Ein Social-Media-Weihnachtsmärchen

Weihnachten. Wie alle Jahre wieder versammelt sich die Familie an Heilig Abend. Dieses Jahr feiern wir beim Schwiegervater. Er ist mittlerweile 85, aber noch sehr rüstig und vor allem geistig hellwach.
Drei Generationen genießen Raclette, Wein und Cola. Schließlich geht man langsam zur Bescherung über. Unter anderem wird auch ein Tablet-Computer ausgepackt, der sofort von der Jugend in Beschlag genommen wird. Als erstes wird ein Facebook-Account eingerichtet und Freundschaftsanfragen durchschwirren den Raum, die es auf diversen Smartphones zu bestätigen gilt.

 

Mein Schwiegervater verfolgt das Treiben um ihn herum mit aufmerksamer Skepsis. Als ihm das Tuscheln, Tippen und Wischen zu viel wird, möchte er höflich aber bestimmt wissen, was es am Weihnachtsabend so Wichtiges zu tun gäbe. "Facebook, Opa!", sagt einer der Enkel, ohne aufzuschauen. Davon habe er schon gehört, antwortet der Opa. Er könne sich aber nicht recht etwas darunter vorstellen. Sofort werden ihm eilfertig die vorhandenen Gerätschaften vor die Nase gehalten. Doch er blickt gelassen darüber hinweg und schaut geradewegs mich an: "Das musst du mir erklären!"


 
Mein Schwiegervater ist ein heller Kopf. Als Bauingenieur hat er komplexe Statiken nur mit Papier, Bleistift und Rechenschieber erstellt. Seine Konstruktionen halten bis heute und werden noch seine Enkel überdauern. Er verfügt über ein überdurchschnittliches Allgemeinwissen und einen scharfen Verstand. Nur die Sache mit diesen Computern ist völlig an ihm vorbeigegangen und er möchte bis heute auch nichts damit zu tun haben.
 
Wie erkläre ich das System Facebook einem lieben Menschen, der über keinerlei Vorstellungen vom PC und Internet verfügt? Jede gängige Begrifflichkeit, wie Web 2.0 oder Social Media, würde bei ihm neue Fragen hervorrufen.


"Es ist blau. So ein stumpfes, schmutziges Blau." Etwas Besseres fällt mir gerade nicht ein. Alle schauen mich erstaunt und neugierig an. Ich muss Zeit gewinnen. Das Blau sei wichtig, betone ich, während ich auf der Suche nach einer Facebook-Metapher bin, einem Bild, das dieses Phänomen in eine vordigitale Welt übersetzt. Ich habe noch keinen Schimmer, bis mein Blick auf den geschmückten Weihnachtsbaum trifft.

"Ich beschreibe Euch das in der Form eines Märchens", beginne ich zögerlich, meine Gedanken ordnend: "Vor langer, langer Zeit herrschte ein König über sein stolzes Reich. Seine Frau, die Königin, war bei den Untertanen sehr beliebt und seine Tochter, die Prinzessin, außerordentlich schön." Als hätte ich mein Pulver schon verschossen, beginnen die Jüngsten der Familie schon wieder mit ihren Geräten zu spielen.


"Aber der König war ein unglücklicher Mensch", erhebe ich meine Stimme. "Obgleich die Menschen in diesem Königreich sehr glücklich und erfolgreich waren, wurde ihr Herrscher immer unglücklicher. Er war voller Misstrauen und unterstellte jedem und allen umstürzlerische Pläne. Er wechselte seine Berater, Minister und Höflinge wie andere ihre Unterwäsche. Eine tiefe Verunsicherung lähmte in dieser Zeit das Verhältnis zwischen dem Herrscher und seinem Volk.

Eines Tages begehrte ein junger Mann eine Audienz bei seinem König. Man beschied sein Anliegen ablehnend: Einer dieser vielen Nichtsnutze, die es nur auf die hübsche Prinzessin und ihre Mitgift abgesehen hätten! Zudem war der junge Mann mittellos, aus niedrigem Stand und völlig gewöhnlich. Doch er blieb hartnäckig, bis ihm eines Tages ein Termin zwischen Tür und Angel gewährt wurde.
‚Du hast eine Minute’, raunzte der König, während er verdrießlich seine goldene Taschenuhr anstarrte.
‚Eure Majestät’, sagte der junge Mann mit sicherem Ton, ‚ich möchte gewiss nicht um die Hand Eurer Tochter anhalten, sondern ich möchte Euch dazu verhelfen, in die Köpfe Eurer Untertanen zu schauen.’
Der König sah ihn verdutzt von der Seite an. ‚Ich habe da ein Instrument, mit dem Ihr die Gedanken, die Träume und Tagträume Eurer Untertanen lesen könnt’, fuhr der junge Mann mutig fort. Der König lachte höhnisch: ‚Und das kann er mir hier und jetzt demonstrieren?’ – ‚Ja’, sagte der junge Mann. Deshalb sei er hier.
Der König steckte seine Uhr in die Rocktasche und schaute sein Gegenüber durchdringend an: ‚Auf Majestätsbeleidigung steht in meinem Reich immer noch die Todesstrafe – aber bitte!’
 
Der junge Mann zog ein Band mit einem schmutzigblauen Kügelchen aus einer Tasche und bat seinen König, dieses umzuhängen und zu berühren. ‚Nein, es ist nicht vergiftet’, versicherte er lächelnd. Widerwillig und ungeschickt streifte sich der König das Kügelchen über den Kopf und nahm es zwischen seinen Daumen und Zeigefinger. ‚Und jetzt?’, fauchte er sein Gegenüber an. Als dieser ebenfalls ein blaues, unscheinbares Kügelchen, das er schon um den Hals trug, anfasste, erschrak der König und machte große Augen. ‚Was ist das?’, raunte er fast sprachlos. Der junge Mann lächelte: ‚Das ist das BLAUE ZIMMER. Hier können Ihre Untertanen ihre Gedanken-bilder, ihre Träume und was auch immer zur Schau stellen. Diese können dann von anderen Menschen, mit denen diese befreundet sind oder die sie ins BLAUE ZIMMER eingeladen haben, gesehen und gelesen werden.’
Dem König stand der Mund offen: ‚Ahhh – ich sehe dich. Auf diesem Bild siehst du so stattlich und bedeutend aus.’ Der Junge Mann schaute verlegen zu Boden. ‚Und wer ist das schöne Mägdelein?’ ‚Meine Braut’, antwortete der junge Mann eilfertig, und die Anderen seien seine Freunde.
Der König ließ die kleine Kugel fallen und schaute den jungen Mann eindringlich an. ‚Ich soll mich wohl mit diesem Pack gemein machen und meine Gedankenbilder zur Schau stellen, wie?’ Während sich der König das Band mit dem blauen Kügelchen vom Hals riss, zog der junge Mann eine blaue Christbaumkugel aus der Tasche. ‚Mit diesem Instrument sieht Eure Majestät alle Gedanken und alle Bilder, die im BLAUEN ZIMMER zur Schau gestellt werden – ohne selbst gesehen zu werden. Und Ihr könnt auch Missliebiges löschen!’
Der König zog ihn rasch in sein Arbeitszimmer und schickte das Personal fort. Als die Türen geschlossen waren, wollte er ohne Umschweife wissen, wie viele dieser blauen Kügelchen der junge Mann besäße und was er dafür haben wolle?
‚Nichts’, sagte der junge Mann. Und blaue Kügelchen könne er beliebig viele herstellen lassen. Der König staunte: ‚Und die große blaue Kugel?‘ – ‚Eine für Sie, Majestät. Eine für mich.’
Der junge Mann lächelte bescheiden: Eine kleine bescheidene Bitte hätte er da noch. Die Miene des Königs verdüsterte sich wieder. Der junge Mann lächelte immer noch: ‚Ich möchte nur, dass mir ein gewisser Prozentsatz an allen Geschäften, die im BLAUEN ZIMMER gemacht werden, zusteht – steuerfrei.’
Die Gesichtszüge des Königs entspannten sich. Dummkopf, dachte er – soll er sich doch in Unkosten stürzen. Er entließ seinen neuen Geschäftspartner und zog sich mit der Weihnachtskugel zurück.
 
Der junge Mann verteilte die Bänder mit den schmutzigblauen Kügelchen  sofort an seine vielen Freunde. Diese versorgten Schüler und Studenten großzügig mit dem Zugang zum BLAUEN ZIMMER und veranstalteten Treffen mit der erlauchten königlichen Presse. Es dauerte nicht lange, bis es in allen Kreisen als modern galt, das blaue Kügelchen zu tragen. Und wer die meisten Gedanken-Freunde aufweisen konnte, galt als besonders wichtig.
Das BLAUE ZIMMER war in aller Munde, und man wunderte sich, dass es der König nicht längst verboten hatte.

Nun drängten auch die Geschäftsleute ins BLAUE ZIMMER. Denn wer hier nicht präsent war, wurde von der Kundschaft gar nicht mehr wahrgenommen. Der junge Mann hatte für alle Gewerbetreibenden ein besonderes Kügelchen. Es kostete nichts, aber die Händler mussten für alle im BLAUEN ZIMMER getätigten Geschäfte einen kleinen Obolus an den jungen Mann abgeben. Im Laufe der Zeit kam einiges zusammen, und der junge Mann konnte endlich seine schöne Braut heiraten."

Ich lege eine kleine Pause ein und beobachte meinen Schwiegervater. Nachdenklich wiegt er den Kopf mit dem schütteren grauen Haar. "Ich habe das jetzt verstanden. Ein sinniger Schluss für ein Märchen ist das aber nicht."
 
Ich sei ja auch noch nicht fertig, sagte ich und fuhr fort:
"Je reicher und wohlhabender der junge Mann wurde, desto verdrießlicher wurde der König. Er neidete ihm den Reichtum und fühlte sich übers Ohr gehauen. Aber er konnte nichts tun: Vertrag war Vertrag. Zudem begann ihn die blaue Christbaumkugel zu langweilen. Jeden Tag musste er sich alberne Gedanken oder die Haustiere seiner Untertanen ansehen. Am widerlichsten fand er die Gedankenbilder von angetrunkenen Jünglingen und er erwog schon, Alkohol in seinem Königreich gänzlich zu verbieten.

Eines Tages begehrte wieder ein junger Mann eine Audienz bei seinem König. Auch ihm beschied man sein Anliegen ablehnend: Einer dieser vielen Nichtsnutze, die es nur auf die Mitgift der hübschen Prinzessin abgesehen hätten. Auch er war mittellos, aus niedrigem Stand und völlig gewöhnlich. Doch auch dieser blieb hartnäckig, bis ihm eines Tages ein kurzer Termin zugestanden wurde.

Er wartete erst gar nicht, bis der König fragte, was er begehre und zog ein Bändchen mit einem rot glänzenden Kügelchen aus seiner Tasche. Der König lachte gehässig: So etwas kenne er schon! ‚Mit Verlaub, Eure Majestät!’, begann dieser junge Mann selbstbewusst, ‚Ihr kennt nur den BLAUEN RAUM. Dieses Kügelchen’ – und er reichte es dem König – ‚hat eine ganz andere Wirkung. Ich nenne sie die ROTE SPHÄRE. Natürlich zeigt auch sie die zur Schau gestellten Gedankenbilder seiner Träger. Aber sie funktionieren ganz ohne Berührung. Sie zeigt auch, wo sich der Erzeuger der Bilder gerade befindet und was er gerade tut.‘ Er zeigte dem König einen kleinen runden Fleck unter der glänzenden Oberfläche des Kügelchens. Das sei das Auge. Hören und fühlen könne das Wunderwerk auch. Deshalb würde die ROTE SPHÄRE den Untertanen sehr viel mehr Freude bereiten. Die Menschen könnten sich völlig spielerisch gegenseitig beobachten oder beobachten lassen – ganz wie es ihnen gefiele.
Er hatte eine rote Weihnachtskugel aus seiner Tasche geholt, und die Augen des Königs blitzten gierig. ‚Damit’, begann der junge Mann im Flüsterton, ‚kann Ihre Majestät nicht nur alle Träger des roten Kügelchens jederzeit und überall sehen und hören, ohne selbst bemerkt zu werden. Ihr könnt damit auch in die Herzen und Geldbeutel Eurer Untertanen schauen.’
‚Womit wir beim Thema wären’, polterte der König dazwischen. ‚Ich möchte die Hälfte Deines Prozentsatzes, den Du auf alle Geschäfte erhebst, die in der ROTEN SPHÄRE gemacht werden.’
Der junge Mann musste wohl oder übel der Vereinbarung beipflichten. ‚Ich hätte da noch eine Frage’, hob der König an. ‚Warum hast du wieder ein Kügelchen gewählt?’ Weil die Leute sich schon an diese Form gewöhnt hätten und es so schneller annehmen würden. Das nenne man Marketing ... Das hörte der König schon nicht mehr. Er war bereits mit der roten Weihnachtskugel in seinen Gemächern verschwunden.

Es kam, wie es kommen musste: Die Menschen waren von den neuen Kügelchen und vor allem der ROTEN SPHÄRE begeistert. Wer nicht als hoffnungslos antiquiert gelten wollte, trug nun Rot. Auch der Handel war entzückt. Sie konnten nun ihrer Kundschaft die Waren passend zu deren Bedürfnissen anbieten – wussten sie doch, wo diese waren und was sie gerade trieben. Das spülte natürlich viel Gold in die Taschen des Erfinders der ROTEN SPHÄRE und auch viel in die Geldsäcke des Königs.

Aber das kümmerte diesen wenig. Er war kaum mehr zu sehen und verschanzte sich mit seiner roten Weihnachtskugel in seinen Gemächern. Bei repräsentativen Pflichten ließ er sich meist durch dubiose Hofräte vertreten, und wenn er wirklich einmal zugegen war, wirkte er fahrig oder abwesend. Da er sich fast ausschließlich in der ROTEN SPHÄRE aufhielt, bemerkte er nicht, dass sich die Menschen in seinem Königreich langsam von ihm abwandten, indem sie keine Kügelchen mehr trugen. Sie waren ihrer permanenten Zurschaustellung in der ROTEN SPHÄRE überdrüssig geworden. Als Zeichen ihres Widerstandes trugen sie ein weißes Bändchen am Revers. Aber der König merkte von alledem nichts – er war in seiner ROTEN SPHÄRE gefangen.

Eines Tages begehrte wieder ein junger Mann eine Audienz beim König. Auch er wurde abgelehnt. Doch auch dieser war hartnäckig. Er ließ dem König ausrichten, er hätte eine goldene Kugel für ihn. Sogleich wurde er vorgelassen und erschrak über verwahrloste Erscheinung, die sein König sein sollte. Dieser bemerkte auch nicht das weiße Bändchen am Revers des jungen Mannes, sondern forderte ungeduldig das neue Instrument. Gierig ergriff der König die Weihnachtskugel aus purem Gold und drehte sie nervös in seinen Händen. ‚Was kann sie?’, zischte er den jungen Mann an. ‚Nichts’, sagte dieser. Er liebe seine Tochter und das sei sein Brautgeschenk.
Es war, als würde der König diese Worte nicht verstehen, als ergäben sie für ihn keinen Sinn. Er ließ die goldene Kugel zu Boden poltern und krächzte im Gehen: ‚Nimm sie zur Frau und lasst mich alle in Ruhe!’

Das ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen und er nahm die schöne Prinzessin zur Frau. Der alte König wollte nichts mehr mit der Außenwelt zu tun haben, und so benötigte das Königreich alsbald einen neuen Monarchen. Gern übernahm der Bräutigam der Prinzessin diese Aufgabe, und man kam überein, ihn am bevorstehenden Weihnachtsfest zu krönen.

Das junge Paar ließ im Schlosspark einen riesigen Weihnachtsbaum errichten und es bat ihre Untertanen, die Tanne mit den blauen und roten Kügelchen zu schmücken. Diesem Wunsch kamen die Menschen gerne nach, und am Weihnachtsabend erstrahlte der Baum in stumpfem Blau und glänzendem Rot. Als der neue König gekürt war, küsste er seine Königin, und draußen begann es ganz leise zu schneien."

 

 Walter Schoendorf, im Januar 2013

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Aus Gründen ist hier keine Kommentarfunktion möglich. Ausnahmsweise wird trotzdem eine Meinung veröffentlicht, die handschriftlich eingereicht, transkribiert und maschinentauglich erfasst wurde:
 
"Als Gemahlin des ehemaligen Königs, Mutter der Prinzessin und Schwiegermutter des neuen Königs erlaube ich mir als unmittelbar Betroffene und als Zeitzeugin, diese Darstellung der Geschehnisse zu ergänzen oder richtigzustellen.
 
Ich bin mir bewusst, dass die gewählte literarische Form der in ein Märchen verkleideten Parabel den Erzählstrang und die handelnden Figuren gleichsam vereinfachen und damit überhöhen muss.
 
Auch darüber, dass mir in dem Stück keine Rolle zugestanden wird, bin ich nicht gram.
 
Nun zu den Hintergründen, die in der vorliegenden Darstellung wohlweislich unterschlagen wurden:
Mein Gemahl, der König, war sicherlich kein einfacher und umgänglicher Herrscher. Er hatte immer schon Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen; mir möge man das glauben. Er fühlte sich zu den Wissenschaften hingezogen. Im Reich der Mathematik und der Formeln blühte er auf. Sicherlich wäre er ein trefflicher Astronom oder Alchemist geworden - aber das Schicksal hatte ihn für die Rolle des Königs bestimmt.
 
Am Anfang der Parabel wird etwas sehr Interessantes beschrieben: ‚Obgleich die Menschen in diesem Königreich sehr glücklich und erfolgreich waren, wurde ihr Herrscher immer unglücklicher.’ Tatsächlich betrübte es meinen Gatten, dass es mit seiner Förderung der Wissenschaften nicht recht weiter ging. Nach kurzen euphorischen Erfolgen erlahmte die Begeisterung unserer Untertanen. Man wollte feiern, nicht forschen. Aber der König war ein Kämpfer. Er kürzte den Militäretat zugunsten einer königlichen Akademie. Nur die Klügsten und Begabtesten wurden aufgenommen und gefördert. Er wäre sogar bereit gewesen, Mädchen aufzunehmen - das habe ich ihm glücklicherweise ausreden können.
 
Viele Tage und Stunden verbrachte er mit den jungen Leuten in seiner Akademie. Er war der Spiritus Rector - ihr Geist und ihre Seele. Nie habe ich meinen Ehemann glücklicher und gelöster erlebt.
 
Dann geschah etwas Ungeheuerliches: Ohne Not haben unsere eigenen Generäle bei einem Manöver das benachbarte Königreich provoziert. Mein Gatte musste seine geliebte Forschung unterbrechen und seine ganze Kraft der Diplomatie widmen. Mit Menschen tut er sich schwer, und diese dumpfen Militärs waren kriegslüstern. Es kam, wie es kommen musste, zu einer kriegerischen Auseinandersetzung. Etliche Tote waren zu beklagen, und die Staatskasse war leer.
 
Die Akademie wurde geschlossen und die Studenten wurden vom Militär rekrutiert oder in alle Winde zerstreut. Das Lebenswerk meines Gatten war zerstört.
 
Um wieder den Bogen zu dieser etwas einfältigen Parabel zu spannen, muss hier die eigentliche Tragik der Geschichte erzählt werden: Die Forschung und die Konstruktion der blauen und der roten Kugeln wurden bereits in der Akademie von meinem Gatten initiiert und entwickelt. Damals brachte er einige Muster mit in den Palast, die er mir dann in nächtlichen Versuchsanordnungen zu demonstrieren versuchte.
 
Die jungen Männer, die später um Audienz baten, um ihm SEINE Idee zu verkaufen, waren seine ehemaligen Studenten. Das hat ihn zutiefst gekränkt und sein Verhältnis zu seiner Umwelt und zu seinen Mitmenschen für immer gestört.
 
Das Weihnachtsmärchen ist das, was es ist – ein Märchen!"
 
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Ausnahmsweise veröffentlichen wir noch eine Meinung, die fernmündlich übermittelt wurde, transkribiert und maschinentauglich erfasst wurde:
 
"Ich bin nur der Hofnarr und komme in der Geschichte nicht mal vor. Aber auch ich bin ein Zeitzeuge - und kann zu den Ereignissen Wesentliches beitragen.
 
Den Ausführungen der königlichen Mutter möchte ich nichts hinzufügen, beschreibt sie doch den Umständen entsprechend (oder: gerecht werdend) und aus ihrer Sicht wahrheitsgetreu.
 
Nun, ich war der Hofnarr des Königs. Ich habe mir sagen lassen, dass es in Ihrer Zeit diese Berufsbezeichnung leider nicht mehr gibt und man meine Zunft mit dem profanen Titel ‚Unternehmensberater’ deklassiert.
 
Mein Verhältnis zu meinem König war von doppelter Natur: In der Öffentlichkeit, am Hof, war ich für ihn Luft. Er hasste meine Faxen und meine zotigen Späße - das wurde von mir erwartet. Dafür bekam ich meinen Salär.
 
Aber sobald wir allein waren, warf ich meine Narrenkappe in die Ecke und wir philosophierten über Gott und die Welt. Nein - über Gott weniger, aber über seine Studien und die Forschungsberichte, die er sich von überall zuschicken ließ. Als seine Untertanen genug von den komplizierten Theorien, den wunderlichen Appreturen und vor allem den stundenlangen Vorlesungen ihres Königs hatten, sagte ich ihm: "Das sind Perlen vor die Säue! Das gemeine Volk ist Eurem Intellekt nicht würdig, Eure Majestät!" Ich war es, der ihm diese Akademie vorschlug. Diese Idee hatte ich aus seinen wissenschaftlichen Postillen entnommen. Er war begeistert.
Aber ich kannte ihn. Er wollte Ergebnisse, er wollte den Erfolg. Da ich manchmal schneller reden als denken kann, plapperte ich ins Blaue. ‚Kennen Eure Majestät den BLAUEN RAUM?’ Kannte er nicht, konnte er auch nicht kennen. Ich kannte ihn ja auch noch nicht. Aber im Fabulieren bin ich Meister. Was sich daraus entwickelte, ist ja nun bekannt.
 
Der BLAUE RAUM hat uns damals sehr viel Freude bereitet. Es war wie ein stetiger Karneval, der in den Köpfen der Menschen tanzte. Eine vergnügliche Maskerade. Ein Spiel. Heiter und harmlos. Übrigens wurde damals auch mit Alternativen experimentiert. An das GELBE ZIMMER und den ROSA SALON kann ich mich noch gut erinnern.
 
Aber als dann viel später der BLAUE RAUM tatsächlich eingeführt wurde und die Händler und Gewerbetreibenden unbedingt mitspielen mussten, war es mit dem Vergnügen bald vorbei. Die Menschen wandten sich gelangweilt ab, und um sie wieder zurückzuholen, förderten die Händler und Geldsäcke die ROTE SPHÄRE. Das gelang auch. Die ROTE SPHÄRE war der Durchbruch. Sie wurde maßgeblich vom neuen König protegiert, als er die Anteile seines Schwiegervaters übernommen hatte. Die ROTE SPHÄRE veränderte unsere Gesellschaft tiefgreifend und dominierte unsere Volkswirtschaft noch einige Dekaden - bis die GRÜNE ZONE kam und wieder alles von vorne begann. Aber das kann man ja alles in der Wikipedia nachlesen.
 
Mein alter König hatte mit diesen Machenschaften schon lange nichts mehr zu tun. Wer etwas anderes sagt, erzählt Märchen."