abendsonne tauchen die Szenerie in ein indigoblaues Licht. Mit einem Male ist es finstere Nacht. Der Mond liegt wie eine leere Obstschale rücklings am Firmament und über den splittrigen Palmwedeln huschen lautlos "Fliegende Hunde". Im Paradies stinkt es nach Autan – es ist die Stunde der Anophelesmücke. Vorsicht ist besser als Malaria. Es ist still in der tropischen Nacht; nur in der Ferne rauscht für Sekunden ein Walkie-Talkie. Das Paradies wird gut bewacht. Bon nuit!


Nach einer UN-Statistik zählen die Komoren zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Eine halbe Million Menschen sind auf Überlebenshilfe aus Frankreich und der EG angewiesen. Die Komorer sind Selbstversorger, leben von der Hand in den Mund, von Landwirtschaft mit geringer Produktivität und etwas Fischfang. Die erosionsgefährdeten Böden sind nur teilweise fruchtbar und genügen gerade dem kargen Eigenbedarf. Grüne Bananen und Maniok werden zu einem vitaminarmen Brei verkocht. Reis, das beliebteste Grundnahrungsmittel ist ein Importgut und, das pikante "pilaou", eine Art Risotto mit Fisch, ist eine teuere Mahlzeit.

Die Besiedlungsgeschichte der Inselgruppe spiegelt den ethnologischen Mix ihrer heutigen Bevölkerung: Eingewanderte Araber aus Persien mischten sich mit Schwarzafrikanern. Auch Piraten aus Madagaskar, Seefahrer aus Portugal und die französischen Kolonialherren haben fleißig "mitgemendelt".

Nach einer alten Sage ließ König Salomon auf der "Kleinen Mondinsel" nach dem geraubten Thron der Königin von Saba suchen. Er fand ihn nicht und seither sind die Komoren der Vergessenheit anheimgefallen. Das Mittelalter, die Aufklärung und die Moderne sind an der Inselgruppe vorbei gerauscht. Nach der Französischen Revolution hat man die letzten Jakobiner in diese weltferne Kolonie abgeschoben. Die sunnitischen Mullahs zeigten allerdings wenig Verständnis für die revolutionären Ideen von General Rossignol und seinen rotmützigen Kombattanten. In der "Islamischen Republik der Komoren" hat sich seit der Staatsgründung 1978 bis auf einige koloniale Abnabelungsprobleme, bei denen der letzte Präsident samt Schlafzimmer via Panzerfaust ins Jenseits befördert wurde, wenig ereignet. Das Leben hat sich zwischen Maniok, Mangos und Mohamed eingependelt. Die Bewohner der Komoren sind strenggläubige Muslime.


"Wir essen kein Schweinefleisch, trinken keinen Alkohol und berühren keine Hunde!", so definiert unser Führer Umar während einer Inselrundfahrt seine Weltanschauung. Draußen huschen die fantasielosen und schäbigen Betonbauten der Hauptstadt Moroni vorbei, aber in den Straßen wimmelt es von lebenslustigen Menschen. Die Fröhlichkeit in den offenen Gesichtern ist ansteckend, dringt durch die staubigen Scheiben in den klimatisierten Bus. Auf der Höhe der Freitagsmoschee erläutert Umar das wichtigste Ereignis im Leben eines gläubigen Komorers, die "Grand Mariage". Die Tradition der "Großen Hochzeit" entpuppt sich als raffiniertes Macho-Instrument der Clanstruktur: Nur superreiche, gestandene Herren können ein Kilo Gold und den Koffer mit harten Devisen aufbringen, um sich zusätzlich eine junge Zweitfrau aus einem assoziierten Clan zu nehmen. So bleiben die Honoratioren unter sich und für das gemeine Volk richtet man ein großes Fest aus – die "Grand Mariage".

Im großen Bogen umkreist der Minibus den alles beherrschenden Vulkan. Der Karthala, ein aktiver Bursche mit dem größten Krater der Welt, verdaut seine kochenden Magmamassen hinter einer fetten Wolkenschicht. Alle 15 Jahre wird ihm regelmäßig schlecht und, er erbricht feurige Lavaströme über die Insel. Im giftgrünen Regenwald, zwischen dem niedrigen Buschwerk mit den mächtigen Baobao-Bäumen, in den Savannen und Mangrovenbeständen stoßen wir auf schwarz versteinerte Lawinen. Hinter dem Lac Salé, einem smaragdgrünen Kratersee, beginnt die krautige Heidelandzone mit Überresten alter Palisander und Mahagonibäume. Fast hinter jeder Kurve erwartet uns eine Überraschung und jede Region hat ihren ureigenen Geruch.


Zwischen den Palmwäldern tauchen immer wieder bescheidene Siedlungen auf. In großen Gruppen sitzen die Frauen in ihren knallbunten Shirumans vor lavagrauen Hütten und scheinen sich köstlich zu amüsieren. Etwas abseits hocken die Herren der Schöpfung mit den weiß bestickten Komoren-Käppies beim Brettspiel. Stress ist eine Erfindung der Ungläubigen – Allah genügen fünf Gebete den lieben, langen Tag.

Seit einer Weile rumpelt der Bus durch eine Ylang-Ylang-Plantage. Aus den gelben Blüten der halbhohen grünen Büsche werden ätherische Öle für die französische Parfümindustrie destilliert – erklärt Umar. Mit dem destillierten Duftrohstoff Ylang-Ylang wird 80% des Weltmarktes gedeckt. Vor einem verfallenen Gemäuer öffnet sich zischend die Bustüre. LOULOU stürmt zusammen mit ARAMIS und OPIUM den Bus und verwirren die Nasen. Dagegen wirkt die Destillationsanlage wie eine illegale Schnapsbrennerei nach einem Bombenangriff. Wurde hier COCO, der Geist von Chanel geboren? Gegensätzlicher können die Sinneseindrücke zwischen Auge und Nase nicht ausfallen. Wie zart und umsichtig hat dagegen Patrick Süskind den Vorgang des Destillierens in seinem "Parfüm" geschildert: "Jede Pflanze, jede Blüte, jedes Holz und jede Ölfrucht verlangen eine besondere Prozedur. Mal muss schärfster Dampf entwickelt werden, mal muss nur mäßig gebrodelt werden, und manche Blüte gab ihr Bestes erst, wenn man sie auf kleinster Flamme schwitzen ließ."


Hinter der Plantage beginnt gleich der Regenwald und ich folge Umar zu einer kleinen Expedition. Wir sind nicht allein. Scharen von Kindern haben sich uns angeschlossen, turnen um uns herum und alle wollen Geld: "Mister, Mister Money, Money!" Ein schwarzer Knirps zupft mich am Ärmel und zeigt auf seine helle Innenhandfläche. Ein buntes Federknäuel, ein kleiner Vogel flattert um sein Leben. Es riecht nach Schmutz und Angst. "Cent Comore-Franc!", fordert der Bengel für das Leben des Vogels und macht eine eindeutige, horizontale Handbewegung in der Höhe seines kleinen, schwarzen Halses.

Angewidert folge ich Umar tiefer in den Wald. Umar ist in seinem Element, greift hier hin, reißt dort einen Zweig, eine Frucht ab und lässt mich raten. Die wilden Himbeeren, Papayas und Mangos sind leicht zu erkennen. Jackfruits und Brotfrüchte sehe ich zum ersten Mal. Bei den Zimtäpfeln, der Kakaonuss, dem grünen Pfeffer und den Gewürznelken ist meine Nase auf der richtigen Spur. Der wilde Kaffee ist weit entfernt von jedem Verwöhnaroma. Umar reicht mir ein Pfirsich ähnliche Frucht, die aufgeplatzt ist und einen schwarzroten Kern enthält. Vorsichtig schnuppere ich an dem Ding – nichts! Umar lacht, nimmt den Kern aus der Frucht, beißt ihn auf und hält mir den Inhalt unter die Nase: Bong – ein Geruch wie ein gezielter Schlag – Muskat! Sofort stellt sich wieder Großmutters dampfige Küche mit den blond gesprenkelten Markklößchen ein. Jemand zupft mich am Ärmel. Es ist Umar. Er will noch tiefer in den Wald. Es gibt noch viel zu riechen.

 

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Komoren-Reportage

Die Komoren-Reportage war mein erster fester Auftrag für GLOBO und fand unmittelbar nach der Reise in die Sporaden im September 1992 statt. Ich musste mich erst einmal schlaumachen, was es mit der Inselgruppe im Indischen Ozean auf sich hatte. Die Recherchen in den Bibliotheken fielen mager aus. Abgehangenes historisches Wissen, viel Geografisches zum Vulkanismus und einen abgegriffenen Spiegelartikel über politische Unruhen in den 60er Jahren. Wikipedia sollte leider erst acht Jahre später erfunden werden.

Ein Reiseveranstalter aus München und ein Ferienflieger wollten die Komoren als neue Destination im Indischen Ozean promoten. Bevor man die Reise als Angebot ins Katalogprogramm aufnahmen, schickte man erst einmal die Presse vor. Er war meine erste Gruppen-Pressereise und eine sehr spezielle Erfahrung. Ein bunter Haufen der fotografierenden und schreibenden Zunft traf sich im Frankfurter Flughafen. Die nächsten zehn Tage war das eine originelle Schicksalsgemeinschaft. Man wurde gemeinsam im Minibus über die Vulkaninsel gekarrt, unternahmen Boots- und Tauchtouren oder langweilten sich auf folkloristischen Abendveranstaltungen. Viel Zeit zum Relaxen an Traumstränden blieb da nicht. Und eine gute Geschichte wollte auch noch recherchiert und geschrieben werden.

Zu allem Übel wurde ich am vorletzten Tag krank. Ein tropischer Virus hatte von mir Besitz ergriffen und mich ausgeschaltet. Die Heimreise gestaltete sich schwierig. Ich verbrachte die 16 Stunden überwiegend auf Bord- und Flughafentoiletten. Zu Hause wurde es nicht besser. Nach einem ersten Bluttest überwies mich mein Hausarzt postwendend zum Virologen an die Medizinische Hochschule. Dort konnte man auch nur meinen elenden Zustand konstatieren und mich mit Antibiotika aufrüsten. Glücklicherweise war es weder Malaria oder etwas Ansteckendes. Langsam berappelte ich mich. Ich musste an meinem Mac Classic und Texte produzieren.

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