Die Liebe ist wie eine Brombeerhecke, über die Sporaden-Inseln Skiathos, Skopelos, Alonnisos und Skyros

Erinnerungen aus der Zukunft:(Sporaden-Reportage)


SKIATHOS
DIE VERLORENE UNSCHULD

Es ist ruhig. Es ist früher Nachmittag. Das Mittagsgeschäft der Restaurants ist abgeflaut. Nur einige Unentschlossene verdämmern den Ferientag in den wenigen Pubs, die um diese Zeit schon geöffnet haben. Das Leben tobt jetzt an den Stränden im Süden der Insel. Skiathos ist berühmt für seine Traumstrände, "Megali Ammos", "Achladiás", der seinen Namen einigen Birnbäumen verdankt, sowie der "Koukounaries" nach seinen Schirmpinien benannt ist und dem "Banana Beach". Hier wachsen keine Bananen, es ist der geduldete FKK-Strand. Der frühe Nachmittag ist ruhigste Tages- oder Nachtzeit in Skiathos-Stadt kein Discolärm, kein Mopedgeknatter, kein Aufheulen schwerer Maschinen. In den hohen Pappeln um die Kirche des Heiligen Nikolaos knistert der Wind. Nikolaos, Beschützer der Seeleute, hat einen weiten Blick über die zinnoberroten Ziegeldächer auf das Ägäische Meer. Er hat schon viel gesehen. Auf einer der Bänke unter den Pappeln sitzt ein Mensch, ein älterer Herr mit Sonnenbrille über dem roten Gesicht. Neben ihm steht ein kleines, weißes Plastikbecherchen und eine geöffnete Flasche Whisky, "White Horses". Werner K., Elektroingenieur aus dem Rhein-Main-Gebiet ertränkt seinen "Liebeskummer". In einer alten, skiathischen Volksweise heißt es: Die Liebe ist keine Blume, mit der man spielt. Sie ist wie eine Brombeerhecke und wehe, wenn Du darin hängen bleibst. Werner K. hat mit der lieblichen Blume Skiathos gespielt und er ist hängen geblieben...


Als er vor vielen Jahren die Insel, nach einer strapaziösen Busreise von Athen bis zu dem Hafenstädtchen Agios Konstatinos und einer halbtägigen Schiffsreise zum ersten Mal betreten hatte, wurde er noch von dem damaligen Bürgermeister mit Handschlag begrüßt. Er war ins Paradies gekommen, für drei Wochen. Damals teilte er die verträumten Strände, die unberührten Pinienwälder, das Heidekraut, die Erdbeerbäume, die wilden Orchideen und Anemonen und die Brombeerhecken mit einigen griechischen Familien aus Athen und Volos. Skiathos-Stadt war eine beschauliche Sommerfrische für betuchte Einheimische. Werner kam wieder, immer wieder. Freundschaften mit den lebenslustigen Insulanern bahnten sich an und mit ihrer Hilfe erwarb sich Werner sein Ferienhäuschen, sein Platz an der Sonne. Skiathos (skiá athos) könnte man mit "Schatten des Athos" übersetzen. Den heiligen Berg kann man bei klarem Wetter im Nordosten erkennen. Aber ein anderer Schatten hat sich über das Parardies, über Skiathos gelegt. Es begann mit dem Bau des internationalen Flughafens. Das war Werner recht, konnte er doch nun seine "Blume" schneller und bequemer erreichen. Doch mit ihm schwebten andere ins Paradies, immer mehr und immer öfter. In der Hochsaison donnert heute stündlich eine Maschine auf die knappe Asphaltpiste, die von einem Meer zum anderen reicht. Eine schwierige Landung für die bunten Vögel aus London Heathrow oder Gatwick, Manchester, Newcastle, Düsseldorf und Kopenhagen. Kein Bürgermeister, kein Handschlag, die Busse für den Hoteltransfer warten mit Ungeduld.


Anfang der 80er Jahre entwickelte sich eine rege Bautätigkeit. Entlang der Küstenstraße, an jedem Traumstrand entstanden Hotels, Pensionen, Snackbars. Das schnelle Geld für leichtere Arbeit veränderte das Paradies und dessen Ureinwohner. Skiathos-Stadt verlor ihr Flair, verlor ihre Unschuld. Spekulanten kauften auf, drängten raus, bauten um, bauten neu. Das Kafenion, die Heimat der Müßiggänger und Tavlispieler, fiel dem neuen Geld genauso zum Opfer wie der kleine Barbier, die Krimskramsläden und die Zentralen des griechischen Alltags, die vielen Kioske. Links und rechts der Papadiamátis-Straße, an der Hafenpromenade und die Treppen hinauf bis zum Friedhof entstand das neue Skiathos aus Restaurants, Bars, Pubs, Souvenirshops und Discos. Werners Vorgarten musste einer verbreiterten Asphaltstraße weichen. Vor, neben und hinter seinem Häuschen wurde umgebaut, erwuchs Beton für neue Pensionen und eine Disco, die jedes Jahr den Besitzer und Namen wechselt und Werners Nachtleben mit ohrenbetäubender Musik, den Hits der Saison versorgt. Doch der Germanos, der Deutsche kann dagegen nichts unternehmen. Heute haben ihm seine neuen Nachbarn unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er nächstes Jahr nicht mehr zu kommen braucht. Seine alten "Freunde", mit denen er den Kauf mit einem Handschlag, einem tiefen Blick in die Augen und einem Ouzo besiegelt hatte, sind längst abgewandert oder lassen sich verleugnen. Die Flasche "White Horses" ist leer. Fremd ist der Fremde nicht nur in der Fremde, sondern auch im Paradies und die Liebe ist wie eine Brombeerhecke. Es ist spät geworden. Nirgends ist die Phase zwischen Dämmern und Dunkeln so kurz wie in der Ägäis. Und mit der Dunkelheit kommen die Lichter. Bunte, blinkende Signale aus der internationalen Zeichenwelt des touristischen Esperanto: BEACH, COOL, DREAM, HAPPY, NIGHT, PARADISE, STAR. Mit der Dunkelheit kommt auch der Lärm, Musik und Motoren. Die lange skiathische Nacht ist erwacht. We are sure, you will have fun!


Doch vor das nächtliche Vergnügen haben die Götter das Essen gesetzt. Urlaub macht hungrig. Skiathos ist teuer und vor den Fish&ChipsBuden bilden sich Schlangen. Nur zögernd füllen sich die weiß gedeckten Tische im CALYPSO, im CASABLANCA oder im BONAPARTE. Dafür haben sich die halb verwilderten Inselköter eingefunden, um mit einem herzzerreißenden Blick oder mit einem dezenten Wedeln den einen oder anderen Happen zu erbetteln. Und wenn gerade eine braungescheckte "Inselschöne" läufig ist, wird auch schon mal zwischen den Tischen, zwischen Spaghetti Bolognese, Lammkotelett, Greek Salat und frisch gezapftem Henniger gerammelt, auch wenn das die weiß beschürzten Kellner mit hochrotem Kopf zu unterbinden sucht. Doch zu spät. Nach erfolgreicher Kopulation "hängt" das Pärchen; ein geschickter Trick der Natur. Nun wird die achtbeinige Schande, die sichtlich mit Koordinationsproblemen kämpft, vom Personal aus dem Lokal buxiert.


Nun wird´s Zeit für den FUN, für die BASIC INSTINCTS und COMMON FEELINGS, für die Metasprache der Popmusik. Die TABOOBAR, THE BOSS CLUB und das CHARLIE O warten. Lassen wir sie warten, gehen wir ins ADMIRAL BENBOW INN. Es ist vielleicht der letzte authentische Ort auf dieser Insel. BENBOW ist radikal radikal britisch. Ein Pub für Engländer zwischen 14 und 74, mit dem Hang zu schrulligen Albernheiten und abgeschmacktem Blödsinn. Die Theke ist die schwankende Schaltzentrale für die verordnete Heiterkeit, dem Fassbier und der übersteuerten Musikbeschallung. "Hey Joe" von Jimmy Hendrix, alle brüllen mit wie bei der MiniPlaybackShow. Auch Pam und John aus Newcastle. Pam trägt einen roséfarbenen Einteiler mit goldbetressten Rüschen. Ihre blonde Dauerwelle hat schon lockigere Tage erlebt. John steckt in knielangen Karo-Shorts und Tennissocken. Ob er aber mit diesem T-Shirt im heimischen Pub auflaufen würde? Es zeigt die Zeichnung eines nackten weiblichen Babys mit zwei Schnullern. Davon befindet sich einer an einem falschen Platz. Darunter prangt der Titel etwas gedehnt durch Johns Bauchansatz THE LITTLE DIFFERENCE. John ist 56 Jahre und seit langem arbeitslos. Kein Sonderfall in der dahinsiechenden Industrieregion im Nordosten von Großbritannien. Bis zu seiner Rente erhält er ein Übergangsgeld vom Staat. In Newcastle können Pam und John damit keine großen Sprünge machen, aber für zwei Wochen Skiathos reicht es allemal. Aber nur, weil britische Reiseunternehmen ihre Angebote zu absoluten Dumpingpreisen auf den Markt werfen: 2 Wochen Skiathos inclusive Flug, Hotel und Frühstück für unter 500 DM. Der Abend im BENBOW läuft seinem Höhepunkt entgegen. Nach ELVIS, nach SANTANA und nach dem STONES Ohrwurm "Let´s spent the night together" kommt jetzt die sentimentale SchmuseArie von LEONHARD COHEN und alle brüllen gerührt: "...and she feeds you tea and oranges that come all the way from China... Suzääänna..."

SKOPELOS
SCHWARZWALD MIT STRAND

Nach was riecht es im Nirwana? Nach nichts? Falsch! Es riecht nach knusprigen Brathähnchen, nach gegrilltem Lamm, nach Knoblauch und Oregano. Wer ins Nirwana will, muss an Spiros Taverne vorbei. Wer ins Nirwana will, muss aufpassen, daß er von Spiros fliegendem Personal nicht über den Haufen gerannt wird. Spiros Laden brummt.
Das Nirwana ist ein Straßenzug in Skopelos-Stadt, in dem der Inseldichter Pablos Nirwanas lebte und arbeitete. Die Sporadeninsel Skopelos ist stolz auf ihren Sohn, hat ihm an der zentralen Hafenpromenade gar ein Denkmal errichtet. Ein versteinerter Herr mit schmalem Gesicht und mächtigen Schnurrbart blickt ernst über das Hafenrund und schweigt sich aus. Der Hauptort Skopelos türmt sich einen Hang hinauf, verschachtelt sich in ein enges Gassengewirr. Schmalbrüstige, meist zweistöckige Häuser aus grob verputztem Bruchstein mit nach oben gezogenen Tür und Fensterstöcken schießen in die Höhe. Die grauen Schieferplatten oder die roten Ziegel der Walmdächer erinnern an die Bergdörfer des festländischen Peliongebirges, wo in harten Wintern noch die Wölfe heulen.


Eines der schönsten Beispiele dieses trutzigen, gleichsam anheimelnden Baustils ist das Nirwana-Haus. Die heutigen Bewohner freuen sich über jeden Fremden, der an ihre mächtige Tür klopft, denn sie vermieten einige Zimmer. Auch sie sind stolz, besonders stolz auf ihren Dichter. Aber was er geschrieben hat....? Welche Bücher...? Sie besitzen nur die Bibel und ein abgegriffenes Telefonbuch. Vielleicht gibt es Bücher von Nirwanas in der kleinen Gemeindebücherei. Vielleicht.


In Griechenland befindet sich die Gemeindeverwaltung immer in unmittelbarer Nachbarschaft zur Platia, eines meist mit Platanen umstandenen Platzes und Herzstück des öffentlichen Lebens. Hier werden die Feste, die Hochzeiten gefeiert und Wahlschlachten geschlagen. Wegen der extremen Hangbebauung fehlt in Skopelos-Stadt diese Platia; ersatzweise muss die breite Hafenpromenade dafür herhalten. Also geht´s wieder abwärts über Treppen, durch Gassen aber gemach, gemach: es gibt viel zu gucken. In dem Eckladen mit den offenen Gewürzsäckchen gibt es viel zu riechen. Rosmarin, Majoran, Salbei, Kreuzkümmel, Anissamen, Zimtstangen. Aus einem Kanister entsteigt der Pinienduft des skopelotischen Honigs. Man wird schier besoffen von Gerüchen, Eindrücken, Erinnerungen. Die abendländischen Träger von Shorts und Radlerhosen zieht es in andere Etablissements. Sie verweilen in gut sortierten Lederwarengeschäften, Schmuck und Kunsthandwerkläden. Fast in jedem dieser "Gift-Shops" leuchtet ein vereinsamter Monitor gewichtig vom Ladentresen. Hier hat wohl ein Außendienstler eines koreanischen No-Name-Computerherstellers ganze Arbeit geleistet. Neben einer Boutique für Bademoden und baumwollenen Dessous haust eine Art Urelektriker in einer schwach beleuchteten Höhle. Umgeben von Schachteln mit Kunststein isolierten Sicherungen, schwarzen Bakelitschaltern und Kupferdrähten kniet ein Weißhaariger neben einem Halbwüchsigen am Boden und versucht verzweifelt die herausgerissene Rolle eines Skateboards zu befestigen. Halt da liegt ein Buch in der Gasse. Ein altes Buch. Auf dem abgegriffenen Prägedruck haften noch Goldpartikel. Die Schrift ist kyrillisch; geschrieben ist es aber in russisch. Es ist eine alte Familienbibel. Sie liegt auf einem schmalen Flickenteppich neben Bettwäsche aus Leinen und anderem Hausrat. Das alles gehört, das alles verkauft Andreas. Andreas heißt eigentlich Andrej. Seine grauen Augen beobachten nervös die Umgebung. Die Besitzer der Souvenirshops, der Boutiquen wittern schnell Konkurrenz. Hier in den Gassen von Skopelos läuft sein "Russenmarkt" besser als auf den Nachbarinseln, vor allem die linnene Bettwäsche mit den eingewebten blauen Fäden stößt bei den vielen älteren Touristen auf Interesse. Vor einem Jahr ist Andrej mit der ganzen Familie aus der zentralasiatischen GUS-Republik Usbekistan abgewandert, zurück in die Heimat seiner Vorfahren, nach Griechenland. Sie hatten Haus und Hof in der Nähe von Taschkent und die sicheren Arbeitsplätze in einer Baumwollkolchose aufgegeben, um in der alten Heimat und in der neuen Freiheit ihr Glück zu machen. Doch niemand hat sie gerufen, niemand will sie hier im krisengeschüttelten Hellas. Es gibt keine Wohnungen, keine Jobs, keine staatliche Unterstützung. Andrej muß nun den Hausrat, die Aussteuer seiner Großmutter, gar die Familienbibel verscherbeln, um an ein paar Drachmen zu kommen. Er nimmt auch gerne Dollar, noch lieber "Deutschmark". Die Touristen zahlen gut.


Skopelos hängt nicht am Tropf des Massentourismus wie das benachbarte Skiathos. Dazu ist die Insel einfach zu fruchtbar, ihre Pflaumen, ihre Mirabellen und der Honig aus den endlosen Wäldern zu begehrt. Wer hier seinen Urlaub verbringt, kommt wegen des gemäßigten Klimas, den Wäldern, der gemütlichen Atmosphäre der Stadt. Skopelos ist Schwarzwald mit Strand, eine ideale Kombination für die Generation spät pubertierender Jungsenioren: Alter schützt vor Tanga nicht. Wer aber baden will, muss in den Bus. Die schönsten Strände Stafilos, Agnontas, Panormos liegen auf der stadtabgewandten Seite der Insel. Die Logistik der Strandbeförderung leisten die grün-beigefarbenen Inselbusse. Sie kurven bis zum anderen Ende der Welt, nach Glossa und zurück.


Der Bus nach Glossa ist im Sommer überfüllt. Im Mittelgang stapeln sich die Badelustigen. Hoffentlich ist die Harpune des Hintermannes noch nicht gespannt. Skopelos ist gebirgig. Der Bus quält sich in engen Serpentinen durch die Pinienwälder. Durch die gekippten Fenster strömt der ätherische Geruch von Harz und vermischt sich mit bitteren Ausdünstungen des heißen Asphalts und diverser Duschgel-Noten. Tief unten sind nun Strände mit stillem, azurblauem Wasser zu sehen. Bei jedem Beach-Stop wird es merklich leerer im Bus. Nach einer Stunde ist das Bergdorf Glossa erreicht. Der Bus ist leer.


Glossa klebt hoch oben an den Hängen des MilosGebirges. Von hier sieht man weit über Skiathos den Pelion, nördlich ist im Dunst der heilige Berg Athos zu erahnen, im Südwesten groß und deutlich die Halbinsel Euböa. Glossa besteht aus schwindelerregenden Treppen und hoch aufschießenden Häusern mit geschlossenen Außenbalkonen, ein Baumerkmal aus der osmanischen Besatzungszeit. Glossa bedeutet "Sprache", aber auch "Zunge" und die hängt einem schon nach wenigen Minuten zum Halse heraus. An der Tür zur einzigen Taverne hängt ein Pappschild aus einem alten Schuhkarton. Darüber steht handgemalt: ΑΠΕΡΓΙΑ. "Aperija" ist das griechische Wort für Streik. Der Wirt sitzt griesgrämig an einem Tisch. Nicht er ist im Ausstand - er ist davon betroffen: Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft wird seit Wochen bestreikt. Strom gibt es nur für wenige Stunden am Abend. Folglich kann er weder Fisch noch Fleisch lagern, braten oder elektrisch grillen. Es gibt kein kaltes Bier, keine eisgekühlte Cola.


Das einzige Kafenion am Ort, 200 Treppen darüber, hat geöffnet. Die Stammbesatzung, eine Handvoll ältere Männer lümmeln sich wie jeden Tag in der giftgrünen Plastikbestuhlung. Einer schläft, drei spielen Karten, zwei kommentieren das Spiel. Grand Slam in Glossa. Der griechische Mokka wird traditionell und streikunabhängig auf einem kleinen Gaskocher zubereitet. Dazu reicht man Leitungswasser. Skopelos ist berühmt für seine guten Quellen. Das Kartenspiel läuft nicht recht. Die Spieler sind nicht bei der Sache. Erst als der wiedererwachte Schläfer noch im Gähnen zu politisieren beginnt, lebt das Gespräch auf. Es geht um die ungeliebte Regierung, den Streik, die aktuelle Misere alle sind hellwach. Seit Wochen legt eine Streikwelle gegen die neueste Rentenreform das Land lahm: Die Angestellten der Elektrizitätswerke, der Post, der Banken und der öffentlichen Verkehrsbetriebe haben die Arbeit niedergelegt. Griechenland ist im Umbruch, erlebt gerade die größte soziale Zerreißprobe seiner jüngsten Demokratie. Die Staatsverschuldung ist schwindelerregend. Die Inflation galoppiert. Über die Rentenreform der Regierung Mitzotakis ist auf der kleinen Platia ein Streit, ein offener Schlagabtausch entbrannt. Vor allem in einem Punkt scheiden sich die griechischen Geister: Die konservativen Reformer möchten die Regelung der Altersgrenze für alle Angestellten und Beamten auf 60 Jahre festschreiben. Bislang galt für diese Gruppe eine Sonderregelung, ein Privileg: Schon nach 20 Dienstjahren konnten sie mit einer gestaffelten Rente in den vorgezogenen Ruhestand gehen und sich zusätzlich eine andere Erwerbsquelle suchen, z. B. Kartenspielen.


Kurz nach 1 Uhr verdünnisieren sich die hitzköpfigen Helden, das griechische Mittagessen und die Siesta sind heilige Pflicht. Die Platia gehört jetzt den Spatzen und nach und nach versinkt Glossa in unruhige Tagträume. Gelangweilt sitzt die Dorfjugend vor oder auf ihren Schulbüchern. Ohne Strom kein Video, der GAMEBOY ist kaputt. Der Bus ist noch weit viel Zeit für einen Spaziergang in die Wälder. Skopelos ist zu 80% bewaldet. Man braucht nicht lange zu gehen, um von dem schattigen Grün umgeben zu sein. Durch das dunkel-nadelige Unterholz flirren Farbflecke. Orange, preußischblau, blutrot. Nähert man sich der impressionistischen Erscheinungen, summt es in Bienenkästen. Jeder Imker hat seine Farbe. Völker seht die Signale!


Die Idee von einem Wald vermittelt sich erst, wenn man sich in der Mittagshitze in einem duftenden Pinienhain niedergelassen hat. Die Stille ist nicht still. Sie verzweigt sich ganz langsam in eine Vielfalt kleiner Ereignisse. Jeder Baum hat sein eigenes Geräusch, wenn ein Windhauch seine Zweige berührt. Jeder Baum, jeder Ort in diesem Hain hat seinen ureigenen Geruch. Hier einzuschlafen und nach einer endlos kurzen Weile durch ein feines Piepen geweckt zu werden, ist erquickender als jedes Bad in einem noch so blauen Meer. Ganz in der Ferne hupt der Bus. Das PLATANOSJAZZCAFÉ ist die heimliche Platia von Skopelos-Stadt, zumindest für die vielen jungen Leute. Unter der alten, mächtigen Platana lässt es sich vortrefflich sitzen. Von hier oben überblickt man den ganzen Hafen. Die Sonne ist hinter Alonnisos verschwunden. Alles ist in ein rosa Licht mit schweren, blauen Schatten getaucht. Plötzlich das große Gebrummel: Hunderte von Kühlschrankmotoren springen gleichzeitig an. Lichter flackern auf. Der "Abendstrom". Ein entfernter Tischler kann endlich wieder kreissägen. Charlie Parker bläst seine "White Christmas" in die Dämmerung, bald in die Nacht. OpenAir, OpenStars. Die Äste der Platane swingen selbstvergessen im Rhythmus. Vergessen? Die kleine Gemeindebücherei gibt es nicht mehr, mangels Interesse aufgelöst. Und die Bücher von N I R W A N A S....

ALONNISOS
PARADIES MIT HAKEN UND ÖSEN

Maren und Wolf sind freudig erregt. Das Tragflächenboot jagt auf Alonnisos zu. Die beiden waren schon zweimal hier. Sie wissen, was sie erwartet. Doch diesmal bleiben sie nur für ein paar Tage. Sie haben etwas vor. Wolf hat seinen Arm um Marens Schulter gelegt. Sie schauen aus dem schmierigen Fenster und strahlen. Das "Flying Dolphin" schießt in den Hafen von Patitiri, der größten Siedlung auf Alonnisos. Patitiri knallt. Weiß, heiß, hektisch. Beton! Ein Bild drängt sich auf: Athener Vorstädte, gesichtslos, laut, schmutzig und schnell hochgezogen aber mit einem Stück Meer, einigen Tavernen und Hotels. "Galaxy" oder "Paradise". Maren und Wolf lässt diese stressige Hitze kalt. Die Psychologin und der Uni-Dozent aus Hamburg warten geduldig auf den kleinen Inselbus. Heute ist er leider reserviert für eine Gruppe Tagestouristen aus Skiathos. Sie müssen hinauf laufen und nähern sich Alt-Alonnisos, ihren heimlichen Träumen, etwas langsamer.

1965 wurde die Sporadeninsel von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Dabei wurde das damalige Zentrum hoch oben im Inselinneren weitgehend zerstört. Die Bewohner gaben den Ort auf und zogen in das mit Regierungsmitteln schnell hochgezogene Patitiri am Hafen. Der Bus mit den Tagestouristen ist in AltAlonnisos angekommen. Nach einem kurzen Bummel durch die verwunschenen Gassen, den vielen liebevoll restaurierten Häusern neben Ruinen, haben sich die Ausflügler in eine Taverne zurückgezogen. Die zwei Stunden muss man ausnutzen. Essen und Trinken ist eine bequemere Beschäftigung als in der flirrenden Unübersichtlichkeit herum zustapfen. Der Reiseveranstalter hat es versprochen und er hat Wort gehalten: Es gibt was zu gucken. Ein paar Althippies mit bunten Schlabberklamotten und allerlei Tand durchschweben die Tavernen. "Have a nice day! All you need is love!" Hoffentlich machen die Akkus der visuellen Handstaubsauger jetzt nicht schlapp. Mittlerweile hat auch das Pärchen aus Hamburg den alten Ort, ihr Ziel erreicht. Jürgen erwartet sie. Er hat einen leckeren Salat gemacht, und bei seiner schwäbischen Nachbarin selbst gebackenes Graubrot geschnorrt. Nun sind sie da, sitzen noch befangen auf Jürgens schattiger Veranda. Das erste Glas Retsina schmeckt immer fremd. Bald ist die Salatschüssel leer. Maren stippt etwas Brot in die Olivenöl-Essig-Pfütze. Jürgen entkorkt gerade die zweite Flasche und erzählt die Geschichte, wie er die Viper in der Hauszisterne mit dem Besenstil solange unter Wasser gedrückt hat bis Blasen kamen, bis sie gemeuchelt war. Mit Gefühlen zwischen Ökologie, schlechtem Gewissen und Heldentum musste er im Garten mit der Harke auch schon einmal eine Kreuzotter abmurksen, wie "ein Handkantenschlag auf eine Teigrolle" Das Landleben verlangt seine Tribute, wie GREENPEACE den Dauerauftrag. "Sehen wir uns heute Abend beim Italiener?!"

Zum Schutz vor Piraten wurde Alt-Alonnisos ins Hinterland gebaut. Die Ansiedlung entwickelte sich um zwei Hügel, geschickt wurde die Hanglage ausgenutzt. Man wählte die Strategie des Überblicks, der taktischen Weitsicht. Von hier oben hat man Einsicht in jeden Winkel der Alonnisos umgebenden Ägäis und Inselwelt. Keine Bewegung, kein Schiff bleibt hier oben unbemerkt. Schon bald nach dem die Einwohner den zerstörten Ort in den Bergen aufgeben hatten, um sich unten zwischen Stahl und Beton einzurichten, passierte etwas Merkwürdiges, stellte alles auf den Kopf. Fast unbemerkt kam die internationale Aussteigergemeinschaft der 70er Jahre über die Insel und besetzte die romantische Kulisse des zerfallenen, alten Ortes. In der ersten Phase der alternativen Aneignung ging es noch bunt und unkompliziert zu: Lebens und Überlebenskünstler hatten ihre Auftritte und verschwanden wieder. Ihre dezimierten Restbestände werden heute noch als liebenswerte Sonderlinge der frühen Dorfgeschichte toleriert. Nach der Flower-Power kam die Toskana-Fraktion und stellte die Utopie auf die Füße. Clevere Griechen kauften von ihren ahnungslosen Landsleuten Stück für Stück der alten Stadt, zerstörte Häuser, wertloser Grundbesitz. Die Realos aus Deutschland, England, Frankreich hatten Geld und kauften die verfallenen Gebäude für ein Vielfaches. Neid und Misstrauen zwischen oben und unten, zwischen den Fremden in Alt-Alonnisos und den Einheimischen in Patitiri war vorprogrammiert. Neben der englischen ist die deutsche Kolonie am stärksten vertreten. Von Schmidtchen bis Müller sind alle da. Wenn aus gut situierten Akademikern Handwerker werden, wachsen im Paradies bald Mäuerchen und Sichtschutzhecken.

Während des Sonnenuntergangs ruht das eifrige Werkeln. Keine Stichsäge stört den Frieden. Nur in der milchig-blauen Ferne tuckert der Diesel eines Kaikis. Im Westen leuchtet das Abendrot und lässt den Golf von Volos wie ein Ceranfeld erglühen. Beim "Italiener" kocht tatsächlich ein Italiener, der Service ist englischsprachig. Hier trifft man sich zur Pizza à la Wurstel, Bismarck oder Stroganow. "You´re a bad boy!" Simon, seines Zeichens Tanzperformer versucht seinem Hund Manieren beizubringen. Aber Mickey gibt sich unbeeindruckt, springt auf den Tisch und klaut seinem konsternierten Herrchen ein Stück Pizza vom Teller. "Mickey...!" Am Nachbartisch, bei Maren, Wolf und Jürgen geht es gesitteter, aber nicht weniger aufregend zu. Jürgen erzählt Geschichten aus dem dörflichen Nähkästchen: vom gruseligen Tod des Jazzmusikers Andrew, von seinem Hund Heraklit, über die glorreiche Zeit der Alonnisos-Blues-Band, über das klöpfelnde Liebesleben der griechischen Landschildkröte... Maren unterbricht abrupt und kommt zur Sache: "Wir wollen kaufen! Weißt Du, ob die Nummer 19 noch zu haben ist?" Darauf hat Jürgen gewartet. Er läuft zu Höchstform auf. Er kennt interessantere Objekte, zeichnet Grundrisse, kalkuliert und jongliert mit horrenden Summen. Maren und Wolf werfen sich längere Blicke zu. Sie nickt. Jürgen ist schon weiter, repariert Dächer, hebt Zisternen aus und bringt seinen Freund, den Bruder des Bürgermeisters ins Spiel, wegen der "Adia", der Genehmigung. Eigentlich dürfen Ausländer in Griechenland noch kein Grundbesitz erwerben. Aber es gibt Mittel und Wege, ein bisschen Kleingeld und die Sache läuft wie geschmiert, z. B. mit einem Pachtvertrag auf 99 Jahre: "Wenn der abgelaufen ist, leben wir nicht mehr. Prost!"


Alt-Alonnisos ist ein kleines europäisches Paradies für betuchte Zeitgenossen. Es ist vorbildlich hergerichtet, ohne Beton und mit viel Gefühl für die Natur Schlangen ausgenommen. Alt-Alonnisos ist aber auch ein Dorf, mit Freundschaften und Feindschaften, mit Tratsch und Klatsch und Intrigen. Ein Paradies mit Haken und Ösen. Es sind noch Plätze frei aber der Eintritt ist hoch.

SKYROS
VON MENSCHEN UND ZIEGEN

Das weiche Licht des Spätsommers moderiert die Gegensätze; Veränderungen liegen unter dem milchig fernen Blau. Ein Tragflächenboot zerpflügt das spiegelglatte Meer zwischen Alonnisos und Skyros. Es ist das letzte "Flying Dolphin" aus Skiathos, das in diesem Jahr Skyros anläuft – "Saison finit". Jorgos gähnt. Er hat sich in die Sitze des grauen Mazda-Taxis gefläzt und überlegt, wie er sich die Zeit bis zur Ankunft des Dolphins vertreiben kann. Es ist nichts los am Hafen von Linaria. Die täglich pendelnde Inselfähre "Lykomides" ist unterwegs zur euböischen Halbinsel. Ein Dutzend Fischerboote und ein graues Ungetüm – eine Kreuzung zwischen Boje und U-Boot – dümpeln in dem halbrunden Naturhafen. Die Saison neigt sich dem Ende zu und der Strom der Tagesausflügler aus Skiathos versiegt. Nehmen wir einmal an. Jorgos hat Glück und er findet noch ein Pärchen für einen dreistündigen Inseltrip. Er müsste ihnen allerdings erst hoch und heilig versprechen, dass er sie pünktlich zum Tragflächenboot zurückbringt.

Skyros ist die größte und abgelegenste Sporadeninsel. Eigentlich ist sie ein Zwitter, mehr noch – eine Insel mit vielen Gesichtern. Skyros ist zweigeteilt. Der fruchtbare, bewaldete Nordteil erinnert an die Vegetation auf Skopelos. Dagegen ist der gebirgige Südteil trocken wie graues Mondgestein. Diese gegensätzlichen Welten verbindet eine schmale Schwemmlandebene von toskanischer Anmut und Fruchtbarkeit. Jorgos kennt die Plätze, wo er seine Gäste beeindrucken kann. Er nimmt dann die "Ohhs" und die "Ahhs" gelassen hin. So ist er mit unserem Pärchen auf das Hochplateau unter dem "Dekatria" gefahren. Von hier oben hat man eine grandiose Übersicht auf das bedrohliche Bergpanorama des kargen Südteils, über die liebliche Hügellandschaft um Kalamitsa und auf die endlosen Wälder des Nordens. Wie ein tiefblauer Edelstein funkelt unten die Pinien umsäumte Bucht von Pefkos. Jorgos fährt mit seinen Gästen über den zentralen Insel-Highway schnurstracks zum Hauptort Chorio. Unser Pärchen auf dem Rücksitz möchte wissen, warum an den Stränden, an denen sie schon eine geraume Weile vorbei fahren, niemand badet. Weil kaum noch Fremde da sind, gibt er ihnen zu verstehen. Zudem badet man am Jalos, dem vier Kilometer langen Sandstrand am Fuße des Hauptortes. "Wait a minute...!" Jorgos macht einen kleinen Umweg. Skyros erlebt eine eigenartige touristische Entwicklung. Während auf den benachbarten Inseln der Tourismus ständig wächst, ist er hier rückläufig. Dabei hat gerade Skyros ideale Voraussetzungen: weitläufige Sandstrände, verträumte Buchten, einsame Wälder, eine lebendige Kleinstadt mit Kafenien, Restaurants und Bars, mit Hotels, Pensionen und vielen Privatquartieren. Leider liegt Skyros etwas zu einsam mitten in der Ägäis.

Die "Flying Dolphin"s von Skiathos laufen die Insel nur während der Saison und nur bei ruhiger See an. Eine Reise nach Skyros beginnt in Athen. Entweder man hat Glück und hat sich einen Platz im kleinen, teueren Inselhüpfer der "Olympic Airways" ergattert, oder man reist ca. 300 km übers Land. In dreieinhalb Stunden rumpelt der Bus durch Attika, über die Halbinsel Euböa bis nach Kimi, dem Fährhafen für Skyros. Hier wartet die inseleigene Autofähre und setzt den willigen Passagier am späten Nachmittag in gut zwei Stunden über. Eine Tagesreise – exklusive Anreise nach Athen. Gerne würden einige skyriotische Hoteliers ausländische Chartergesellschaften engagieren. Skyros beherbergt aber den zweitgrößten und strategisch wichtigsten Militärflughafen Griechenlands. Den Generälen ist selbst die kleine "Dornier" schon ein Dorn im Auge. Jorgos hat seine Gäste am Jalos, dem schönsten Sandstrand der Sporaden abgesetzt. Sie stapfen glücklich durch den Sand und Jorgos genießt rauchend seine inszenierte Überraschung. Keine aufgereihten Liegen und Sonnenschirme verunstalten den naturbelassenen Strand. Selbst im August, in der Hochsaison, ist hier noch viel Platz für ein raumgreifendes Frisbee-Spiel.

Aber Jorgos mahnt zur Eile, zur Hauptattraktion, auf nach Chorio, zum Zentrum der Insel! Aber mit dem Auto kommt man in Chorio nicht weit. Die Gassen werden immer enger und an der Platia ist Schluß. Jorgos erklärt unserem Pärchen den Fußweg zum Kloster, das wie ein Schwalbennest unterhalb des alles beherrschenden Burgfelsen klebt. Sie durch Schlendern zunächst die um diese Zeit verschlafene Agora, eine Marktstraße, die am Abend quirlige Geschäftigkeit, Hammel und Ziege am Spieß oder geröstetes Brathähnchen verspricht. Je steiler der Anstieg, desto unübersichtlicher wird das gewürfelte Labyrinth. Stufen führen auf Dachterrassen, Gassen enden in den guten Stuben ihrer schlummernden Bewohner. Jorgos hat sich in einem Kafenion niedergelassen und raucht seine vorletzte Zigarette. Er ist ins Grübeln gekommen; der tägliche Streit mit seinem Vater geht ihm auf die Nerven. Der Alte ist unzufrieden, will endlich wissen, für was sich der Herr Sohn entschieden hat! Für skyriotische Verhältnisse ist sein Vater ein reicher Mann. Er ist ein angesehener Hirte und besitzt über 5000 Tiere, die halbwild den "Vouno", die karge Bergwelt des Südteils bevölkern. Noch weitere 50 60.000 Ziegen und Schafe gibt es auf der Insel. Sie werden von den "Xmichtis", einer Art archaischen Hirtengenossenschaft gemeinschaftlich versorgt. Skyros ist für sein Ziegenfleisch und für seinen Käse weithin bekannt. Doch die Generation der Hirten ist überaltert, denn der Nachwuchs verdrückt sich lieber in die Städte, verdingt sich dort bei unterbezahlter Dienstleistung.


Das Taxi muss sich Jorgos mit seinem Vetter Nikos teilen. Der Diesel gehört einem betagten Onkel. Nach dem Abzug der Spritkosten, dem Versicherungs- und Wartungsanteil und dem Obolus für´s Onkelchen bleibt wenig übrig für die 14-tägige Schinderei. Und jetzt, wo die Touristen ausbleiben, wird das Wenige noch weniger. Der Vater rechnet es ihm täglich haarklein vor! Aber Jorgos ist bockig. Er will nicht in aller Herrgottsfrühe mit in die Berge, den Ziegen hinterher rennen. Er will keine "Trochadias", keine Hirtenschuhe tragen, und er lacht über die "Drachilikos", Schildkrötenpanzer und Schafschädel, die sein Vater gegen den "bösen Blick" aufstellt. Jorgos träumt von einem Job in einem Büro, mit einem Telefon und wenn möglich – mit einem Computer. Gerne würde er im Winter zu seinem Schwager nach Australien, aber das Ticket ist zu teuer. Dafür wartet der "Vouno", der Berg mit seiner nasskalten Witterung, seinen stinkenden Ziegen. Jorgos schüttelt es. Plötzlich erhellen sich seine Gesichtszüge, langsam und genüsslich zieht er an seiner Kippe. Vielleicht darf er im Frühjahr wieder ein "Jeros" sein. Die üble Laune ist verschwunden.


Auf Skyros hat sich ein uralter Hirtenbrauch erhalten, das "Koudounati", das große Gebimmel. Dieses Ereignis findet in der Karnevalszeit statt, hat aber damit nichts zu tun – obwohl sich im Laufe der Zeit karnevalistische Elemente eingemischt haben. Am Sonntag vor der Fastenzeit verwandeln sich die skyriotischen Hirten in furchterregende "Tiergötter", in die "Jeroi". Nie wird Jorgos den Tag vergessen, als er zum ersten Mal "Jeros" sein durfte. Vielleicht war es ein kluger Schachzug seines Vaters, um ihn stärker an die Hirtengemeinschaft zu binden. Schon Wochen vorher wurde in der Familie über nichts anderes mehr geredet. Jeden Tag übte er mit seinem Großvater die sechs komplizierten Schrittfolgen. Als es endlich so weit war, als er "verwandelt" werden sollte, war er so aufgeregt, dass er sich im Fernsehen Basketball angucken musste, um sich zu entspannen. Es half nichts. Die ganze Familie war um ihn. Großvater sang alte, seltsame Weisen und plötzlich wurde er ganz ruhig. "Jeros" bedeutet alter, aber auch starker Mann. Die Hirten von Skyros verwandeln sich in vorzeitliche Wesen halb Tier, halb Gott. Unter einem zottigen, schwarzen Kapuzenmantel schauen nur die hellen Wollhosen hervor, die man früher beim Melken trug.An Gurten über der Fellkutte werden Glocken und Glöckchen befestigt. Bis zu 50 Kilo wiegt das metallene, sorgsam aufeinander abgestimmte Gebimmel. Aber erst mit der Maske wechselt der "Jeros" seine Identität. Es muss die Fratze eines Zickleins sein, und zwar nur die einer Früh oder Fehlgeburt. Am letzten Sonntag vor der Fastenzeit toben die "Jeroi" durch die engen Gassen von Chorio. Tausende von Glocken bimmeln und scheppern in einer ungeheuren Kakophonie aus allen und in alle Richtungen. Niemand hält es in den Häusern, das Dorf kocht vor Erregung und mit den "Jeroi" fällt Chorio in Trance. Alles, was sich übers Jahr angestaut hat, wird jetzt herausgelassen, herausgetanzt, herausgeschmettert. Erst spät in der Nacht verebbt das große Gebimmel. Mit viel Wein und mit noch viel mehr Gesang, jenen byzantinischen Melodiekasskaden, werden die erregten Gemüter beruhigt. Die Geschichten, die die Sänger in ihrer unnachahmlichen Metrik vortragen, sind überlieferte Erinnerungen. Das Erinnerte ist hier noch lebendige Geschichte, es ist die vergangene Wirklichkeit.

 

Bis auf das Spatzengezwitscher ist es ruhig an diesem milden Spätsommernachmittag. Staunend und voller neuer Eindrücke haben sich unsere Tagesausflügler langsam durch das Treppenlabyrinth in Richtung Kloster bewegt. Unaufgefordert und mit freundlicher Herzlichkeit zeigen ihnen die Anwohner den rechten Weg; sie werden weitergereicht von einer guten Seele zur nächsten. In einem geräumigen Hinterhof stoßen sie auf eine Gruppe Frauen beim Weintreten. Mit hochgeschürzten Röcken bewegen sie sich in einem Plastikzuber, singen Stegreifverse und biegen sich vor Lachen. Schnell werden die beiden Fremden herbeigeholt und mit griechischem Kaffee bewirtet. Sie, die Gäste verstehen kein Wort und fühlen sich trotzdem nicht unverstanden. Sie lachen und freuen sich mit. Die Hausfrau bringt ihnen zwei Teller mit einer graugrün erstarrten Glibbermasse. Vorsichtig und unter Anteilnahme aller probieren sie ein Löffelchen. Es schmeckt kühl, fremd, etwas süß, etwas pelzig. Die ratlosen Gesichter provozieren Lachausbrüche. In einer wilden Gestikulation und mit ein paar englischen Wortfetzen klärt man die Gäste auf: Es ist gelierter Most mit etwas Zimt bestreut, eine herbstliche Delikatesse. Seit einer geraumen Weile hat sich ein fernes, periodisches Hupen unter die fröhlichen Übersetzungsversuche gemischt.Erst als eine der Frauen mit ernstem Gesicht dem störenden Geräusch nach lauscht, erwacht unser Pärchen aus einem fröhlichen Traum. Das Taxi! Das "Flying Dolphin" nach Skiathos – das Letzte für dieses Jahr.

Die Liebe ist keine Blume, mit der man spielt. Sie ist wie eine Brombeerhecke und wehe, wenn Du darin hängen bleibst.

Erinnerungen aus der Zukunft: Anmerkungen zur Sporaden-Reportage

Bis Anfang der 90er Jahre arbeite ich als Redakteur und Chefredakteur für ein Kulturmagazin. Durch meine Neigung zu Griechenland konnte ich ab und an Reisethemen in anderen Medien platzieren, u.a. ein Reiseführer über die griechische Insel Skyros, der 1988 im Mundo Verlag erschienen ist. Über dieses Büchlein entstand 1992 ein Kontakt zur GLOBO-Redaktion. Man fragte an, ob ich mir vorstellen könne, für das Reisemagazin als Autor und Reporter zu arbeiten. Als Probeauftrag bot man mir eine Reportage über die griechischen Sporaden-Inseln an. Da ich eh einen Urlaub in die Region geplant hatte, ließ ich mich gerne darauf ein. Bei einem Probeauftrag musste man mit den Reisekosten und dem Honorar in Vorleistung gehen, die bei erfolgreicher Leistung vom Verlag übernommen werden sollten - das wurden sie auch.

Allerdings wollte man meine Leistung nur als Autor. Der Fotograf war schon gebucht und man gab mir zur Absprache eine Telefonnummer. Ich erreichte Jörg Modrow erst, als er bereits wieder von den Sporaden zurück war. Wir tauschten seine bereisten Koordinaten aus, damit zwischen Text und Abbildungen eine thematische Linie zu erkennen sein sollte.

Aus der Reaktion bekam ich ein Paket mit einem Bündel aktueller Ausgaben und einige Briefingunterlagen und Instruktionen: "Ein guter Autor ist selten auch ein guter Fotograf - und umgekehrt." Deshalb werden diese Tätigkeiten personell getrennt. Autor und Fotograf arbeiten Hand in Hand und reisen idealerweise zusammen. Der Autor muss zu der Reportage noch einen kompakten und eigenständigen Serviceteil erstellen, in dem die Leistungen aller beteiligter Reisepartner, wie Airlines, Reiseveranstalter, Hotels, Mietwagenverleiher oder Restaurants dargestellt werden. Das war im Nachhinein betrachtet, ein gutes und kluges journalistisches Prinzip, da die eigentliche Reportage von dem Servicebeitrag "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" klar getrennt war.

Als ich meine Texte auf Floppy-Disk schickte, kam bald ein Anruf aus München. Die Story sei gut, aber der Beitrag über die Sporadeninsel Skyros fehle. Da der Fotograf die Insel nicht bereist hatte, dachte ich, dass ich darüber auch nichts schreiben müsse. Weit gefehlt. Das war aber kein Problem. Skyros war ein Heimspiel. Ich hatte genügend Material. Den Zusatztext baute ich in meine Reportage ein und konnte sogar noch einige meiner Fotos unterbringen. Ein guter Autor kann manchmal auch ein guter Fotograf sein.

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