Die Zeiten ändern sich - die Sprüche nicht. Früher waren es die positiv motivierten Werbehansel mit Designer-Brille, bunter Krawatte und passenden Manschettenknöpfen. Heute wird auf Asperger gepost. Unter der Baseballmütze trägt man struppiges Haar und einen ebensolchen Vollbart, T-Shirt, Shabby-Jeans und Sneakers. Früher referierte man über die Win-Win-Strategie in CRM-Systemen - heute über das versteckte Marketing-Potenzial in den YouTube-Channels. Und immer wenn das Auditorium von der eigenen Kompetenz überzeugt werden soll, kam und kommt der ultimative Killer-Spruch: "Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler!"

Der punktet immer. Mit Speck fängt man Mäuse. Auch so eine Weisheit aus der Kategorie "Tierbilder für Unterbelichtete". Aber der Angler-Spruch hat es in sich. Er wird, wie der Titel dieser kleinen Abhandlung, Dr. jur. Helmut Thoma, dem Erfinder des Unterschichten-Fernsehens zugeschrieben.

 

Ein Himmel voller Würmer

"Natürlich muss der Wurm Relevanz für den Fisch haben, ansonsten wird er nicht wahrgenommen, nicht gegessen." schreibt Carsten Kreilaus in seinem Marketing-Blog. "Dem Angler muss als 'Reason why' mehr für den Fisch einfallen. Die Fische von heute lassen sich nichts mehr aufschwatzen. Der Fisch ist wählerisch. Kann er auch sein, schließlich hängt ein Wurm neben dem anderen. Und diese sind austauschbar. (...) Es ist egal, ob die Kampagne dem Angler gefällt oder nicht. Wichtig ist es die Aufmerksamkeit der definierten Fischgruppe zu erreichen. Schlimmer ist nur eine für den Angler-Vorstand konzipierte Wurm-Kampagne. Der Angler muss sich eins merken: der Fisch ist ein Fisch und möchte so behandelt werden." Das ist Marketing-Bullshit-Bingo vom Feinsten!


Zwei müssen immer sterben

Die Angler-Fisch-Wurm-Metapher erzählt eigentlich eine traurige Geschichte. Nur weil einer vorsätzlich und hinterhältig betrügt, müssen zwei sterben. Aber sie enthält auch einige biologische Ungereimtheiten und Unschärfen. Dröselt man die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der drei Protagonisten auf, entwickeln sich Handlungsstränge und entlarvende Motive. Aber der Reihe nach...

Der Wurm ist die arme Sau in der Geschichte. Er ist sowohl in der Fress- als auch in der Bedeutungskette ziemlich unten verortet. Sein Lebensraum liegt unter der Grasnarbe. Wenn er Augen hätte, könnte er sich die sprichwörtlichen Radieschen von unten betrachten. Unser Protagonist ist ein Regenwurm und gehört der Spezies der Wenigborster an. Weltweit gibt es 3000 Regenwurmarten mit hoch entwickeltem Nervensystem und ihre durchschnittliche Lebenszeit liegt immerhin zwischen drei und acht Jahren.
In dem lesenswerten Wikipedia-Beitrag wird der biologische Nutzen des regen Erdlings anschaulich beschrieben: "Regenwürmer können in bestimmten Bereichen einen Anteil von bis zu 90 Prozent der Biomasse der gesamten Bodenfauna ausmachen, wobei die Wurmdichte bis zu 2000 Individuen pro Quadratmeter erreichen kann. Sie nehmen als Destruenten eine zentrale Stellung beim Abbau organischer Substanzen ein."
Vielleicht ist unser Wurm gar nicht der Loser in unserer Story, denn er hat noch einige Tricks auf Lager: "Regenwürmer verfügen über ein beachtliches Regenerationsvermögen. So ist es den Tieren möglich, nach der Durchtrennung ihr Hinterende fast vollständig wieder auszubilden. Die Würmer sind auch in der Lage, sich in bestimmten Gefahrensituationen selbst zu verstümmeln, z. B. wenn sie ein Fressfeind gepackt hat. Hierbei schnürt der Wurm am Hinterende eine Reihe von Segmenten ab und überlässt sie dem Räuber um sich mit dem restlichen Körper durch Flucht in Sicherheit zu bringen."

Wurm trollt Fisch

Es gibt kein biologisches Binnen-Verhältnis zwischen dem Wurm und dem Fisch, wie es die Metapher suggeriert. Weder teilen sich die beiden Spezies auch nur annähernd einen Lebensraum, noch fällt die eine in das Beuteschema der anderen.  

Helmut Thoma schert sich einen Dreck um die komplexen Vorgänge seiner biologischen Umwelt. Er hat die Rollen in seinem tierischen Wortbild an seine einfach gestrickte Weltanschauung angelehnt: Der Wurm muss die passive Rolle als Ware mimen. Der Fisch spielt den Konsumenten und der Angler brilliert als der gerissene Gewinner.

Die tragischste Rolle hat dabei der Fisch. Er ist der dumme, doppelköpfige Gewinner-Verlierer. Er ist das von blinder Gier getriebene Raubtier, das auf die Finte hereinfällt, um dann selbst von dem Angler getötet und gefressen zu werden.

Dumm nur, dass wir alle irgendwie Fische sind. Wären wir wenigstens Würmer, könnten wir dem fetten Märchenonkel aus dem Privatfernsehen vielleicht durch unser Regenerationsvermögen entkommen.

Im seichten Wasser kann man nicht ertrinken? Doch kann man. In dem Kakao, durch den uns Helmut Thoma, die Werbehansels oder YouTube-Marketiers ziehen.

 

Das garantiert falsche Buch zum Thema:
"Der Wurm muss dem Fisch schmecken - Mit Power präsentieren und rhetorisch punkten"