Neulich auf einer Party fragte mich eine Bekannte nach dem Unterschied zwischen Facebook und Twitter. Facebook benutze sie oft und gerne, aber zu Twitter fände sie einfach keinen Zugang. Mir lag schon der flapsige Spruch von der Dummheit, die frisst und der Intelligenz, die säuft auf den Lippen. Das ließ ich aber. Der Spruch war nicht nur beleidigend, er würde auch der Frage nicht gerecht werden.

 

Da wir vorher über sich verändernde Lebensumstände durch Umzüge gesprochen hatten, wählte ich ein anderes Bild: Facebook ist wie betreutes Wohnen. Man schließt sich einer Gruppe von Gleichgesinnten an und Facebook kümmert sich um die Rahmenbedingungen - wie ein Hausmeister-Service oder neudeutsch Facility-Management. Facebook stellt vorbereitete Räume und Kommunikationsmittel zur Verfügung und achtet darauf, wer wem was mitteilt oder was man liked. Dabei werden natürlich nicht alle Mitteilungen an alle in der Gruppe übermittelt, sondern nur an die, die Facebook für angebracht hält. Wenn man alle erreichen möchte, ist ein kleiner Obolus an die blaue Hausverwaltung fällig.

 

Twitter ist dagegen wie das Leben an einem großen Fluss. Zu jeder Sekunde strömen Abertausende von kleinen Botschaften an den Flussbewohnern vorbei, ohne dass diese die Chance hätten, dieses fließende Gewirr als Ganzes zu erfassen. Erst wenn man ein kleines Rinnsal von dem großen Strom abzweigt, kann man die einzelnen Mitteilungen erfassen. Diese Mini-Botschaften nennt man Tweets. Sie können aus maximal 140 Zeichen bestehen; weiterführende Links oder Bilder können darin enthalten sein.

 

Man zweigt natürlich nicht willkürliche Botschaften vom Strom ab, sondern wählt gezielt die Bächlein von Tweet-Erzeugern, die interessante Themen vertwittern. Schnell wird man feststellen, dass auch "fremdes Wasser" daher geplätschert kommt. Die Twitterer, deren Botschaften-Fluss man umgeleitet hat, leiten wiederum Mitteilungen von anderen Tweet-Autoren, deren Botschaften sie abgezweigt haben, in ihrem eigenen Kanal weiter. Diesen Vorgang nennt man retweeten. Und wenn einem diese fremden Botschaften gefallen, kann man die Ergüsse dieser Erzeugern ebenfalls in das eigene Gewässer umleiten und man wird zu deren Follower. So wächst das Rinnsal schnell zu einem munteren Bächlein an, aus dem man interessante Informationen oder lustige Dinge fischen kann. Jeder kann selbst entscheiden, wie er sein Leben am Fluss einrichtet. Der Tweet-Fluss kann ein träger Nebenfluss, ein seichtes Gewässer oder ein ungestümer Wildbach sein. Das hängt davon ab, welche Wasser man in seinen eigenen Kanal lässt, bzw. wem man folgt.

 

Mit einem Trick kann man den Informationsfluss im eigenen Kanal anreichern oder ausbremsen. Dazu nutzt man dieses # Ding. Wenn man z.B. sonntagabends daran interessiert ist, welche Kommentare andere Twitterer zum aktuellen Tatort abgeben, durchsucht man den großen Twitter-Fluss nach dem Hashtag #tatort. Nervt das Geschwurbel im eigenen Kanal über die aktuelle Tatortfolge, kann man den Hashtag #tatort unterbinden, indem man ihn mutet bzw. ruhigstellt.

 

Natürlich kann man auch eigene Botschaften in den großen Fluss absetzen oder die Botschaften anderer kommentiert in den eigenen Kanal einspeisen. Ob diese wahrgenommen werden, ist allerdings ungewiss. Die Chancen vergrößern sich, wenn jemand den Kanal angezapft hat, bzw. einem folgt. Und wenn zwei sich gegenseitig das Wasser angegraben haben, sich also gegenseitig folgen, können sie sich direkte Nachrichten senden.

 

Meine Bekannte, die mir geduldig zugehört hatte, schüttelte verwirrt den Kopf. Sie habe es geahnt - Twitter sei nichts für sie. Ihr genüge das ruhige und betreute Wohnen bei Facebook. Zudem habe sie nun Hunger. Zielstrebig entfloh sie in Richtung Buffet. Mir blieb nichts weiter übrig, als mir einen neuen Wein zu organisieren. Man muss ja im Fahrwasser bleiben...